Der Besuch

Der Weg ist in den letzten 10 Monaten, seit sein Großvater in der Seniorenresidenz eingezogen ist, vertraut geworden.
Das Haus Abendrot liegt idylisch, auch wenn man von der Seite des Haupteingangs eine Bahnstrecke sehen kann, auf dem regelmäßig ICEs vorbeirauschen.
Er findet das irgendwie passend, denn die letzte Zeit der alten Leutchen rast ja auch eher vorbei als in Schrittgeschwindigkeit zu verlaufen.

Nach den modernen automatischen Glastüren durchquert er die Eingangshalle und nimmt das linke Treppenhaus, um zur kleinen Wohnung im zweiten Stock zu kommen, in der Großvater nun lebt. Das Treppenhaus ist lichtdurchflutet und auch der Gang, den er nehmen muss, ist hell und freundlich.
‚Wir können froh sein, dass er hier einen Platz bekommen hat‘, denkt er sich, klopft vorsichtig an der Tür seines Großvaters und öffnet sie, als eine weibliche Stimme fröhlich ‚Herein‘ ruft.
Susi ist eine der Hauptbetreuerinnen auf diesem Stockwerk und auch sie ist ihm in den letzten Monaten sehr vertraut geworden.
‚Schauen Sie mal Herr Müller, Sie haben Besuch‘ sagt sie gut hörbar. Aber sie schreit nicht, wie das so viele tun, die automatisch davon ausgehen, dass Alte taub sind, auch wenn sie einfach nur alt sind. Das macht sie ihm noch sympathischer.
Zu ihm sagt sie dann leise: ‚Er hat heute keinen guten Tag‘, berüht sanft seine Schulter und verläßt dann das Zimmer.

‚Hallo Opa, schön, dass Du da bist. Ich hab Dich vermisst.‘
Sein Großvater und er sind die einzigen, die von der Familie noch übrig sind.
Der alte Mann schaut ihn freundlich an, bevor er seinen Blick wieder abwendet und auf die eindrucksvollen Bäume vor seinem Fenster schaut, die sich leicht im Wind bewegen.
‚Der Mai ist gekommen, die Bäume schlagen aus.‘
An schlechte Tagen sind Kalendersprüche mittlerweile fast das einzige, woran sich sein Großvater noch erinnert.
Trotzdem hofft er, dass er bei ihm ankommt, wenn er ganz normal mit ihm spricht.

‚Ich habe Dir ein paar neue CDs mitgebracht.‘ Großvater hört immer noch gerne Musik oder alte Radiohörspiele, wie sie modern waren, als er jung war.
‚Alles neu macht der Mai‘ erwiedert der alte Mann nickend.
‚Hast Du heute ein bißchen die Sonne auf dem Balkon genoßen?‘
Zu der kleinen Zwei-Zimmer-Wohnung gehört auch ein Balkon und Großvater sitzt dort gern auf einem bequemen Stuhl unter einem Sonnensegel und genießt den Sonnenschein.
‚Jaja, der Wonnemonat Mai….‘

In der nächsten Stunde hören die beiden Männer gemeinsam ‚Der Pfirsichdieb‘ eins der Abenteuer von Lord Peter Wimsey, das der MDR als Hörspiel adaptiert hat.
Dann wird es Zeit für ihn zu gehen.
‚Ich muss jetzt leider los, aber ich komme spätestens nächsten Freitag wieder.‘ Zärtlich küßt er den alten Mann auf den Kopf, der daraufhin seine Hand drückt. Sonst kommt allerdings keine Reaktion.
Lautlos seufzend nimmt er seine Jacke und ist schon fast an der Tür, als sein Großvater ruft:
‚Stefan?‘
Dass der alte Mann den Namen seines Vater für ihn benutzt, ist ihm im Moment egal, so freut er sich über die unbewöhnliche Reaktion an einem schlechten Tag.
‚Ja Großvater?‘
‚Fahr vorsichtig mein Junge und pass auf Dich auf!‘

Mit dickem Kloß im Hals bringt er grade so ein ‚Das mach ich. DU aber auch!‘ heraus, dann geht er leise zur Tür und fragt sich wieder einmal, wieso ausgerechnet sein geliebter und immer so lebensfroher Großvater an Demenz erkranken musste.
Der Vereinsmeier, Mittelpunkt jedes Festes, Mitglied in zwei Gesangsvereinen, Hobbygärtner und Familienmensch.
Aber es hilft ja nichts. Heilung gibt es nicht, also kann er nur Zeit mit ihm verbringen und hoffen, dass er ihn doch ab und an noch wahrnimmt.
Wegbleiben kann er sich auf jeden Fall nicht vorstellen, egal wie schmerzhaft diese Besuche sind.
Er zieht seine Jacke an und ist schon fast durch die Tür, da hört er seinen Großvater leise aber irgendwie gut gelaunt singen:

‚Am 30. Mai is de Weldunnergang,
mir lewwe ned mehr lang, mir lewwe ned mehr lang…‘

Als er nun zu seinem Auto geht, hat er Tränen in den Augen, aber er lächelt auch und findet, dass Susi nicht ganz recht hatte, denn wenn Großvater Unsinnslieder singt, dann kann es kein schlechter Tag sein!

* * * * * * * * * * * * * * * * *

Dieser Text ist für das Gemeinschaftsblogprojekt von Poe und mir entstanden; das Thema ‚Mach was…mit dem Mai‘.
Eventuelle Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen sind rein zufällig und vollkommen unbeabsichtigt.
Das Liedzitat (im Dialekt des Großvaters) stammt aus einem Schlager von Karl Golgowsky und kann zum Beispiel hier gehört werden.
Gesamter Text © Herba für ‚Unkraut vergeht nicht…oder doch?‘
Bitte nicht ungefragt zitieren oder weiterverwenden!!!

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12 Antworten zu Der Besuch

  1. M schreibt:

    Das hast du sehr schön geschrieben. Man kann sich gut in den Erzähler hineinversetzen.

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  2. monisertel schreibt:

    Frohe Pfingsten,
    ich schließe mich gerne an: Wunderschön und sehr einfühlsam erzählt.
    Liebe Grüße
    moni

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  3. Pingback: Gemeinschaftsblogprojekt ‘Mach was!’ – Ergebnis #59 und neues Thema | Unkraut vergeht nicht….oder doch?

  4. Esther schreibt:

    Da war sehr berührend, Herba. Hat mich irgendwie an meinem Vater erinnert in seinen letzten Jahren…

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  5. Michele Marsh schreibt:

    Herba I was crying in the end of the story
    I some how think your writing this based on a family member
    Reminds me of my mum’s state of mind right now
    Beautifully written

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  6. Herba schreibt:

    @M: Danke schön.

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  7. Herba schreibt:

    @Moni: Danke schön und DIr auch schöne Pfingsten!

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  8. Herba schreibt:

    @Esther: Ich hoffe, es waren gute Erinnerungen!

    Gefällt 1 Person

  9. Herba schreibt:

    @Michele: Sorry for making you cry!
    No family member of mine….I was lucky enough to not have witnessed this up, close and personal so far – thank the heavens!

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  10. Michele Marsh schreibt:

    Herba the story really touched me and that’s a mark of a good writer!!
    Parts of your story are relatable

    Gefällt 1 Person

  11. Esther schreibt:

    Bittersweet – es war manchmal schon hart ihn so im Heim zu sehen,

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  12. Herba schreibt:

    @Esther: 😦 ich kriege immer Gänsehaut, wenn Leute von nahen Angehörigen nicht mehr erkannt werden – ganz schlimm!

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