Trajan, der britische Soldat

Das hier war so eine richtig blöde Idee!!!
Von John’s Kameraden im Suff ausgeheckt, nüchtern für völlig gaga aber als Mutprobe für gut befunden und danach dann akribisch geplant und vorbereitet.
Sollte er erwischt werden, würde er nicht nur seinen Ausbildungsplatz beim Special Air Service verlieren, sondern entweder im Knast landen oder aus der Armee fliegen….oder beides.

In seiner dunklen Kleidung, mit der schwarzen Strickmütze, den schwarzen Einsatzstiefeln und den fingerlosen Handschuhen, die seinen Händen hoffentlich gleich den nötigen Halt geben würden, kam John sich vollkommen verkleidet und fehl am Platz vor.
Das Gebäude vor ihm wurde wie immer hell angestrahlt, schließlich war es eine der Sehenswürdigkeiten in London.
Außerdem gehörte es zu den gut überwachten Punkten der City und nur dem Insiderwissen von Archie, dessen Onkel ein Insider war, wenn es um die städtische Sicherheit ging, war es zu verdanken, daß sie einen winzigen blinden Fleck an der Mauer entdeckt hatten, der nicht von Kameras eingefangen wurde.
Archie war es auch, der sich vor zwei Stunden zusammen mit Sam mit der Masse der vielen Touristen in den Tower hatte tragen lassen, um unauffällig ein Seil an der Mauer anzubringen, an dem er Punkt Mitternacht hinaufklettern sollte.
Falls ihn niemand erwischte, bis er oben ankam, würde er sich über den Innenhof schleichen, seinen ‚Auftrag‘ ausführen, das Foto machen, das die Jungs als Souvenir für die Aktion und Beweis seines Mutes verlangt hatten und dann wieder den Rückzug über die Mauer antreten.
Theoretisch klang das alles wahnsinnig einfach und das war auch nicht Johns erste Kletterpartie im Dunkeln, aber streng genommen beging er einen Einbruch und dann auch noch in ein offizielles Gebäude.

Seufzend überquerte der junge Mann die Straße, schaute sich verstohlen um und flankte dann mit einem Satz über das Geländer vor ihm.
Mehr oder weniger lautlos landete John auf dem gut gepflegten Rasen, der den Tower an dieser Stelle umgab. Geduckt schlich er sich zur Mauer und seufzte halb erleichtert, halb verzweifelt auf, als er das Ende des Seils entdeckte, das Archie für ihn angebracht hatte.

‚Oh Mann, wenn die Jungs sich irren und es hier doch ne Kamera gibt, bist Du am Arsch Kumpel!‘ murmelte John leise, holte tief Luft und begann sich in die Höhe zu schrauben.
Verflucht, das war höher als gedacht, aber zum Glück stand er gut im Training und es kostete ihn zwar einiges an Anstrengung aber wenig Mühe, sich mit seinen muskulösen Extremitäten am Seil nach oben zu hangeln.
Die Handschuhe leisteten ihm dabei gute Dienste und auch seine Stiefel unterstützten ihn wie erhofft.
Oben auf der Mauer angekommen, verharrte John kurz flach auf dem Bauch liegend, lauschte auf die Geräusche des nächtlichen Londons und schaute sich um, so gut es im Dunkeln ging.
Als er relativ sicher war, immer noch allein zu sein, ließ er das Seil auf der anderen Seite der Mauer herunter und kletterte nach unten.

Nahezu lautlos landete er auf dem Gras bewachsenen Untergrund und orientierte sich.
Die Stelle, die er innerhalb der Mauern der Toweranlage suchte, sollte gleich vor ihm liegen und tatsächlich entdeckte John die Silhouette des ehemaligen römischen Herrschers vor sich.
Leise und vorsichtig schlich er zu der lebensgroßen Trajan-Skulptur aus Bronze.
Bei ihr angekommen, nahm er den Rücksack ab, den er bei sich trug, öffnete ihn und holte das olivgrüne Barett seiner Einheit zusammen mit einem kleinen Union Jack heraus und sagte entschuldigend:
‚Sorry mein Alter!‘.
Dann setzte er dem Abbild des römischen Kaisers die Mütze auf, die ihm ein leicht verwegenes Aussehen gab und steckte ihm den Griff der kleinen Flagge in die erhobene Hand.
Unwillkürlich mußte der junge Mann bei dem Anblick, die die Statue nun bot, grinsen und hoffe, daß er das Foto, das er dabei machte, deswegen nicht verwackelte.
‚Na, das sieht doch gar nicht so schlecht aus! Wärst sicher ein tapferes Mitglied unsrer Truppe gewesen! Aber nun muss ich Dich leider wieder verlassen. Halt schön die Augen offen und machs gut!‘
Und mit diese Worten machte sich John auf dem gleichen Weg wie er gekommen war aus dem Staub und verschwand, nachdem er die Mauer überwunden hatte, lautlos in der Nacht.

Tags darauf titelten viele britischen Zeitungen so oder so ähnlich:
„Einbruch im Tower of London!!!!
Eine unbekannte Anzahl von Tätern überwanden in der Nacht zum Sonntag die Außenmauer der Anlage. Ein leichter Fall von Vandalismus wurde gemeldet, gestohlen wurde nichts…“

Trajan, der britische Soldat
Meine (etwas unbeholfene) Manipulation – das Ursprungsbild stammt aus der Wikipedia

Diese Meldung wurde in vielen britischen Haushalten gelesen, aber wohl niemand lachte deswegen so sehr wie eine Ausbildungseinheit des SAS in ihrer Kaserne in Credenhill, der auch John Porter angehörte.

* * * * * * * * * * * * * * * * *

Dieser Text ist für das Gemeinschaftsblogprojekt von Poe und mir entstanden. Das Thema war ‚Mach was…mit Statuen oder Statuetten‘.
Für diese Geschichte habe ich die Statue von Trajan vom Tower Hill auf das Gelände des Tower of London verlegt. Man möge mir diese künstlerische Freiheit nachsehen.
Gesamter Text © Herba für ‚Unkraut vergeht nicht…oder doch?‘
Bitte nicht ungefragt zitieren oder weiterverwenden!!!

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15 Antworten zu Trajan, der britische Soldat

  1. Servetus schreibt:

    Love it: adventures of the young Porter!!

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  2. Die Poe schreibt:

    Haha, sehr schön

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  3. Hedgehogess schreibt:

    Mr. Portah, ich bin schockiert!

    😀

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  4. Herba schreibt:

    @Serv: Thanks!

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  5. Herba schreibt:

    @Pö: Danke, ich hatte das für ein anderes #Machwas angefangen und nie zu Ende geschrieben und weil mir sonst nichts einfiel, hab ich das einfach umgemodelt 🙂

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  6. Herba schreibt:

    @Hedgehogess: Tja, er war halt jung und hatte grade sonst nichts zu tun 😉

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  7. Hedgehogess schreibt:

    Er war jung und brauchte das Geld?! *gg*

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  8. Herba schreibt:

    @Hedgehogess: Geld hat er ja keins bekommen 😉

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  9. Pingback: Gemeinschaftsblogprojekt ‘Mach was!’ – Ergebnis #27 und neues Thema | Unkraut vergeht nicht….oder doch?

  10. Hedgehogess schreibt:

    Ich bin sicher, du kennst den Spruch.

    Außerdem fiel bestimmt beim nächsten Pub-Besuch eine greif- und trinkbare Anerkennung für ihn ab.

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  11. Herba schreibt:

    @Hedgehogess: Sicher, sonst hätte ich ihn nicht abwandeln können 😉

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  12. Esther schreibt:

    LOL! Sogar John Porter war mal jung und unbefangen! 🙂

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  13. Herba schreibt:

    @Esther: Ja, bevor Alkohol sein bester Freund wurde 😉

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  14. Esther schreibt:

    😊 Und bevor sein Frisör ihn entfreundet hatte…

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  15. Herba schreibt:

    @Esther: Frei nach dem Motto: keine Abstinenz, kein Haarschnitt *lol*

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