My Father was a Nazi Commandant (BBC, 2006 – Originalversion)

Monika Göth ist ein typisches Nachkriegskind, das bei Mutter und Großmutter aufwächst und vom Vater Amon Göth nur weiß, daß er im 2. Weltkrieg gefallen ist.
Liebe findet das Mädchen vor allem bei der Großmutter. Das Verhältnis zur Mutter ist schwierig und als Monika 11 Jahre alt ist, wirft ihr ihre Mutter Ruth im Zorn an den Kopf: ‚Du bist genau wie Dein Vater und irgendwann wirst Du sterben wie Dein Vater!‘
Diese Aussage verwirrt den Teenager und auf ihr Drängen hin klärt sie ihre Großmutter auf; der Vater sei bei der SS gewesen, habe ein Arbeitslager in Polen geleitet und dabei auch Juden getötet, aber nur wenn es nötig gewesen wäre.
Als Ruth 1982 nach dem Erscheinen des Buches ‚Schindlers Liste‚ für die BBC interviewt wird, erfährt Monika zum ersten Mal in vollem Ausmaß über die Rolle von Göth in Plaszow, wiederspricht aber per Brief der Darstellung ihres Vaters.
Erst Spielbergs Verfilmung bringt Monika dazu anzuerkennen, was ihr Vater getan hat. Sie trifft einige Überlebende und eine dieser Begegnungen wurde in dieser Dokumentation begleitet.

Helen Jonas wurde 1925 in Krakau geboren und 1942 vom Krakauer Ghetto in das Lager Plaszow gebracht.
Dort entdeckt sie der Lagerkommandant Göth in eienr Baracke beim Putzen und läßt sie in seine Villa bringen, wo sie unter dem Namen Susanna als Hausmädchen ausgebeutet wird und unter ständiger Angst um ihr Leben fürchtet.
Nach Ende des Krieges emigriert sie mit ihrem Mann Joseph Jonas in die USA und zieht dort drei Kinder groß. Ihr Ehemann Joseph kann die Vergangenheit nicht überwinden und nimmt sich 1980 das Leben.

Diese persönlichen Fakten über die beiden Frauen erfährt man, bevor sie sich beide nach Polen aufmachen, um sich dort zu treffen.
Helen zauderte wohl einige Zeit, als es darum ging, nach Polen zu reisen und dort Monika zu treffen, aber als ihr Monika einen Brief schrieb, entscheidet sie sich dann doch dazu die Reise anzutreten.

Die kleine, alte Dame ist sorgfälltig zurechtgemacht und sieht gut aus für ihr Alter. Sie macht fast einen unterschütterlichen Eindruck, als sie mit ihrer Tochter Vivian in ein Flugzeug steigt, um sich ihrer Vergangenheit vor Ort zu stellen und allein dafür, daß sie diese Reise gemacht hat, verneige ich mich vor dieser mutigen Frau.

In Krakau angekommen telefoniert Monika mit Helen, um sich am Mahnmal an der Gedenkstätte KZ Płaszów zu verabreden.
Eine Stunde später betritt Helen den Ort, wo ihre Mutter anonym beerdigt wurde und zündet unter Tränen Kerzen für ihre Lieben an.
Als Monika dazukommt, ist die alte Frau wieder gefaßt und muss Monika trösten, die in Tränen ausbricht.
Ich kann verstehen, daß Monika von ihren Gefühlen übermannt wurde, aber das sie nun von einem Opfer ihres Vaters getröstet wurde, empfand ich irgendwie als grotesk.

Als es zu der ehemaligen Villa von Göth geht, wo Helen zwei Jahre eingesperrt war, sind beide Frauen wieder gefaßt.
Die alte Dame holt tief Luft bevor sie die Schwelle übertritt und erklärt Monika und ihrer Tochter Vivian wie die Zimmer zu Göths Zeiten genutzt wurden und nun fließen wieder Tränen.
Ich kann nur erahnen, wie beklemmend es für Helen Jonas gewesen sein muss, durch dieses Haus zu gehen…zusammen mit einer Frau, die ihrem Peiniger ähnlich sieht.
Und dann, als Monika erzählt, daß ihr erklärt wurde, daß ihr Vater Juden nur aus sanitärer Notwendigkeit heraus erschossen hat, um die Verbreitung von Krankheiten zu vermeiden, wird Helen Jonas laut.
Sie kann nicht verstehen, wie Monika so eine Lüge noch in den Mund nehmen kann, wo sie es doch mittlerweile definitiv besser weiß. Sie ist bestimmt, läßt Monika nicht dazwischenreden und macht ihren Standpunkt klar, ohne unhöflich zu werden.
Und meine Achtung für diese tapfere Frau wächst weiter….

Monika kann ich hingegen nicht für mich einordnen.
Intellektuell kann ich ihr Leid als Tochter eines sadistischen Nazis und einer Mitläuferin, der das eigene luxuriöse Leben wichtiger war als das Leid der Menschen um sich herum, durchaus nachvollziehen.
Ich kann ihre Wut auf die Mutter, die sie ihr ganzes Leben lang mehr oder weniger belogen hat, verstehen und doch fand ich die Frau während ich die Doku angeschaut habe, zum größten Teil unsympathisch. Das liegt vielleicht daran, daß ich vor Kurzem das Buch ihrer Tochter gelesen habe und daher weiß, daß sie es nicht besser gemacht hat, als ihre Mutter Ruth.

Insgesamt fand ich die knapp 50igminütige Doku definitiv sehenswert, fand es allerdings auch schade, daß Helen und ihre Tochter Vivian nicht mehr zu Wort kamen.
Ich glaube, daß wir uns viel zu wenig mit den ‚Langzeitwirkungen‘ für Betroffene und deren Umfeld beschäftigen und was wir allgemein besser zuhören sollten, ohne andere Menschen mit irgendwelchen Totschlagargumenten zum Schweigen zu bringen, weil wir mit dem, was sie zu sagen haben überfordert sind, oder weil wir es nicht gerne hören.

Ich möchte mich jedenfalls ausdrücklich bei Helen Jonas bedanken, die mutig immer wieder ihre Geschichte erzählt hat und gegen das Vergessen kämpft!!!!

Die Dokumentation ist übrigens auch auf deutsch gezeigt worden und zwar unter dem Namen „Der Mördervater“. Und nach diesen Infos scheint sie länger gewesen zu sein, als das, was ich bei der BBC gesehen habe.
Weitere Infos kann man außerdem auch Monikas Buch ‚Ich muß doch meinen Vater lieben, oder ?‚ entnehmen.
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12 Antworten zu My Father was a Nazi Commandant (BBC, 2006 – Originalversion)

  1. Servetus schreibt:

    It’s a good thing there was no reality TV in the 1950s, or you can be sure there’d have been a television series where former concentration camp inmates were brought into contact with their captors, just for the audience thrill … I’m impressed by Helen Jonas and her bravery and willingness to look back at the past, too, but not sure why she needed to do this with Monika Göth present.

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  2. Herba schreibt:

    @Serv: Yes, I asked myself the same question and when Helen comforted Monika my toenails curled in horror!!!
    The whole exercise seemed to have the task to make Monika fell better about her parents and that’s wrong on so many levels!!!

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  3. Servetus schreibt:

    I think what I hope for myself is that I come to see my parents as they were — neither as heroes or villains. That is probably a lot harder when your father is Amon Göth. At the same time, no matter what you believe about your father or what you know about the historical facts, choosing to say that to a survivor in such a situation is simply breathtakingly cruel. One imagines that for some reason she felt her own identity was under attack in that setting, but I have to say (not having seen the series) I do not know why. Does she feel responsible for what her father did?

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  4. Herba schreibt:

    @Serv: I have no idea. I mean it sure is hard to think for a long time your father was a ’normal‘ soldier and then you’d have to find out he was one of the leaders, a sadist and hanged for his warcrimes.
    My impression was, that she has more problems with the role of her mother during the war…
    I really would have loved to hear Vivian’s thoughts about the whole meeting!!!!!

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  5. cRAmerry schreibt:

    @Serv: sie ist sicher gefangen in ihrer ganz persönlichen Familiengeschichte und du darfst nicht vergessen, welcher Gehirnwäsche und Falschinformation sie über die Jahre ausgesetzt war. Das ist sicher für sie ein ganz „persönlicher“ Angriff. Ich glaube, es setzt ein immense Charakterstärke voraus, das zu verarbeiten und dann angemessen zu handeln. Da lässt es sich leicht scheitern.

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  6. Herba schreibt:

    @cRAmerry: Definitiv. Sie hatte ja auch einen Nervenzusammenbruch nachdem sie Schindlers Liste gesehen hatte und war Spielberg lange böse, weil er ihren Vater so grausig dargestellt hat.
    Um so weniger verstehe ich allerdings, wie sie sich irher eigenen Tochter gegenüber verhalten hat, aber das zeigt vermutlich einfach mal wieder, wie schwierig es ist, aus gewohnten Verhaltensmustern auszubrechen 😦

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  7. Esther schreibt:

    I saw this documentary once, some years ago! Yes, very perpexing. I mean, I’d find it hard to accept as well if I found out that a parent of mine had done such deeds. It’s very very hard to live with such a legacy…how can you like/love a parent who has done such things? I think that is why many people choose to justify some of their parents‘ actions, everyone wants to be able to have at least some respect for their parent… But actions like that can not really be justified and the story needs to be told and remembered! Yes, very brave of Helen Jonas to keep on doing that!

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  8. Herba schreibt:

    @Esther: The need to justify the doings of her parents I understand but doing so in front of Helen was unbelievable :/
    But in the end we are all humans (banal but true) and I find it hard to comprehend what people in the great wars had to live through. I really wish the human race would learn something good from all this horror but this is only a unrealistic wish as it seems 😦

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  9. Esther schreibt:

    Yes, I remember seeing that with a knot in my tummy! I remember thinking that it was admirable that she was prepared to be so honest but it did feel sickening to watch. I cringed on behalf of Helen… and humanity.
    I hear ya on wishing the human race would learn something! I won’t be too pessimistic, I do believe a lot has been learned since then but by far not enough… we seem to forget easily…

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  10. Servetus schreibt:

    I figure if the world can stay out of an international conflict in Ukraine somehow we might have learned the chief lessons of the 20th century … maybe?

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  11. Herba schreibt:

    @Esther: I still try to figure out if Monika tried to be honest or if she was somehow thoughtless…
    I wish I could be so optimistic but with all the things that going on around the world and in my country at the moment, I can’t 😦

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  12. Herba schreibt:

    @Serv: a fair point but like I said to Esther in the comment before: with all the stuff that is going on all around the world I am not so sure about that :/

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