Nur ein Traum

William King hatte das letzte Seminar des Tages beendet, schnappte sich seine Aktentasche, verschloß sein Büro und verließ schnellen Schrittes das Universitätsgebäude, in dem er seit vier Monaten englische Literatur lehrte.
Vor der Tür atmete er tief ein und genoß die frische Abendluft.
Für November war es noch ungewöhnlich mild, aber es war stockfinster, weil der runde Vollmond von dicken Regenwolken verdeckt wurde, die rasant näher kamen.

Davon ließ sich William jedoch nicht beirren. Er ging zum privaten Parkplatz der Uni, um seine Aktentasche in seinem silbernen BMW abzulegen und lief dann mit großen Schritten auf den Feldweg zu, der direkt hinter dem Parkplatz begann.
Bevor er hierher gekommen war, war er nie irgendwohin gegangen, ohne ein Ziel zu haben.
Immer gab es einen Grund zu Fuß durch die Gegend zu laufen und nie diente so ein Fußweg zur Entspannung.
Genau deswegen hatte William vor knapp vier Wochen damit angefangen nach der Arbeit spazieren zu gehen.
Er mußte endlich aktiv werden und sich an sein neues Leben gewöhnen, sonst würde er es nie schaffen eine gewisse Normalität herzustellen und sein altes Leben hinter sich zu lassen.

Ein kühler Windstoß fegte über die Felder und der Vierzigjährige zog den Gürtel seines schwarzen Wollmantels enger zusammen und stelle den Kragen auf.
Nun wurde es doch ungemütlich, aber William lief unbeirrt weiter. Schließlich hatte er in seinem bisherigen Leben wahrlich schon größere Kälte erlebt, als hier und heute. Frische Luft und die Bewegung war wichtig für ihn – basta!

Auch als der erste Regentropfen seine Nase traf, wurde er nicht langsamer oder drehte um.
Stur folgte er im bald stetig fallenden Nieselregen dem Feldweg, bis er nach einer guten halben Stunde wieder am Parkplatz angekommen war, in aller Ruhe das Auto entriegelte und sich, als er losfuhr dachte: ‚Hoffentlich ruiniert der feuchte Mantel nicht den Ledersitz!‘

Die Fahrt zu Williams Zwei-Zimmer-Appartment am Rand der kleinen Stadt dauerte nicht lange und so saß er knapp 25 Minuten später vor einer dampfenden Mikrowellenmahlzeit, die ihn eher wärmte, als daß sie seine Geschmacksknospen anregte.
Vielleicht sollte er endlich einmal kochen lernen, aber zuerst würde er die Wohnung anständig einrichten, denn bisher sah es hier aus, als hätte jemand bei einem hastigen Auszug wahrlos ein paar einzelne Möbel zurückgelassen.
William schmunzelte in sich hinein. ‚Einen Preis für Gemütlichkeit kann ich damit nun wahrlich nicht gewinnen!‘
Aber heute war es schon zu spät um daran etwas zu ändern und so verzog er sich mit einem dicken Schmöker ins Schlafzimmer, wo er irgendwann noch mit dem Buch in der Hand einschlief.

* * *

‚Njet! Njeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeet!!! Aufhören!!! Bitte, bitte aufhören!!! Ich weiß nichts……..paschálßta!‘

Wasser prasselte auf ihn ein, drang durch einen nassen Lappen, der schwer auf seinem Gesicht lag in Augen, Ohren, Nase und Mund und ihn zu ersticken drohte.
Seine Lungen brannten.
Sein Körper wollte sich aufbäumen, wurde jedoch von festen Riemen davon abgehalten, die schmerzhaft in sein Fleisch schnitten.
Eine Stimme fragte auf Russisch immer und immer wieder die gleichen Fragen, auf die er keine Antwort kannte.
Worte vermischten sich zu einem diffusen Geräusch, das vom Wasser, das unaufhörlich auf ihn einströmte, übertönt wurde.

Endlich wurde der Lappen von seinem Gesicht gezogen und jemand schlug ihm hart mit der flachen Hand ins Gesicht, als er von einem heftigen Hustenkrampf geschüttelt wurde.
Nur verschwommen nahm er die drei Personen wahr, die sich mit ihm in dem Raum, der als Folterkammer fungierte, aufhielten.
Als erneut die Stimme, die ihn mit unendlichen Fragen quälte erklang, zuckte er verschreckt zusammen.

‚Paschálßta!!! Ich kann nicht mehr!‘

Schlanke Finger strichen ihm fast zärtlich durch die nassen Haare.
‚Beantworte meine Fragen und es hört sofort auf!‘
‚Aber ich weiß doch nichts! Bitte!!! Ich….‘
‚Wie Du willst!‘

Gerade sah er noch das leichte Nicken, dann lag er schon wieder flach auf dem Rücken, den Lappen auf dem Gesicht und das Wasser drang erneut auf ihn ein.
Wieder bekam er keine Luft mehr, Wasser drang in seine Luft- und Speiseröhre und das prasselnde Geräusch des Wassers dröhnte laut in seinen Ohren.
Seine Arme und Beine wurden schwer, zum Kampf gegen die Fesseln schien keine Kraft mehr vorhanden zu sein und plötzlich verschwamm alles um ihn herum.
Die Geräusche, die eben noch so laut gewesen waren, klangen nun als wären sie weit weg, auch die fragende Stimme nahm er nur noch als leises Gemurmel im Hintergrund wahr und er dachte:
‚Nun ist es endlich gleich vorbei….‘

* * *

Ein lauter Schlag erklang und William saß senkrecht im Bett. Das Schlafzimmer war dunkel, nur von draußen drang etwas Licht herein, das eine einsame Straßenlaterne spendete.
Atemlos versuchte er mit großen Atemzügen Luft in seine Lungen zu pressen, was ihm mehr schlecht als recht gelang.
Hektisch suchte er nach dem Schalter der Nachttischlampe und fegte sie dabei fast mit dem Arm vom Nachttisch.

Erst als William die vertraute Umgebung seines Schlafzimmers sehen konnte, gelang es ihm sich etwas zu beruhigen und wieder ruhiger zu atmen.
Vor dem Bett lag der dicke Schmöker, den er beim Einschlafen noch festgehalten hatte. Er schien aus dem Bett gefallen zu sein und der Knall hatte ihn geweckt.

‚Du hast geträumt!‘ redete er sich jetzt selbst gut zu und zuckte zusammen, als seine eigene Stimme in der Stille der Nacht viel zu laut ertönte.
Der Traum war so lebhaft gewesen, daß er meinte, nassen Stoff auf seinem Gesicht spüren zu können.
Ruckartig und wie unter Zwang schnellte Williams Rechte unter der Bettdecke hervor, um sich von dem Lappen zu befreien und fast erwartete er, von Lederriemen daran gehindert zu werden.
Doch seine Hand fand weder die Riemen noch einen Lappen, nur feuchte, stoppelige Wangen, die sich kalt anfühlten.

‚Was hatte nur diesen Alptraum ausgelöst?‘ fragte sich William, strich sich die Tränen aus dem Gesicht und schaute versonnen aus dem Fenster, gegen das laut und heftig der Regen prasselte.
Nach etwa zehn Sekunden in denen er düster vor sich hin starrte, wurde ihm klar, daß die Regentropfen genau wie das Wasser aus seinem Traum klangen.
Außerdem wurde ihm klar, daß er in dieser Nacht wohl keinen Schlaf mehr finden würde. Seufzend stand William auf, um sich einen Tee zu machen und sich beim Korrigieren von Hausarbeiten zu Chaucer von den Schatten seiner Vergangenheit abzulenken, die ihn, wenn auch nur ihm Traum, eingeholt hatten…

* * * * * * * * * * * * * * * * *

Dieser Text ist für das Gemeinschaftsblogprojekt von Poe und mir entstanden. Das Thema war ‚Mach was…mit Regen‘.
Diese Geschichte wurde von einer Figur aus einer englischen Fernsehserie inspiriert. Eine Urheberrechtsverletzung ist damit nicht beabsichtigt!
Gesamter Text © Herba für ‚Unkraut vergeht nicht…oder doch?‘
Bitte nicht ungefragt zitieren oder weiterverwenden!!!

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9 Antworten zu Nur ein Traum

  1. Servetus schreibt:

    I heard there’s another dreamscape in which he makes an audiobook of The Wife of Bath’s tale in a woman’s voice and fourteenth century pronunciation.

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  2. Herba schreibt:

    @Serv: And I thought I was cruel because I made him relive the russian torture 😉 *lol*

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  3. Pingback: Gemeinschaftsblogprojekt ‘Mach was!’ – Ergebnis #32 und neues Thema | Unkraut vergeht nicht….oder doch?

  4. rina.p schreibt:

    Oh – was für ein Traum – sehr lebhaft beschrieben – richtig gut.

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  5. suzy schreibt:

    Das war heftig! Aber richtig gut geschrieben ❤

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  6. Herba schreibt:

    @rina.p: Dank Dir! :*

    Gefällt 1 Person

  7. Herba schreibt:

    @Suzy: Danke schön! Mit dem guten Anschauungsmaterial war das Schreiben recht einfach 🙂

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  8. Pingback: On my own | Unkraut vergeht nicht….oder doch?

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