Thomas Hitzlsperger

Thomas Hitzlsperger dürfte seit gestern ziemlich vielen Leuten in Deutschland ein Begriff sein, auch wenn sie wenig bis gar nichts mit Fußball am Hut haben und den Namen vor gestern noch nie gehört hatten.

Ausgelöst wurde das große Medienecho von gestern durch die Vorankündigung eines Interviews mit Hitzlsperger in der überregionalen Wochenzeitung Die Zeit‚, in dem der ehemalige Fußballprofi und deutsche Nationalspieler ein paar Monate nach seinem Rücktritt vom aktiven Profisport sagt: „Ich bin homosexuel.“

Ich persönlich dachte mir, als ich die Schlagzeile las: „Wow, mutig. Hut ab!“ aber weiter hat mich das Ganze erstmal nicht beschäftigt.
Denn Hitzlsperger ist mir als Fußballfan natürlich ein Begriff, aber er gehört nicht zu den Spielern, die in meinem Fokus standen/stehen und so hatte ich bis gestern nicht wirklich eine Meinung zu ihm.

Auf meinem Heimweg in der Bahn unterhielten sich dann gestern abend zwei mittelalte Herren über das Thema und ich muss zugeben: ich habe gelauscht.
Zuerst gab es da nichts, das sich von dem was ich nachmittags im Internet gelesen hatte unterschied. Einer der beiden drückte seine Hochachtung vor einem Menschen aus, von dem er wesentlich mehr zu wissen schien als ich, bekundete Verständnis, dass Hitzlsperger sich erst jetzt geoutet hatte und fand es spannend zu sehen, ob dieser Schritt in die Öffentlichkeit wirklich in Zukunft anderen aktiven Spielern helfen wird.

Aber dann wurde es ’spannend‘. Der andere Herr rutschte auf seinem Platz hin und her, setzte an, um etwas zu sagen, schluckte, holte Luft und meinte dann:
„Ist ja alles schön und gut, aber muss denn die Sexualität eines Fußballers in den Medien diskutiert werden?“

Gute Frage oder?
Ich finde es im Normalfall ja auch eher uninteressant ständig damit berieselt zu werden, wie alt die neueste Lebensabschnittsgespielin von Lothar Matthäus ist oder wie oft Stefan Effenberg die Nachbarin in Florida besucht hat….

Aaaaber!!!
So lange sich ein Mensch dazu gezwungen sieht, den Mensch, den er liebt zu verstecken und nicht die Freiheit besitzt zusammen zu öffentlichen Veranstaltungen, Familienfeiern oder ähnlichem zu gehen, sollten wir tatsächlich darüber diskutieren.
Zwar vielleicht nicht über die Sexualität als solche, sondern darüber, wieso das auch im 21. Jahrhundert nicht möglich ist!

Ich weiß nicht, was der erste Herr darauf erwiderte, weil ich gedanklich kurz abdriftete, aber ich war wieder ganz Ohr als der andere Herr sagte:
„Weißt Du, ich bin jetzt mal ganz ehrlich. Ich hab nichts gegen Schwule und Lesben. Ich finde es gut, daß sie in Deutschland heiraten können und sie sollten sich auch gegenseitig absichern können, wie jedes andere Ehepaar auch. Aber weißt Du, mir wäre es trotzdem lieber, wenn XY (offensichtlich Name des eigenen Sohns) nicht irgendwann ankäme und zu mir sagen würde: ‚Papa, ich bin schwul.‘.

Dieses ‚Geständnis‘ fand ich bemerkenswert, habe ich doch öfter bei dem Thema den Eindruck, dass die Leute schnell dabei sind, zu bekennen, dass sie gar nichts gegen Homosexuelle haben….so lange sie nicht selber irgendwie betroffen sind.

Ich weiß aus meinem familiären Umfeld, wie schwierig so ein Coming Out für alle Beteiligten sein kann, weil sich die Cousine meines Vaters das Leben nehmen wollte, als sich ihre Tochter vor vielen Jahren als lesbisch outete.
Und ich weiß wie schmerzhaft es für einen Klassenkameraden nach seinem Outing war, daß sein Vater der Meinung war, er wäre krank und müßte sich helfen lassen – als er diese Hilfe verweigerte, brach sein Vater den Kontakt ab.
Aber ich konnte auch die Mutter meines Klassenkameraden verstehen, die geschockt war, daß ihr Sohn schwul ist und die doch relativ schnell klarstellte: Du bist mein Sohn und das bleibst Du auch und ich liebe Dich auf Grund Deiner Partnerwahl nicht weniger als vorher!

Darum ist Offenheit bei diesem Thema vermutlich das A und O. Nur weil jemand verunsichert ist, heißt das ja noch lange nicht, daß er homophob ist und diese Verunsicherung zu äußern sollte genauso okay sein, wie offen damit umzugehen, daß man homosexuell ist.
Wenn man miteinander redet und auch mal bereit ist, dem anderen zuzuhören, sollten sich Barrieren eigentlich beseitigen lassen. Eine Wunschvorstellung, die manchmal relativ weit von der Realität entfernt zu sein scheint – leider!

Ich würde mir jedenfalls wünschen, daß niemand einen Menschen, den er gern hat, verstecken oder verleugnen muss und wenn Thomas Hitzlsperger dazu beigetragen hat, dass wir diesem Ziel ein Stück näher kommen, dann kann ich nur noch einmal meinen Hut vor ihm ziehen, ihm für seinen Mut danken und alles Gute für die Zukunft wünschen!!!

Die ursprüngliche Ankündigung bei der Zeit
Artikel mit Videobotschaft von Thomas Hitzlsperger
Portrait über Thomas Hitzlsperger von einem Zeit-Redakteur
Die Homepage von Thomas Hitzlsperger

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16 Antworten zu Thomas Hitzlsperger

  1. Cat Crawfield schreibt:

    Ein schöner Artikel. Dem ist nichts hinzuzufügen und ich stimme dir in allen Punkten zu.

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  2. meikesbuntewelt schreibt:

    100% Zustimmung, Herba.

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  3. nettebuecherkiste schreibt:

    Sehr gut formuliert!

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  4. diepoe schreibt:

    Genauso gehts mir auch!
    Als ich die Meldung gelesen habe, dachte ich mir nur: Was interessiert es mich?! und ratzfatz konnte ich weder bei facebook noch sonst irgendwo im Netz irgendwo hinklicken, ohne dass mich Hitzlspergers Outing ansprang und dann dachte ich mir nur: Okay, wenn das solche Wellen schlägt, dann ist es in unserer Gesellschaft echt notwendig, dass sich noch mehr Promis outen.

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  5. utepirat schreibt:

    Total interessanter post, ich habe das Ganze erst heute mitbekommen, da ich zur zeit ziemlich TV- und Internet-abstinent bin (muss ganz dringend die ganze „Cold Feet“- Serie sehen 🙂 ).
    Ich find´s nur traurig, warum dieses ganze „Coming Out“ noch notwendig ist und Hitzlsperger dies auch gross und breit begründen muss…
    Gut, dass ich einen crush on RA habe, da bin ich wohl eindeutig hetero 🙂
    Ich weiß aber auch, dass das ganze Thema in meiner Kindheit ein großes Problem war, wann haben wir zum ersten Mal von „gay“ gehört (interessant, dass Servetus auch einen post in ihrem blog verfasst hat, der zu diesem Thema passt).
    Trotzdem, Hut ab vor Hitzlsperger! Freuen wir uns mit jedem Menschen, der so lebt, wie er leben will.

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  6. Moxica schreibt:

    Ich bin da gespaltener Meinung. Auf der einen Seite ist es mir vollkommen wurscht, ob ein Promi, den ich mag, schwul oder hetero ist oder bi ist, Hauptsache er geht nicht an Kinder oder Tiere. Dann finde ich es wiederum lächerlich, dass früher alle Kerle einer Boyband hetero sein sollten, dabei war doch immer mindestens einer schwul. Was wäre denn dabei gewesen, wenn eben einer „anders“ gewesen wäre? Die sind doch so oder so für Fans unerreichbar.
    Aber dann muss ich gestehen, dass es mir ganz gehörig auf den Keks geht, dass mich viele für lesbisch halten, nur weil ich mich wohl nicht „weibisch“ genug verhalte. Ich weiß, dass ich es nicht bin und dann aber immer wieder sowas in die Schuhe geschoben zu bekommen, nervt.
    Also lieber Herr Hitzlsperger, von mir aus können sie nen Freund oder ne Freundin als Partner wählen, Hauptsache es macht sie froh, denn es ist mit Garantie eine ätzende Situation jahrelang seiner Umwelt was vorspielen zu müssen!

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  7. entdeckeengland schreibt:

    Ich bin zwar der Meinung, dass viele Sexgeschichten nicht unbedingt in den Medien ausgeschlachtet werden müssten, aber wenn Prominente sich „outen“, was an sich schon eine blöde Formulierung ist, trägt es hoffentlich dazu bei, dass wir solche Debatten bald nicht mehr führen müssen.

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  8. Herba schreibt:

    Wäre es, aber ich bezweifle es im Fall von Fußballprominenz ganz stark

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  9. Herba schreibt:

    Es ist auch jetzt noch ein großes Problem, auch wenn es mittlerweile sicher anders gelagert ist als früher. Ich weiß zum Beispiel, dass mein Vater einfach verunsichert war, weil er nicht wußte, wie er mit der Tochter seiner Cousine (von der ich im Blogpost gesprochen habe) nach ihrem Outing umgehen sollte, weil sie einfach die erste homesexuelle Person war, mit der er in seinem Leben bewußt zu tun hatte. Meine Eltern haben dann länger darüber geredet und während sich bei der nächsten Familienfeier einige damit schwer taten sie zur Begrüßung in den Arm zu nehmen, war mein Vater ganz locker. An der Person ändert sich ja nichts – das hatte er schnell verstanden und verinnerlicht und darin war er ein echtes Vorbild für mich!

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  10. Herba schreibt:

    Tja, aber die Fans können träumen und die Unerreichbarkeit ausblenden, was vielen mit dem Thema ‚gay‘ nicht gelingt. Und darum halten es viele Unternehmen für besser vorzugaukeln, dass jemand hetero ist – übrigens ist das heutzutage teilweise immer noch so und beschränkt sich nicht auf Boybands

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  11. Herba schreibt:

    Ja, das wäre wirklich schön!

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  12. Servetus schreibt:

    Guter Eintrag. Ich mochte auch sehr das Kommentar von Frau Schapira in der ARD, die notierte, inwiefern FIFA das Thema total vermeidet und Sepp Blatter sich weigert, das Vorhaben von arabischen Ländern, potentielle homosexuelle Gäste der WM unter die Lupe zu ziehen, zu kritisieren.

    Was ich erst nicht wußte: Hitzlsperger’s Outing ist das erste in Profi-Fußball auf hohem Niveau seit Justin Fashanu — es ist anscheinend für Fußballer offensichtlich noch fast völlig verpönt, sich zu outen. Von daher finde ich es wichtig, daß tapfere Menschen zu sich selber bekennen und daß Leute, besonders Kinder / Teenagers, das mitkriegen. Die Behauptung, es sei eine private Sache, entpuppt sich tatsächlich manchmal als eine Form der Homophobie, besonders dann, wenn es nur oder hauptsächlich auf homosexuelle Menschen bezogen wird. Diskriminierung sollte nicht auf so einer Weise verdeckt werden, mit der Erklärung, es gehe um was privates, wenn Leute darunter leiden.

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  13. aussteiger schreibt:

    die beste nachricht wäre, wenn solche „outings“ keine nachrichten mehr sind.

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  14. Herba schreibt:

    Den Kommentar von Frau Schapira kenne ich nicht, aber ich denke schon, dass sie damit Recht hat, weil die FIFA sich ja eigentlich immer scheut heiße Eisen anzufassen und dazu neigt, Dinge erst gar nicht anzusprechen und sie schweigend auszusitzen.

    Aktive Profifussballer in Europa haben ‚Angst‘ vor den Reaktionen in den Stadien, darum gibt es keine Outings von aktiven Fußballern und darum ist Hitzlspergers Outing auch etwas besonderes, weil er sich so zeitnah zu seinem Karriereende geäußert hat und durch seine Spielweise keinerleih Klischees des mädchenhaften, schwulen Fußballers unterstützt.
    Es ist definitv gut, daß er die Diskussion angestoßen hat, auch im Hinblick auf die olympischen Winterspiele in Sotschi

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  15. Herba schreibt:

    Hallo Aussteiger,
    da stimme ich dir vollkommen zu!

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