Die geraubten Mädchen : Boko Haram und der Terror im Herzen Afrikas von Wolfgang Bauer

Seit die terroristische, islamische Gruppierung Boko Haram 2004 in Nigeria zum ersten Mal von sich reden machte, entführen deren Mitglieder immer wieder Frauen und Mädchen.
Sie werden dann misshandelt, vergewaltigt, dazu gezwungen zum Islam zu konvertieren, zwangsverheiratet und mittlerweile sogar manchmal zu Selbstmordattentaten gezwungen.
Doch die Gefährlichkeit von Boko Haram wird von der nigerianischen Regierung und vom Westen unterschätzt und erst als ein Kommando der Terrorgruppierung im April 2014 das Dorf Chibok im Nordosten Nigerias überfällt und 276 Schülerinnen aus dem örtlichen Internat entführt, geht ein Aufschrei um die Welt. Diese Entführung war und ist kein Einzelfall, bis heute befinden sich vermutlich tausende Frauen in der Gewalt von Boko Haram, deren leid die Welt scheinbar vergessen hat.
Der Journalist Wolfgang Bauer hat Frauen und Mädchen interviewt, die Boko Haram entkommen sind, um allen weiblichen Opfern dieser Terroristen stellvertretend eine Stime zu geben…

Ich kann mich noch relativ gut an den Aufruf von der amerikanischen First Lady Michelle Obama und anderen Prominenten erinnern, die über sämtliche Social-Media-Kanäle forderten #FreeOurGirls und so auf die Entführung der 276 Schülerinnen aufmerksam zu machen.
Damals war einer meiner ersten Gedanken zu Boko Haram ‚Wo kommen die denn nun so plötzlich her?!‘ und ‚Wieso tun die ihren eigenen Landsleuten sowas an?‘.
Zugegebenermaßen sind diese Fragen ziemlich naiv, denn mir ist durchaus bewußt, daß es vieles was auf der Welt passiert, nicht in unsere Nachrichten schafft und ich als durchschnittlich interessierter Nachrichtenschauer und Zeitungsleser viel einfach nicht mitbekomme beziehungsweise manchmal auch einfach das Gefühl habe, daß ich keine neuen Horrormeldungen mehr ertrage, egal woher sie kommen und deswegen dann eben nicht die dritte Nachrichtensendung oder die zweite Tageszeitung konsumiere.
Und so schafft es eben eine afrikanische Terrorgruppe manchmal erst in mein westliches Bewußtsein, wenn sie richtig auf die Kacke haut und wirklich viele Menschen aufregt/beschäftigt.
Aber selbst diese Aufregung ist kein Garant fpr längerfristige Präsenz in den westlichen Medien und so fragte ich mich vor kurzem: ‚Was ist eigentlich aus den nigerianischen Schülerinnen geworden?‘
Und so bin ich auf dieses Buch des Journalisten Wolgang Bauer aufmerksam geworden, auch wenn keine der interviewten Frauen und Mädchen zu der Gruppe der Schülerinnen gehört.
Das Konzept von ‚Die geraubten Mädchen: Boko Haram und der Terror im Herzen Afrikas‚ ist relativ einfach. Die Frauen und Mädchen erzählen ihre Geschichte und diese Erzählungen werden immer wieder von Wolfgang Bauers Texten mit Hintergrundinformationen zu Nigeria, dem Islam, Boko Haram, und zu den Umständen der Interviews ergänzt.
Die beiden verschiedenen Textarten sind voneinander abgesetzt, sodaß man als Leser immer gut erkennen kann, wer gerade erzählt.
Die Hintergrundinfos des Autors fand ich sehr hilfreich, um überhaupt zu verstehene, wie Boko Haram entstand, was sie wollen und wie allgemein die politischen und sozialen Umstände in Nigeria sind. Wenn der Autor diese Infos vorangeschickt hätte, wäre das Ganze sicher eine ziemlich trockene Angelegenheit geworden, aber da die Infos immer dann eingestreut werden, wenn sie als Hintergrundmaterial zu den Schilderungen der aktuellen Interviewpartnerin passen, liest sich alles flüssig, auch wenn natürlich die Inhalte keine leichte Lektüre sind.
Die Schicksale der Frauen, die sich Wolfgang Bauer anvertraut haben, haben mich sehr stark bewegt und ich habe keine Ahnung, wie man nach dem was diesen Frauen passiert ist, weiterleben kann.
Die Frauen haben alles verloren, viele sind von ihren Peinigern schwanger geworden, nicht alle sind in ihren Dörfern willkommen, weil man ihnen gegenüber sehr mißtrauisch, teilweise sogar feindlich gesinnt ist.
Die unglaubliche Grausamkeit, mit der Boko Haram vorgeht, wird beim Lesen ebenso lebendig, wie die Hoffnungslosigkeit der Opfer.
In meiner westlich behüteten Welt kann ich kaum nachvollziehen, wwas diese Frauen erlebt haben und doch finde ich Bücher wie dieses so unglaublich wichtig, um mir ins Gedächtnis zu rufen, wie gesegnet wir im Westen trotz Terrorbedrohung immer noch sind.
Ich bin nicht so naiv zu glauben, daß der Westen alle Probleme in Afrika, dem Nahen Osten und sonstwo auf der Welt lösen kann (schon gar nicht, wenn wie in Nigeria eine korrupte, gleichgültige Regierung an der macht ist, die die Lage mit ihren Anti-Terror-Maßnahmen noch weiter verschlimmert).
Aber wo wir können, müssen wir helfen und wenn das damit anfängt, unser Land Flüchtlingen zu öffnen und unseren Wohlstand zu teilen, dann ist das eben verdammt nochmal so!!!
Für mich ist ‚Die geraubten Mädchen‚ schwer zu ertragen, aber trotzdem ein absolut lesenswertes Buch (das ich im Übrigen gerne mal ein paar Pegida- oder Afd-Anhängern zwangsvorlesen würde!) und ich möchte mich beim Autor, seinem Team, das ihn in Nigeria begleitet hat und bei den Frauen, die mutig ihre Geschichte erzählt haben, ausdrücklich bedanken!!!

Die Homepage von Wolfgang Bauer
Wolfgang Bauer bei Suhrkamp

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6 Antworten zu Die geraubten Mädchen : Boko Haram und der Terror im Herzen Afrikas von Wolfgang Bauer

  1. suzy schreibt:

    Hat dies auf silverbluelining rebloggt.

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  2. Esther schreibt:

    Ich kriege schon Gänsehaut beim Gedanken an dem Buch…

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  3. Herba schreibt:

    @Esther: Es war auf jeden Fall schwierig zu lesen. Zum Glück hat es nicht soooo viele Seiten, viel mehr davon hätte ich vermutlich auch nicht wirklich vertragen :/

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  4. PPawlo schreibt:

    Danke, dass Du uns wieder daran erinnerst!

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  5. Herba schreibt:

    Hallo PPawlo und danke für den Kommentar!
    Vielleicht tut sich ja wieder etwas, nachdem Kanzlerin Merkel aus Afrika wieder da ist, aber ich glaube es leider eigentlich nicht…

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  6. PPawlo schreibt:

    Schaun wir mal…

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