Nurejew – The White Crow

Rudolf Nurejew (Oleg Ivenko) wächst in den Vierziger Jahren in armen Verhältnissen in Russland auf.
Mit siebzehn beginnt er eine staatliche Balettausbildung in Leningrad unter dem renomierten Lehrer Alexander Puschkin (Ralph Fiennes) und tanzt später als Solist im bekannten russischen Kirow-Ballett.
Während einer Auslandsreise mit dem Ballett saugt Nurejew in Paris die fremde Kultur auf und entwischt immer wieder seinen Aufpassern vom KGB.
Vor der Weiterreise nach London am Flughafen Le Bourget muss der Ausnahmetänzer sich entscheiden: Russland oder künstlerische Freiheit im Westen…

Wenn ich ehrlich bin, habe ich von Ballett so viel Ahnung, wie eine Kuh vom Schlittschuhlaufen und ich kann zwar die sportluch-künstlerische Leistung würdigen, habe bisher aber nie eine ganze Ballettvorstellung angeschaut.
Der Name Rudolf Nurejew ist mir daher zwar ein Begriff, aber wirklich Interesse hatte ich bisher für diesen Tänzer nie.
Aber da ich ja gerne mal aus Fangirl-Gründen meinen Horizont erweitere, bin ich vor kurzem ins Kino gegangen, um mir ‚Nurejew – The White Crow‘ anzuschauen und zwar dieses Mal bewusst synchronisiert, obwohl die englische DVD schon seit Erscheinen aufs Anschauen wartet.
Da im Film aber zum großen Teil Russisch gesprochen und mit Untertiteln gearbeitet wird, die zu lesen mir dieser Tage noch schwerer fällt als sonst, war die Synchro-Version erstmal die bessere Option.
Obwohl natürlich die Originalversion, die ich mitterlweile auch gesehen habe, irgendwie authentischer wirkt, genau wegen der verschiedenen Sprachen und Akzente bei fremden Sprachen.

Nurejew wird vom unbekannten Tänzer Oleg Ivenko gespielt, der hier sein absolutes Schauspieldebüt gibt.
Ich finde er macht seine Sache dafür ausgesprochen gut und zeigt vor allem in den Momenten, in denen Nurejew sich wie ein egozentrischer Idiot verhält, Talent.
Ivenko, der den Film durch seine Hauptrolle tragen muss, schafft das, vielleicht auch, weil er ja einen Nurejew spielt, der sich in vielen unbekannten Situationen und an ihm unbekannten Orten wiederfindet und vieles zum ersten Mal tut und sieht.
Der ausgebildete Ballettänzer Ivenko betont in Interviews zum Film immer wieder, wie sehr er seinem Regisseur vertraut hat und dass es einfach war, sich von ihm führen zu lassen und ich denke, dass sich das sehr positiv auf seine Darstellung ausgewirkt hat.
Der Film besticht allgemein durch die vielen guten schauspielerischen Leistungen.
Mir sagten die meisten Schauspieler zwar vorher gar nichts, aber vor allem von Chulpan Khamatova als Xenia, Aleksey Morozov als KGB-Mensch und Adèle Exarchopoulos war ich angetan.
Und gefreut habe ich mich über das Mitwirken des Deutschen Louis Hofmann, dessen Nacktszene in einigen Ländern herausgeschnitten werden musste, damit der Film in die Kinos kam, was Regisseur Ralph Fiennes sehr geärgert hat.
Fiennes wollte eigentlich nur Regie führen, wurde aber aus finanziellen Gründen von einem potentiellen Finanzier dazu überredet, Puschkin zu spielen.
Der Finanzier hat übrigens letztendlich kein Geld springen lassen, aber ich bin ihm sehr dankbar für seine Überredungskünste, denn ich liebe Fiennes als zurückhaltenden, sanften Puschkin.
Er spielt den Ballettlehrer genau so wie er von Zeitzeugen beschrieben wird und ich finde vor allem die verschiedenen Gesichtsausdrücke, die er hier zeigt, wirklich zauberhaft.

Gefallen haben mir auch der unaufdringliche Soundtrack, die überzeugende Ausstattung und die Bildsprache des Films, die sich durch viele Großaufnahmen der Gesichter und einzelner Körperteile auszeichnet.

Erzählt wird der relativ kurze Ausschnitt aus Nurejews Leben nicht chronologisch, sondern auf drei verschiedenen Zeitebenen, zwischen denen immer wieder hin und her gewechselt wird.
Schwarz-weiß sind die Szenen aus der Kindheit des Tänzers, die ich persönlich am schwächsten fand.
Leicht sepiafarben werden die beiden Zeitebenen in Leningrad bei Puschkin und in Paris mit dem Kirovballett dargestellt.

Für mich sind die zwei Stunden im Kino schnell vergangen, trotzdem kann ich verstehen, wenn manche Szenen als kleine Länge empfunden wird oder jemand mit dem sprunghaften Erzählstil nicht ganz zurecht kommt.
Ich glaube aber zu verstehen wieso Fiennes die Geschichte auf diese Art und Weise erzählt und halte es auch für plausibel, auch wenn ich eigentlich kein großes Fan dieses Stilmittels bin.

Auch der kurze Zeitraum aus dem Leben des Ausnahmetänzers ist bewußt gewählt (darüber hat sich eine Dame hinter mir im Kino beschwert, weil das spätere Leben viel spektakulärer gewesen wäre).
Fiennes interessierte vor allem die Transformation des jungen Mannes zum Künstler, daher ist er nicht länger bei ihm geblieben, auch wenn er mittlerweile wohl bereut die Homosexualität von Nurejew nicht stärker thematisiert zu haben.

Insgesamt hat mir ‚Nurejew – The White Crow‘ wirklich gut gefallen, auch wenn der Film sicher kein Oscarreifes Meisterwerk ist und ich habe ihn sicher nicht zum letzten Mal gesehen.
Prädikat: zum Fangirlen gekommen und wegen dem ganzen Rest geblieben 🙂

Die DVD zum Film bei Amazon.de (Affiliate-Link)

Ein deutscher Trailer

Ein englischer Trailer

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8 Antworten zu Nurejew – The White Crow

  1. „Sprunghafter Erzählstil“ passt doch zu einem Balletttänzer 😀 .

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  2. Herba schreibt:

    @Bette: Hihi, damit hast du natürlich vollkommem Recht ☺

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  3. Pingback: Medienjournal: Media Monday #434 | Unkraut vergeht nicht….oder doch?

  4. Michele Marsh schreibt:

    Herba, I really like that you came into the film as a fangirl of RF but stayed b/c of the artistic side of the film. I would see this film for the ballet features of it and I think it is quite fitting that Ivenko as a professionally trained dancer is cast as Nureyev perhaps some parallels in life and as a dancer with Nureyev also that it jumps back and forth probably works here quite well. I will definitely see this when it hits PPV. Great great review as always!!

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  5. monisertel schreibt:

    Danke für die Rezension ♥ Ich werde mir den Film definitiv ansehen, aber meine Erwartungen nicht zu hoch schrauben. Nurejew war einmalig, ein Ausnahmetalent, das kann man nicht einfach „spielen“. Trotzdem -wie gesagt- sicher sehenswert.
    Guten Wochenstart und lieben Gruß
    moni

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  6. Herba schreibt:

    @Michele: Yes, I like that too.
    Mostly a professional dancer was cast as Nurejew because they had not enough money to film with an ‚real‘ actor and cut the dance scenes in later with an professional dancer as body double, but yes it worked well in my opinion.

    Gefällt 1 Person

  7. Herba schreibt:

    @Moni: Gerne und schonmal viel Spaß beim Anschauen. Im Hinblick auf die EInmaligkeit von Nurejew ist es vielleicht gut, dass der Film sich auf die frühen Jahre beschränkt, wo der Künstler noch sehr unfertig war 🙂
    Liebe Grüße zurück!

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