Uncle Vanya – Harold Pinter Theatre – 2020

Vanya (Toby Jones) verwaltet seit Jahrzehnten das Landgut seiner verstorbenen Schwester, hat dabei seine Nichte Sonya (Aimee Lou Wood), die nun auch auf dem Gut mitarbeitet, großgezogen und finanziert damit seinen Schwager, den Professor (Ciarán Hinds), der in der Stadt lebt.
Als der Professor von seiner Universität in Rente geschickt wird und seine Dienstwohnung verliert, kommt er mit seiner jungen, schönen Frau Yelena (Rosalind Eleazar) zum Landgut, um ab sofort dort zu leben.
Mit seiner exzentrischen Lebensweise bringt der Professor Unordnung in das wohlgeordnete, etwas langweilige Landleben und verströmmt eine allgemeine Trägheit, der sich nicht nur Vanya, sondern auch der befreundete Doktor Astrov (Richard Armitage) nicht enziehen kann.
Die so gestörte Gemeinschaft steuert schnell auf eine Konfrontation zu, die sich gewaschen hat…

In der Geschichte unseres kreativen Blogprojekts #MachWas! dürfte das das erste Mal sein, dass ich extra ins Ausland gereist bin, um eine Aufgabe zu erfüllen.
Aber was tut man nicht alles für die Kreativität 😉
Und zum Glück mag ich Tschechow, von daher war es kein allzu großes Opfer mir die neueste Bühnenadaption von ‚Uncle Vanya‘ im Harold Pinter Theatre anzuschauen.
Gesehen habe ich das Stück zwei Mal an direkt aufeinanderfolgenden Abenden, jedes Mal aus Reihe Fünf des Innenraums.
Am ersten Abend saß ich links außen, was mir einerseits einen guten Überblick auf die Bühne ermöglichte und vor allem die Szenen, die sich am Bühnenrand abspielen und von denen es einige gibt.
Andererseits konnte ich so nicht sehen, was sich links hinten abspielt.
Das äbderte sich am zweiten Abend, an dem ich eher mittig saß und nun einen guten Blick auf den Bühnenhintergrund hatte, der das ein oder andere Mal eine kleine Rolle spielt.
Durch die beiden Herren, die vor mir saßen, wurde mir nun allerdings der Blick auf die Bühnenränder eher versperrt und meine AUfmerksamkeit wurde so automatisch auf das freie Sichtfeld auf die Mitte der Bühne gelenkt.
Es ergaben sich so interessante Unterschiede in der Wahrnehmung und wenn ich gekonnt hätte, hätte ich aus reinem Interesse vom Balkon aus erhöhter Sicht eine weitere Vorstellung angeschaut…

Die Kulisse für dieses Stück ist wunderschön! Unter der Ägide von Rae Smith ist ein Raum des Landguts entstanden, das mal als Salon und mal als Studienzimmer des Professors dient und durch große Glastüren nach draußen in die Natur führt.
Beim genaueren Hinsehen kann man immer wieder kleine Details entdecken, ein Bücherregal im Hintergrund hat zum Beispiel bei mir den Wunsch geweckt, dort hingehen und die Bücher in die Hand nehmen zu können.
Dem leicht heruntergekommenen Charme dieses Settings konnte ich mich ebensowenig entziehen, wie dem wunderbar warmen Licht, das durch echte, brennende Kerzen noch verstärkt wird.
Meine Sorge, dass das Set evtl mal in Flammen aufgehen würde, fand Anna Calder-Marshall, die die alte Amme Nana spielt, an der Stagedoor augenscheinlich süß, aber auch amüsant.
Und meine Reisebegleitung beruhigte mich dann mit der Anmerkung, dass zwei Feuerlöscher auf der Bühne standen und zur Not können die Schauspieler im Fall des Falls ja immer noch mit Theaterwein und Wodka löschen, der in rauen Mengen auf der Bühne konsumiert wird 🙂

Die Kostüme sind ein gelungener Mix aus zeitgenössischer Garderobe und zeitlosen Kleidungsstücken, die mir sehr gut gefallen haben.
Vor allem Ciarán Hinds sieht im dreiteiligen Anzug sehr stattlich aus aber auch Richard Armitage ist enorm sexy in den Astrov-Stoffhosen, die den netten Hintern gekonnt betonen.
Wer ihm allerdings Mantel und Hut zu den Reitstiefeln am Ende verordnet hat, weiß nur der Theatergott….

Schauspielerisch hat mir das gesamte Ensemble gut gefallen, weil sie wunderbar miteinander harmonieren.
Toby Jones als Vanya sticht aber mit seinem Geschick für Timing, mit dem gekonnten Wechsel zwischen Verzweiflung und Humor, mit dem unwiderstehlichen Sinn für Sarkasmus und Ironie und mit seinem allgemein ausdrucksvollen Spiel für mich durchaus hervor.
Die Rampensau auf der Bühne ist mit dem zurückhaltenden, netten Menschen an der Stagedoor kaum in Einklang zu bringen – wirklich faszinierend.
Jones ist auch einer von denen, bei deren Spiel ich in beiden Vorstellungen wenig Unterschiede bemerken konnte.
Richard Armitage zeigt als Astrov, dass er auf der Theaterbühne einfach am besten zeigen kann, dass er ein wirklich guter Schauspieler ist.
Egal ob leidenschaftlich, verzweifelt, verliebt, er überzeugt mich restlos. Und darf zudem auch noch sein lustiges Talent zeigen, was ebenfalls vorhanden ist. Sei es als betrunken Gröhlender oder als Arzt, der seinen neuesten Assistent mit leichtem Sprachfehler nachäfft – einfach herrlich.
Überhaupt waen die vielen Momente, in denen man bei dieser Dramainszenierung lachen konnte und auch musste, wirklich überraschend, aber auch sehr willkommen.
Gelacht wurde übrigens mehr am ersten Abend, dafür war der Schlussapplaus am zweiten Abend andauernder und lauter.
Von den beiden Frauen mit Hauptrolle hat mich Rosalind Eleazar als junge Frau, die den falschen Mann geheiratet hat, eher überzeugt, als Aimee Lou Wood.
Sie spielte mir als Sonya gerade am ersten Abend zu kindlich-naiv, wirkte am zweiten Abend deutlich reifer und entwickelte am Ende des Stücks tatsächlich ein wenig Chemie zu Armitage als Astrov, der darauf reagierte, indem er nachdenklich und fast ein wenig traurig darüber wirkte, dass er nichts für die junge Frau empfindet.
Das wirkte für mich im Dramazusammenhang weit runder und hat mir wirklich gut gefallen.
Ciarán Hinds hat schon auf Grund seiner Statur wenig Mühe den Professor eindrucksvoll darzustellen und hält die Arroganz der Figur selbst dann gekonnt aufrecht, als Vanya ihn als Egoist entlarvt hat.
Anna Calder-Marshall, Peter Wight und Dearbhla Molloy machen in den Nebenrollen ihre Sache allesamt gut, wobei mich gerade Molloy am zweiten Abend mehr erreicht und berührt hat.

Das charakterisiert vielleicht allgemein den Unterschied zwischen den beiden Vorstellungen allgemein ganz gut.
Während am ersten Abend die Dialoge präzisser abgeliefert wurden und das Timing einen Ticken stärker auf den Punkt war, kam am zweiten Abend manche Emotion stärker bei mir an.
Ob das an meiner veränderten Perspektive oder an der unterschiedlichen Tagesform der Schauspieler lag, kann ich allerdings nicht beurteilen.

Insgesamt war ‚Uncle Vanya‘ für mich ein wunderbares Theaterlebnis, bei dem sich das Anschauen lohnt. Die wunderbare Atmosphäre, das schöne Bühnenbild und die tollen Schauspieler werden mich noch lange begleiten, auch wenn das Stück an sich sicher nicht so lange und emotional nachhalt wie zum Beispiel ‚The Crucible‘.
Wer noch die Gelegenheit hat, sich das Stück anzuschauen: es lohnt sich und bis Anfang Mai ist dazu noch Gelegenheit.

Highlights am Rande, die für ein zusätzliches mittelschweres bis großes Lächeln bei mir gesorgt haben, gab es an jedem Abend übrigens auch.
Am ersten Abend waren wir so früh im Theater, dass wir die stimmlichen Aufwärmübugen des Casts auf der Bühne hören konnten – sehr amüsant die einzelnen Stimmen beim ‚Brrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrr‘ und ‚AaaauuuuuuAaaaaa‘ zu identifizieren.
Am zweiten Abend irritierte mich ein lautes, herzliches Lachen, das von der Loge links neben/über mir kam und das irgendwie vertraut klang.
Den dazugehörigen Herren konnte ich beim genauen Hinsehen als Mark Rylance identifizieren, der sich das Stück mit seiner Frau (?) zusammen anschaute, augenscheinlich viel Spaß dabei hatte und später dann auch durch die Stagedoor marschierte, um den Cast zu besuchen – so cool!

* * * * * * * * * * * * * * * * *

Dieser Post ist für das Gemeinschaftsblogprojekt von Poe und mir entstanden; das Thema war ‚Mach was…mit Theater!‘.
Gesamter Text © Herba für ‚Unkraut vergeht nicht…oder doch?‘
Bitte nicht ungefragt zitieren oder weiterverwenden!!!

Dieser Beitrag wurde unter Theater abgelegt und mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

6 Antworten zu Uncle Vanya – Harold Pinter Theatre – 2020

  1. Servetus schreibt:

    Will come back — but first of all cool about Rylance! He was at The Crucible, too. Glad he enjoyed it!

    Liken

  2. Michele Marsh schreibt:

    Herba great review! We had different seats both nights and definitely different perspectives about the view of the stage depending where we sat. Stage is phenomenal
    I really hope Rae Smith wins the Olivier award!!! 😘❤️

    Liken

  3. Herba schreibt:

    @Servetus: I didn’t know that, cool!
    He has a severe beard at the moment so I wasn’t really sure at first, even if I had his voice present in my ear because of a documentation I saw some weeks ago (about his grandfather in WWII). But when he walked past me at the stage door there wasn’t any doubt it was him

    Liken

  4. Herba schreibt:

    @Michele: Yeah, it seems different seats can give different perspectives at a play. Really interesting!

    Liken

  5. Esther schreibt:

    Schön um Deine Eindrücke zu lessen! Ich habe es an den zwei Abenden wo ich war auch verschieden erlebt, bei mir auch beim zweiten Mal emotional stärker. Vielleicht am ersten Abend zu viel abgelenkt mit Richard beobachten? Ich glaube das war bei mir der Fall. 🙂

    Liken

  6. Herba schreibt:

    @Esther: Das kann natürlich gut sein 🙂

    Gefällt 1 Person

Ich freu mich über Kommentare! Indem Du die Kommentarfunktion hier nutzt, erklärst Du Dich mit der Verarbeitung Deiner angegebenen Daten durch Automatic Inc. sowie den Dienst Gravatar einverstanden.

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.