Die Ausgrabung (Originalversion)

Suffolk, 1939:
Die Gutsbesitzerin Edith Pretty (Carey Mulligan) besitzt Land, auf dem sich 18 Grabhügel befinden, die bisher ungeöffnet sind.
Mit ihrem verstorbenen Mann hatte Edith darüber nachgedacht eine archäologische Grabung zu veranlassen. Dazu kam es aber bisher nicht.
Doch nun möchte sie Nägel mit Köpfen machen und engagiert den einheimischen Amateurausgräber Basil Brown (Ralph Fiennes), der zwar keine akademische Ausbildung vorweisen kann, sich aber wie kein Zweiter mit der Erde in Suffolk auskennt und viel Erfahrung mitbringt.
Wird die Unternehmung Erfolg haben?

Als ‚Die Ausgrabung‘ unter der Mitwirkung von Ralph Fiennes angekündigt wurde, war ich relativ positiv gestimmt und habe mir erstmal das gleichnamige Buch von John Preston* besorgt. Das fand ich dann eher mittelprächtig, hatte beim Lesen aber schon wunderbares Kopfkino und konnte mir vor allem Fiennes gut als Basil Brown vorstellen.
Der Trailer ließ ziemlich lange auf sich warten, hat dann aber alle meine Erwartungen erfüllt und die Vorfreude auf den Film noch einmal gesteigert.
Am 29.1. ist der Film nun bei Netflix erschienen und hat meine Erwartungen erfüllt, wenn nicht vielleicht sogar übertroffen.
Optisch ist das Ganze ein wirklicher Genuss. Die Farben sind wunderschön, die großartige Landschaft ist ansprechend inszeniert und die Ausstattung hat mir ebenso gut gefallen.
Sowohl Basil Brown in seinen zweckmäßigen Anzügen als auch Edith Pretty in ihren, teilweise schicken Kleidern, sehen toll aus und die beiden Schauspieler können die zeitgenössische Kleidung wirklich gut tragen.
Auch der Soundtrack des Films hat mir unglaublich gut gefallen. Die Musik ist mal kraftvoll, mal sanft und unterstützt die Geschichte, ohne sie zu überlagern oder zu erschlagen.
Befremdlich war für mich in der ersten halben Stunde, dass man bei den Dialogen oft nicht die Personen, die sprechen, sieht, sondern Landschaftsaufnahmen.
Aber entweder habe ich mich irgendwann dran gewöhnt oder es wurde weniger. Und im Nachgang muss ich sagen, dass ich mich so viel mehr darauf konzentriert habe, was gesagt wurde und gleichzeitig die wunderbare Landschaft genießen konnte. Für mich hat dieses Stilmittel, so ungewohnt es auch war, also hier gut funktioniert.
Die Geschichte an sich ist durchaus bewegend, aber allzu große Action oder Spannung sollte man hier nicht erwarten. Für mich ist die Ausgrabung und der tolle Fund zwar sehenswert, aber das Zwischenmenschliche ist das, was den Film so sehenswert macht.
Das liegt sicher auch am Cast, den ich unglaublich gut finde und gern mag. Auch die Schauspieler, die ich nicht immer und uneingeschränkt in jeder Rolle gerne sehe.
Fiennes beweist als Basil Brown einmal mehr, dass er zwar großartig den Bösewicht geben kann, aber in den sanften Rollen fast noch mehr überzeugt – mich jedenfalls.
Zudem scheint er mit seinem Dialekt, für den er unter anderem mit einem Dialektcoach und einem einheimischen Assistent geübt hat, richtig gute Arbeit geleistet zu haben und ich fand es einfach knuffig.
Mulligan spielt Edith Pretty gleichzeitig zurückhaltend und mit viel Herz und ich bin wirklich froh, dass die Kollegin, die eigentlich diese Rolle spielen sollte, absagen mußte. Auch wenn die echte Edith älter war als Mulligan und ich es nicht unbedingt gut finde, wenn jüngere Schauspielerinnen ältere Rollen spielen. Aber hier passte es einfach unglaublich gut.
Überzeugt haben mich aber auch Lily James als junge, noch unsichere Archäologin und Ehefrau Peggy, Johnny Flynn als Rory, Ediths Cousin und tatkräftiger Helfer bei der Ausgrabung und Ken Stott als leicht arroganter und knottriger Chefarchäologe des Britischen Museums, um nur einige Beispiele zu nennen.
Wie gesagt: ich mag den ganzen Cast, der sehr gut harmoniert und durchweg gute Leistungen abliefert.
Überraschend war der fast gänzlich fehlende Pathos, von dem ich viel mehr erwartet hatte, auch weil die Geschichte ja in den Anfang des 2. Weltkriegs fällt, der in Großbritannien ja einen ganz besonderen Geist erzeugt haben soll, von dem so mancher Brite heute noch träumt.
Anders als so mancher Profikritiker fehlt mir dieser aber so gar nicht. Die Geschichte funktioniert in meinen Augen auch ohne Union Jack in jeder dritten Einstellung.
Zum Ende hin war ich dann auch mal zu Tränen gerührt (‚We all fail‘ *schnief*) und habe mich gewundert, wie relativ schnell die knapp zwei Stunden des Films vorbei gegangen sind.
Insgesamt halte ich ‚Die Ausgrabung‘ alias ‚The Dig‘ – ein Hoch auf den Verantwortlichen, der sich gegen einen hochtrabenden, bescheuerten deutschen Titel entschieden hat – für einen wunderschönen, sehenswerten historischen Film, der sicher nicht jedem gefallen wird, der aber ganz sicher zu meinen Jahreshighlights gehören wird.
Auch weil mir die unaufgeregte Erzählweise gut getan hat und die künstlerischen Freiheiten, die sich das Drehbuch durchaus hier und da nimmt, gut in die Geschichte integriert wurden.
Nun hoffe ich nur, dass es irgendwann auch eine Veröffentlichung auf DVD geben wird, die dann einiges an zusätzlichem Hintergrundmaterial enthalten wird.
Ich habe diesen Film jedenfalls ganz sicher nicht zum letzten Mal gesehen1

‚Die Ausgrabung‘ bei Netflix Deutschland
Wer gerne mehr über Sutton Hoo und den Fund wissen möchte, dem empfehle ich die dazugehörige Homepage des National Trusts

Der englische Trailer zu ‚The Dig‘

Der deutscher Trailer für ‚Die Ausgrabung‘

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18 Antworten zu Die Ausgrabung (Originalversion)

  1. Servetus schreibt:

    I had somehow missed that Ken Stott is in this — another plus. I’m glad it’s not so pathetic. Increases the chances I will enjoy it!

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  2. Guylty schreibt:

    Ich hatte schon gespannt auf deine Rezension gewartet, nicht zuletzt weil ich ja erst durch dich auf diesen Film aufmerksam geworden bin. Sobald der Film vergangenen Freitag bei mir auf Netflix auftauchte, habe ich ihn angeschmissen. Nun bin ich ja weniger wegen Ralphie und mehr wegen Sutton Hoo dabei gewesen, aber ich kann dir nur zustimmen, dass Fiennes in der Rolle des Basil Brown einfach fantastisch ist. Ich bewundere an Fiennes sowieso, wie chamäleonhaft er mit seinen Filmfiguren verschmilzt. Da finde ich ihn als Schauspieler auch bemerkenswert uneitel – denn Basil ist ja nun wirklich keine sexy Rolle. Natürlich ist der “Ausgräber” eine sympathische, ja vielleicht sogar Identifikationsfigur, aber eben nicht Hollywood-sexy. Diesen leisen Mann bringt Fiennes authentisch rüber. Große Klasse! – Carey Mulligan liebe ich sehr, und auch hier ist sie bewährt gut. Die Frau ist zudem so was von attraktiv – ich bin fast schon verliebt in sie. Wie du schon schriebst, die 40er Jahre Mode steht ihr unglaublich gut. – Lily James ist zwar auch gut, aber irgendwie hab ich mich ein bisschen an der über-sehen. Gibt es auch noch UK Filme/Serien, in denen sie *nicht* mitspielt? Interessant fand ich auch, Ben Chaplin mal wieder zu sehen – nach langer Zeit.
    Das mit den Stimmen aus dem Off hat mich auch ein bisschen irritiert – aber genau wie du empfand ich es letztlich als ein total interessantes Stilmittel, bei dem man sich automatisch viel stärker konzentriert, sowohl auf Bild als auch auf Ton, weil die beiden Medien plötzlich voneinander abweichen. Was ich allerdings schwierig fand, war der Dialekt. Da hat Ralphie wirklich ganze Arbeit geleistet. Ich nicht sagen, dass ich wirklich jedes Wort mitgekriegt habe.
    Insgesamt ein toller, ruhiger, stiller Film, der ohne Sensation ganz viel Feeling rüberbringt. Tolle Empfehlung von dir.

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  3. nellindreams schreibt:

    Poetische Landschaftsbilder, eine ruhige, um nicht zu sagen beruhigende. Kameraführung und wie unprätentiös der heimatverbundene Ausgräber sein wissenschaftlich doch so bedeutendes Werk angeht und schätzt, den „Großkopferten“ zum Trotz – das ist wirklich ein wunderschöner Film geworden. Auch die zuletzt „inflationär“ besetzte Lily James hat mich überzeugt. Ralph Fiennes und sein Dialekt, sein familiärer Hintergrund – er spielt das so zurückgenommen überzeugend, wie man ihn kennt. Und ich habe ja zugegebenermaßen ein Faible für Johnny Flynn… 😉 Danke für diese ausführliche Besprechung!

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  4. nettebuecherkiste schreibt:

    Als Archäologie-Freak will ich den Film natürlich sehen. Mal sehen, wie lange es dauert, bis er auf anderen Portalen verfügbar ist 🙂

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  5. Herba schreibt:

    @Servetus: He is great too as this arrogant man, we would call someone like him ‚Knotterer‘ 😉
    I was glad about it too. I wasn’t bothered that they showed a little bit of the development re WW2 but I sure don’t need lots of pathos and such.

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  6. Herba schreibt:

    @Guylty: Warst Du schonmal da?
    Ja, er macht das richtig, richtig gut. Und das er sehr uneitel ist, was seine Rollen angehen, hat er ja auch in ‚The White Crow‘ zum Beispiel schon bewiesen. Gegen den Ballettlehrer ist Basil ein Sexgott 😉
    Ich mag Mulligan auch unglaublich gern, sie hat so viel Talent und ich finde auch, dass sie unglaublich hübsch ist.
    Lily James ist eine von denen, die ich nicht uneingeschränkt gut finde, aber hier als Peggy fand ich sie eigentlich gut besetzt. Vielleicht hat auch ein bißchen geholfen, dass sie hier nicht so viel Text hat 🙂
    Ben Chaplin habe ich zuletzt in ‚Apple Tree Yard‘ gesehen, das war eine ziemlich schleimige Rolle und auch hier ist er nicht unbedingt der Sympathieträger für mich. Aber seine seine leicht angegrauten Locken haben schon was für sich *grins*
    Dass ich mich dadurch mehr konzentriert habe, ist mir auch aufgefallen, wirklich interessant.
    Ich habe den Film mit Kopfhörern geschaut, da habe ich eigentlich das meiste gut mitbekommen, bis auf drei, vier Sätze, die arg vernuschelt waren. Aber ein wenig gewöhnungsbedürftig war das schon. Als er sich mit ‚I am Basil Browen‘ vorstellt, dachte ich schon ‚Na, DAS kann ja heiter werden!‘ *lol*
    Freut mich sehr, dass er dir gefallen hat. Immer wieder gerne!

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  7. Herba schreibt:

    @Nell: Ah, schön, dass Du den Film auch magst.
    Flynn mochte ich hier auch sehr. Ich habe ihn ja als irren Mörder bei NTlive kennengelernt und bin immer ganz erstaunt, wenn er jemand so Nettes spielt 😉
    Sehr gerne! Ich habe hinterher festgestellt, dass ich sogar noch ein paar Punkte mehr hätte nennen können. Edith Prettys Sohn zum Beispiel habe ich gar nicht erwähnt und dabei fand ich den kleinen Kerl auch total klasse.

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  8. Herba schreibt:

    @Nette: Ich drücke die Daumen, dass er irgendwann abseits von Netflix zugänglich ist. Würde mich interessieren, wie er bei dir ankommt!

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  9. Guylty schreibt:

    LOL re. Sexgott Basil… Hab leider den Nureyev Film (noch) nicht gesehen. Ist aber auch auf meiner Liste.
    Ja, James war durchaus ok in der Rolle. Aber irgendwie spielt sie immer gleich. Ich hab sie dann quasi am Tag darauf in “Guernsey Literary etc…” gesehen, und irgendwie war das dasselbe. Jou, ihr Filmgatte war wirklich eher zum Abwinken. (Die beiden Figuren – Peggy und Piggott – sind übrigens echt. Ob der echte Piggott wohl tatsächlich schwul war?)
    Das mit den Kopfhörern ist eine gute Idee. Nicht, dass ich welche hätte, aber ich glaube, dann hätte ich auch noch mehr mitgekriegt. Ist ein ongoing problem mit unserem Fernseher, der in einem Wandschrank steht und irgendwie immer hinten in den Schrank reinnuschelt. Ich kriege da oft einiges nicht mit. (Oder ich muss doch mal zur Hörgerätanprobe…)

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  10. nellindreams schreibt:

    Ja! Genau wie Mrs Brown, die auch eine ganz starke Persönlichkeit war! Ein erstaunliches Paar!
    A propos Flynn: Guck mal „Lovesick“ auf Netflix, falls Du es nicht schon kennst.

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  11. Herba schreibt:

    @Guylty: Wenn ich ‚The White Crow‘ mit ‚The Dig‘ vergleiche, lag mir persönlich ‚The Dig‘ mehr, aber sehenswert ist der Nureyev Film auch.
    Ich glaube sie wird einfach gern als das nette Mädchen von nebenan besetzt, das mit großem Dackelblick die Welt entdeckt 😉 Hoffentlich verläuft sich das irgendwann wieder. Zumal sie es im Real Life ja scheinbar faustdick hinter den Ohren hat.
    Sie haben sich auf jeden Fall scheiden lassen, wenn ich es richtig im Kopf habe. Was ja in dieser Zeit nicht ganz einfach war…
    Vielleicht müßt ihr einfach den Fernseher aus dem Schrank holen? Das ist erstmal billiger als ein Hörgerät 😉

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  12. Herba schreibt:

    @Nell: Die hat mir im Film auch richtig gut gefallen. Chapeau an Fiennes und Dolan, dafür wie sie diese Beziehung dargestellt haben!

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  13. Pingback: Die Ausgrabung / The Dig – Behind the scenes + Interviews | Unkraut vergeht nicht….oder doch?

  14. nettebuecherkiste schreibt:

    Bestimmt, früher oder später 🙂

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  15. squirrel.0072 schreibt:

    This movie was on my list, I watched it last week. A good biopic but not to be rewatched except for Ralph Fiennes in my case .

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  16. Herba schreibt:

    @squirrel: Sorry to hear you didn’t enjoy the movie as much as I did but glad you liked Fiennes performance.

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  17. Pingback: Medienjournal: Media Monday #505 | Unkraut vergeht nicht….oder doch?

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