Liebes Tagebuch!

Endlich wieder zu Hause!
Nach fast drei Jahren war ich endlich wieder hier, wo ich geboren worden war und die ersten zehn Jahre meines Lebens verbracht hatte. Ich kannte hier jeden Stein und jeder hier kannte mich von Geburt an.
Die große Stadt war mir nie zu einem richtigen Zuhause geworden. Natürlich war es aufregend gewesen, denn dort war alles viel größer und lauter und einfach vielfältiger gewesen als daheim in meinem kleinen Dorf.
Aber die Menschen waren auch viel beschäftigter gewesen, kümmerten sich mehr um sich als um andere und auch wenn trotzdem alle höflich und zuvorkommend waren, war es eben doch anders, wenn man daheim war, wo die Menschen enger zusammenrückten, sobald es nötig wurde.
Außerdem genieße ich es unheimlich wieder in meinem eigenen, vertrauten Bett zu schlafen. Ich hatte sogar das Gefühl morgens viel ausgeruhter aufzustehen, seitdem ich wieder hier war, aber vielleicht ist das auch einfach nur Einbildung.
Die Vertrautheit dieses Ortes, die mich umgab wie ein altes Quilt, das von Generation zu Generation weitergegeben wurde, hatte auch zur Folge, daß alle meine Freunde nach wie vor meine Freunde sind.
Nach kurzen Momenten der Unsicherheit schlüpften wir alle wieder zurück in unsere alten Gewohnheiten, wie in gut getragene, bequeme Schuhe, die paßten wie eine zweite Haut.
Wir stibizten zusammen Äpfel, spielten Ball zusammen und trafen uns, um im See baden zu gehen, wenn es warm genug dafür war.
Und heute werde ich endlich wieder in die Schule gehen. Natürlich werde ich mit Abstand der Älteste sein, aber das kümmert mich nicht wirklich, denn die Hauptsache ist doch, daß ich endlich wieder lernen darf.
Mein Freund Fred hat mir erzählt, daß es neben den bekannten Kindern ein neues Gesicht in der Schule gibt, weil Leute aus dem Dorf ein Kind adoptiert haben.
Mal schauen, was das so für eine ist und ob wir Freunde sein werden!!!

***

Puuuuh, den erste Tag in der Schule hatte ich mir irgendwie anders ausgemalt. Alle waren freundlich wie immer und haben mich gut wieder aufgenommen.
Bis auf das neue Mädchen… Na ja, zugegeben war es vielleicht nicht gerade einer meiner Sternstunden sie so anzusprechen, aber sie hätte mich ja nicht gleich deswegen umhauen müssen!
Und dann habe ICH mich bei IHR entschuldigt und sie hat mich einfach stehen lassen.
Irgendwie muss ich das unbedingt wieder gerade biegen, auch wenn ich noch nicht weiß wie!

***

Ich weiß einfach nicht, was ich tun soll! Ich bin immer ausgesprochen nett zu ihr und versuche alles, damit sie mir verzeiht, aber sie tut einfach so, als wäre ich einfach Luft.
Und dabei habe ich sie doch wirklich gern, auch wenn ich sie noch nicht richtig kenne. Wieso kann sie mir keine Chance geben?
Vor ein paar Tagen kam sie zu spät zum Unterricht und zur Strafe mußte sie sich zu den Jungen und neben mich setzten.
Ihr Kopf war so rot, daß ich dachte, daß gleich Dampf aus ihren Ohren kommt und sie saß ganz steif da und tat wie immer so, als wäre ich gar nicht da.
Und seit an diesem Tag die Schule aus war, habe ich sie nicht mehr gesehen, denn sie kommt nicht mehr zum Unterricht.
Ich habe versucht mit Fred darüber zu sprechen, aber der winkt nur ab und meint: ‚typisch Mädchen eben!‘, was keine große Hilfe ist.
Wieso kann sie mir nicht verzeihen???

***

Nun gehe ich bald aufs College und sie ist mir immer noch gram, obwohl unsere erste Begegnung nun schon einige Jahre her ist. Egal was ich tue, sie nimmt es einfach nicht zur Kenntnis.
Ich glaube es ist besser, wenn ich einfach aufgebe und gar nicht mehr versuche Freundschaft mit ihr zu schließen.
Aber wieso denke ich immer so oft an sie? Und wieso muss sie so stur sein?!?!?!

***

Es geschehen noch Zeichen und Wunder!!!
Nach jahrelanger Missachtung hat sie mich heute tatsächlich angesprochen und mir dafür gedankt, daß ich ihr meine Stelle als Lehrer daheim abgetreten habe, damit sie bei ihrer Adoptivmutter bleiben kann, die nicht ganz gesund ist.
Ich bin immer noch überrascht und durcheinander, denn wir haben uns richtig lange unterhalten, so als wären wir schon seit ewigen Zeiten Freunde. Und das war einfach großartig.
Sie ist so ein kluger Kopf, witzig und sie trägt das Herz am rechten Fleck, auch wenn sie stur ist wie ein Maulesel. Gut, daß nun endlich alles in Ordnung ist!!!

***

Ich glaube, ich wußte unterbewußt schon seit unserer ersten Begegnung, daß sie die Frau ist, die ich einmal heiraten möchte.
Ich dachte, es wäre alles gut und sie könnte auch spüren, dass da etwas zwischen uns ist.
Aber heute Abend hat sie meinen Heiratsantrag abgelehnt und nun habe ich meinen geliebten Sturkopf für immer verloren…

***

Unglaublich aber war, mein geliebter Sturkopf hat nun doch eingewilligt meine Frau zu werden.
Daß ich dafür erst sterbenskrank werden mußte, ist dabei vollkommen nebensächlich. Wir werden heiraten und ich bin der glücklichste Mann auf der ganzen Welt!!!

***

So viele Jahrzehnte sind vergangen, seit ich an meinem Hochzeitstag den letzten Eintrag in dieses Büchlein schrieb.
So viel ist passiert, so viel haben wir zusammen gelacht und geweint. Wir haben neue verwandte Seelen gefunden und mußen von geliebten Menschen Abschied nehmen.
Unsere Kinder sind erwachsen, nun halten uns unsere Enkel auf Trab und wir sind alt geworden.
So viel hat sich geändert, auf der Welt und in unseren Leben. Aber etwas hat sich nie verändert, ist nie weniger geworden und das ist die Liebe zu meinem wunderbaren Sturkopf, der mich zum glücklichsten Mann auf Gottes Erdboden gemacht hat.
Ohne Deine Liebe wäre ich nicht der Mann, der ich war und bin und dafür danke ich unserem Schöpfer jeden Tag! Denn was wäre wohl aus mir geworden, wenn ich an einem Tag im Jahr 1875 nicht ‚Karotte‘ zu Dir gesagt hätte???

* * * * * * * * * * * * * * * * *


Dieser Text ist für das Gemeinschaftsblogprojekt von Poe und mir entstanden. Das Thema war ‚Mach was…mit Deiner Lieblings-Romanfigur‘.
Für diese Geschichte habe ich mir die Figur der Autorin Lucy Maud Montgomery ausgeliehen. Eine Urheberrechtsverletzung ist damit nicht beabsichtigt!
Gesamter Text © Herba für ‚Unkraut vergeht nicht…oder doch?‘
Bitte nicht ungefragt zitieren oder weiterverwenden!!!

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10 Antworten zu Liebes Tagebuch!

  1. Die Poe schreibt:

    Ohhhh, sehr schön und trotzdem sagt man nicht Karotte!!!!! 🙂

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  2. Morgen Luft schreibt:

    huch. Der hat mich gerade voll erwischt…

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  3. Herba schreibt:

    @Poe: Danke! Kriegt man eigentlich raus, wen ich meine? Und nein Karotte sagt man nicht…udn wenn doch kriegt man eins auf die Rübe 😉

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  4. Herba schreibt:

    @Morgen Luft: Ist das gut oder schlecht?

    Gefällt 1 Person

  5. Die Poe schreibt:

    Na Anne of Green Gable, bzw den Mann dazu…allerdings fällt mir dessen Name grad nicht ein
    Oder?

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  6. Herba schreibt:

    @Poe: Sehr schön, ich war mir nicht ganz sicher, ob man das erkennen kann… Sein Name ist Gilbert Blythe

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  7. Morgen Luft schreibt:

    Neutral, denke ich. War sehr berührt. Also ein Kompliment an dich.

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  8. Herba schreibt:

    @MorgenLuft: Danke schön, das freut mich dann!

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  9. Esther schreibt:

    Oh, Gilbert und Anne! Wunderschön!

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  10. Herba schreibt:

    @Esther: Danke ❤

    Gefällt 1 Person

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