Ein frohes Neues!

Er schlurfte leise vor sich hin brummelnd durch das kleine Gässchen, durch das der kalte Wind pfiff.
Seinen alten Armee-Parka fest um sich gewickelt, zog er sich seine Wollmütze noch tiefer über die Ohren und redete sich ein, daß es gar keinen Grund zum Frieren gab.
Schließlich hatte er schon viel schlimmere Witterungen überstanden, egal ob heiß der kalt, wieso sollte ihm also das bißchen kalte Londoner Cityluft nun etwas ausmachen!

‚Ich hätte weiterziehen sollen, weg aus der verdammten Stadt!‘ sagte er sich. Irgendwo hin wo sich nicht jede Menge Touristen tummelten, um feucht-fröhlich ins neue Jahr zu feiern.
Diese ganze aufgesetzte Fröhlichkeit störte ihn mehr, als er sagen konnte! Wieso mußte man an diesem Tag betont happy durch die Straßen rennen, sich besaufen und mit dem verdammten Feuerwerk, das jetzt jede Minute beginnen mußte, einen riesen Zirkus veranstalten?
Sogar dieser verfluchte Big Ben durfte trotz Restaurierung heute Nacht bimmeln!
‚Hätten sie die verdammte Kohle mal lieber für was Anständiges ausgegeben! Den NHS zum Beispiel! Da wäre weit mehr mit geholfen!‘

Mittlerweile hatte er das kleine Gässchen verlassen und war auf einer belebten Straße gelandet, die zur Themse führte.
Ein Pärchen, das nicht mehr ganz grade laufen konnte, wich ihm aus und die Frau verzog dabei offen angewidert das Gesicht.
‚Wohl noch nie nen Obdachlosen gesehen, was?!‘ Zwinkernd zog er die billige Flasche Fusel aus seiner Parkatasche und prostete dem Pärchen betont fröhlich zu, das nun noch schneller das Weite suchte.

‚Als ob irgendwer freiwillig so rumlaufen würde….‘ Er hatte sich dieses Leben auf der Straße weiß Gottnicht freiwillig ausgesucht, war aber schon fast der Klassiker unter den verkrachten Existenzen.
Mit 18 in die Armee, um seinem trostlosen Zuhause zu entgehen. Mit 19 im ersten Einsatz, viel zu jung mit 20 aus Sehnsucht nach einer Familie verheiratet.
Mit 26 schwer traumatisiert aus Jugoslawien zurück und unfähig das bißchen Hilfe anzunehmen, das die Truppe ihm bot. Stattdessen Alkohol und Schmerzmittel, unehrenhafte Entlassung, Scheidung, arbeits- und schließlich dann obdachlos.
Nach fast 10 Jahren auf der Straße sah er nun mindestens 20 Jahre älter aus, als er eigentlich war und wenn er ehrlich zu sich selbst war, hatte er die Hoffnung auf ein normales Leben ohne Hunger und Kälte schon vor sehr langer Zeit begraben.

Obwohl er damit gerechnet hatte, zuckte er zusammen als die bekannte Melodie der großen Glocke ertönte und die Menschenmenge vor dem London Eye laut zu zählen begann.
Und als wenige Sekunden später die ersten Feuerwerkskörper explodierten, hätte er sich am liebsten auf den Boden geworfen und zu einer winzigkleinen Kugel zusammengerollt, aber er wiederstand diesem Impuls und drückte sich stattdessen fest an den kalten Pfosten einer Straßenlaterne, um wenigstens die Illusion von ein klein wenig Halt und Sicherheit vorzutäuschen.

Und dann schaute er, genau wie die große Menschenmenge vor ihm, gebannt in den Himmel und konnte sich dem Zauber der bunten Raketen, die wunderbare Muster in den Nachthimmel zauberten, nicht entziehen.
Ganz still stand er da, ohne an früher zu denken, einfach in diesem Augenblick verhaftet. Und dann schlich sich ein Gedanke ganz leise in seinen Kopf.
Vielleicht würde dieses neue Jahr ja wirklich einmal besser werden und neue Hoffnung für ihn bringen….

Doch gerade, als er den Gedanken fester umklammern wollte, explodierte vor ihm laut pollternd ein Kanonenschlag, den zwei halbwüchsige Bengel feixend angezündet hatten.
Fluchend machte er einen Satz rückwärts und der Zauber war gebrochen.
Auch wenn rund um ihn alle begeistert über das neue Jahr waren, blieb er doch ein obdachloser Alkoholiker, der ohne Hoffnung irgendwann einsam und allein in der Gosse sterben würde.
Schlurfend entfernte er sich von der Menge und dem Spektakel, zog im Gehen die halbvolle Flasche mit Wodka hervor, nahm einen großen Schluck, schrie dann laut in aufgesetzt fröhlichem Ton: ‚Ein frohes Neues wünsch ich allen Suffköppen da draußen!!!!‘ und verschwand dann lautlos in den Häuserschluchten der City.

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Dieser Text ist für das Gemeinschaftsblogprojekt von Poe und mir entstanden. Das Thema war ‚Mach was…mit Feuerwerk‘.
Gesamter Text © Herba für ‚Unkraut vergeht nicht…oder doch?‘
Bitte nicht ungefragt zitieren oder weiterverwenden!!!

Und wer wissen will, was ‚er‘ gesehen hat, kann sich das folgende Video anschauen:

London Fireworks 2017/2018

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4 Antworten zu Ein frohes Neues!

  1. Die Pö schreibt:

    Schöne Geschichte.
    Mir war gar nicht bewusst, dass Big Ben schlagen darf (durfte) zu Neujahr.

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  2. rina.p schreibt:

    Toller Beitrag – sehr rührend.

    Gefällt mir

  3. Herba schreibt:

    @Pö: Danke!
    Ich hatte das (bei der BBC?) gelesen und fand es schön, daß sie diese Ausnahme gemacht haben.

    Gefällt 1 Person

  4. Herba schreibt:

    @rina.p: Danke schön :*

    Gefällt 1 Person

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