Die uns lieben von Jenna Blum

Anna, die Mutter der amerikanischen Geschichtsprofessorin Trudy ist in Weimar geboren und aufgewachsen und weigert sich mit ihrer Tochter über ihr Leben in Deutschland und über die Nazizeit zu sprechen.
Dieses Schweigen erdrückt Trudy fast, denn schon als Kind fand sie versteckt zwischen den Sachen ihrer Mutter ein Foto von ihrer Mutter und sich selbst zusammen mit einem SS-Offizier, den Trudy seitdem für ihren leiblichen Vater hält.
Wie konnte ihre Mutter so einen Mensch lieben? Wie kann Trudy selbst sich von der Schuld, die sie als ‚Nazikind‘ fühlt freimachen? Wird sie jemals die ganze Geschichte über Anna und sich selbst erfahren?

Ich bin durch den Blogpost von Nette auf ‚Die uns lieben‚ aufmerksam geworden und fand ihre Beschreibung so interessant, daß ich das Buch direkt bei der Bibliothek meines Vertrauens zur Anschaffung vorgeschlagen und ausgeliehen habe.
Der Anfang des Buchs gestaltete sich für mich als Leser erst einmal schwierig. Jenna Blum erzählt auf zwei verschiedenen Zeitebenen, wörtliche Rede wird im Text eingerückt, aber nicht mit Satzzeichen gekennzeichnet und ich fand den Schreibstil der Autorin irgendwie sperrig.
Trotzdem hat mich die Geschichte der jungen Anna (Erzählstrang Eins), die als Halbwaise bei ihrem strengen Vater in Weimar aufwächst, ihm den Haushalt führt und mit Anfang Zwanzig erfolgreich verheiratet werden soll.
Der Krieg tangiert sie erst einmal weniger in ihrem Alltag und nur durch die heimliche Bekanntschaft mit dem jüdischen Arzt Max bekommt Anna überhaupt mit, was mit Juden passiert.
Hier wird es etwas klischeehaft, denn Max ist ein guter Mensch, während die Nazifreunde von Annas Vater unangenehm bis proletenhaft beschrieben werden.
Die Klischees in die Jenna Blum zwischendurch immer mal wieder abrutscht, sind mir zwar aufgefallen und ich hätte es schön gefunden, wenn sie einige davon umgangen hätte, aber an meiner Meinung zum Buch ändern sich nichts, denn das Thema von Schuld und Verantwortung, das meiner Meinung nach Kernelement dieses Romans ist, wird dadurch nicht größer tangiert.
Trudy, die mit Mitte Fünfzig nach dem Tod ihres Stiefvaters wieder stärker in das Leben ihrer Mutter eingebunden ist und öfter von Minneapolis nach New Heidelberg fahren muss, um nach ihr zu sehen (Erzählstrang 2) war für mich relativ lange nicht wirklich greifbar und auch die alte Anna, die nicht mit ihrer Tochter spricht, fand ich sehr anstrengend.
Erst nach und nach wurde mir klar, daß die Beiden durchaus miteinander sprechen, die wirklich wichtigen Fragen, die Trudy unter den Nägeln brennen, aber nicht angesprochen werden und die Beziehung der beiden Frauen seit Jahren belasten.
Trudy will wissen, wie sich ihre Mutter auf einen hochrangigen Nazi einlassen konnte, ob sie ein schlechtes Gewissen hat, was mit dem Nazi passierte…doch ihre Mutter schweigt.
Später erfährt man als Leser, daß auch Annas amerikanischer Ehemann, den sie bei der Kapitulation 1945 in Weimar kennenlernte, nie erfahren hat, was Anna im Krieg erlebt hat und auch die Beziehung der Eheleute war durch dieses Schweigen belastet.
Die Autorin läßt den Leser sowohl an den Gedanken von Anna als auch am Innenleben von Trudy teilhaben und auch wenn mir beide Frauen nie restlos sympathisch wurden, so hatte ich doch mit Beiden Mitleid.
Ich war sehr froh, als Trudy ein universitär gefördertes Projekt startet, deutsche Zeitzeugen zum 2. Weltkrieg befragt und damit auch endlich anfängt, ihrem diffusen Gefühl der Schuld auf den Grund zu kommen, das ja vollkommen irrational ist, von dem aber sowohl Täter- als auch Opfernachkommen immer wieder berichten.
Was Anna wirklich alles erlebt hat und wieso sie sich so schuldig fühlt, möchte ich gar nicht verraten (auch wenn ich gerade sehe, daß der Onlinehandel und vermutlich auch der Klappentext des Buchs nicht so zurückhaltend sind), sondern einfach darauf hinweisen, wie wichtig ich die Auseinandersetzung mit diesem Kapitel der Geschichte an sich, die Frage nach Verantwortung und Schuld und das Bewußtsein, daß auch zwei Generationen später niemand behaupten kann, daß er/sie NIE auf den Seiten der Täter gelandet wäre, halte!
In Zeiten wo ein deutscher Politiker bei einer Wahlkampfveranstaltung ‚Wenn ihr uns wählt, räumen wir auf!‘ brüllt (ich kriege immer noch Gänsehaut, wenn ich den Mann vor mir sehe!) und das Land, in dem ich lebe bei den nächsten Wahlen vermutlich spürbar nach rechts rücken wird, sind solche Bücher meiner Meinung nach wichtiger denn je!
Ja, es mag Bücher geben, die authentischer, besser recherchiert und wissenschaftlich wertvoller sind, aber mich hat ‚Die uns lieben‘ sehr beschäftigt und ich finde es als belletristisches Werk, das es nun mal ist, sehr gelungen!!!

Die Homepage von Jenna Blum
Jenna Blum beim Aufbau-Verlag

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6 Antworten zu Die uns lieben von Jenna Blum

  1. Servetus schreibt:

    I read this recently, too, and couldn’t remember why I had ordered it (so thanks for the reminder that it was NBK who reviewed it). I found the book to be a huge disappointment and none of the characters except possibly Trudy believable. I was really troubled by all of the cliches (not to mention little stupid mistakes — in the US edition of the book the little town is called New Heidelburg, for instance), particularly because the author worked professionally in the area of collecting Holocaust testimony. She was at least hypothetically in a position to know better about the situation in Germany. The cliches about people from rural Minnesota are equally hard to take and constantly called up my resentment of people from the East Coast. I finished the book but basically because I was too lazy to find something else to read.

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  2. nettebuecherkiste schreibt:

    Freut mich, dass es dir gefallen hat! 🙂

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  3. Herba schreibt:

    @Servetus: New Heidelburg? Ouch!!!
    Cliches are always annoying, especially when one is really familiar with a place or the people who are described….or at least I think so

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  4. Servetus schreibt:

    Yeah. And you know, if she hadn’t spent years working for Yale’s memory project, it might have bothered me less. But there’s this segment of Holocaust researchers, especially people who study memory, who don’t think it’s that important to understand the material context of events. It’s possible that she’s never been to Germany, or if so, has never spent time with Germans apart from concentration camp museums / memorials. I just think if you are going to write about everyday life somewhere, you’d better have a good idea of what that was like beyond the stereotypes that you find in a lot of popular books about the Holocaust.

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  5. Herba schreibt:

    @Serv: You’re right! I think the reason why it didn’t bother me in this book is that I was always fascinated by the question of guilt in connection with ’normal‘ people and their children (Trudys feeling of guilt is totally irrational but she feels it anyway) and I am always glad when someone broaches this issue

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  6. Servetus schreibt:

    That totally makes sense (a very German question, so to speak).

    Gefällt 1 Person

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