Grenzen überwinden

Eigentlich dachte ich, ich hätte hier schonmal was dazu geschrieben, aber eine Suche ergibt gerade nichts, also muss ich wohl ein wenig weiter ausholen, also ACHTUNG Geschwafel (von der persönlichen Sorte)!

Wer hier regelmäßig mitliest weiß, daß 2012 mein Vater gestorben ist. Er war schwer krank und hat sich zum Schluß gequält. Der Tod war also eine Erlösung für ihn und kam nicht überraschend, aber er hat mich und auch meine Familie doch getroffen wie ein Blitz.

In den ersten Tagen direkt nach seinem Tod habe ich, bis auf einen kleinen Durchhänger am Tag nach seinem Tod, funktioniert.
Schließlich müssen Verwandte und Bekannte informiert und 1001 Kleinigkeiten organisiert werden. Zum Glück wird in meiner Familie das Thema Sterben und Tod nicht ausgespart, meine Eltern haben vorgesorgt und wir wußten ziemlich genau, wie sich mein Vater seine Beerdigung vorstellte beziehungsweise was ihm wichtig war.

Dabei gab es immer wieder auf kleine Stufen, an denen ich persönlich kurz hängen geblieben bin und die ich dann doch überschritten habe, weil es einfach nicht anders ging.
Da hieß es dann einfach im übertragenen Sinn: aufstehen, Krönchen richten, weitermachen!

Und dann gab es da noch die eine, große, unüberwindbare Stufe, über die man nicht unbedingt drüber muss und über die man dann auch nicht freiwillig geht – weder für Geld, noch für gute Worte.

Ich bezweifle, daß das bei jedem, der trauert so ist, aber bei meiner Schwester zum Beispiel gibt’s das auch.
Ihre Stufe ist der Bruder meines Vaters. Unser Onkel sieht Papa unglaublich ähnlich und auch die Stimmen sind fast gleich, was bei mir in den ersten 30 Sekunden wenn wir uns begegnen imemr für einen Kloß im Hals sorgt.
Bei meiner Schwester war das die große Stufe, über die sie nicht kam, die eine Konfrontation, für die die Zeit scheinbar nicht reif war.
Ihm in einer Gruppe aus Menschen begegnen? Ja klar, kein Problem!
Sich mit ihm allein unterhalten? Ihn bei sich daheim besuchen? Scheiße nein!!!
Das tut zu weh, das geht zu tief, das ist einfach nicht drin.

Und das wird respektiert, von meiner Mutter, von mir und auch von meinem Onkel, der das irgendwie gespürt hat, ohne das irgendwer es laut gesagt hat.
Trotzdem hat er sich gefreut, als meine Schwester an einem sonnigen Sonntag im Frühjahr mit Sam dem Familienhund bei ihm im Hof stand und ihm nicht einfach die Einladung zur Konfirmation meines Neffen in die Hand drückte, sondern sich zu ihm setzte und sich fast zwei Stunden mit ihm über Gott und die Welt unterhalten hat.

Ohne, daß sie mir das erzählen mußte, weiß ich, daß dann auf dem Heimweg Tränen geflossen sind. Aber die Erleichterung über das Nehmen dieser Stufe war genauso spürbar wie die Trauer, die damit verbunden ist…

Meine unüberwindbare Stufe ist der Besuch eines Grundstücks, das meiner Familie auf jeden Fall schon in der dritten oder vierten Generation gehört.
Zu Zeiten meiner Großeltern ein riesiger Spargelacker, funktionierte mein Vater Stück für Stück um. Und als ich klein war, gab es nur noch drei Spargelreihen, der Rest war entweder Gras oder Nutzgarten, mit viel Platz für Hühner, Gänse und Stallhasen und jede Menge Obstbäume.
Hier habe ich gelernt wie man Kartoffel legt und erntet, hier bin ich als Dreikäsehoch die Spargelreihen entlang gesaust und habe nach den blitzenden, weißen Köpfchen gesucht, die aus der Erde schauen und dann später gelernt, wie man Spargel sticht.
Hier habe ich Hühnern und Hasen Namen gegeben, mit unseren Hunden gespielt und allgemein den Respekt und den Umgang mit Tieren gelernt.
Hier habe ich als Teenie im Herbst zähneknirschend Walnüsse aufgelesen und Laub zusammengerecht und das erste Mal Rasen gemäht – mit einem Benziner (O-Ton mein Vater: Da kannst Du kein Kabel durchmähen! 🙂 )

Mein Vater hat hier unglaublich viel Zeit verbracht und ist seinem Hobby nachgegangen. Hier wurde gepflanzt, gewerkelt, nach seinen Tieren geschaut und auch das ein oder andere Mal gegrillt und in der Sonne gesessen.
Das war sein Platz, der wie kein anderer mit ihm verbunden ist und auch wenn er nur knapp 2 Kilometer von meinem Zuhause entfernt ist, war die Distanz nach dem Tod meines Vaters für mich unüberbrückbar.

Zuletzt war ich kurz vor oder kurz nach dem Tod von Papa dort, weil ich zusammen mit meiner Schwester etwas abholen mußte – ich weiß nicht mal mehr genau wann – und ich war nicht lange da, nur eben so lange wie es dauerte, daß zu holen, was wir holen wollten.

Danach habe ich dann immer mal kurz drüber nachgedacht. Hinfahren, in der Sonne sitzen, Papa nahe fühlen, trauern…..und es doch nicht über mich gebracht.

Ein paar Mal war ich quasi schon auf dem Weg und hab’s dann doch gelassen.
Weil die Stufe plötzlich unüberwindlich schien und vermutlich auch die Angst zu groß war, daß genau an diesem Ort alle Dämme brechen und ich dann eben erstmal nicht mehr funktioniere.

Akzeptiert wurde das auch, obwohl meine Schwester es zwischendurch doch immer mal probiert hat.
Das waren dann Unterhaltungen wie:
‚Oh, wenn wir sowieso unterwegs sind, können wir aufm Grundstück vorbeifahren. Ich will Dir was zeigen.‘
Kurze Pause
‚Muss das sein?‘
‚Ja, ich will gelobt werden.‘ *zwinker* *zwinker*
‚Kann ich Dich nicht einfach so loben?‘
‚Ooookaaaaay‘

 
 
 
 
Und dann an einem Freitagnachmittag Mitte Juli hab ich meine Familie und vor allem mich selbst überrascht, als meine Schwester sagte: ‚Ich fahr dann raus‘ und ich ohne groß nachzudenken erwiederte ‚Sag bescheid, wenn Du gehst, dann komm ich mit‘.
 
 
 
 

Auf dem Weg ist meiner Schwester dann wohl zum ersten mal wirklich klar geworden, wie schwer mir das fiel und sie schickte den ein oder anderen besorgten Blick in meine Richtung.
Aber sie hat mich einfach gelassen, hat das erledigt, was sie erledigen wollte.

Und ich bin sämtliche Obstbäume abgelaufen, hab in der Sonne geseßen, mich meinem Vater nahe gefühlt….und es sind viele Tränen geflossen.

 
 
 
 
Aber es war wohl der richtige Zeitpunkt, denn nun ist es okay. Ich kann diesen Ort wieder besuchen, die Schwelle überschreiten.
Es fließen immer noch Tränen und zwar jedes Mal, aber es ist in Ordnung – auch wenn es fünf Jahre gedauert hat.

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11 Antworten zu Grenzen überwinden

  1. Servetus schreibt:

    So many of your perceptions in this post are familiar ones for me. It’s weird how familiar territory seems in a way like a foreign land without the person one associates with it. I couldn’t explain it myself. I’m glad you went — and am sending you a big hug.

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  2. Guylty schreibt:

    Das war ein sehr persönlicher Beitrag – aber auch ein sehr schöner. Ich kann nachvollziehen, was du und deine Schwester mit diesen „Grenzen“ meint, und es ist schön, dass ihr beide diese jetzt überschreiten konntet. Vielleicht wird das Stückchen Land jetzt zu einem schönen Erinnerungsort für dich. Das würde ich dir wünschen.
    Ich selbst habe übrigens gar keine solche Barriere, wenn ich an meinen Vater denke. Komisch.

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  3. Die Pö schreibt:

    Ich kann das sehr gut nachvollziehen. Mein Opa hatte mir ein Puppenhaus gebaut, in dem gab es eine Kommode (auch die war, wie alles in dem Haus selbstgemacht). Als ich zu alt wurde um mit dem Puppenhaus zu spielen, habe ich die Kommode aber behalten, um allerkleinsten Klein-Nippes darin aufzubewahren und sie stand immer in Griffnähe. Dann starb mein Opa und ich habe die Kommode weggeschlossen, weil ich jedes Mal anfing zu heulen, wenn mein Blick drauffiel. Vor ein paar Jahren habe ich sie wieder hervorgeholt und furchtbar geheult, aber seitdem steht sie im Regal an meinem Bett.

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  4. Herba schreibt:

    @Serv: Thanks! Hugs back!!!!
    It’s weird for me because our house for example isn’t as problematic as this place although my father build it and spent all my life there. But yes, I am glad I went too!

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  5. Herba schreibt:

    @Guylty: Dank Dir! Ich denke schon. Es ist zwar immer noch schmerzhaft dort zu sein, aber es kommen auch immer mehr schöne Erinnerungen hoch und ich denke, daß das irgendwann überwiegen wird.
    Sei froh, das Überwinden hat nämlich echt weh getan.

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  6. Herba schreibt:

    @Pö: Ein Gebrauchsgegenstand mit Erinnerungswert und dann auch noch selbst gemacht. Das finde ich total schön!!!

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  7. Servetus schreibt:

    It’s so hard to predict what will or won’t bother one.

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  8. Herba schreibt:

    @Serv: Imagine the worst and you will only catch the half of it….

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  9. Pingback: Musik am Samstag #167 | Unkraut vergeht nicht….oder doch?

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