Der Mauretanier – (K)eine Frage der Gerechtigkeit (Originalversion)

Mohamedou Ould Slahi (Tahar Rahim) wird am 20. November 2001 in seiner Heimat Mauretanien wegen Verbindungen zu al Quaida und mindestens einem der Terroristen, der ein Flugzeug ins WTO stürzen ließ, verhaftet und schließlich über ein Auslieferungsabkommen nach Guantanamo Bay in das dortige Internierungslager der USA gebracht.
2005 übernimmt die Anwältin Nancy Hollander (Jodie Foster) Slahis Fall, um endlich eine Anklage oder Freilassung zu erzwingen.
Als auch der Militärankläger Lt. Col. Stuart Couch (Benedict Cumberbatch) Zweifel bekommt, besteht endlich die Möglichkeit auf eine Ende von Slahis Martyrium…

Wenn Jodie Foster endlich mal wieder einen Film macht, der genau in mein Beuteschema paßt, ist das Anschauen natürlich Ehrensache.
Wegen Corona habe ich allerdings auf die DVD-Veröffentlichung gewartet und bin nicht ins Kino gegangen.
Vermutlich am meisten fasziniert hat mich an diesem Film, dass es relativ früh nicht mehr um die Schuld oder Unschuld von Slahi geht, sondern viel mehr, wie weit man für ein Geständnis gehen darf und ob es Sinn macht, ebenjene Werte, für die man kämpft, im Namen der Gerechtigkeit üer Bord zu werden, um das gewünschte Ergebnis zu erzielen.
Ich habe mich beim Schauen des Films immer mal wieder gefragt, ob Slahi denn nun das getan hat, was ihm ursprünglich zur Last gelegt wurde und bin am Ende zu dem Schluss gekommen, dass man das wohl nie mehr herausfinden wird.
Eben auch, weil er in Guantanamo Bay so lange gefoltert wurde, bis er ein umfängliches Geständnis ablegte.
Die Visualisierung dieser Folterszenen sind für mein Dafürhalten sehr gut gemacht. Nicht zu plastisch oder blutig, aber doch eindrunglich genug, um dem Zuschauer klar zu machen, was der Gefangene erdulden mußte.
Allgemein sind die Absurditäten des gezeigten Systems sehr gut dargestellt, ohne den Zuschauer mit dem Holzhammer darauf zu stoßen.
Da werden zum Beispiel Berge von Akten geschwärzt, als sie endlich Nancy Hollander und ihrem Team zur Verfügung gestellt werden, wie es das Gesetz verlangt.
Und Besucher von Guantanamo unterliegen strenger Geheimhaltung, dafür können sie aber im eigenen Geschenke Shop Souvenirs einkaufen, schräger geht es kaum.
Außer vielleicht beim Casting von Cumberbatch, der einen Mann aus den Südstaaten spielt, was ich wirklich merkwürdig fand. Gab es dafür keine ‚echten‘ Südstaatler?
Ich bin durchaus dafür, dass jeder Schauspieler alles spielen soll und spielen darf, aber ich fand dieses Casting einfach merkwürdig und kann es mir höchstens mit Cumberbatchs Bekanntheitsgrad erklären.
Ob er Couch wirklich authentisch spielt, kann ich nicht sagen, finde seine leicht starre Art sich zu bewegen und zu sprechen, nicht ganz passend, nachdem ich ein kurzes Video des echten Stuart Couch gesehen habe.
Allerdings ist mir der Mann aus dem Film durchaus auch sympathisch, gerade wegen seiner Gewissensentscheidung Slahi gegenüber.
Getragen wird der Film meiner Meinung nach von den beiden Hauptdarstellern Foster und Rahim.
Während Foster ihre Erfahrung ausspielt und vielleicht auch ein bißchen die Ambivalenz des Zuschauers zu Slahi wiederspiegelt, überzeugt Rahim durch die Verletzlichkeit seiner Figur und durch den Glauben an ein System, das ihn 14 Jahre ohne Anklage oder Prozess einsperrte. Dabei läßt auch Rahim in seinem Spiel offen, ob der Charakter schuldig oder unschuldig ist, das muss jeder Zuschauer für sich selber entscheiden – oder eben auch nicht, denn darum geht es, wie weiter oben schon geschrieben, gar nicht wirklich.
Wieso man unbedingt Rache/Gerechtigkeit üben will, sieht man durch die Augen der Ehefrau eines Co-Piloten, der in einem der Flugzeuge saß und am 11. September von Terroristen ermordet wurde.
Auch dies geschieht sehr subtil, aber absolut aussagekräftig. Und die Frage, ob Schuld oder Unschuld in dem Verfahren, dass Fosters Hollander anstrebt, eine Rolle spielt, wird durch Shailene Woodleys Rolle Teri Duncan thematisiert.
Die Anwältin, die mit Hollander arbeitet, durchlebt mehrere Meinungswechsel, wenn es um Slahi geht, was für mich als Zuschauer sehr spannend fand.
‚Der Mauretanier‘ ist weder ein Thriller, noch ein klassisches Gerichtsdrama, hat mich aber über die gesamten 130 Minuten gefesselt und mich gedanklich auch über das Ende hinaus beschäftigt.
Daher würde ich den Film in die Kategorie ‚wichtig‘ einordnen und hoffe, dass er für die Beteiligten nicht zu früh kam.

‚Der Mauretanier – (K)eine Frage der Gerechtigkeit‘ als DVD bei Amazon.de und als Stream bei Prime Video (Affiliate-Links)

Ein deutscher Trailer

Ein englischer Trailer

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10 Antworten zu Der Mauretanier – (K)eine Frage der Gerechtigkeit (Originalversion)

  1. Xeniana schreibt:

    Danke für den Tipp!

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  2. Servetus schreibt:

    I too skipped this in the cinema due to COVID, but I’ll see it some time in some other format. Thanks for the affirmation that it is worth it.

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  3. Esther schreibt:

    Gut zu lesen, dass der Film tatsächlich gut ist. Steht auch noch auf meiner Liste.

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  4. Herba schreibt:

    @Xeniana: Immer gerne 🙂

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  5. Herba schreibt:

    @Servetus: My pleasure. I like the openness re his guilt or innocence a lot and for me the actor sold that ambivalence very well too.

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  6. Herba schreibt:

    @Esther: Ich finde schon, auch wenn ich Cumberbatch nicht unbedingt für seine Rolle ausgesucht hätte.

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  7. Michele Marsh schreibt:

    Herba this was a great film and I agree Foster and Rahim were the stand outs. I saw it on Amazon Prime several months ago. I think it got lost in the filter because of COVID last year which is a shame because it is very timely and I as a viewer was like Woodkeys character did he or didn’t he?

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  8. Herba schreibt:

    @Michele: It had a really limited cinema run due to Covid and yes that’s a shame.

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  9. Michele Marsh schreibt:

    Yeah I think many films were hit with that same fate

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  10. Herba schreibt:

    @Michele: Yes, if it isn’t an absolut blockbuster it’s difficult to find an cinema slot.

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