The Tattooist of Auschwitz von Heather Morris, gelesen von Richard Armitage

Ich habe gerade festgestellt, daß ich zwar schon für einige Hörbücher Werbung gemacht aber noch nie eins wirklich rezensiert habe.
Das zeigt vermutlich, daß Hörbücher nicht unbedingt mein Medium sind und ich mich eher schwer damit tue, oft einfach weil mir die nötige Ruhe und Konzentration fehlt, um mir vorlesen zu lassen.
Da muss schon eine interessante Geschichte mit einer gut hörbaren Stimme zusammenkommen, damit ich es überhaupt versuche, geschweige denn in halbwegs annehmbarer zeit zu Ende höre.
Das war nun bei diesem Buch definitiv der Fall, daher auch der Blogpost dazu, der übrigens auch zur #WiderdasVergessen-Blog-Challenge paßt.

Ludwig ‚Lale‘ Eisenberg (später Sokolov) ist 26 Jahre alt, als er am 23.4.1942 im KZ Auschwitz-Birkenau ankommt.
Der junge Mann ist Jude aus der heutigen Slovakei und hat sich auf Grund des Aufrufs der Nazis für einen ‚Arbeitseinsatz‘ gemeldet.
Lale verbindet damit die Hoffnung, dass seine Familie durch sein Opfer sicher ist.
Was ihn in Auschwitz erwartet, weiß er nicht. Durch die schwere Arbeit und die katastrophalen Bedingungen im KZ erkrankt Lale an Typhus, überlebt jedoch wegen der Fürsorge anderer Insassen zu denen auch Pepan der Tätowierer von Auschwitz gehört.
Pepan nimmt Lale unter seine Fittiche und so wird Lale erst zum Gehilfen und nach einigen Wochen selbst zum Tätowierer von Auschwitz, als Pepan verschwindet…

Als geschichtsinteressierte Deutsche bin ich am Holocaust natürlich nicht vorbei gekommen, auch wenn ich das Thema zum Beispiel nie in der Schule behandelt habe (ein alkoholkranker Lehrer im entsprechenden Zeitraum macht’s möglich) und auch noch nie eine KZ-Gedenkstätte besucht habe.
Zum Glück kann man sich ja selbst informieren, ich habe also alle möglichen Dokus gesehen, Bücher gelesen und Filme gesehen, was dann wiederum zu angeregten Diskussionen im Umfeld geführt hat.

Trotzdem ist ‚The Tattooist of Auschwitz‚ für mich der erste Roman, der im wohl bekanntesten KZ überhaupt angesiedelt ist.
Heather Morris schafft es anschaulich und auch für mich als Nicht-Muttersprachler gut verständlich zu schildern, wie Lales Alltag aussieht.
Dabei sollte man zwar nicht vergessen, daß das nicht ganz exemplarisch für normale KZ-Häftlinge ist, weil Lale durch seine Arbeit einige Vergünstigungen in Anspruch nehmen kann, aber ich finde man bekommt einen guten Einblick und auch einige Hintergrundinformationen. Zum Beispiel erklärt Morris das farbige Markierungssystem für die verschiedenen Häftlingsgruppen.
Trotzdem hat man hier definitiv kein Sachbuch in der Hand, aber die Autorin geht für meine Begriffe sorgfälltig mit Lales Geschichte um, wird nie effektheischend und auch die Liebesgeschichte zwischen Lale und seiner großen Liebe Gita driftet weder ins Kitschige ab, noch nimmt sie zu viel Raum ein.
Interessant fand ich die aufgeworfene Frage, ob Lale sich als Tätowierer der Kollaboration schuldig gemacht hat.
Dafür liefert Morris keine Antwort, der Leser kann also selbst für sich entscheiden, ob Lale sich schuldig gemacht hat oder ein Held ist, weil er Mithäftlingen Lebensmittel besorgte und auch dem ein oder anderen das Leben rettete (ich habe darauf übrigens noch keine Antwort gefunden).
Sie schildert Lale allerdings für mich als sehr sympathischen Mann, den ich gerne kennen gelernt hätte und dem ich dankbar dafür bin, dass er nach langen Jahren des öffentlichen Schweigens doch noch seine Geschichte erzählt hat, damit wir nie vergessen!

Der Schauspieler Richard Armitage ist für das Hörbuch sehr gut ausgewählt. Seiner angenehmen Stimme kann ich hier wunderbar folgen und dadurch, dass ich sie mittlerweile relativ gut kenne, verstärkt sich der ein oder andere Gänsehautmoment, denn einen meiner Lieblingsschauspieler zum Beispiel ‚Arbeit macht frei‘ sagen zu hören, war definitiv befremdlich.
Obwohl Armitage auch für diese Lesung verschiedene Stimmen und Akzente nachahmt, ist seine Performance ein wenig zurückhaltender als man das von seinen anderen Hörbüchern gewohnt ist und auch das hat mir gut gefallen, weil es für das ernste Thema angemessen scheint.
Er unterstützt mit seiner Performance die Stimmung des Buches ganz wunderbar und transportiert großartig Lale’s Empfindungen, Gedanken und Stimmungen.
Aber auch Gita und all den anderen Personen haucht Armitage Leben ein und die von Heather Morris aufgeschriebene Geschichte bekommt dadurch noch einmal mehr Eindringlichkeit.
Die deutschen Eigennamen oder den ein oder anderen eingestreuten deutschen Satz bekommt er als Nicht-Mutterspracher nicht zu hundert Prozent, aber doch zufriedenstellend hin, zumal zum Beispiel ‚Johann Schwarzhuber‚ auch nicht der einfachste Name der Welt ist, wenn man ihn als Brite aussprechen muss.
Was mich aber zugegebenermassen vielleicht unfairerweise gestört hat, war Armitages Aussprache von Lale und Mengele.
Für die Aussprache von Mengele dürfte es genug Tonbeispiele geben, damit ein halbwegs begabter Schauspieler das richtig hinbekommt, von daher ist das für mich einfach ein wenig ärgerlich.
Ob RAs Lale wirklich falsch ist, kann ich gar nicht sagen, aber ich assoziiere mit dem Namen die Aussprache von ‚Lale Andersen‚ und Lale selbst spricht es eher ‚Laley‘ aus, von daher bin ich beim Hören leider immer wieder über den Namen gestolpert.
Aber das ist wirklich nur ein kleiner Kritikpunkt an einem ansonsten gelungenen Hörerlebnis, das ich auf jeden Fall weiterempfehlen möchte.

Für mich war ‚The Tattooist of Auschwitz‘ nämlich insgesamt mehr als lesens- bzw- anhörenswert und ich würde mich freuen, wenn der ein oder andere vielleicht dadurch Zugang zu einem historischen Thema bekommt, den es vorher noch nicht gab.
Ob es für Menschen, die sich sehr intensiv mit Auschwitz auseinandergesetzt haben, noch viel Neues zu erzählen mag, kann ich allerdings nicht sagen.

Weitere Anmerkungen:
Am Ende des Hörbuches gibts es unter anderem die Schilderung der Autorin zum ersten Treffen mit Lale (authors note), zusätzliche Information zu einzelnen Personen und ein Nachwort von Lales Sohn Gary.

Die Schnitte des Hörbuchs klingen manchmal etwas unsauber. Das habe ich so bei Audible noch nie erlebt, aber ich bin wie gesagt auch kein Hörbuch-Spezialist.

Die deutsche Druckausgabe des Romans ist übrigens für Herbst 2018 angekündigt.

Die englischsprachige Homepage von Heather Morris

Die Autorin erzählt von ihren Treffen mit Lale

Ein kurzes Interview mit Lale

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14 Antworten zu The Tattooist of Auschwitz von Heather Morris, gelesen von Richard Armitage

  1. Luscinnia schreibt:

    Vielen Dank für die tolle Rezi. Ich war mir relativ sicher, dass ich dieses (Hör-) Buch auslassen würde aber Du hast mich dann doch dazu gebracht, noch einmal umzuentscheiden. Anfang März gibt ’s neues Audible Guthaben und der Tättowierer kriegt seine Chance.

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  2. Guylty schreibt:

    So, der Kontrast könnte nicht größer sein, und fast schon fühlt es sich respektlos an, nahtlos von einem Trash-Roman auf diese Thematik umzusteigen, aber nach deiner Rezension möchte ich nun auch den Tätowierer von Auschwitz hören. Das Hörbuch liegt schon seit Tagen in meiner Audio-Library herum. Wird sicher kein leichtes Hörerlebnis, aber manche Geschichten *möchte* ich einfach hören. Bin schon sehr gespannt auf die Umsetzung durch Herrn Armitage.

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  3. Was ist das denn bitte für ein Zufall?! In einem englischen Booktuber-Video vor ein paar Tagen über den Roman gestolpert und notiert. Und jetzt schreibst du, dass das Audiobook sogar von R. Armitage gelesen wird?! Wie cool ist das denn? Das hätte ich sonst vermutlich nie mitbekommen. Na, dann weiß ich ja, welche Form des Buchs ich bevorzuge 🙂 .

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  4. Herba schreibt:

    @Luscinnia: Sehr gerne. Ich hab das Buch an zwei Tagen durchgehört, es hat mich wirklich gefesselt, auch wenn so manches mit RAs Stimme gesprochen noch verstörender war

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  5. Herba schreibt:

    @Guylty: Stimmt, aber eigentlich ist der Kontrast ja schon auch interessant. Leider scheint es halt leider eben auch ein qualitativer Kontrast zu sein :/
    Nein, leicht ist das Anhören nicht immer, aber ich finde es lohnt sich!

    Gefällt 2 Personen

  6. Herba schreibt:

    @Bette: Das ist ja echt irre! Zufälle gibts…
    Da wünsche ich schonmal ein schönes Hörerlebnis!

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  7. Vielen Dank. Manchmal soll es so sein 🙂 .

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  8. laberladen schreibt:

    Vielen Dank für die Vorstellung des Hörbuches. Ich glaube zwar, dass ich mich doch für die deutsche Printausgabe entscheide, damit ich vom Inhalt nicht abgelenkt werde durch evtl. Sprach- und Hörprobleme, die ich mit englisch habe. Aber das wichtige Thema in einen Roman zu packen, gefällt mir gut.
    Ich habe mich entschlossen, auch an der Challenge wider das Vergessen teilzunehmen und da würde das Buch definitiv rein passen, wenn es denn noch 2018 erscheint.

    LG Gabi

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  9. Servetus schreibt:

    In case you’re interested, on the question of „collaboration“:
    Filip Müller, Eyewitness Auschwitz (a memoir by one of the few Sonderkommando participants to survive the war)
    Gideon Greiff, We Wept Without Tears (interviews with Sonderkommando participant survivors).

    Gefällt 1 Person

  10. Herba schreibt:

    @Laberladen: Bitte, gerne!
    Je mehr Leute an der Challenge teilnehmen, umso besser, also nur zu!!! Ich bin gespannt, was Dir dazu alles an Büchern unterkommt!
    Liebe grüße zurück!

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  11. Herba schreibt:

    @Serv: Thanks, I stumbled upon the book from Graif when I did a bit of research in my librarys catalogue on friday and will check out the other book too.

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  12. Pingback: Montagsfrage: Non-Fiktion? | Unkraut vergeht nicht….oder doch?

  13. Pingback: Richard Armitage tangentially related | Me + Richard Armitage

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