Das letzte Nashorn von Lodewijk van Oord

Wie viele Zoos kämpft auch der Amsterdamer Privatzoo Artis ums Überleben.
Deswegen hat sich der Zoodirektor Edo Morell ein neues Erlebniskonzept ausgedacht, das den Zoo ins 21. Jahrhundert katapultieren und für Besucher attraktiver machen soll.
Das dafür ein teurer Umbau ansteht und einige traditionelle Tierarten (und deren Pfleger) weichen müssen, stört den gelernten Filmemacher Morell dabei wenig.
Als Hauptattraktion wird der Nashornbulle Albert gekauft, der die beiden vorhandenen Nashorndamen schwängern soll. Da dies in Gefangenschaft nur selten gelingt, stellt der ambitionierte Zoodirektor die afrikanische Nashornexpertin Sariah ein.
Wird Morells Plan von der großen Nashornshow aufgehen?

Lodewijk van Oords Debütroman liest sich leicht und amüsant, doch irgendwann hatte ich beim Lesen eine dauerhaft gerunzelte Stirn, denn der Autor hält unserer Gesellschaft wie ich finde gekonnt einen Spiegel vor, der kein besonders schmeichelhaftes Bild zeigt.
Natürlich sind wir alle für Tierschutz, runzeln besorgt die Stirn, wenn in der Presse von Tierarten berichtet wird, die kurz vor dem Aussterben stehen, verzichten sogar vielleicht auf Fleisch und andere tierische Produkte, aber gleichzeitig erwarten wir ein großes Spektakel, wenn wir in den Zoo gehen, egal ob das für die Zootiere nun angenehm ist oder nicht.
Außerdem wird zum Beispiel thematisiert, daß Gehege vergrößert werden, weil die dort lebende Tierart in der freien Wildbahn weite Strecken zurücklegt, die gefangenen Zootiere mit dem vielen Platz aber gar nichts anfangen können, weil sie das nicht gewohnt sind.
Aber egal, Hauptsache die Besucher sehen das große Gehege und kommen nicht auf die Idee, daß die Tiere nicht artgerecht gehalten werden!
Edo Morell steht als Figur für mich exemplarisch für unsere Gesellschaft. Vermutlich wirkt er manchmal deshalb auch leicht überzeichnet, aber am Anfang doch auch sympathisch.
Er macht nie einen Hehl aus seinen Plänen und wird trotzdem vom Kuratorium des Zoos und von der Presse gefeiert.
Begeistert schaut halb Amsterdam zu, wie der Zoodirektor den Nashornbullen Albert per Helikopter einfliegen läßt und enttäuscht wird gemurrt, als das Nashorn zu lange braucht, um aus der Betäubung aufzuwachen. Schließlich ist die allgemeine Aufmerksamkeitsspanne unserer Gesellschaft stark begrenzt und was nicht in einem gewissen Zeitrahmen vonstatten geht, wird ganz schnell zu den Nachrichten von gestern. Dabei interessiert es auch niemanden, daß ein lebendigs Wesen und keine Puppe involviert ist.
Die Afrikanerin Sariah hat ganz persönlich unter den afrikanischen Wilderern gelitten und möchte mit dem Job in Amsterdam einerseits einen persönlichen Neuanfang starten, andererseits kämpft sie damit weiterhin für den Erhalt der Nashörner und unterstützt Morell.
Sie macht für mich den größten Lernprozess durch und kommt als Figur am authentischsten bei mir an.
Mich hat ‚Das letzte Nashorn‚ einerseits gut unterhalten, andererseits aber auch sehr nachdenklich gemacht und mich davon überzeugt, daß viele Arten trotz aller Bemühungen am Ende nicht zu retten sein werden, weil wir Menschen einfach zu egoistisch und zu weit entfernt von der Natur leben.
Ich kann diesen Roman, bei dem ich am Ende nicht wußte, ob ich nun lachen oder weinen soll, von ganzem Herzen weiterempfehlen und hoffe, daß er ein großes Publikum erreicht!
Und wer weiß, vielleicht lernen wir Menschen irgendwann ja doch wieder den respektvollen Umgang mit anderen Lebewesen!

Trotzdem bin ich übrigens nicht gegen Zoos, ich reihe sie für mich nur in die (kulturellen) Institutionen ein, die eigentlich nicht primär um immer neue Einnahmequellen ringen sollten. Denn dabei wird oft der ursprüngliche Sinn und Zweck vergessen und man führt sich irgendwann selbst ad absurdum!

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5 Antworten zu Das letzte Nashorn von Lodewijk van Oord

  1. Servetus schreibt:

    Maybe we will be able to grow them in test tubes some day … 🙂

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  2. suzy schreibt:

    Der Mensch und der Tierschutz 😦 er darf monetär nichts kosten, darf schon schon gar nicht den Freiraum des Menschen kosten und wenn sich der Mensch selbst verwirklichen muss bleibt er ganz schnell auf der Strecke. Kein Tier ist je so grausam wie der Mensch 😦
    Seit kurzem geht wieder ein Video auf facebook rum von ein paar Jägern die für viel viel Geld einen Löwen erschießen der keine Chance hat den Irren zu entkommen………

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  3. Herba schreibt:

    @Serv: or maybe someone will develope a biological 3D-Printer… ‚print a proper rhino for your home‘ 🙂

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  4. Herba schreibt:

    @Suzy: Das stimmt. Und dann gibt es die absoluten Tierliebhaber, die in ihrer Liebe auch wieder zu weit gehen. Wie so oft fehlt es uns Menschen einfach an einer ‚gesunden‘ Mischung denke ich.
    Zum Thema Großwildjäger fällt mir ehrlich gesagt nichts Kluges ein, da fehlt mir jedes Verständnis – legale Abschüsse mal ausgenommen, wobei ich persönlich allgemein am Jagen nichts finden kann!

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  5. Pingback: Bücher zu verschenken | Unkraut vergeht nicht….oder doch?

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