München – Im Angesicht des Krieges (Originalversion)

September 1938:
Nazi-Deutschland erhebt Anspruch auf das Sudetenland und droht mit einem Einmarsch in die Tschechoslowakei, was einen erneuten Krieg bedeuten würde, auf den Großbritannien nicht vorbereitet ist.
Daher versucht Premierministers Chamberlain (Jeremy Irons) alles, um den Einmarsch zu verhindern und beraumt mit Hilfe von Mussolini eine Konferenz zwischen Deutschland, Großbritannien, Frankreich und Italien ein, die in München stattfinden und eine Lösung für das Problem bringen soll.
Der junge, deutsche Diplomat Paul von Hartmann (Jannis Niewöhner), der ein geheimes Dokument in seinem Besitz hat, das die wirklichen Pläne von Hitler (Ulrich Matthes) enthüllt, will die Konferenz nutzen, um das Dokument den Briten zukommen zu lassen. Dafür nutzt er seine Bekanntschaft mit Hugh Legat (George MacKay), einem der Sekretäre von Chamberlain…

Als ich Anfang 2018 die gleichnamige Romanvorlage von Robert Harris gelesen habe, war ich eher enttäuscht, weil der historische Roman vom Verlag als Thriller beworben wurde und das Buch definitiv nicht als Thriller daherkommt.
Und eigentlich wollte ich den Film gar nicht sehen, aber nachdem doch so einige interessante Schauspieler gecasted wurden und er nun auch gleich bei Netflix verfügbar war, mußte ich dann doch einen Blick riskieren.
Vom Look her überzeugt mich ‚München – Im Angesicht des Krieges‘ auf jeden Fall. Kostüme, Kulissen und auch die Schauplätze wirken authentisch.
Da wurde scheinbar einiges investiert und auch mit dem Soundtrack kann ich leben, auch wenn mich das Ticken einer Uhr, das immer wieder vorkommt, am Anfang leicht irritiert hat.
Die Schauspieler machen ihre Sache für mein Dafürhalten gut, allerdings bekommen nur Niewöhner, MacKay und vielleicht noch Irons wirklich Gelegenheit zu glänzen.
Der restliche Cast ist eher Staffage, wobei ich vielleicht noch Ulrich Matthes erwähnen sollte, der Hitler spielt und mir seine Art der Darstellung wirklich gut gefallen hat.
Vielleicht auch, weil er nicht versucht Hitler auf Teufel komm raus zu imitieren, sondern genug wesentliche Merkmale der historischen Person zeigt, um ihn als Hitler identifizieren zu können, aber dezent genug, um nicht als Karikatur oder schnödes Abziehbild zu enden.
Ich kann es leider nicht besser erklären…
MacKay und Niewöhner ergänzen sich als Gegensätze sehr gut und wirken stimmig in der jeweiligen Rolle.
Denn ich habe sowohl Niewöhner den temperamentvollen Patrioten, als auch MacKay den überlegten Diplomaten, der an die Kraft des Dialogs glaubt, abgenommen.
Wenn man so will: deutsches Temperament gegen die britische ’stiff upper lip‘, vereint in Freundschaft, Hilflosigkeit und Verzweiflung.
Die Emotionen der beiden Hauptfiguren tragen dann auch dazu bei, dass ich den Film als wesentlich spannender als das Buch empfunden habe, auch wenn der Film in der ersten Hälfte einige Zeit braucht, um in die Gänge zu kommen.
Niewöhner und MacKay haben mich im übrigen auch mit ihren Sprachkenntnissen (oder der Fähigkeit diese zu ‚faken‘) beeindruckt, denn MacKays Deutsch ist gut verständlich und auch Niewöhners Englisch klingt für meine deutsche Ohren glaubwürdig genug, um ihn als zeitweiligen Student in Oxford auszugeben.
Ein bißchen geärgert habe ich mich über den Nazi (SS-Offizier?), den August Diehl spielt, da hat der Drehbuchschreiber ziemlich tief in die Klischeekiste gegriffen, auch wenn es natürlich genau solche Typen sicher wirklich gegeben hat.
Wie so oft bei diesen historischen Stoffen sind Frauenrollen Mangelware und finden nur am Rand statt.
Doch während die Rollen von Sandra Hüller (deutsche Sekretärin), Liv Lisa Fries (Paul’s Exfreundin) und Anjli Mohindra (britische Sekretärin), hätte man Jessica Brown Findlay als Legats Frau ganz streichen können. Sie bietet für die Handlung meiner Meinung nach keinerlei Mehrwert und da die Ehe der Beiden im Film eine kleinere Rolle spielt als im Buch, war das nur nettes, aber unwichtiges Beiwerk – vielleicht um wenigstens eine Frau mehr auf der Castliste zu haben.
Bei der Handlung habe ich, wie so oft bei historischen Stoffen, gefragt, ob man das alles überblickt, wenn man vorher nichts über die historischen Eckpunkte weiß oder ob man dann hinterher zumindest mal bei Wikipedia nachlesen geht, um die Zusammenhänge zu verstehen. Leider kann ich diese Frage nicht beantworten…
Insgesamt halte ich ‚München – Im Angesicht des Krieges‘ für einen durchaus gelungenen Film mit ansprechenden schauspielerischen Leistungen, der mich persönlich wesentlich besser als die Romanvorlage unterhalten hat.
Kann man bei Interesse gut schauen, muss man aber andererseits auch nicht unbedingt gesehen haben, es sei denn man ist Fan der Schauspieler oder schaut gnadenlos immer Filme zur NS-Zeit.

‚München – Im Angesicht des Krieges‘ bei Netflix Deutschland

Ein deutscher Trailer

Ein englischer Trailer

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5 Antworten zu München – Im Angesicht des Krieges (Originalversion)

  1. Servetus schreibt:

    Interesting. I love that last line: „schaut gnadenlos immer Filme zur NS-Zeit.“

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  2. Herba schreibt:

    @Servetus: It’s always a bit tricky for a trained historian like you I guess but for me as a person who isn’t trained but very interested in history these movies always get my attention.

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  3. Servetus schreibt:

    I just chuckled because that is definitely a market segment! I notice this on Netflix all the time — it’s just saturated with things that have to do with the WWII era / Nazi history. You captured it perfectly in that phrase.

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  4. Herba schreibt:

    @Servetus: Lots of interesting stories to tell from that era I guess. But I hate when it’s used for sensational purposes only.

    Gefällt 1 Person

  5. Servetus schreibt:

    Yeah, it’s kind of a subset of torture porn for some viewers.

    Gefällt 1 Person

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