Angels in America (National Theatre London live)

Eigentlich hatte ich mir vor ein paar Monaten selbst versprochen, daß ich die Blogposts zu meinen NTlive-Erlebnissen im Kino wieder zeitnäher schreibe, aber so ganz will mir das scheinbar – warum auch immer – nicht gelingen!
Daher war es auch schon Ende Juli oder Anfang August, als ich zwei Donnerstage hintereinander im Kino saß und mir die beiden Teile von ‚Angels in America‚ angeschaut habe.

Und darum geht es:
Im New York der Achtziger Jahre erfährt der schwule Jude Louis Ironson (James McArdle), daß sein Lebensgefährte, der protestantische Weiße Prior Walter (Andrew Garfield) AIDS hat.
Louis kommt nur schwer mit dieser Tatsache zurecht und als es Prior immer schlechter geht, verläßt Louis ihn schließlich.
Prior muss nun mit seiner Krankheit allein zurecht kommen, fühlt sich einsam und sieht Geister, die angeblich seine Vorfahren sind und einen Engel (Amanda Lawrence), der ihn auf seine Ankfunft auf Erden vorbereitet.
Unterdessen bekommt Joe Pitt (Russell Tovey), Republikaner, Mormone, heimlicher Homosexueller und Kollege von Louis ein Jobangebot in Washington, das er allerdings nicht annehmen kann, weil seine Ehefrau Harper (Denise Gough) an Platzangst und einer Angststörung leidet und sich weigert umzuziehen.
Die Leben dieser vier verschiedenen Menschen kollidieren, als der erzkonservative, korrupte Anwalt und Mentor von Joe Roy Cohn (Nathan Lane), der sein Schwulsein seit Jahrzehnten nur versteckt auslebt, ebenfalls an AIDS erkrankt und im Krankenhaus landet….

Das erste, was mir zu diesem zweiteiligen Stück einfällt ist ‚lang‘. Wirklich, wirklich lang!!!!
So lang, daß mir während des ersten Teils (ca. 3 Stunden, 30 Minuten) irgendwann der Hintern weh tat und wir beim zweiten Teil (ca. 4 Stunden, 15 Minuten) kurz fürchteten entweder früher gehen zu müssen oder gar keine Bahn in Richtung Heimat mehr zu bekommen (ist beides nicht passiert, aber ich fühlte mich kurzzeitig dann doch mal leicht hysterisch überfordert).

Das zweite was mir einfällt ist ‚großartig‘. Ich bin ja immer erstmal skeptisch, wenn etwas zu stark gelobt wird, vor allem wenn es politisch und gesellschaftskritisch relevant ist, aber ja, ich fand es auch großartig!
Und ich verstehe nun, daß Jason Isaacs, der zum Cast gehörte, als das Stück 1993 am National Theatre in London sein Debüt feierte, danach nur noch wenig Theater spielt, weil er Angst davor hat, daß alles was nach AiA kommt, einfach nur verlieren kann (einen Artikel mit O-Tönen von Isaacs und Bildern von damals gibt es hier).

Für die Schauspieler muss dieser Marathon sowohl körperlich als auch geistig wahnsinnig anstrengend, aber gleichzeitig auch sehr befriedigend sein, weil einfach so viele Register gezogen werden und man sicher auch mal an seine Grenzen stößt.

Da ich im Vorfeld weder das Stück gelesen, noch den Film gesehen hatte, war das wirklich meine allererste Erfahrung mit dem Stück und ich ging relativ unbefangen ins Kino.

Die Kulisse hat mir gefallen und unterstrich gut die Handlung. Die verschiedenen beweglichen Komponenten der Bühne des National wurden wunderbar eingesetzt und der große Raum wurde in vielen Szenen ganz ausgenutzt.
Auch die Musik und die Tatsache, daß sie nicht zu laut oder zu aufdringlich eingesetzt wurde, hat mir gefallen.

Die Kostüme passen in die Zeit der Handlung und für die phantastischen Protagonisten hat man sich für mich auch originelle Klamotten ausgedacht, wobei mir dabei die Flügel des Engels (den ich kurzzeitig für einen Vogel gehalten hatte, weil er im ersten Teil ständig was von nem Vogel erzählt) besonders gut gefallen haben.
Anstrengend fand ich das Gekreische, das an manchen Stellen vielleicht ein klein wenig Überhand genommen hat, aber vermutlich genau so sein sollte.

Andrew Garfield spielt Prior für mich fast perfekt. Er ist stolz darauf, wer er ist, er leidet körperlich und seelisch, er ist verzweifelt, er hadert mit seinem Schicksal und mit seinem Freund, der ihn verlassen hat und trotzdem gibt er nicht auf.
All diese Facetten zeigt Garfield und wirkt dabei mal verletzlich, mal komisch, mal fast unkaputtbar und immer ganz versunken in seiner Rolle.
Und der schwarze lange Mantel, den Prior einige Male trägt, steht ihm einfach super!!!

James McArdle war mir bis dato unbekannt und ich mochte ihn auf Anhieb. Er ist ein so knuffiger Louis und spielt den verkopften, quasseligen Schwulen so symapthisch, daß ich ihm sein doofes Verhalten Prior gegenüber fast nicht übel nehmen konnte.
Egal wie tragisch das Geschehen auf der Bühne gerade war, wenn McArdle auftrat, mußte ich immer kurz grinsen, weil er als Louis ganz oft wie ein großer Teddybär wirkt, der nur schwer die Klappe halten kann.
Ich hoffe, daß man von ihm noch viel mehr sehen wird, denn für mich ist er ein richtig guter Schauspieler, der außerdem auch außerhalb der Bühne recht sympathisch wirkt (zumindest bei den Interviews hier und hier).

Nathan Lane und Denise Gough spielen auch sehr gut, sind mir aber beide zwischendurch ein wenig auf den Keks gegangen, weil Cohn einfach ein Kotzbrocken ist und Harper die halbe Zeit hysterisch ihren Valiumrausch auslebt.

Russell Tovey spielt den, ich zitiere ‚verheirateten, schwulen, mormonischen Anwalt Joe, der auch noch Reagan gewählt hat‘ (ich weiß nicht mehr genau, wer das sagte (Louis?), aber er war ziemlich entrüstet) und ehrlich gesagt war ich von ihm etwas enttäuscht, weil er neben Garfield der einzige war, zu dem ich irgendwelche Erwartungen hatte, die vielleicht ein wenig hoch waren.
Tovey wirkte für mich jedenfalls öfter mal wie ein Fisch auf dem Trockenen, der krampfhaft sein Element sucht und es nicht finden kann, was ich wirklich schade finde.
Dafür steht er im zweiten Teil einfach mal nackt auf der Bühne und zeigt seinen Popo – hätte ich nicht unbedingt gebraucht, aber gut….

Nathan Stewart-Jarrett, Amanda Lawrence, Susan Brown und der restliche Cast hält das hohe Niveau der Hauptdarsteller und ich bin beeindruckt, wie scheinbar mühelos sie teilweise in verschiedene Rollen geschlüpft sind.

Insgesamt ist ‚Angels in America‘ ein gesellschaftskritisches, manchmal leicht abgedrehtes Stück, das sich für mich gelohnt und das mich gedanklich lange beschäftigt hat; ein Stück, das ich sicher nicht in Gänze verstanden habe und dessen Eindrücke mich noch lange begleiten werden.

Daher würde ich auch jedem, der die Gelegenheit hat, die Aufzeichnung von NTlive im Kino zu sehen, unbedingt dazu raten, sich darauf einzulassen!
Ich selbst würde zu gerne sehen, wie die Produktion 2018 in New York am Broadway zurecht kommt und wie sich Lee Pace, den ich mir gerade eher schwer als Joe Pitt vorstellen kann, in dieser Rolle schlägt.
Ich wünsche der Truppe jedenfalls Hals- und Beinbruch und erfolgreiche 18 Wochen im Big Apple!!!

Angels in America Part One: Millennium Approaches und Angels in America Part Two: Perestroika bei NTlive

Ein Trailer

Andrew Garfield erzählt von Prior

James McArdle erzählt von Louis (hab ich schonmal erzählt, daß ich auf schottischen Akzent stehe???)

Denise Gough erzählt von Harper

Nathan Lane erzählt von Roy

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5 Antworten zu Angels in America (National Theatre London live)

  1. Die Pö schreibt:

    Ich fand es toll und habe letztens erst wieder dran gedacht. Das sagt, glaube ich auch schon einiges über die Qualität des Stückes aus, wenn man noch Wochen später wieder mal dran denkt.

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  2. nettebuecherkiste schreibt:

    Klingt gut! Ich wusste gar nicht, dass Russell Tovey auch Theater spielt.

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  3. Herba schreibt:

    @Pö: Ja, das denke ich auch!

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  4. Herba schreibt:

    @Nette: Er hat, glaube ich, sogar am Theater angefangen und ist mit einigen Stücken durch die halbe Welt getourt.

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