Verfolgt

Guy of Gisborne war totmüde.
Wie so oft hatte er fast bis zur Besinnungslosigkeit geschuftet, damit die vor Hass triefende Stimme, die seit der Explosion seine Gedanken beherrschte und fast dauerhaft seine Taten höhnisch kommentierte, wenigstens im Schlaf still blieb.
Heute hatte er wie ein Berserker zusammen mit seinen Männern Bäume gefällt, damit das Holz für alle reichte und sie gut über den anstehenden Winter kamen.

Vor kurzem zurückgekommen, war er nun nur noch dazu gewesen, sich den gröbsten Schmutz abzuwaschen, sein Abendessen hungrig hinunterzuschlingen und die Treppe zu seiner Kammer nach oben zu wanken.
Seinen Sohn hatte er einmal mehr nicht gesehen und auch um jetzt noch nachzuschauen, ob der Kleine schlief, war er zu müde.

Seufzend ließ er sich auf sein Bett fallen. Nachdem die Tür der Kammer ins Schloss gefallen war, zerrte sich sein Hemd über den Kopf und seine vor Dreck starrenden Stiefeln von den müden Füßen und fiel dann einfach hinterrücks auf sein Kissen.
Nicht einmal zudecken konnte er sich, da war er auch schon ins Traumland abgeglitten und schlief tief und fest.

Doch es dauerte nicht lange, bis Gisborne unruhig wurde und zu träumen anfing.
In seinem Traum saß ein junger Guy auf einem Holzboden und beobachtete gespannt und komplett in sich versunken zwei Hirschkäfer, die miteinander zu ringen schienen.
Erst eine weibliche Stimme, die seinen Namen rief, konnte ihn ins Hier und Jetzt zurückbringen.
Bevor er jedoch aufstehen und nachsehen konnte, was von ihm verlangt wurde, umfingen ihn auch schon liebevoll zwei Arme und eine Frau flüsterte ihm ins Ohr:
‚Wo bist Du nur mit Deinen Gedanken mein Sohn? Ich rufe schon seit einer ganzen Weile nach Dir!‘
Ohne sich umzudrehen, antwortete er zerknirscht: ‚Es tut mir leid, ich habe….‘
‚Sssssssssssssch, es ist alles gut! Ich wollte nur sehen, was Du gerade tust.‘
Guy kuschelte sich tiefer in die wundervoll vertraute Umarmung.
‚Ich habe den beiden Käfern beim Kämpfen zugeschaut.
Vielleicht kann ich dabei ja etwas lernen. Wenn ich groß bin, möchte ich nämlich auch mal ein Kämpfer werden, so wie Vater!‘
Die Frau, deren Gesicht immer noch nicht zu sehen war, seufzte und ihre Arme schlosen sich fester um ihren Sohn, als wollte sie ihn daran hindern älter zu werden, um ihn so vor der Welt zu beschützen.
‚Lass Dir mit dem groß werden noch ein wenig Zeit mein Schatz!‘
‚Aber wieso denn? fragte der kleine Guy ganz erstaunt.
‚Ich will schnell groß werden, damit ich Dich und Isabella beschützen kann, wenn Vater nicht da ist. Und irgendwann will ich eine eigene Frau haben, die kann ich dann auch beschützen und die hat mich dann lieb, nimmt mich in den Arm und streichelt mein Gesicht, So wie Du das imemr tust…‘
Nun schien die Frau zu lächeln.
‚So, so, eine Frau willst Du dann haben. Und am besten gleich einen Stall voller kleiner Guys, so wie Du einer bist?‘
‚Mmmmmmmmh?‘ Fragend runzelte der Junge seine Stirn. ‚Ich glaube, mit den Kindern warte ich lieber ein Weilchen….dann hat meine Frau erst einmal nur mich gern….‘
Scheinbar konnte der Kleine nie genug Liebe bekommen und egal wie viel Zuneigung man ihm zeigte, er blieb immer skeptisch, ob das wirklich alles echt war.
Gerührt, aber auch ein wenig besorgt drückte seine Mutter ihrem Sohn einen Kuß auf das wirre Haar.

Doch bevor sich Guy umdrehen und endlich das Gesicht der geliebten Mutter anschauen konnte, zerfloss das Traumbild wie ein aufgewühlter See und eine andere Frau erschien.
Auch ihr Gesicht konnte er nicht sehen, obwohl sie ihn ansah und der schlafende Mann fest die Augen zusammenpreßte, um das verschwommene Bild klarer sehen zu können.
‚Frau und Kinder? Und dann auch noch von allen geliebt? Das ich nicht lache!!!‘ kreischte die Frau nun und der schlafende Mann zuckte erschrocken zusammen.
‚Du grober Klotz bist doch gar nicht fähig zu lieben, geschweige denn, dass Du es verdienst, geliebt zu werden!!!
Alles was Du anfasst, wird schlecht und geht zu Grunde.
Selbst der Frau, die Du angeblich über alles geliebt hast, hast Du nur Unglück und am Ende den Tod gebracht! Ermordet hast Du sie, gnadenlos und ohne zu zögern…‘
Die laute, in den Ohren schrill klingende Tirade wollte kein Ende nehmen und Gisborne hielt sich im Schlaf die Ohren zu.
‚Du verdienst nicht zu leben, Du Ungeheuer!!!‘
Plötzlich hatte die gesichtslose Furie ein Schwert in der Hand, das sie wild über ihrem Kopf schwang und mit dem sie nun auf den Traum-Gisborne losging.
‚NEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIN! Bitte, bitte nicht! Ich…‘

Wild strampelnd und nun halb in seine Decke eingewickelt, fiel Gisborne mit einem heftigen ‚Plumps‘ aus dem Bett und wachte auf.
Gleichzeitig öffnete sich die Tür seine Kammer und eine erschrocken aussehende Gestalt mit langen, wehenden Locken und nur im Hemd, kam herein.
‚Was ist passiert Mylord? Ich habe Euch schreien gehört?‘
Verwirrt wurschtelte Gisborne sich aus seiner Decke, setzte sich und sah zu ihr auf. War schon wieder eine andere Traumgestalt aufgetaucht, um ihn zu verfolgen?
‚GEHT WEG VON MIR!!!!‘
‚Mylord, ich glaube Ihr habt nur geträumt. Es ist alles in Ordnung! Kommt, ich helfe Euch auf.‘
Erschreckt von der ausgestreckten Hand, wich er auf dem Hintern rutschend zurück, bis ihn sein Bett stoppte.
‚NEIN! Ich…..‘
‚Ich bin es doch nur, Flo Mylord.‘
Vorsichtig, wie im Umgang mit einem scheuen, wilden Tier, ging die Frau in die Knie und streckte Gisborne beschwichtigend ihre offenen Handflächen entgegen, um ihm zu zeigen, dass von ihr keine Gefahr ausging.
Und da wurde dem Lord endlich bewußt, dass er nur die junge Dienerin vor sich hatte, die mit ihrer Herrin zu Besuch in seinem Haus weilte.

Ohne ihre Hilfe rappelte er sich auf, setzte sich auf die Bettkante und fuhr sich immer noch leicht verwirrt mit beiden Händen durch sein Haar.
‚Es war schrecklich‘, stammelte er dabei.
‚Was war schrecklich, Mylord? Euer Traum?‘
‚Ich glaube, ich habe meine Mutter gesehen und mit ihr über meine Träume und Wünsche für die Zukunft gesprochen.
Und dann war da eine Furie mit einem großen Schwert und…‘
‚Ich bin mir sicher, dass die Frau mit dem Schwert nicht Eure Mutter war, sie hat euch sicher geliebt und hätte euch nie verletzt.‘

Zweifelnd runzelte Gisborne die Stirn, als er eine zarte Berührung auf seiner nackten Haut spürte.
Ganz sacht hatte Flo ihm die Fingerspitzen ihrer rechten Hand auf die Schulter gelegt und sagte mit fester Stimme:
‚Ich bin mir ganz sicher, dass sie euch geliebt hat!‘
Immer noch skeptisch schaute Guy sie an. Und nun wurde ihm bewußt, dass er zum ersten mal ihr Haar, das sie sonst immer unter einem Tuch versteckte und das ihr nun in wilden Locken lang über die Schultern fiel, sehen konnte und dass sie nur ein dünnes Nachthemd trug.

Streng fragte er: ‚Woher willst Du das wissen, Mädchen? Du hast weder sie gekannt, noch kennst Du mich!‘
Nun war es an Flo zu stammeln: ‚Ich…‘
Aber Gisborne ließ sie nicht zu Wort kommen, sondern fragte spitz und mit einem aufgesetzt süffisanten Lächeln auf den Lippen:
‚Und was machst Du überhaupt des Nachts in meiner Kammer?‘
‚Ich…also….ihr habt geschrien…und ich….ich wollte…….ähm……Euch helfen?‘
‚DU??? Ein dürres Mädchen, das kaum einen Suppentopf tragen kann, ohne ihn auf den Boden fallen zu lassen, will MIR helfen?‘
Wegen seiner Schimpftirade verlegen, schaute Flo auf ihre nackten Füße und murmelte:
‚Den Suppentopf habe ich geworfen, nicht fallen gelassen und…‘
‚Uuuuuund??? Mach den Mund auf und schau mich gefälligst an, wenn ich mit Dir rede!‘
Der Lord hatte sich nun wirklich in Rage geredet und sein unbeherrschtes Wesen, das nur noch selten ans Licht kam, brach voll durch.
Fest und ruhig schaute ihn Flo an.
‚Wenn jemand schlecht träumt, braucht man kein Herkules zu sein, um ihm zu helfen. Da reicht eine tröstende Hand und ein nettes Wort!‘

Der ruhige Blick der jungen Frau verunsicherte Guy und nutze er den einzigen Ausweg, denn er für solche Situationen kannte und sagte herausfordernd und mit einem süffisanten Grinsen auf den Lippen:
‚So, so, Du willst also Hand anlegen? Dafür stehst Du aber zu weit weg!‘
Er ließ seinen langen Arm ruckartig vorschnellen, packte Flo fest mit seinen langen Fingern am Handgelenk und zog sie unerbittlich zu sich heran, bis er sie zwischen seinen Knien platzieren konnte, die sie wie Schraubzwingen festhielten.
Ängstlich schaute Flo Gisborne an. Da überraschte er sie, ließ ihre Hände los und befahl grinsend:
‚Zeig mir was Du im Sinn hattest!‘

Die junge Frau seufzte und wohl wissend, dass der Mann vor ihr etwas ganz anderes im Sinn hatte, hob sie ihre Hand, legte sie auf seine vom Bartwuchs stoppelige Wange und strich vorsichtig und beruhigend mit dem Daumen über seine Haut.
Gisborne schloss seine Augen, um die ungewohnte Berührung, die ihn unweigerlich ein wenig an die Mutter aus seinem Traum erinnerte zu genießen.
Diese Geste war so intim und zärtlich, dass sie Gisborne auch bis in die Knochen erschreckte.
Daher erlaubte er sich nicht lange seine Selbstvergessenheit, öffnete die Augen und holte Luft, um etwas zu dagen, doch Flo unterbrach ihn, indem sie ihm einen Finger auf die Lippen legte, sagte:
‚Ich weiß, Ihr braucht keine Hilfe, Mylord. Daher gehe ich nun besser wieder schlafen. Gute Nacht!‘ und machte sich von ihm los, um zur Tür zu eilen.

Doch bevor sie den Türknauf in die Hand nehmen konnte, ertönte an ihrem Ohr ‚Nicht SO schnell!‘ und eine große Hand stützte sich so an der Tür ab, dass sie nicht zu öffnen war.
Gisborne hatte sich so behend und leise wie eine Katze vom Bett erhoben und stand nun direkt hinter ihr, so dass sie zwischen ihm und der Tür eingeklemmt war und kaum Luft zum Atmen hatte.
Sein Atem kitzelte auf ihrer Haut und mit seiner freien Hand strich er ihr das lange Haar, das ihr unbändig ins Gesicht fiel, über die Schulter.
Sein Gesicht war so nahe bei ihr, dass seine Stirn ihre berührte und unversehens liebkosten seine Lippen sacht ihre Wange, bevor er sein Gesicht in ihren Haaren vergrub.
Dabei murmelte er:
‚Wie konntest Du nur wissen, wovon ich schon als kleiner Junge geträumt habe?‘
Und genauso leise erwiderte Flo:
‚Träumt nicht jeder von uns ab und zu davon gehalten und geliebt zu werden?‘

* * * * * * * * * * * * * * * * *

Dieser Text ist für das Gemeinschaftsblogprojekt von Poe und mir entstanden. Das Thema war ‚Mach was…mit einem Traum‘.
Für diese Geschichte habe ich mir eine Figur einer englischen Fernsehserie ausgeliehen. Eine Urheberrechtsverletzung ist damit nicht beabsichtigt!
Die Geschichte kann als Teil einer FanFiction betrachtet werden, die ich schon 2011/12 angefangen, aber nie beendet habe.
Vorgängergeschichten zu dieser Episode sind ‚All Hallow’s Eve‘ und ‚Konfrontation‘.
Beide Episoden sind zeitlich vor ‚Verfolgt‘ angesiedelt.
Gesamter Text © Herba für ‚Unkraut vergeht nicht…oder doch?‘
Bitte nicht ungefragt zitieren oder weiterverwenden!!!

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12 Antworten zu Verfolgt

  1. Guylty schreibt:

    Aw, *weiterträum* – das war sehr schön, Herba. Guy sehr schön erkannt – und weitergesponnen.

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  2. nellindreams schreibt:

    Seufz… Guy ist immer noch einen Traum wert…. Da stimme ich Guylty zu! Danke dafür, Herba!

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  3. Servetus schreibt:

    Guy is one big, scary, love-sponge!

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  4. suzy schreibt:

    wow – sehr erotisch….jeder kann wieterträumen was dann wohl folgt ❤

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  5. Herba schreibt:

    @Guylty: Danke!
    Mich amüsiert es ja imemr wieder, dass Guy der Einzige ist, der mich bisher zu einer wirklich langen FanFic inspirieren konnte. Der Gute hat halt doch was an sich….

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  6. Herba schreibt:

    @Nell: Danke schön!

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  7. Herba schreibt:

    @Servetus: yes….with an head injury, voices in his head and a lot of interpersonal shortcomings 😉 or at least in my story

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  8. Herba schreibt:

    @Suzy: ja, so ist es gedacht.
    Wobei, so wie ich meinen Guy und Flo kenne, geht am Ende doch wieder jeder der Beiden allein zurück ins Bett 😉

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  9. Guylty schreibt:

    Absolut. Spricht außerdem sehr für den Typen, der ihn damals gespielt hat. Wie hieß der gleich noch…???

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  10. Herba schreibt:

    @Guylty: Hermitage? Ermitage? Arsitage? Irgendwie sowas muss es gewesen sein 😎

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  11. Pingback: Erwischt! | Unkraut vergeht nicht….oder doch?

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