Ein Abend mit Helene – Gastbeitrag von CraMERRY

Als CraMERRY vor ein paar Tagen diesen Tweet absetzte, war ich leicht amüsiert und natürlich auch neugierig wie ihr Fazit zum eher unfreiwilliger Abend mit Helene aber ohne Flori ausfallen würde.
Mein Wunsch war ihr Befehl und hier kommt nun der Bericht zu einem Konzert abseits ihres normalerweise präferierten Musikgenres – vielen Dank dafür!!!

Mein Verhältnis zum deutschen Schlager ist ein recht Gespaltenes.
In den Jahren meiner musikalischen Sozialisation (späte 70er / frühe 80er) waren Schlager ein No-Go für die meisten meiner Generation, die auch nur im Ansatz sowas wie ein „normales“ Verhältnis zu moderner Musik hatten.
So konnte man sich zwar wunderbar darüber streiten, ob die Pet Shop Boys ernstzunehmende Musik machten oder ob Pink Floyd den alleinseligmachenden Musikgeschmack darstellte.
Aber über eins waren sich (fast) alle einig, deutsch zu singen war verpönt und Schlager sowieso. Dass dann die Neue Deutsche Welle kam, hatte mit dem Genre Schlager rein garnichts zu tun.

Für mich sind Text und Melodie nicht voneinander zu trennen und es tut vielen Songs erheblich gut, wenn man den Text eben NICHT versteht. Und das funktioniert am besten, wenn dieser nicht in deutsch daherkommt. Klar 😉

Warum hole ich soweit aus? Weil sich mir am Freitag letzter Woche unverhofft die Möglichkeit erschloss, an eine Karte für das Helene- Fischer-Konzert in der ausverkauften Commerzbank-Arena zu gelangen. Geschenkt. Wenn man weiß, was dort für Preise aufgerufen werden, dann verbietet sich jede Maulerei und überhaupt, einem geschenkten Gaul…..
Ich habe garnicht so lange nachdenken müssen. Die Karte wäre mir auch sofort an der Arbeit aus den Händen gerissen worden („Was, Sie haben noch eine Karte bekommen??? NEID!“). Die Reaktion meiner Kinder fiel wesentlich distanzierter aus: Die Große (20): „Mein Beileid…Musst du dahin?“ Und mein Kleiner (15): „Du Arme!“ Sie kennen eben ihre Mutter 😀

Aber ich dachte mir, dass es nie zu spät für Grenzerfahrung sei und habe mich der Herausforderung gestellt.

Und so fanden sich am frühen Freitagabend 3 Frauen (Ü50) und eine Pubertierende (13) in der überfüllten U-Bahn quer durch Frankfurt Richtung Commerzbank-Arena wieder. Kurz vor dem Ziel kam es dann tatsächlich zum Stau, da das ganze Gelände rund um den Austragungsort aus allen möglichen Zufahrtswegen mit Helene-Fische-Fans geflutet wurde.
Ich habe später gelesen, dass sogar auf der A3 die Fans aufgrund des Staus eine stillgelegte Ausfahrt zugeparkt hatten, um zu Fuß zum Ziel zu gelangen.

Wenn man bedankt, dass ca. 45.000,00 Zuschauer anwesend waren, verlief der Einlass erstaunlich moderat und wir konnten sogar noch ein kostenloses Foto von uns in einem von -na klar- HR4! bereitgestellten Oldtimer-Bus machen.

Die Platzsuche gestaltete sich ein wenig schwierig und die Ausschilderung wäre durchaus verbesserungswürdig gewesen. Aber gut, wer wird schon meckern, schlussendlich fanden wir unsere Plätze.

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Die Eröffnung machte ein gewisser Ben Zucker, den ich persönlich bisher noch nicht kannte. Er bestach durch eine sehr markante und ausdrucksstarke Stimme. Auf den Text habe ich nicht so geachtet :-).

Als Frau Fischer dann um 20.45 Uhr die heiligen Hallen betrat, war der Jubel frenetisch.
Es war wie erwartet: sie zelebriert eine perfekt choreographierte Show, die wie geölt abläuft.
Die Disziplin quillt ihr aus jeder Pore. Dazu hat sie tatsächlich eine sehr gute Stimme, die sich mühelos gegen die Musik durchsetzt.
Und trotzdem fehlt dem Ganzen Seele und Leben. Die Frau ist einfach zu glatt. Keine Kanten, keine Ecken, kein Quentchen Schmutz. Nichts stört die aseptische Darbietung. In meinen Augen nicht ein Gran Sexappeal und wenn sie sich noch so räkelt und windet.

Insgesamt ist mir von der gesamten Darbietung nicht allzuviel im Gedächtnis geblieben. Sie spulte ihre Schlager ab, schob einen nostalgischen Rückblick in die 90er ein (Dr. Alban und Konsorten) und verband ihre Darbietungen mit mehr oder weniger gelungenen Ansagen an ihr Publikum. Sie ist nicht wirklich ein Rhetoriktalent. 🙂

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Aber gefühlte 105% aller Anwesenden waren BEGEISTERT! Sie spiele dann auch gut 2 1/4 h bevor sie sich zurückzog und wir uns auf die Pilgerreise nach Hause begaben.

Kurz vor Erreichen unseres Endstation, entließ uns der Schaffner in die Nacht, da es zu einem Polizeieinsatz auf der Strecke kam und unsere U-Bahn-Linie nicht weiterfahren konnte.
Nachts um 0.30 Uhr am Westbahnhof zu stehen, hat auch so seinen Charme…
Nachdem der angekündigte Taxi-Ersatzverkehr erwartungsgemäß auf sich warten ließ, waren wir somit noch ca. 30 min zu Fuß unterwegs, bevor uns der förmlich letzte Nachtbus gegen 1 Uhr aufgabelte.
Zieht man das alles ins Kalkül, dann war das schon eine Menge Einsatz für eine Künstlerin, die mir so garnichts gibt. 🙂

Fazit: Es war eine Erfahrung und ich danke an dieser Stelle nochmals ganz herzlich meiner Freundin Betty, die mir so großzügig und selbstlos den Zutritt in diesen Grenzbereich der Emotionen ermöglicht hat. Der Abend wird mir ewig unvergesslich bleiben! 😀

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12 Antworten zu Ein Abend mit Helene – Gastbeitrag von CraMERRY

  1. CraMERRY schreibt:

    Danke Herba 😘

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  2. Guylty schreibt:

    Köstlich, die Konzertkritik. Gut, weil es geschenkt war, ging es ja dann noch. Aber so wie du es beschreibst, wäre mir das Geld für eine Konzertkarte wahrscheinlich zu teuer. Dennoch – man lernt ja nie aus, und nun weißt du wenigstens, dass du das nie wieder brauchen wirst.

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  3. CraMERRY schreibt:

    Also, im Rahmen der Möglichkeiten hatten wir alle schon mächtig Spaß 😁

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  4. Elanor schreibt:

    Ach du gute Güte, ich bewundere deinen Wagemut 😉
    Das war interessant zu lesen und bestätigt mich in meiner Überzeugung, dass Helene so überhaupt nicht zusammenpassen.

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  5. CraMERRY schreibt:

    @Elanor: ach was, Heldenmut geht anders 😂 Aber manchmal muss man Gelegenheiten eben beim Schopfe packen. Mit jedem hätte ich das nicht gemacht. Aber meine Freundin ist aus ähnlich hartem Holz geschnitzt wie ich 😎

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  6. Herba schreibt:

    @CraMERRY: Ich habe zu danken!!! Und bin im übrigen sehr froh, daß Du nicht zu denen gehörst, die auf der A3 geparkt haben 😉

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  7. ICh kann mir gar nicht die Umstände ausmalen, die dazu führen könnten, dass ICH ein Helene Fischer-Konzert besuchen würde. Brrr. Schauerlich! Und dann noch Ben Zucker im Vorprogramm, dessen Stimme mir ebenfalls Alpträume beschert. Nicht mal geschenkt!

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  8. CraMERRY schreibt:

    @Bette: Tja, alles Geschmacksache sagte der Affe und biss in die Seife 😂

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  9. Natürlich. Ich find’s auch immer gut, wenn Menschen friedlich zusammenkommen und einen schönen Abend verleben. Muss ja jeder selbst wissen, wie der für sie persönlich zu sein hat 😀 .

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  10. Pingback: Musik am Samstag #114 | Unkraut vergeht nicht….oder doch?

  11. suzy schreibt:

    Ich habe mir mal an Weihnachten die Helene Fischer Show angetan weil meine Eltern zur Besuch waren. Sie waren begeistert! Ich eher nicht 🙂
    Ja sie macht eine super durchgeplante Show. Mit allem drum und dran, aber du hast recht, da gibt es keine Spontanität, sie ist perfekt und glatt und das macht die ganze Supershow im Grunde langweilig.
    Ich würde das mir nicht wieder antun !
    Hut ab vor Deiner Neugier ❤

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  12. CraMERRY schreibt:

    @Suzy: ja, manchmal kann ich richtig wagemutig sein 😂

    Gefällt 2 Personen

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