Urban and The Shed Crew (Originalversion)

© Blenheim Films

Leeds, in den 90iger Jahren:
Der 37jährige ehemalige Sozialarbeiter Bernard ‚Chop‘ Hare (Richard Armitage) trifft nach einer Sauftour mit Kumpels die drogensüchtige Greta (Anna Friel) und lernt so ihre Kinder kennen.
Mit dem elfjährigen Urban (Fraser Kelly), der nicht mehr in die Schule geht, seitdem er sieben Jahre alt war, nicht lesen kann und Klebstoff schnüffelt, freundet sich Chop an.
Nach einiger Zeit stellt Urban Chop seine Freunde, die ‚Shed Crew‘ vor und Chop bekommt durch sie einen tiefen Einblick in das Leben der Kinder, die alle von ihren Eltern verlassen wurden und aus dem System gefallen sind und sich nun selbst um ihr Überleben kümmern.
Alle haben große Probleme mit Alkohol, Drogen und dem Gesetz und sind Erwachsenen gegenüber mehr als misstrauisch.
Doch Chop, der selbst Alkohol und Drogen konsumiert, schafft es sich mit ihnen anzufreunden und muss sich schließlich entscheiden, ob er wirklich Verantwortung übernehmen möchte…

Diese Inhaltsangabe habe ich 2014 hier auf dem Blog veröffentlicht, als ich die Romanvorlage zum Film rezensiert habe.
Für den Film, der schon 2014 gedreht wurde und nun doch noch das Licht der Öffentlichkeit in Form eines Streamingangebots erblickt hat, ist sie eigentlich zu ausführlich, aber ich bin gerade zu faul, sie zu ändern.
Ohne die Beteiligung von Richard Armitage hätte ich vermutlich weder das Buch gelesen noch den Film gesehen – nicht aus Desinteresse, sondern einfach, weil weder Buch noch Film auf meinem Radar aufgetaucht wären.

Und Richard Armitage ist definitiv auch das Beste an diesem Film. Als gescheiterter Sozialarbeiter Chop, der sich mit einem Sack voller Probleme herumschlägt und doch nicht wegsehen kann, als er Urban kennenlernt, spielt er sein Können als Schauspieler wunderbar aus.
Nicht versteckt unter einem Berg aus Make-up, zeigt seine Mimik einen bunten Strauß an Emotionen, die bei mir als Zuschauer glaubhaft ankommen und die mich die Rolle des Normalos sehr schätzen lassen.
Da kann das Fangirl in mir sogar das viele Gequalme und den Struppilook, der mich null Komma null anmacht, verzeihen.

Auch die anderen Schauspieler machen ihre Sache ordentlich bis gut, auch wenn man den Kids stellenweise doch anmerkt, wie jung sie noch sind – was ich aber vollkommen in Ordnung finde.
Froh bin ich außerdem, dass sich meine Befürchtung die Macher würden Bernard Hares Buch zum weichgespülten Feel-Good-Film umschreiben, nicht bewahrheitet hat.
Die zugemülten Wohnungen, die vernachlässigten Kids, die allgemeine Hoffnungslosigkeit, die alles zu verschlingen scheint, all das ist wirklich erschütternd und zeichnet ein düsteres Bild.

Als Deutsche kann ich nicht wirklich beurteilen, ob es im England der Neunziger wirklich so ausgesehen hat, aber auf mich wirkt der Look des Films authentisch.
Und trotzdem muss ich zugeben, dass der Funke bei mir letztlich nicht ganz übergesprungen ist.

Vielleicht weil die Crew, die Teil des Filmtitels ist, für mich nur als leicht unscharfe Gruppe inszeniert wird, in der der Einzelne untergeht (auch wenn mir durchaus bewußt ist, dass es vermutlich für eine Filmstory wirklich mehr Sinn macht, sich auf Urban und Chop zu konzentrieren).
Vielleicht weil die Hintergrundmusik mir in ganz vielen Szenen viel zu aufdringlich und laut um die Ohren gehauen wurde.
Vielleicht, weil ich einiges nicht gut genug auserzählt fand. Und vielleicht auch, weil einiges eben doch nicht so drastisch und aufrüttelnd wie im Buch bei mir ankam.

Letztendlich kann ich es nicht genau sagen, auch wenn ich nun schon seit mehreren Tagen darüber nachdenken.
Insgesamt halte ich ‚Urban and the Shed Crew‘ für einen Film, den man sich anschauen kann, der aber für mich leider hinter seinen Möglichkeiten zurückbleibt und dem es nicht ganz gelingt, so zu berühren wie es die Buchvorlage getan hat.

Ein Trailer zum Film

Noch ein paar Bemerkungen zum Drumherum:
Die Homepage von Blenheim Films, über die man den Film aktuell streamen kann und die irgendwann vielleicht auch mal eine DVD anbieten wird, findet man hier.
Zum Streamen selbst kann ich sagen, dass das bei mir reibungslos und ohne ständiges Buffern funktioniert hat.

Allerdings finde ich die Seite an sich relativ schlecht aufgebaut.
Je nachdem von wo in der Navigation man kommt, bekommt man den Film mit nicht ausblendbaren Untertiteln oder ganz ohne angezeigt (hier tauchen beide auf) und weder bei den FAQ noch an anderer Stelle auf der Homepage kann man die Bedingungen zum Streamen nachlesen.

Als ‚Urban‘ zum Streamen veröffentlicht wurden, bezahlte man dafür den Film innerhalb von 30 Tagen zwei Mal anschauen zu können.
Hatte man angefangen zu schauen, hatte man 48 Stunden Zeit, um ihn fertig zu sehen.
Mittlerweile ist der Preis für das Streamen niedriger geworden, dafür hat man scheinbar aber auch allgemein nur noch 48 Stunden Zeit, den Film zu schauen (ich hatte ihn Dienstag „gekauft“ und habe jetzt keinen Zugriff mehr).
Natürlich ist es jedem Streaming-Anbieter selbst überlassen, Konditionen für seine Produkte festzulegen, aber eine Kundeninfo darüber, was nun festgelegt ist, wäre schon wünschenswert!

Der Kundenservice reagierte auf eine mail-Anfrage von mir innerhalb von zwei oder drei Tagen, was ich noch im Rahmen des Erträglichen finde, allerdings war die Antwort eher semioptimal – das beurteile ich übrigens nicht nur als Kunde, sondern als jemand, der selber regelmäßig Kundenanfragen per mail, am Telefon oder mündlich beantwortet.

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11 Antworten zu Urban and The Shed Crew (Originalversion)

  1. Servetus schreibt:

    I felt like she did try to make it into a feel-good film, but I agree that they didn’t spare on the downtrodden material quality of the scenes, or (to some extent) the unpleasant aspects of the characters‘ lives. There were a lot of problems with the script, I thought. One was that the viewer doesn’t knowing why any of these people are there. They couldn’t have covered the background with the thoroughness that the book does, but I felt like a lot of the motivation, particularly for the bothersome things, went missing because of that. Another thing was that the book emphasized more the (here I am searching for a word) joyful (?) aspects of their lives. What’s weird is that the film doesn’t really neglect that they had happy moments — but maybe because the settings are so concrete it’s harder to see them that way? A third was that I felt the Urban character was written wrong, in the sense that the book makes the reader much more aware how problematic he was. The movie really sort of hid that murder or tried to make a joke out of it — it wanted us to think that all Urban needed was someone to love him. To me, the book suggested he was disturbed and that Hare had mixed feelings about him. The film pulled way back from that.

    (Fully in agreement on customer service. It’s like they didn’t even think about what a customer would expect and didn’t bother to ask anyone, either.)

    I’m glad you wrote about this!

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  2. Guylty schreibt:

    Ich kann dir in deiner Beurteilung des Films nur zustimmen; genau die Punkte, die du nennst, waren mir auch negativ aufgefallen. Obwohl der Film nun zugänglich ist, habe ich ihn nicht noch einmal geschaut – in sich selbst schon eine Art Kommentar, wie ich finde – obwohl es interessant wäre zu sehen, ob zweieinhalb Jahre und eine Jubelpremiere später das Urteil immer noch so steht. Zweifellos ein Stoff, der es wert es, verfilmt zu werden. Ein Film, der es wert es, angeschaut zu werden. Ein Meisterwerk? Hm, nein.

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  3. Herba schreibt:

    @Servetus: Yes to all of your points. Especially re: what was the relationship of all the kids? Why where they there? I don’t think you really could get that if you haven’t read the book.
    Thanks! Shortly before I wrote this version of the post I wasn’t sure if it would see the light of day, because the movie clarified some of my current fangirl problems for me and I’ve been a bit miffed, but yes, I am glad I wrote and published this too!

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  4. Herba schreibt:

    @Guylty: Ich fände es auch sehr interessant, was Du von der neuen(?) Schnittfassung hälst, aber ich kann auch gut verstehen, dass Du Dir den Film nicht noch einmal angeschaut hast, vor allem wegen dem tollen Streaming-Modell!
    ‚meisterwerk‘ kam mir beim Anschauen wirklich nie in den Sinn, leider!
    Schade, dass RA bisher noch keine Indieperle zum Mitmachen an Land ziehen konnte. Seine Bemühungen dahingehend sind zwar augenfällig aber bisher leider auch eher mau, was das Ergebnis angeht *seufz*

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  5. Guylty schreibt:

    ‚Indieperlen‘ haha.

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  6. Herba schreibt:

    @Guylty: Tja, bis jetzt hat er sich treffsicher eher Indie-Glasperlen ausgesucht :/

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  7. Guylty schreibt:

    Um jetzt mal die Metapher weiterzuspinnen: Glasperlen – schön aber wertlos? #Blasphemie

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  8. Herba schreibt:

    @Guylty: So ungefähr. Netter klingt vielleicht ’nur für die Mitwirkenden wertvoll‘ 😉

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  9. Servetus schreibt:

    the film had that effect on me, too. I’ve been debating whether I want to blog about it, though.

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  10. Herba schreibt:

    @Servetus: Two idiots fans, one reaction 😎
    I decided that my thoughts about the whole thing would blow up the post about the movie and that I don’t wanted so maybe one day I’ll write an own post about it….

    Gefällt 1 Person

  11. Pingback: Medienjournal: Media Monday #398 | Unkraut vergeht nicht….oder doch?

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