Hangmen (National Theatre London live)

Nachdem ich zuletzt die Wiederholung von Coriolanus geschaut und eine Inszenierung von ‚Romeo und Juliet‘ geschwänzt hatte, brachte das Kino meines Vertrauens letzten Donnerstag endlich ein neues Stück aus dem NTlive-Programm und zwar ‚Hangmen‚ von Martin McDonagh.

Und darum geht es:
Harry (David Morrissey) ist ein erfolgreicher englischer Henker – allerdings nur der Zweitbeste nach seinem Ausbilder Albert Pierrepoint (John Hodgkinson).
Doch was tut ein Henker am Tag, als die Todesstrafe in England abgeschafft wird? Nicht nur die Stammkunden in Harry’s Pub sind neugierig auf die Antwort zu dieser Frage. Auch die Presse schaut vorbei.
Und als dann auch noch ein merkwürdiger Fremder, Harry’s ehemaliger Gehilfe, den er wegen diverser Vergehen Jahre vorher entlassen hat und Pierrepoint höchstpersönlich im Pub auftaucht, überschlagen sich die Ereignisse…

Nachdem ich den Trailer zum Stück irgendwann im Frühjahr gesehen und mich dabei schon köstlich amüsiert hatte, war klar, daß ich dieses Stück unbedingt sehen wollte.
Am Donnerstag war ich dann tagsüber so genervt von meinem Real life, daß ich die schon gekaufte Karte fast hätte verfallen lassen, doch im Nachhinein bin ich froh, daß ich mich aufraffen konnte, denn das Stück war einfach nur herrlich und ich habe sehr viel gelacht.
Zum Glück bin ich mittlerweile auch an nordenglische Akzente ganz gut gewöhnt, denn die Handlung ist in einem Pub im Oldham des Jahres 1965 angesiedelt und dementsprechend hören sich die meisten Herrschaften eben auch an.

David Morrissey als Harry der Henker ist ganz sicher das Zugpferd und macht seine Sache großartig, weil er einerseits als moralisch gefestigt und absolut integer auftritt, man andererseits an Harry aber auch hervorragend sehen kann, wie weit Anspruch und Wirklichkeit auseinanderklaffen, denn Harry agiert alles andere als integer und ehrenhaft, als er sich zu einem Interview hinreißen läßt.
Sally Rogers, die Harrys Ehefrau Alice spielt und Kummer mit ihm gewöhnt zu sein scheint, fand ich auch einfach gut und ich an ihrer Stelle hätte dem Gin genauso zugesprochen.
Den Arivierten wurde allerdings meiner Meinung nach von Johnny Flynn als absulot nicht verrückten Mooney und Bronwyn James als absolut nicht mürrische Shirley die Show gestohlen.
Bei Flynn ist mir manchmal wirklich fast ein Schauer über den Rücken gezogen und dann mußte ich wieder so über ihn lachen (ich sage nur Weetabix), daß die zwischenzeitliche Ernsthaftigkeit des Stücks schnell vergessen war.
Und James spielt ihre Shirley so überzeugend hormonel-hysterisch, aber doch liebenswert, daß ich sie einfach gern haben mußte.
Aber das ganze Ensemble spielt mit unglaublich viel Freude und jede Figur ist gut besetzt.

Bei allem Wortwitz und Humor werden aber auch ernste Themen wie Todesstrafe, Untreue und Ehre angerissen, ohne daß gepredigt oder moralisiert wird.
Für mich hat dieses Stück jede gute Review und jeden Preis (unter anderem zwei Laurence Olivier Awards) absolut verdient und ich habe schon lange nicht mehr so viel gelacht.
Der einzige Wehrmutstropfen an diesem Abend war die absolut grottige Tonqualität im Kino, durch die man gerade am Anfang manche Dialoge sehr schlecht verstehen konnte.
In der allerersten Szene im Gefängnis fiel das noch nicht so auf, weil der Häftling, der zu seiner Hinrichtung abgeholt werden sollte, laut genug brüllte, als er sich an seinem Bett festkrallte und sich nicht für Geld und gute Worte zum Kooperieren überreden lassen wollte, aber als es im Pub weiterging, war es anfangs wirklich schwierig und auch wenn ich total froh bin, daß diese Perle aufgezeichnet wurde, hätte ich mir da wirklich eine bessere Qualität gewünscht!

Trotzdem kann ich jedem, der die Gelegenheit hat, die Aufzeichnung anzusehen die Empfehlung geben, das auch wahrzunehmen, denn Lachen ist hier definitiv garantiert und das Anschauen macht jede Menge Spaß!

Die Seite zm Stück bei NTlive

Der wirklich gelungene Trailer:

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8 Antworten zu Hangmen (National Theatre London live)

  1. suzy schreibt:

    Schade habe ich verpasst 😦 Vielleicht wird es ja wiederholt 🙂

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  2. CraMERRY schreibt:

    Ja, der Akzent war ein wenig gewöhnungsbedürftig für den gemeinen Durchschnittszuhörer, aber ich freue mich, dass wir offensichtlich im gleichen Stück waren. Was würde ich nur ohne dich und deine Nachbetrachtungen machen….. 😂 Und den Witz mit den cocks habe ich tatsächlich auch so kapiert. 😎

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  3. Herba schreibt:

    @Suzy: Das ist echt schade. Mir hat das Lachen an diesem Abend wirklich gut getan und das Stück bietet wirklich jede Menge Lacher 🙂

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  4. Herba schreibt:

    @CraMERRY: Du mußt Dir ein schottisches OdB suchen, dann klappt das simultane Zuhören und Verstehen beim nächsten Mal wie von selbst 😉
    *lachen* das freut mich. Ich wollte nicht zu stark ins Detail gehen, aber ich hätte so viele Dialoge zitieren können, über die ich SO lachen mußte :mrgreen:

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  5. linnetmoss schreibt:

    I saw this in the cinema and thought it was very funny. Especially David Morrissey!

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  6. Uinonah72 schreibt:

    Das hört sich gut an. Ich will auch mal lachen bei einer Theateraufführung. Bisher wars immer eher dramatisch 😉 Hoffentlich kommt eine Wiederholung, die dann auch in Freiburg zu sehen ist.

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  7. Herba schreibt:

    @linnetmoss: He sure is a great actor and seems to have a good sense of humor too

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  8. Herba schreibt:

    @Uinonah: Och, dramatisch wird ‚Hangmen‘ zwischendurch auch, besonders wenn ein Stuhl umfällt…..aber der Humor überwiegt hier definitiv und das Anschauen lohnt sich!
    Ich drücke auch für Freiburg die Daumen, daß sie es (nochmal) zeigen!!!

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