All Hallows‘ Eve

Es waren nun schon einige Monate vergangen, doch Guy of Gisborne konnte immer noch nicht fassen, daß er begnadigt worden war.
Schließlich war er die rechte Hand des Sheriffs gewesen und hatte mehr als ein Menschenleben auf dem Gewissen, auch wenn er sich an diese Zeit nach seiner Kopfverletztung kaum noch erinnern konnte und nur Erinnerungsfetzen ihn heimsuchten. Nachdem ihm erzählt worden war, was er alles angestellt hatte, hatte er sich vor sich selbst geekelt und damit gerechnet sein Leben zu verlieren.
Stattdessen hatte man ihm Land mit einem halb verfallenen Anwesen und einem kleinen Dorf gegeben, für das er nun verantwortlich war und das man in ‚Gisborne‘ umbenannt hatte. Hier sollte er sich beweisen, sollte Buße tun, die Dorfbewohner schützen und zeigen, daß er ein Edelmann war.

„Pfffffffffffffffffffffffff, ein schöner Herr bist Du! Versteckst Dich die meiste Zeit vor dem Dorfvolk und schickst Deinen Bruder vor, damit der sagt, was Sache ist!“

Die Stimme in seinem Kopf, die ihn seit seiner Kopfverletzung quälte, kreischte weiterhin ungehindert vor sich hin und verstummte nur ganz, wenn er bis zur Erschöpfung körperlich gearbeitet hatte.
Natürlich war manchmal an dem was sie sagte, ein klein wenig Wahrheit, aber die meiste Zeit übertrieb sie und versuchte ihn klein zu machen……so wie der Sheriff es früher immer getan hatte.
Es stimmte, daß Archer viel mehr mit den Dorfbewohnern kommunizierte, Anweisungen weitergab und auch mal Seite an Seite mit ihnen anfaßte, wenn es um dörfliche Arbeit ging. Aber Archer war auch einfach der bessere Mann dafür, denn er war von Natur aus freundlich und verstand sich mit den meisten Menschen.
Außerdem hatte er das Talent jedem Menschen ein Gefühl der Wertschätzung zu vermitteln, egal ob Bauer oder Edelmann. Dazu war er selbst einfach nicht fähig.
Wie sollte er auch andere Menschen schätzen, wenn er für sich selbst nur Verachtung, ja manchmal sogar Hass, erübrigen konnte?

Guy seufzte. Tage wie heute waren eine besondere Herausforderung für ihn. Zusammen mit den Dorfältesten würde er, wie es an All Hallow’s Eve Brauch war, nach dem Gottesdienst in der kleinen Dorfkirche von Haus zu Haus gehen, um die extra gebackenen kleinen Kuchen, sogenannte ’soul cakes‘ einzusammeln, die als Geschenk für die Seelen der über das Jahr Verstorbenen dienten.
Dabei würde er mit den Dorfbewohnern das ein oder andere Wort wechseln müssen und außerdem wurde erwartet, daß er denen Trost spendete, die jemanden verloren hatten.

‚Eigentlich dürfte mir das ja nicht so schwer fallen‘, dachte sich der große Mann und fuhr sich nachdenklich über die Stirn. ‚Schließlich habe ich außer Archer so ziemlich jeden verloren, der mir einmal etwas bedeutet hat.‘

Trotzdem schaffte es Guy nicht, sich von seinen Schuldgefühlen frei zu machen und unbefangen mit den Menschen umzugehen, obwohl ihm Archer und Hannah, die alte Köchin und gute Seele seines Hauses, immer wieder versicherten, daß er sich zu viele Gedanken machte.
In jedem Blick las er einen stillen Vorwurf, unterdrückten Hass oder Furcht und verdenken wollte er das niemanden. Dafür war der alte Guy of Gisborne vor der Explosion viel zu unberechenbar und gewalttätig gewesen.
Guy seufzte erneut.

Langsam wurde es Zeit sich für die Kirche umzuziehen. Langsam stand er auf, zog sich das Leinenhemdn über den Kopf und entledigte sich seiner Stiefel und der Wildlederhose, die seinen Alltagsaufzug komplettierten.
Sein letztes warmes Bad war schon ein paar Tage her, aber er wollte niemandem an diesem geschäftigen Tag mehr Arbeit machen, also war er in aller Herrgottsfrühe in den Dorfteich gesprungen und hatte sich in dem eisigen Wasser gründlich gewaschen.
Daher begnügte sich der Herr von Gisborne jetzt auch mit einer schnellen Katzenwäsche, die ausreichte, um ihn frösteln zu lassen, und schlüpfte schnell in seine Festkleidung, die ausgebreitet auf dem breiten Bett vor ihm lag.
Dann strich er sich ordnend durch die strubbeligen Haare und ging mit energischen Schritten die Treppe, die in die Halle des Gutshauses führte, nach unten, wo er schon von Archer erwartet wurde.

‚Da seid Ihr ja endlich, ich warte schon Stunden!‘ Archer zwinkerte seinem älteren Halbbruder zu.
Gespielt verzweifelt schüttelte Guy den Kopf. ‚Wie oft habe ich Dir schon gesagt, daß Du nicht so förmlich sein brauchst, wenn wir allein sind.‘
‚Jaja, und dann sind wir nicht allein, ich vergesse es und Ihr reist mir den Kopf ab…‘
Sofort verdunkelte sich Guys Gesicht und er murmelte: ‚Ich weiß, daß ich zu aufbrausend bin, aber…‘
‚Das war ein Scherz Bruder. Es ist alles gut!‘ Archer klopfte Guy herzhaft zur Bekräftigung seiner Worte auf den Rücken. ‚Lass uns gehen, sonst kommen wir noch zu spät zum Gottesdienst und Father Simon stirbt am Schlag.‘
Guy lachte. ‚Eines Tages wird Dein loses Mundwerk Dich mächtig in Schwierigkeiten bringen Kleiner!‘

Nach einem schier endlos scheinenden Gottesdienst machte Lord Gisborne mit den vier Dorfältesten seine Runde und war mehr als erleichtert, als er alle Dorfbewohner besucht und alle Seelenküchlein eingesammelt hatte.
Nun war nur noch das große Feuer auf dem Dorfplatz zu entzünden und dann konnte er sich zurückziehen und seine trüben Gedanken mit einem großen Glas Ale hinunterspülen!
Seit Father Simons Predigt spukten ihm nämlich sämtliche Menschen, die er verloren oder getötet hatte, durch den Kopf.
Sein Vater und seine Mutter, an die er sich nur noch vage erinnerte; seine Schwester, die wie ein dunkler Derwisch durch seine Träume geisterte und die Stimme in seinem Kopf mit hasserfüllten Tiraden zu versorgen schien.
Am schlimmsten war jedoch die diffuse Erinnerung an das Wesen, das er bis zur Besinnungslosigkeit geliebt hatte und das durch seine Hand gestorben war.
Er wagte es nicht ihren Namen auch nur zu denken, zu schmerzhaft waren diese Gedanken, zu groß seine Schuld, die ihn immer noch fast auffraß….

‚Herr!‘ Jemand zupfte ihn an seiner Jacke und Guy zuckte zusammen und schaute leicht verwirrt in das Gesicht von Joseph, einem der Dorfältesten. ‚Es wird Zeit das Feuer zu entzünden!‘
‚Äh ja……..natürlich!‘
Guy ließ sich eine große Fackel in die Hand drücken, räusperte sich und sagte an die versammelten Dorfbewohner gewandt:
‚Dieses Feuer soll uns alle daran erinnern, daß es auch in der tiefsten Dunkelheit einen Funken Hoffnung gibt, wenn wir nur fest genug daran glauben. Auch die finsterste Nacht weicht irgendwann einem neuen Tag und wenn Gott will, werden wir eines Tages wieder mit all unseren Lieben vereint sein!‘
Father Simon neben ihm nickte zustimmen und ließ ein lautes ‚AMEN!‘ hören, als Gisborne den großen Holzstoß entzündete und sich ein warmes Licht auf dem Dorfplatz verbreitete, daß Guy seltsam tröstlich erschien.

‚Pah! Glaubst Du wirklich daran, daß DU irgendwann Deine Lieben wiedertriffst? Auf so einen wie Dich wartet doch sowieso nur das Fegefeuer und ewige Verdammnis!‘

Und schon war Trost und Hoffnung vergessen und zurück blieb ein dumpfer Schmerz in Guys Brust. Er mußte hier weg, allein sein, zu Atem kommen.
Beschwichtigende Laute murmelnd, verließ er mit hastigem Schritt und gesenkten Hauptes den Dorfplatz. Nur weg, egal wohin!

Als er fast am Waldrand angekommen war, der das Dorf an drei Seiten umschloss, hörte er plötzlich Schritte, die immer lauter wurden.
Außerdem knackten Äste, Laub raschelte und ein ersticktes Schnauben war zu hören.
Guy schaute sich in alle Richtungen um und bemerkte, daß Archer ihm gefolgt und ungefähr zwei Schritte hinter ihm stehen geblieben war.
Fragend sahen sich die beiden Brüder an. ‚Was zum Teufel….?‘
Bevor einer der Beiden noch weitere Worte äußern konnte, brach ein seltsames Wesen im Galopp aus dem Dickicht und rannte laut schreiend auf sie zu. Das Wesen sah aus wie eine Kuh, die mit einer Art Plane behängt war und vor lauter Panik, nichts sehen zu können durchgegangen war.
Archer brach bei dem Anblick in lautes Gelächter aus und auch Guy schmunzelte leise in sich hinein.
Nun tauchten in der Schneise, die das arme Tier geschlagen hatte zwei halbwüchsige Dorfjungs auf, die das Spektakel mit vor Schreck geweiteten Augen verfolgten, denn mittlerweile wälzte sich das Wesen auf der Erde und versuchte immer noch laut schreiend, das große Stück Stoff loszuwerden.

Gisborne hatte mittlerweile seinen Hausesel Yolante erkannt und versuchte vorsichtig ihr dabei zu helfen sich zu befreien, was schließlich auch gelang.
Entrüstet schnaubend kam die Eseldame wieder auf die Beine und ließ ein entrüstetes ‚Ieh-Aaaaaah‘ hören, daß Guy durch Mark und Bein ging.
Beschwichtigend klopfte er dem Esel den Hals, dann drehte er sich zu den Jungen um und herrschte sie an: ‚Was soll das?!‘
Vor seinen Augen wurden die Beiden sichtlich kleiner und stammelten nur noch sinnlos vor sich hin.
‚Nun kommt schon Jungs!‘ mischte sich Archer ein. ‚Der Lord wird euch schon nicht auffressen!‘
‚Wir…….wir…..also…….wir wollten Mary einen Streich spielen. Die hat behauptet, daß sie sich nicht vor den Seelen, die an All Hallow’s Eve unterwegs sind, fürchtet und da wollten wir sie mal kräftig erschrecken!‘
‚Und dazu mußtet ihr unbedingt meinen armen Esel quälen?!‘
‚Wir……..das war so nicht geplant. Wir haben Yolante mit einem Apfel von der Weide weggelockt und wollten ihr im Wald das Bettlacken umhängen. Aber bevor wir das Ganze so festmachen konnten, daß sie etwas sehen kann, hatte sie genug und rannte los. Und weil das so geraschelt hat, hat sie sich wohl erschreckt und wurde immer schneller. Es tut uns leid…..‘
Beide Buben waren nun fast den Tränen nahe und wagten es nicht Gisborne anzuschauen.
Der bekam mit den beiden Lausbuben aus Gründen, die ihm selbst unerklärlich zu sein schienen, Mitleid.
‚Na, na, beruhigt Euch. Es ist ja nichts passiert. Aber wagt euch ja nicht, so etwas noch einmal zu versuchen! Und nun verschwindet!‘

Erleichtert rannten sie davon und als sie außer Hörweite waren, konnte Archer sich nicht mehr beherrschen und prustete los, was ihm einen bösen Blick von Gisborne und der Eseldame einbrachte.
‚Ach komm, als ob du das nicht gerade lustig gefunden hättest!!!!‘
Da konnte sich auch Guy das Lachen nicht mehr verkneifen und der Schalk blitzte in seinen Augen als er erwiderte: ‚Wenn Yolante nicht so aufgeregt wäre, müßte man ihr glatt noch einmal das Laken umhängen und Father Simon mit ihr erschrecken….‘
Bei dieser Vorstellung verlor er komplett die Fassung und keuchte vor Lachen.
Archer stimmte ein und minutenlang war nichts anderes als Lachen zu hören. Dann gingen die beiden Männer langsam und einträchtig zum Dorf zurück und Archer dachte bei sich:
‚Ob so der kleine Guy ausgesehen hat, wenn er ausgelassen als Kind spielte? Ich werde mir diesen Augenblick auf jeden Fall gut einprägen. Er soll mich daran erinnern, daß es wirklich auch in der dunkelsten Nacht Hoffnung gibt und daß ich meinen Bruder nie aufgeben darf!‘
Und Guy of Gisborne genoß einfach den Augenblick brüderlicher Eintracht, ohne zu wissen, was Archer gerade bewegte. Auf jeden Fall würden aber beide Männer lange an diesen Abend zurückdenken…

* * * * * * * * * * * * * * * * *


Dieser Text ist für das Gemeinschaftsblogprojekt von Poe und mir entstanden. Das Thema war ‚Mach was…mit Halloween‘.
Für diese Geschichte habe ich mir einige Figuren einer englischen Fernsehserie ausgeliehen. Eine Urheberrechtsverletzung ist damit nicht beabsichtigt!
Die Geschichte kann als Teil einer FanFiction betrachtet werden, die ich schon 2011/12 angefangen, aber nie beendet habe, genau wie diese Episode namens ‚Konfrontation‘. Zeitlich ist ‚All Hallow’s Eve‘ vor ‚Konfrontation‘ angesiedelt.
Gesamter Text © Herba für ‚Unkraut vergeht nicht…oder doch?‘
Bitte nicht ungefragt zitieren oder weiterverwenden!!!

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13 Antworten zu All Hallows‘ Eve

  1. Guylty schreibt:

    Och, wie schön. Mal eine Guy-Geschichte, die mit etwas Leichtigkeit und Humor zu Ende geht. Eine schöne Halloween-Story. Danke dafür!

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  2. Die Poe schreibt:

    🙂 Schöne Geschichte

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  3. Herba schreibt:

    @Guylty: Danke! Guy muss immer einiges an Humor ertragen, wenn ich über ihn schreibe :mrgreen:

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  4. Herba schreibt:

    @Poe: Danke schöööööön!

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  5. drachen71 schreibt:

    Immer schön was von dir zu lesen. Und erst recht, wenn es mal wieder ein Stück Guy Geschichte ist. 🙂

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  6. Herba schreibt:

    @Drachen71: Dank Dir! Ich hab beim Schreiben vorgestern richtig Bock bekommen, die Guy-Yolante-Geschichte endlich mal fertig zu schreiben…..ich weiß nur nicht wann *seufz*

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  7. Guylty schreibt:

    Find ich gut!

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  8. Pingback: Gemeinschaftsblogprojekt ‘Mach was!’ – Ergebnis #21 und neues Thema | Unkraut vergeht nicht….oder doch?

  9. Hariclea schreibt:

    ohhh, die sanfteren Seiten von Guy 🙂

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  10. suzy schreibt:

    Bei mir darf er gerne klingeln um Kuchen einzusammeln 🙂 oder mich im Dunkeln erschrecken, oder oder oder….. Guy geht doch immer gut ab ❤

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  11. Herba schreibt:

    @Hari: Ja, die wird viel zu oft verschwiegen 😉

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  12. Herba schreibt:

    @Suzy: Sollte er mir über den Weg laufen, werde ich ihn in Deine Richtung umleiten 🙂 und hoffen, daß er eine bessere Orientierung als Thorin hat 😉

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  13. Pingback: Verkackt! | Unkraut vergeht nicht….oder doch?

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