Nicht geplant

Seit vielen Jahren taten sie dies nun schon. Alle zwei bis drei Jahre machte der harte Kern der ehemaligen Schulklasse gemeinsam Urlaub.
Bisher hatten sie sie dabei immer auf Europa beschränkt. Sie waren gemeinsam nach Rom zurückgekehrt, wo sie mit Sechzehn ihre Abschlussklassenfahrt verbracht hatten.
Sie hatten zusammen Madrid und Lissabon entdeckt, London, Amsterdam und Prag unsicher gemacht.
Hatten auf Drängen der Nordlichter per Hurtigruten die Nordlichter angeschaut, eine Donaukreuzfahrt mitgemacht und waren auf den Spuren von Zar Peter und Katharina der Großen durch St. Petersburg spaziert.
Nebenbei waren sie durch ganz Deutschland bereist und hatten dabei von Schleswig, über Sachsen und Bayern bis nach NRW alles abgegrast, was irgendwie lohnenswert schien.

Nun waren sie alle 65 oder älter und Sascha, der auch schon in der Schule für seine Verrücktheiten berüchtig war, hatte angeregt, einmal eine richtig große Reise zu unternehmen, bevor sie dafür langsam „zu klapprig wurden“.
Bei seiner Ansprache hatte er gegrinst wie ein Honigkuchenpferd und sich diebisch darüber gefreut, wie entsetzt manche diese Vorhersage weit von sich gewiesen hatten.
„Alt und klapprig? NIEMALS!!!“
Bei der Erinnerung daran verdrehte Christine die Augen. Manches änderte sich eben nie.
Ebenfalls zu Saschas Plan gehörte, dass dieses Mal nicht abgestimmt, sondern ausgelost wurde, wohin die Reise gehen sollte.
Von Neuseeland, über die Antarktis bis Südafrika war alles dabei gewesen. Sie hatte sich ja Hawaii gewünscht, diese wunderbare Insel mit traumhaftem Wetter, Landschaften zum Verlieben und dabei nicht ganz so weit wie Neuseeland oder die Maledieven.
Doch das Los hatte anders entschieden und Christine fragte sich seitdem, ob Sascha irgendetwas daran gedreht hatte. Zuzutraue wäre es dem Suppenkasper auf jeden Fall.

Sie seufzte, denn eigentlich war das vollkommen egal. Nun war sie hier auf Vancouver Island, der größten nordamerikanischen Pazifikinsel, die zu British Columbia gehörte und so gar nichts mit Hawaii gemeinsam hatte.
Seit Christine am frühen Morgen angekommen war, regnete es ununterbrochen. Der Himmel war von dunklen, grauen Wolken bedeckt und die Sonne hatte sie noch gar nicht zu sehen bekommen. Kalt war es dabei nicht. Das musste das gemäßigte, milde Klima sein, von dem Sascha ihnen so vorgeschwärmt hatte und man mußte ihm zugute halten, dass er nichts von Sonnenschein versprochen hatte.

Und von einem reibungslosen Reiseverlauf hatte Sascha auch nichts gesagt, zumal Christine mal wieder aus der Reihe getanzt und nicht mit den anderen zusammen angereist war.
Aber nach dem Besuch einer ehemaligen Arbeitskollegin in Dublin war es einfacher gewesen, allein nach Kanada zu fliegen und auf eigene Faust nach Tofino zu reisen, wo sie alle zusammen sieben Tage verbringen würden, bis es wieder zurück in den Alltag ging.
Dafür, dass ihr Mietwagen, den sie am Flughafen von Victoria entgegen genommen hatte, mit Motorschaden in Colwood liegengeblieben und sie nicht wirklich weit gekommen war, konnte Sascha ja nun wirklich nichts.
Und auch an der Tatsache, dass so ziemlich jedes Hotelzimmer in Colwood und Umgebung wegen eines Fischereikongress ausgebucht war, war er definitiv nicht schuld.
Trotzdem würde sie ihm eine kräftige Kopfnuss verpassen, wenn sie ihn traff, denn schließlich hatte Sascha sie dazu überredet, an der Kanadareise teilzunehmen, obwohl sie nicht wirklich begeistert von diesem Ziel war.

„Sooooooo, da wären wir. Hier ist Ihr Teeeeee!“
Christine zuckte zusammen, als Ted, der sie freundlicherweise aufgenommen hatte mit einem großen Becher Tee ins Zimmer polterte.
Ted Tremblay war ein kleiner, rundlicher Mann, der viel und gerne und laut redete und mit allen gut Freund zu sein schien.
Außerdem war er Historiker und für die historischen Sehenswürdigkeiten in und um Colwood herum verantwortlich.
Als er von ihrem Missgeschick gehört hatte, hatte er ihr sofort das vermutlich einzige Zimmer, das in der ganzen Stadt noch zu haben war, angeboten und sie hatte ohne weiteres Zögern oder Nachdenken zugeschlagen, denn im Auto zu übernachten, war in ihrem Alter und bei diesem Wetter wohl keine gute Option.
Aber seit sie hier angekommen war, wußte sie nicht, ob sie lachen, weinen oder Ted schlagen sollte.
Denn ihr Zuhause für diese Nacht sollte, ginge es nach Ted, ein Leuchtturm sein.

„Hier haben wir Brot, Butter, Schinken, Tee, Zucker und Marmelade für morgen früh. Und meine bessere Hälfte Sam hat mir noch etwas von seinem weltbesten Gemüseeintopf mitgegeben. Der schmeckt spitze und ist genau das Richtige für das Regenwetter.
Das Bett ist im Zimmer nebenan und auch schon für Sie vorbereitet. Ich hoffe, Sie fühlen sich hier wohl und haben eine gute Nacht. Ich komme morgen früh wieder und bringe Sie zu Ihrem Auto.“
Christine riss die AUgen auf. „Sie bleiben nicht hier?“
„Oh nein, meine Liebe, ich muss nach Hause. Sam wartet. Aber glauben Sie mir, Sie sind hier gut aufgehoben. Der Leuchtturm funktioniert elektronisch. SIe müssen also nur die Füße hochlegen, sich entspannen und gut schlafen. Und im Zweifelsfall haben Sie ja meine Nummer. Bis morgen.“
Und mit diesen Worten schlüpfte Ted aus der Tür und ließ sie im Leuchtturmwärterhäuschen, das direkt neben dem weißen Leuchtturm stand, allein zurück.

Christine, die nichts davon hielt, lange über Dinge zu jammern, die sie eh nicht mehr ändern konnte, zuckte mit den Schultern und hatte es sich schon kurze Zeit später mit ihrem ebook-Reader, der sie treu auf ihren Reisen begleitete und ihrer Tasse Tee in einem Sessel am Fenster bequem gemacht und las.
Der Thriller, den sie auf dem Flug nach Kanada ausgewählt hatte, war so spannend, dass sie komplett die Zeit vergass und auch nicht merkte, wie der Regen vor dem Fenster bei auffrischendem Wind immer stärker wurde.
Gute zwei Stunden später machte sich dann aber doch die große Tasse Tee, die sie getrunken hatte, bemerkbar und sie beschloss sich kurz die Beine zu vertreten, als sie von der Toilette wiederkam.

Draußen peitschte ihr sofort starker Wind den Regen ins Gesicht und sie erschauerte. Der Pazifik brach laut und gewaltig an den Felsen der Landzunge, auf der der Leuchtturm stand und der schmale Weg, der die Landzunge, auf dem der Leuchtturm stand, mit dem restlichen Land der Insel verband, stand an manchen Stellen unter Wasser.
Christine war kein Mensch, der sich schnell fürchtete, aber nun blitzte der Gedanke in ihrem Kopf auf, dass sie bald abgeschnitten und ganz allein wäre, wenn es so weiterregnen würde.
Schnell ging sie zurück ins Haus, kramte ihr Smartphone hervor und versuchte Ted zu erreichen. Doch ausser einem merkwürdigen Piepton hört sie nichts und bekam auch keine Verbindung.
Also ließ sie sich seufzend wieder auf ihrem Sessel nieder und begann erneut zu lesen, konnte aber nicht verhindern, dass ihr Blick nun häufiger nach draußen wanderte, um die Lage im Auge zu behalten.

Als es draußen schon dunkel wurde, hatte Christine ihr Buch beendet und ihr Magen knurrte laut und vernehmlich.
Das Licht der Lampen im Raum verbreitete ein gemütliches Licht und so ließ sie sich das von Ted mitgebrachte Essen schmecken, nachdem sie den EIntopf aufgewärmt und sich eine neue Tasse Tee aufgebrüht hatte.
Neu gestärkt fühlte sie sich mutig genug erneut einen Blick vor die Tür zu riskieren.
Doch beim Anblick, der sich ihr draußen bot, sank ihr das Herz und ihr Magen rutschte ihr in die Knie.
Der Weg von der Landzunge zum Land war komplett überspült und auch die Landzunge selbst war am Rand in Wasser getaucht. Die Felsen, die sie bei ihrer Ankunft bewundert hatte, waren verschwunden und das kleien Bootshaus, das circa fünf Meter vom Wärterhäuschen entfernt stand, stand im Wasser.

Was sollte sie nur tun? Kurz davor in Panik auszubrechen, rannte Christine zurück ins Haus und schlug die Haustür fest hinter sich zu.
Nachdem sie kräftig Luft geholt und sich selbst Mut zugesprochen hatte, war sie in der Lage sich hinzusetzen und ruhig über ihre Lage nachzudenken.
Konnte es wirklich so viel regnen, dass auch das Haus unter Wasser stehen würde? Sie glaubte es nicht, aber sicher konnte sie sich natürlich nicht sein.
Natürlich gab es hier auch noch den ersten Stock, in den sie sich zur Not flüchten konnte. Doch als sie die Treppe nach oben lief, musste sie feststellen, dass die Tür, die ins Obergeschoss führte, verschlossen war.
„Denk nach!“ raunte sie sich selbst zu. Dann schlug sie sich selbst mit der Hand gegen die Stirn. Wie blöd konnte man eigentlich sein. Neben ihr stand ein hohes Gebäude, das sicher jedem Hochwasser trotzen und das ihr sicheres Obdach bieten würde.
Hoffentlich war der Turm nicht auch abgeschlossen!

Methodisch und zügig begann Christine ihre Sachen zusammenzusuchen, die sie mitnehmen wollte. Ihren ungeöffneten Koffer stellte sie an die verschlossene Tür im Obergeschoss, dort würde er hoffentlich trocken bleiben.
Das gerade frisch aufgeladene, aber im Moment nutzlose Smartphone, den ebook-Reader und die restlichen Lebensmittel packte sie ebenso in ihre große Umhängetasche, wie eine große Flasche Wasser und eine Taschenlampe, die die auf dem Tisch neben der Haustür gefunden hatte.
Mit der Tasche über der Schulter machte sie sich auf den Weg zum Leuchtturm und seufzte erleichtert, als die Tür des weißen Turms sich ungehindert öffnen ließ.
Nun ließ sie ihre Tasche am Fuß der Treppe, die sie dort vorfand zurück und machte sich noch einmal auf den Weg isn Wärterhäuschen, um zwei Wolldecken und ein Kissen, die sie in einer Truhe gefunden hatte, zu holen, damit sie es sich ein wenig gemütlich machen konnte, und nicht frieren mußte.

Schwer bepackt kämpfte sie sich zurück im Turm die steile Treppe nach oben und landete schließlich in einem kleinen Raum direkt über dem Leuchtfeuer, das mittlerweile natürlich mechanisch betrieben wurde und dessen Licht sogar das Untwetter draußen durchdrang.
Der Wind rauschte und heftiger Regen brachte die Fensterscheibe zum Klirren. Doch das Ganze sah so stabil aus, dass sich Christine keine Sorgen machte, sondern sich aus den Decken und Kissen ein Nest auf dem Fußboden baute, wo sie es hoffentlich halbwegs warm haben und die Nacht einigermassen gut würde verbringen können.
Erschöpft betrachtete sie schließlich das Ergebnis, ließ sich zufrieden auf das Lager sinken und schlief sofort und ohne weiter über ihre Situation zu grübeln ein.

Als Christine aufwachte, war es in dem kleinen Räumchen viel heller als vorher und irgendetwas fehlte.
Es dauerte einen Moment, bis Christine klar wurde, was das war. Der Lärm des Windes, des Regens und des aufgepeitschten Ozeans war verschwunden und man hörte nur noch ganz leichtes Rauschen.
Außerdem waren die dunklen Wolken weitergezogen und am Horizont zog ein neuer Morgen herauf.
CHristine hatte tatsächlich die ganze Nacht durchgeschlafen. Erfreut darüber, dass sie das Unwetter scheinbar unbeschadet überstanden hatte, fand sie, dass sie unbedingt frische Luft brauchte, doch statt die Treppe nach unten zu nehmen, kletterte sie über das letzte Stück der Treppe nach oben zum Leuchtfeuer und trat dort durch eine kleine Außentür, die nur mit einem RIegel gesichert gewesen war, nach draußen auf die Umrandung des Leuchtturms.

Sofort wehte ihr ein leichter Wind um die Nase und sie roch das Salzwasser der See.
Der Ausblick war wunderschön und langsam lief Christine einmal im Kreis um die Glaskuppel des Leuchtfeuers herum, um alles ganz genau in sich aufzunehmen und sich an dieser traumhaften Kulisse zu erfreuen.
Als dann langsam am Horizont die Sonne aufging, ließ sie sich auf der Decke, die sie noch um die Schulter gehängt hatte und nun auf dem Boden ausbreitete, nieder, lehnte ihren Rücken an die Glaskuppel und beobachtete einen der schönen Sonnenaufgänge, die sie jemals miterlebt hatte.
Auf den Gedanken dieses Schauspiel mit der Smartphonekamera festzuhalten, kam sie gar nicht, sondern blieb ganz bei sich und im Zauber des Augenblicks gefangen.
Deutschland und ihr normales Leben war weit weg und alle Sorgen, Ängste und Ärgernisse in diesen Momenten vergessen.

Als die Sonne dann irgendwann nicht mehr das Meer in rosa und gelbes Licht tauchte, stellte sie erstaunt fest, dass sie fast eine Stunde einfach dageseßen und geschaut hatte und sich entspannt, wie schon lange nicht mehr fühlte.
Der Ärger über die Autopanne, denn jovialen Ted, ja sogar der auf Sascha und die Reise nach Kanada war wie weggeblasen.
Christine hoffe, dass sie sich diesen Geisteszustand lange bwahren konnte und sich, wann immer der Alltag doof zu werden schien, an diese Momente zurückerinnern würde.

Und als Ted sie schließlich zwei Stunden später gut gelaunt, aber auch erleichtert, dass ihr nichts passiert war, abholte, schaute sie noch einmal zum Leuchtturm zurück und murmelte ein leises: „Danke, es war mir ein Fest hier gewesen zu sein!“.
Ihr ganzer Urlaub mit ihren Klassenkameraden lag nun vor ihr, aber den Leuchtturm auf der Landzunge würde vermutlich das Highlight ihrer Reise und immer in ihrem Herzen bleiben.

* * * * * * * * * * * * * * * * *

Dieser Text ist für das Gemeinschaftsblogprojekt von Poe und mir entstanden. Das Thema war ‚Mach was…mit einem Leuchtturm‘.
Der Leuchtturm, der für diesen Text als Inspiration diente, ist das Fisgard Lighthouse.
Ich habe mich an Bildern zu den Örtlichkeiten orientiert, mir allerdings auch einige künstlerische Freiheiten erlaubt.
Gesamter Text © Herba für ‚Unkraut vergeht nicht…oder doch?‘
Bitte nicht ungefragt zitieren oder weiterverwenden!!!

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12 Antworten zu Nicht geplant

  1. Pingback: Gemeinschaftsblogprojekt ‘Mach was!’ – Ergebnis #72 und neues Thema | Unkraut vergeht nicht….oder doch?

  2. nellindreams schreibt:

    Oh je, wenn die Saschas und Christines dieser Welt 65+ sind, fühlt man sich schrecklich alt… Schöne Geschichte!

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  3. Servetus schreibt:

    Everyone needs a lighthouse next to their lodging, just in case. Maybe I should start constructing one in my backyard. 🙂

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  4. Pingback: Medienjournal: Media Monday #532 | Unkraut vergeht nicht….oder doch?

  5. Herba schreibt:

    @Nell: Mir viel es tatsächlich schwer, passende Namen für dei Herrschaften auszuwählen, daher sind die Namen vielleicht auch ein wenig ‚jung‘ geworden 😉
    Danke schön!

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  6. Herba schreibt:

    @Servetus: I second that, particularly because it looks much nicer than an arc and might be easier to build than an arc too 😉

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  7. Servetus schreibt:

    Another advantage: not so much room for pets.

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  8. Herba schreibt:

    @Servetus: *lol*

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  9. Esther schreibt:

    Ah, schön!

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  10. Herba schreibt:

    @Esther: Dank Dir!

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  11. Michele Marsh schreibt:

    Happy Ending thank you! Nice metaphor too ❤️

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  12. Herba schreibt:

    @Michele: My pleasure!

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