Green Book – Eine besondere Freundschaft (Originalversion)

New York, 1962
Der Italo-Amerikaner Anthony Vallelonga (Viggo Mortensen), den alle nur Tony Lip nennen, weil er quasi jeden dazu überreden kann, etwas zu tun, was Tony gerne hätte, ist New Yorker durch und durch und arbeitet im Nachtclub Copacabana als Türsteher.
Als der Club wegen Renovierungsarbeiten für mehrere Monate schließt, braucht Tony dringend eine andere Beschäftigung.
Da er sich nicht direkt mit der Mafia einlassen will, tritt er eine Stelle als Chauffeur an.
Für circa acht Wochen soll er den begnadeten Pianisten Dr. Don Shirley (Mahershala Ali) auf seine Tour durch den tiefsten Süden der USA begleiten.
Bei dieser Reise prallen in vielfältiger Weise zwei Welten aufeinander, den der bauernschlaue Proll Tony, der Schwarze verachtet, trifft auf den gebildeten, kultivierten Schwarzen Shirley und die weiße Oberschicht im Süden jubeln einem schwarzen Musiker zu, den sie nicht in ihre Hotels und Restaurants lassen…

‚Green Book‘ ist eine Tragikkomödie mit biograhischen Zügen, da das Drehbuch auf Interviews mit Tony Lip und Don Shirley, sowie den Briefen, die Tony seiner Frau Dolores, die im Film von Linda Cardellini gesielt wird, während der Reise schrieb, basiert.
Zudem war einer der Drehbuchschreiber Nick Vallelonga, einer von Tony’s Söhnen.
Die Familie von Don Shirley war nach eigener Aussage jedoch nicht eingebunden und lehnt den Film ab, da er weder die Beziehung von Don zu seiner Familie noch die Bezwihung zwischen Don und Tony wahrheitsgetreu wiedergeben würde.
Diese Aussagen sorgten in den USA für eine Kontroverse, genau wie ein Interview von Viggo Mortensen, in dem er das in den USA zurecht verpöhnte Wort ‚Nigger‘ benutzte.
Mortensen wollte sich damit gegen Rassismus aussprechen, entschuldigte sich aber am nächsten Tag trotzdem und versprach es nie wieder zu benutzen.
In Deutschland war das alles wohl eher kein Thema, hier wurde meiner Wahrnehmung nach der Film überwiegend positiv aufgenommen.

Mahershala Ali als Don Shirley hat mir sehr gut gefallen, weil er den kultivierten, zurückgenommenen Mann wirklich großartig darstellt und so ein gutes Gegengewicht zu Viggo Mortensens Tony Lip bildet, der aus seinem Herzen nur selten eine Mördergrube macht und dem man so wunderbar seine Verwirrung ansehen kann, wenn er von Shirley mal wieder für irgendetwas kritisert wird.
Die beiden Schauspieler harmonieren wirklich wunderbar, aber Star der Show ist für mich dann doch Mortensen, der den Italo-Amerikaner aus New York so glaubhaft auf die Leinwand zaubert, samt vernuscheltem englischem Akzent und italienischem Machismo.
Daher ist der Film in meinen Augen aber auch eher auf Tonys und nicht so sehr auf Dons Entwicklung konzentriert.
Den subtilen Humor, der in vielen Situationen schnell an der Grenze zum Schmerzhaften balanciert, wußte ich beim Anschauen genauso zu schätzen, wie die wunderbar komonierte Farbgebung des Films, die liebevolle Ausstattung und die tolle Musik.
Auf all diesen Ebenen funktioniert der Film meiner Meinung nach; als Komödie, als Roadmovie, als Buddy Movie, als Drama, als Zeitzeuge eines absurden Systems, das Menschen diskriminierte und erniedrigte.
Doch da wird es dann trügerisch.
Wenn nämlich so ein Film dazu benutzt wird, um sich selbst auf die Schulter zu klopfen und zu sagen: ‚Seht her, wie weit wir seit damals gekommen sind!‘ erzeugt das ein Bild, das verzerrt und von den aktuellen Problemen ablenkt, denn Rassismus ist ja mitnichten aus der Gesellschaft verschwunden.
Auch die Tatsache, dass einige Stereotyen, wie das andauernde Essen von fritiertem Huhn, verbaut werden und Tony Don beibringen will, was ein Schwarzer tut, welche Musik er hört um ein Schwarzer zu sein, macht das Ganze nicht besser.
Daher kann ich es durchaus verstehen, dass es amerikanische Kinogänger gibt, die den Film nicht mögen.
Als Aussenstehende fehlt mir allerdings das ‚Insiderwissen‘, um diese Nuancen wirklich alle vollständig aufzunehmen und vermutlich mag ich den Film daher auch wirklich gerne, halte viele der Auszeichnungen für absolut verdient und ich würde jederzeit wieder ins Kino gehen.

Der Film ist übrigens nach dem ‚The Negro Motorist Green Book‚ benannt, einem Reiseführer für schwarze Reisende, die mit dem Auto in den USA unterwegs waren und darin Institutionen nachschlagen konnten, die Schwarze bedienten/aufnahmen.

‚Green Book – Eine besondere Freundschaft‘ bei Amazon Video und Amazon.de

Ein englischer Trailer

Ein deutscher Trailer

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19 Antworten zu Green Book – Eine besondere Freundschaft (Originalversion)

  1. steffelowski schreibt:

    Ein sehr interessanter Beitrag. Danke schön dafür . Ich fan den Film auch großartig, muss ihn aber noch im Original nachholten.
    Die Aussage, dass Mortensen das „N-Word“ in einem Interview benutzt hat und dies zu „Irritationen“ geführt hat, kann ich nicht einordnen. Weißt man denn, in welchem Kontext das Wort gefallen ist? Wenn es hierbei darum ging, die damaligen Verhältnisse und Umstände darzustellen. finde ich es nicht verwerflich, da der damalige Sprachgebrauch eben (leider) so war. Unentschuldbar wäre es natürlich, wenn es um die Black Community der heutigen Zeit ging.

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  2. Servetus schreibt:

    I’ve probably said more than enough about this film (laughs). I’ll just recommend my favorite film on this general theme, „In the Heat of the Night“ starring Sidney Poitier and Rod Steiger, which won the Oscar the year it came out. If Green Book wins I will metaphorically vomit but I don’t think the risk is too high. I enjoy Ali a lot, he was fantastic in Moonlight, and he’s apologized to the Shirleys, so I am just going to erase this film from my memory somehow.

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  3. Servetus schreibt:

    @steffelowski , here’s a discussion: https://www.theguardian.com/film/2018/nov/10/viggo-mortensen-n-word-green-book-screening

    There are two issues here. One is that no white person in the US should be saying that word for any reason. Mortensen should know this by now. It’s the equivalent of using a pejorative word for Jews in Germany. Saying it automatically places you outside of polite society. The second, though, is that we should all know by now that racism isn’t limited to vocabulary. It’s insane to say that things have improved because people no longer use racial epithets in mixed company, as if racism were simply a matter of manners. (Although the film makes this mistake, too.)

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  4. Camassia schreibt:

    Ich habe den Film in der deutschen Version gesehen, hpts. wegen Viggo Mortensen. Ich war gespannt, wie er den prolligen, übergewichtigen Rausschmeißer spielt, der sich dann im Lauf des Films wandelt und seinen Horizont erweitert. Und das ist ihm wirklich fabelhaft gelungen, ich war echt beeindruckt, da er ja in dieser Rolle auch total gegen den Typ besetzt war.
    Die Geschichte fand ich anrührend, teilweise etwas dick aufgetragen. Den Twist mit der Badehaus-Szene fand ich jetzt relativ überflüssig, ich hätte das Außenseitertum von Don Shirley auch so begriffen. Mahershala Ali fand ich gut besetzt, sehr kultiviert und feinsinnig, und manchmal auch autoritär, dann wieder absolut hilflos. Es hätte dem Film jedoch schon gut getan, wenn man noch mehr von seinen Lebensumständen erfahren hätte, auch von seiner Familie, die sich jetzt zu Wort gemeldet hat. So blieb sein Charakter doch etwas an der Oberfläche. Daher finde ich es angemessen, dass er für die beste Nebenrolle nominiert wurde. Besonders interessant fand ich das Verhalten seiner weißen Trio-Kollegen, die zwar mit ihm arbeiten, aber sich nie wirklich für ihn einsetzen und so den alltäglichen Rassismus sehr deutlich zeigen.
    Ingesamt fand ich diesen Film gut, und diese typisch amerikanischen Diskussionen vorher um das böse N-Wort, das nie niemals fallen darf, auch wenn Rassismus auch heute noch allgegenwärtig ist, haben mich eher bestärkt, mir den Film anzuschauen. Und ich wurde nicht enttäuscht. Ich bin ja um jeden Film dankbar, der eine kohärente Geschichte erzählt, die nicht um Comicfiguren oder psychotische Killer kreist.
    Bin mal gespannt, wie ‚Green Book‘ oscarmäßig abschneidet…

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  5. Herba schreibt:

    @steffelowski: Sehr gerne!
    Ich habe leider kein Video von Mortensens Aussage gefunden, allerdings dies hier, in dem er seine Aussage richtig stellt und wenn es so war, finde ich es auch nicht verwerflich und eher schade, dass seine Originalaussage untergeht, weil man sich über dieses eine Wort aufregt. Auch wenn er es natürlich hätte besser wissen müssen.
    Aber ich finde man merkt hier, wie nahe ihm das Ganze geht oder wie angefaßt er durch die Kritik ist, von daher glaube ich ihm das was er sagt.

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  6. Herba schreibt:

    @Servetus: I read your post about it and I understand your criticism even if I can’t share all of it from my (outsider) point of view.
    Ali is a great actor and I hope he’ll continue his success on screen, can’t wait to see his season of ‚True detective‘!

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  7. Herba schreibt:

    @Servetus: Yes to your first point, he shouldn’t have said it and should have kown better and that’s why he apologized I think.
    Re your second point: According to Mortensens own words that’s exactly what he tried to say, only because certain words aren’t used any more racism isn’t eradicated.

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  8. Herba schreibt:

    @Camassia: Ja, Mortensen liefert als Tony wirklich großartig ab und Ali macht das auch sehr gut.
    Dass der Film an manchen Stellen sehr an der Oberfläche bleibt, fand ich ehrlich gesagt typisch Hollywood. Aber ja ein wenig mehr Hintergrund zu Shirley oder auch generell zum Green Book wäre ganz schön gewesen. Daher ist der Film für mich auch absolut sehenswert, aber als Film mit politischer oder soziologisch wertvoller Aussage nur sehr, sehr bedingt einsetzbar.
    Ich fände es schön, wenn die Schauspieler die ein oder andere Auszeichnung abgreifen könnten, aber als besten Film sehe ich Green Book nicht wirklich. Man darf gespannt sein!

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  9. Servetus schreibt:

    The word is so negatively loaded that when I have to read it in a historical source in class, I have to use a euphemism (so if a source I’m quoting uses it, and I’m speaking it aloud, I say „n-word.“). This is the accepted social convention. If you don’t use it, you put yourself outside polite society no matter what you are trying to say because your usage shuts off further conversation. (I’m taking out colloquial uses of the word among African-Americans or musicians or whatever, because the rules are different for non-white speakers.) There are very few words like this in the US (including most racial slurs, e.g., if I read an epithet for a Jew or an Italian out loud in a history class, I would just say the word), but this is one. I can’t imagine he didn’t know this. To me, if he’s somehow speaking sincerely here, he’s apparently trying to create a controversy as publicity. It’s really hard for me to express how deeply offensive this incident was. Is it a huge thing? No, it’s a minor moment. Hopefully it will soon be forgotten. But it is deeply, deeply disgusting.

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  10. steffelowski schreibt:

    Mit kommt es halt etwas merkwürdig vor, dass ein berühmter Schauspieler, der aktuell in einem Film, in dem es in nicht geringem Umfang um Rassismus geht, sich in einem Interview rassistisch äußert. Da ist m.e. einiges aus dem Zusammenhang gerissen, hinzugefügt und/oder weggelassen worden.
    In jüngster Vergangenheit ist es ja häufiger vorgekommen, dass irgendwer vor Urzeiten etwas gesagt, geschrieben, gesungen, gepfiffen, gekocht, gedacht hat, was heutzutage irgendeine Minderheit oder sonst wie im Fokus stehenden Personengruppe verärgert. Da wird dann Political Correctness zur Hysterie.

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  11. Servetus schreibt:

    Only if their attitude has changed in the meantime. About half the time, it seems not to have done so. Most of these people are not even sorry for the horrible things they said or did — which were also considered horrible when they said them. There’s a way to apologize for this sort of statement, and some do, but most don’t. It’s not hysteria — it’s holding people to account and signaling that their attitudes are not okay, something we don’t do enough of.

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  12. Herba schreibt:

    @Servetus: Re creating a controversy as publicity: For me as a Non-American this is hard to assess to be honest. From the outside it hasn’t looked that way but I suspected it with the Liam Neeson discussion.

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  13. Herba schreibt:

    @steffelowski: Vielleicht ist es auch wirklich eine merkwürdige Art, um Werbung für den Film zu machen, wie Servetus vermutet.
    Ich merke bei solchen Diskussionen immer wieder, dass ich bestimmte Dinge schwer nachvollziehen kann, weil ich kein Amerikaner bin.

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  14. Herba schreibt:

    @Servetus: I am with you on holding people accountable. My problem with these sort of discussion is the way they are conducted most of the time (one party shouts at the other party and vice versa and no real arguments are being shared).

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  15. Servetus schreibt:

    Neeson — I suspected that, too. The whole thing was so strangely awkward. But he also has a history of saying objectionable things (he said that the current attempts to hold powerful men responsible for sexual harassment are a witch hunt). In any case, the film appears to be tanking. My cinema chain offered me triple reward points to see it, which is a sign that the distributors are worried, and it looks like locally they’ve halved the number of screens even during this first week (although that may also have to do with the weather, as people are just not leaving their homes right now if they don’t have to — irony of a film about a man who uses snow removal equipment to take revenge being affected by heavy snow is not lost on me).

    re: situations descending into arguments: IMO, in the US right now certain groups of people are finally expressing their anger over situations that have persisted not just over decades but centuries. Of course people who hold power will feel defensive — this isn’t a failure to understand, it’s actually a concession. If they really thought there was no problem with their behavior they’d just say that and move on, but instead they make excuses because they know there is a problem and their audiences are finally able to hold them to account. I don’t think we expect the white / male majority to just shut up and say „oh,you’re right“ after years of benefiting from its power, and I include myself in that — I’m regularly reminded about the way I benefit unfairly from race arrangements in the U.S., and it stings like h***. So arguments are inevitable, as are attempts to defend things that they already know are basically indefensible. It’s a small minority, but there are people who make effective apologies and it just goes away, even repeatedly. Katy Perry would be an example. I don’t know how apologetic she is but she definitely has the language of apology down pat.

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  16. Servetus schreibt:

    Or here’s another example of a response that I think works:
    https://www.vulture.com/2019/02/aziz-ansari-sexual-misconduct-allegation-new-york-village-underground-show.html?utm_source=nym&utm_medium=f1&utm_campaign=feed-full

    and I wasn’t even convinced from what was originally reported about the incident that Ansari was guilty of sexual misconduct.

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  17. Herba schreibt:

    @Servetus: Re Neeson: it’s a bit sad that he thought the movie needed that kind of attention. I read a review that found it not half bad and outstanding to his other action flicks.
    Re voicing these kind of situations: of couse I don’t expect old white men not to say ‚Oh you’re right, we are so sorry‘ and bow their heads in shame but I wish there were more generel discussion with an real exchange of arguments. But maybe I am transfering to much from the current situation in the fandom to more generell topics…

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  18. Herba schreibt:

    @Servetus: Thanks for the link. Yes, that sounds ‚good‘

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