And the Oscar goes to…

Sie stand zwischen den Regalen in ihrem Lieblings-Supermarkt und überlegte, ob sie lieber Spinat oder Broccoli zum Abendessen machen wollte als ihr Smartphone losduddelte und Freddie Mercury ‚Show must go on‘ gröhlte.
Der Klingelton war ein dummer Scherz ihres ältesten Sohnes, der sie damit hatte aufheitern wollen, als sie kurz davor war alles hin zu schmeißen und einfach nur Hausfrau und Mutter sein wollte, weil es im Job einfach nicht so lief, wie sie sich das vorstellte.
Das war nun schon ein paar Jahre her,der Kleine konnte ihr mittlerweile auf den Kopf spucken und ihre Karriere hatte sich auch ganz ordentlich entwickelt, aber den Klingelton, den hatte sie behalten.

‚Hallo?‘
‚Ha……krck…..ka…..schschschhhhhhhh……wa…….zzzzzzzzzzsch…ic…krschschschchhhhhhh….‘
‚Hallo? Wer ist denn da? Ich versteh kein Wort!‘
‚Hallo? Schschschhhhhh….bist du’s? Hier ist Steve!‘
‚Oh hi Steve! Ich bin grade beim Einkaufen und der Emfang scheint beim Spinat nicht ganz so toll zu sein. Warte mal, ich probiere es mal bei den Radieschen!‘
‚Ja, mach das mach. Es gibt Neuigkeiten. Am besten gehst du gleich zum Schnapsregal, du wirst vermutlich einen brauchen!‘
‚Was? Wieso? Es ist erst 11 Uhr, da ist es ein bißchen früh, um mit dem Trinken anzufangen, oder?‘
Die Männerstimme am anderen Ende holte tief Luft und sprudelte dann hervor: ‚Die Nominierungen sind da. Du bist dabei, eine von Fünf für die beste weibliche Hauptrolle dieses Jahr…‘

Obwohl er diese Sätze mindestens fünf Mal wiederholte, kam das Ganze nur sehr langsam bei ihr an.
Wie vom Donner gerührt stand sie zwischen Bioobst und Tiefkühlgemüse und war nicht fähig auch nur einen klaren Gedanken zu fassen.
Schließlich wurde ihr klar, dass das mit dem EInkaufen heute eher nichts mehr werden würde, also ließ sie den Wagen einfach da stehen wo er war und verließ den Suermarkt im Autopilotmodus.

Daheim angekommen konnte sie nicht sagen, wie sie das geschafft hatte. Ihr treuer Minicooper kannte den Weg und hatte sie wohl einfach sicher nach Hause gebracht.
Hoffentlich hatte sie dabei niemanden überfahren!
Der Gedanke ließ sie hysterisch auflachen und sei presste sich die Hände vor den Mund.

So fand sie ihr Ehemann einige Minuten später.
‚Oh hallo Schatz, da bist du ja wieder. Soll ich die Einkäufe reinbringen?‘
‚Es gibt keine‘ stellt sie trocken fest.
‚Keine Einkäufe? Aber du hast doch gesagt, dass du zum Supermarkt willst?‘
Nun gaben ihre Beine nach und an die Dielenwand gelehnt rutschte sie daran herunter, bis sie auf dem Boden hockte.
‚Steve hat angerufen. Ich bin nominiert…‘
‚Was? Ich versteh dich nicht. Bist Du krank? Liebes, was ist denn los.‘
Besorgt ging ihr Ehemann neben ihr in die Knie.
‚Steve hat angerufen. Ich bin nominiert…‘ wisperte sie noch einmal und dieses Mal war sie gehört worden, denn die Augen ihres Mannes wurden groß wie Unterteller, bevor er aufsprang, ein lautes ‚YESSSSSSSSSSSS!‘ ausstieß und einen kleinen Freudentanz aufführte.
Sie blieb wo sie war, schaute ihm lächelnd zu und dachte: ‚Darum liebe ich den Kerl so!‘

Später, als er ihr aufgeholfen und sie kräftig umarmt und geküßt hatte, saßen sie Händchen haltend auf dem Sofa.
Beide noch ungläubig und ein wenig geschockt, aber auch sehr glücklich.
‚Drehst du nun durch?‘ fragte er gespielt besorgt.
‚Natürlich! Ihr müßt mich nun alle mit ‚Mylady‘ ansprechen und dürft nur rückwärts den Raum verlassen wenn ich dabei bin!‘
Sie prustete los. ‚Kannst Du Dir dabei Deine Mutter vorstellen?‘
Er lachte mit. ‚Sie würde uns vermutlich enterben. Und DICH einweisen lassen!‘
‚Der beste Garant dafür, dass ich auf dem Teppich bleibe!‘

Die nächsten Wochen vergingen wie im Flug. Die Reise ins LaLaLand musste vorbeireitet, Flüge und Hotelzimmer mussten gebucht, Kleider mussten ausgewählt und Pressetermine mussten absolviertwerden.
Natürlich hatte sie dabei Unterstützung, aber sie hatte bei allem das letzte Wort und der ganze Wirbel ging ihr zunehmend auf den Keks!
Wie immer holten sie ihre Kinder zurück auf den Boden der Tatsachen, vor allem der Große brachte es auf den Punkt, als sie mal wieder beim Abendessen saß und jammerte.

‚Mensch Mum. DU bist nun eben gerade mal der letzte, heiße Scheiß. Dafür arbeitet ihr Schauspieler doch, oder nicht?! Also jammer nicht, sondern genieß es! Dass geht schließlich schneller vorbei, als Du ‚Oscar‘ sagen kannst!‘

Und diese weisen Worte nahm sie sich nun zu Herzen. Sie genoß die Aufmerksamkeit, sagte weiterhin klipp und klar ihre Meinung und machte sich zwischendurch im Stillen über sich selber und den ganzen Affenzirkus lustig.

Dann kam der Abend der Preisverleihung, sie saß neben ihrem Mann aufgebrezelt in der ersten Reihe und wartete darauf, dass sie Awardshow endlich bei ‚ihrem‘ Preis ankommen würde.
Die Zeit bis dahin nutzte sie, um sich gut zuzureden und sich daran zu erinnern, nicht wieder loszuheulen, wie bei der letzten Preisverleihung.
Schließlich fand sie selbst nichts schlimmer, als heulende Schausielerinnen, die mit hoher Kleinmädchenstimme irgendeinen Stuß ins Mikro stammelten.

‚And the Oscar goes to…‘

‚Herzlichen Glückwunsch mein Liebling! DU hast es geschafft!‘
‚WAS? Oh mein Gott!‘
Mit weit aufgerissenen Augen ließ sie die Glückwünsche über sich ergehen. Wieso hatte denn bitte SIE diesen Preis gewonnen? Das war einfach unglaublich!
Die Übergabe des Preises, ihre Dankesrede, in der sie dann doch die Tränen nicht zurückhalten konnte, die ersten Interviews, das Posieren für die Fotografen, all das verschwamm zu einem bunten Reigen in ihrem Kof, während die Stimme in ihrem Kopf immer wieder leicht hysterisch ‚OMG!‘ und ‚Ich habe einen OSCAR!‘ plärrte.

Selbst als sie zwei Tage später wieder im Flieger nach Hause saß, hatte sie das Ganze immer noch nicht wirklich begriffen.
Erst als sie circa zwei Wochen säter wieder im Supermarkt stand, zwischen Pilzen und Paprika wählen mußte und durch die Lautsprecher plötzlich ‚Show must go on‘ von Mercury plärrte, wurde es ihr endlich klar.
Sie hatte bei einer der bekanntesten Preisverleihungen der Welt einen der wichtigsten Preise gewonnen.
Und egal wohin ihre berufliche Reise noch gehen würde, diese Momente und diese Goldjungen konnte ihr niemand mehr nehmen.

* * * * * * * * * * * * * * * * *

Dieser Text ist für das Gemeinschaftsblogprojekt von Poe und mir entstanden; das Thema ‚Mach was…mit einem Award/Preis‘.
Eventuelle Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen sind rein zufällig und vollkommen unbeabsichtigt.
Gesamter Text © Herba für ‚Unkraut vergeht nicht…oder doch?‘
Bitte nicht ungefragt zitieren oder weiterverwenden!!!

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14 Antworten zu And the Oscar goes to…

  1. Guylty schreibt:

    Schön! (Ich weiß auch nicht, warum ich gerade an Olivia Colman denken muss.)

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  2. Pingback: Gemeinschaftsblogprojekt ‘Mach was!’ – Ergebnis #46 und neues Thema | Unkraut vergeht nicht….oder doch?

  3. Servetus schreibt:

    I’d always pick broccoli over spinach 🙂

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  4. Kate schreibt:

    Genial!!

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  5. Herba schreibt:

    @Guylty: Danke, tja, keine Ahnung 🙂

    Gefällt 1 Person

  6. Herba schreibt:

    @Servetus: You and me both! I eat spinach but…

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  7. Herba schreibt:

    @Kate: Dank Dir!

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  8. Michele Marsh schreibt:

    Herba, these stories are so wonderful and clever. Nice tie in at the end. Thank you for this! I chuckled at the „faithful Mini Cooper“ !!

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  9. Rina schreibt:

    Toll geschrieben. Man stelle sich das vor – so eine Ankündigung im Supermarkt…ich wäre wohl zusammen geklappt…
    sehr gut…

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  10. Herba schreibt:

    @Michele: Thank you!
    When I came up with ‚awards‘ for our #MachWas! I had something comletely different in mind but the story turned out to be this one…

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  11. Herba schreibt:

    @Rina: Danke!
    Eigentlich ist dass das typische Klischee, wenn Schauspieler gefragt werden wo sie eine bestimmte Nachricht bekommen haben (Daniel Craig soll z.B. im Supermarkt gewesen sein, als der Anruf kam, dass er der neue Bond sein darf), daher hab ich das gerne ‚geklaut‘.

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  12. Rina schreibt:

    Ach ja – so direkt aus dem Alltag heraus – kann man kaum glauben.

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  13. Herba schreibt:

    @Rina: Ja, klingt ziemlich weit hergeholt, aber die schönsten Geschichten schreibt ja eigentlich immer das Leben 🙂

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