Ein Ball in Libra City

‚Nachts in Libra City‘ und ‚Weihnachtszeit in Libra City‘, die Vorgeschichten zum folgenden Text, kann man hier und hier nachlesen.

***

Staunend lief Emma, die Chefbibliothekarin von Libra City, durch die Straßen ihrer Stadt.
Oliver King, der neue Bürgermeister ließ an diesem Wochenende einen Ball veranstalten, weil er zum einen seinen Wahlsieg feiern wollte.
Zum anderen sollte damit eine neue Ära eingeleutet werden, denn unter seiner Führung sollte die Stadt wieder sicher werden und zu altem Glanz zurückfinden.
Es schien, als hätte King keine Kosten und Mühen gescheut und die Straßen rund um das Rathaus und die angrenzende City Hall, wo das Fest stattfinden würde, waren mit wundervollen Blumen-Arrangements geschmückt.

Leider schafften es die Blumen nicht ganz Emma mit der Tatsache zu versöhne, daß sie als städtische Angestellte gezwungen war, den Ball zu besuchen.
Anders als Jess, Emmas Freundin und Angestellte in der Bücherei, die sie seit Wochen ständig damit nervte, wie aufregend sie das alles fand, freute sich Emma gar nicht auf den Abend.
Sie brezelte sich einfach nicht gern auf, hielt die Ausgabe für das neue Kleid, das sie sich notgedrungen hatte kaufen müssen, für Verschwendung und der Gedanke mit den zum großen Teil altersschwachen Honoratioren der Stadt tanzen zu müssen, katapultierte ihre Laune entgültig in den Keller.
Und wenn dann auch noch der unerträgliche TUX MAAAAAAAN auftauchen sollte, der ihr auf ihren nächtlichen Streifzügen als Glimmer Girl auf die Nerven gegangen war und eine allgemeine Erschöpfung nur noch verstärkt hatte, daß sie seit ein paar Nächten pausierte, würde sie einfach frühzeitig verschwinden, denn diesen Macho ertrug sie einfach nicht!
Nur die Vorstellung, daß sich Mr. Miller, der stotternde Archivar ebenfalls in Schale schmeißen und erscheinen mußte, konnte Emma ein Lächeln entlocken. Vermutlich tauchte er in völlig altmodischer Garderobe auf und latschte sämtlichen Tanzpartnerinnen auf die Füße.

Immer noch lächelnd öffnete Emma die Büchereitür und begann ihren Arbeitstag. Leider verging ihr bald das Lächeln, denn wirklich jeder, der an diesem Freitag die Bücherei betrat, wollte sich mit Emma über den verflixten Ball unterhalten.
Und Jess war mittlerweile sogar so aufgeregt, daß Emma ihr gegen elf Uhr verbot das Wort ‚Ball‘ auch nur in den Mund zu nehmen, sonst würde sie sie einfach mit dem schwersten Atlas, den sie auftreiben konnte, erschlagen müssen!

Vollkommen erschöpft, aber sehr erleichtert verrammelte Emma am Abend die Bücherei und machte sich auf den Heimweg.
Alles was sie nun noch wollte, war ein heißes Bad, ein gutes Abendessen und dann ab ins Bett.
Doch als sie Schritte hinter sich hörte, wußte sie, daß dieser Wunsch gerade in weite Ferne rückte und sie machte sich, innerlich seufzend, auf ein Handgemenge mit einem Handtaschenräuber bereit, denn um diese Uhrzeit schlich kein ehrlicher Bürger durch die Straßen dieser Stadt.
Emma spannte ihren Körper an, ging in Angriffshaltung und wirbelte herum, um den Vorteil der Überraschung zu nutzen.
Ihr Verfolger war sogar schon näher als von ihr erwartet, sie bekam ihn zu fassen, brachte ihn mit einem leisen Kampfschrei zu Fall und pinnte ihn auf dem Bürgersteig fest, indem sie sich auf ihn setzte und seine Hände über seinem Kopf zu Boden drückte.

„Nicht so stürmisch mein Kleines! So kannst Du ruckzuck mal jemanden verletzten und das wollen wir doch nicht, oder?!“
„TUX MAAAAAN???“ Emma starrte den Mensch unter sich fassungslos an und erkannte nun die Smoking tragendene Nervensäge, die ihr schon als Glimmer Girl das Leben schwer machte. „Was zum Kuckuck…..“
„Oh, sieh einer an, meine Taten haben sich selbst in den höchsten bibliothekarischen Kreisen der Stadt herumgesprochen. Allerdings hätte ich nicht erwartet, daß Du dich gleich als Goupie betätigst und mich vor lauter Enthusiasmus umwirfst!“
Gut gelaunt zwinkerte der Angeber Emma zu, die ihm daraufhin mit der flachen Hand vor die Brust schlug.
„Haben Sie eigentlich noch alle Latten am Zaun???? Was soll denn das? Einfach unbescholtene Bürger im Dunkeln zu verfolgen!!!“
„Nun schalt mal einen Gang zurück und lass mich bitte aufstehen, dann erklär ich Dir alles, versprochen!“ Wieder zwinkerte er Emma zu und obwohl es in ihr brodelte, half sie dem selbsternannten Superheld auf die Beine.
„Hören Sie gefälligst auf mich Kleines zu nennen und dann erklären Sie mir mal bitte ziemlich zügig was das alles soll, sonst lasse ich Sie verhaften!“
„Also bitte, geht man so mit Kollegen um? Ich hab mir Sorgen gemacht, weil Du in den letzten paar Nächten nicht unterwegs warst und da wollte ich mal sehen, ob alles in Ordnung ist!“
Emma schaute den Mann vor sich kühl an, obwohl es ihr heiß und kalt über den Rücken lief. Woher wußte er, daß aus der angesehenen, leicht biederen Bibliothekarin Emma nachts Glimmer Girl wurde???
„Kollegen? Ich habe keine Ahnung wovon Sie sprechen und werde nun gehen. Sollten Sie mir noch einmal folgen, werden Sie wegen Stalking im Knast landen, das verspreche ich Ihnen!“
Resolut drehte sie sich um und ging davon, doch TUX MAN erwischte sie am Arm, zog sie nah zu sich heran und durchborte sie mit seinem Blick.
„Nicht so schnell, junge Frau. Wenn du dieses Spiel gerne so spielen und die Unschuld vom Land geben möchtest, bin ich gern dabei und begnüge mich für jetzt damit, daß es Dir gut geht. Aber ich verspreche Dir, daß wir uns bald wiedersehen und dann mal Tacheles miteinander sprechen werden!“
Spitzbübisch grinsend rückte er sich seinen Hut zurecht, der während der kompletten Episode wie festgetackert auf seinem Kopf geseßen hatte und verschwand dann leise pfeifend in der Dunkelheit, so das Emma ihm nur fassungslos hinterher schauen konnte.
„Hat der Kerl da gerade einen Walzer vor sich hin gepfiffen……“

Am nächsten Abend wartete Emma zusammen mit der aufgeregt zappelnden Jess auf den Stufen der City Hall darauf, eingelassen und dem neuen Bürgermeister vorgestellt zu werden.
Beide Frauen trugen lange Abendkleider und so manch ein männlicher Ballgast drehte sich nach ihnen um.
Emma hatte ein relativ schlichtes Kleid aus elfenbeinfarbener Seide ausgesucht, dessen ausgestellter Rock mit Rosen in vielen unterschiedlichen Pink- und Rosatönen bestickt war.
Jess hatte deswegen natürlich einmal mehr mit ihr geschimpft und sie viel lieber in ein lila Glitzerkleid gesteckt.
Ihr eigenes Kleid war apfelgrün und Emma mußte zugeben, daß die Farbe perfekt zu den Augen ihrer Freundin paßte, auch wenn ihr selbst die Farbe viel zu auffällig gewesen wäre.

Endlich beim Bürgermeister und seiner Entourage angekommen, wurden sie von Miss Kraus, der Sekretärin des Rathauschefs vorgestellt.
Charmant deutete Oliver King einen Handkuss an und sagte: „Sehr erfreut Sie kennenzulernen! Ich habe schon viel Gutes über Sie gehört. Ich hoffe Sie haben einen schönen Abend und langweilen sich nicht allzu sehr zwischen all den älteren Herrschaften.“
Bevor Emma ihrem neuen Chef antworten konnte, plapperte Jess los: „Oh keine Sorge Mr. King, es wird sicher ein toller Abend! Und Emma wird auf jeden Fall mit Mr. Miller unserem schüchternen Archivar tanzen, der ist ja noch nicht so alt, da hat sie sicher Spaß!“
„Das ist sehr lobenswert, meine Damen. Dann mal auf ins Getümmel!“
Mit diesen Worten waren Emma und Jess entlassen und der Bürgermeister wandte sich den nächsten Gästen zu.

Emma wollte in sicherer Entfernung ansetzten und mit Jess schimpfen, doch wieder kam diese als erstes zu Wort. „Ach bitte, schimpf nicht mit mir! Es soll doch ein schöner Abend werden…“ und dazu machte sie so ein flehendes Gesicht, daß Emma ihr einfach nicht böse sein konnte, lachte und ihnen beiden ein Glas Champagner besorgte.

Zwei Stunden später verflog Emmas gute Laune allerdings schlagartig, als sie die schrille Stimme von Miss Kraus hörte, die laut verkündete:
„Mr. Miller, Emma hat versprochen mit Ihnen zu tanzen, also gehen Sie sie mal suchen und dann nichts wie rauf aufs Tanzparkett!“
Jess voreiliges Versprechen hatte sie schon fast vergessen gehabt, zumal sie den Archivar an diesem Abend noch gar nicht zu Gesicht bekommen hatte.
Doch nun steuerte er direkt auf sie zu und Emma mußte zugeben, daß sie sich getäuscht hatte.
Statt eines altmodischen Anzugs trug Mr. Miller einen modernen Smoking mit passenden Schuhen, die auf Hochglanz poliert waren.
Allerdings hatte er seine obligatorische Nerd-Brille auf der Nase, auch sein Haar war wie immer seitlich gescheitelt und der Kopf tief zwischen die Schultern gezogen.
Nun tat der unsichere Mann Emma ein klein wenig leid, denn sicher war auch ihm Miss Kraus laute Stimme sehr unangenehm.
Daher lächelte sie ihn aufmunternd an und sagte:
„Hallo Mr. Miller, wie geht es Ihnen? Wir müssen nicht tanzen, wir können auch einfach hier stehen bleiben und den anderen zusehen, wenn Ihnen das lieber ist?“
„N-n-n-n-n-n-n-n-e-e-e-e-e-e-i-i-i-i-i-i-n, sch-sch-sch-sch-sch-on g-g-g-g-g-g-g-ut! La-s-s-s-s-s-s-s-en S-s-s-s-s-s-s-s-ie u-u-u-u-u-ns ta-ta-ta-nzen!“
Ohne auf Emmas Antwort zu warten, nahm der Archivar nun ihren Arm, führte sie auf die Tanzfläche und gemeinsam drehten sie sich zu den Klängen des Strauß-Walzers „An der Elbe„.
Und erstaunlicherweise erwies sich Mr. Miller als guter Tänzer, in dessen Arm sich Emma absolut wohl fühlte und der ihr weder aufs Kleid noch auf die Füße trat.

Zum ersten Mal seit einigen Wochen gelang es Emma sich zu entspannen. Gelöst und zufrieden versank sie komplett in der Bewegung zur Musik und bemerkte nicht, daß die Walzerklänge immer leiser wurden und sie sich von der Menschenmenge entfernten.
Erst als sie sich nicht mehr bewegten, stellte sie fest, daß sie auf die Dachterrasse der City Hall getanzt waren, die an den Ballsaal grenzte.
Obwohl es erst Ende Mai war, fühlte sich die frische Nachtluft angenehm auf ihrer vom Tanzen erhitzten Haut an.
Mr. Miller murmelte stotternd etwas von Erfrischungen, verschwand in der Nacht und Emma bleib allein zurück.

Erfürchtig schaute sie minutenlang in den Himmel über sich, an dem tausende Sterne funkelten und lächelte versonnen, als sie sich an eine Gute-Nacht-Geschichte über einen verirrten Stern erinnerte, die ihr ihre Mutter vorgelesen hatte, als sie ein kleines Mädchen war.
Und gerade als sich Emma zu fragen begann, wo ihr Tanzpartner abgeblieben war, hielt ihr jemand, der hinter ihr stand, eine Champagnerflöte hin und murmelte: „Ein Dollar für Deine Gedanken Kleines!“
To be continued…

* * * * * * * * * * * * * * * * *

Dieser Text ist für das Gemeinschaftsblogprojekt von Poe und mir entstanden. Das Thema war ‚Tanz‘.
Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Menschen/Superhelden ist rein zufällig und vollkommen unbeabsichtigt!
Gesamter Text © Herba für ‚Unkraut vergeht nicht…oder doch?‘
Bitte nicht ungefragt zitieren oder weiterverwenden!!!

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6 Antworten zu Ein Ball in Libra City

  1. Die Poe schreibt:

    Endlich eine Fortsetzung 🙂 Juchuuuuu!

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  2. suzy schreibt:

    Dem kann ich Zustimmen! Endlich eine Fortsetzung fürs Kopfkino 🙂

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  3. Herba schreibt:

    @Poe: Freut mich, wenns gefällt 🙂

    Gefällt 1 Person

  4. Herba schreibt:

    @Suzy: auf die nächste Fortsetzung aus Libra City müßt ihr nicht so lange warten, versprochen!

    Gefällt mir

  5. drachen71 schreibt:

    echt schön 🙂

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  6. Herba schreibt:

    @drachen71: Danke schön :*

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