Das Fest der Vergebung? (Geschichten zum Advent)

Die Straße, die sich den Berg hinaufschlängelte wurde immer schmaler und steiler.
Zum Glück war vom Schnee, den der Wetterbericht gemeldet hatte, weit und breit noch nichts zu sehen und der allradgetriebene Jeep hatte keinerlei Probleme seinen Weg zu finden.
Und da tauchte auch schon die rustikale Berghütte auf, die Kurt von seinem alten Freund Samuel schon so oft angeboten bekommen hatte und die er nun wirklich für die Feiertage gemietet hatte.

Sarah hatte ihm die Hölle heiß gemacht, als er ihr erklärt hatte, dass er in diesem Jahr nicht mit ihr und seinem Neffen Weihnachten feiern würde, sondern es vorzog sich in die Einsamkeit der Berge zurückzuziehen.
„Weihnachten ist DAS Familienfest schlechthin und Du machst Dich einfach aus dem Staub!!!“
Still hatte er ihre Vorwürfe angehört und war doch hart geblieben. Er liebte seine Schwester wirklich sehr, aber nach allem was in den letzten 12 Monaten passiert war, brauchte er eine Auszeit.

Kurt versuchte immer, sich um alle in seiner Umgebung zu kümmern, egal ob es die Familie oder sein Team beim FBI betraf, er selbst kam meist erst nach diesen Verpflichtungen und das war für ihn auch okay.
Nicht weil er ein Held sein wollte oder sich für Superman hielt, sondern weil er sich gern um andere kümmerte und sie vor allen Übeln der Welt beschützen wollte.
Aber nicht nur Dr. Borden, der hauseigene Seelenklempner des New Yorker FBI-Büros fand, dass er zwischendurch auch mal an sich denken sollte.
Nein, auch er selbst war zu dem Schluss gekommen, dass es höchste Zeit war, über so einiges nachzudenken.
Und das hatte er vor allem Jane zu verdanken.

Jane, die nackt in einer Reisetasche auf dem Times Square gefunden worden war, sich an nichts erinnerte und von oben bis unten voller Tattoos war, die verschlüsselt Hinweise auf Kriminalfälle gaben.
Jane, die vielleicht das kleine Nachbarsmädchen war, das einmal Kurts Freundin und vielleicht seine erste Liebe gewesen war und die aus ihrem Haus verschwunden war.
Kurt hatte sich irgendwie immer für dieses Verschwinden verantwortlich gefühlt und vielleicht kam auch daher sein Drang die Menschen in seinem Leben zu beschützen.

Seufzend parkte er den Jeep, zog den Schlüssel aus dem Schloss und sog beim Aussteigen die klare, frische und eiskalte Bergluft in seine Lungen, die ganz anders war, als die Großstadtluft, die er sonst atmete.
Kurt versuchte sich auf das Wesentliche zu konzentrieren, verbannte die Frau, die seine Gedanken beherrschte aus seinem Kopf und richtete sich in der Hütte ein.
Doch als er eine Stunde später mit einer Tasse Tee vor einem warmen Kaminfeuer saß, stahl sie sich wieder in seine Gedanken.

Sie war ihm von Anfang an so vertraut gewesen und er hatte ihr vertraut, obwohl das eigentlich wahnsinnig war und ihm seine Teammitglieder fehlende Objektivität und Professionalität vorwarfen.
Leicht belustigt schüttelte erüber sich selbst den Kopf. Nach allem was passiert war, mußte er ihnen Recht geben.
Vielleicht hatte er ja wirklich zu wenig mit dem Kopf und zu viel mit dem Herz und anderen Körperteilen gedacht und sich von Jane oder wie immer sie wirklich hieß täuschen lassen.
Kurt war sich sicher, dass ihre Amnesie am Anfang nicht gespielt gewesen war, aber irgendwann hatte sie sich an mehr erinnert, als sie alle glaubten und kurz nachdem sie ihn vor seinem Haus geküßt hatte, war sie spurlos verschwunden.

Das war nun mehr als 10 Wochen her, es gab keine Spur von ihr und Kurts Karriere hing am seidenen Faden.
Weil er ihren Betrug nicht hatte kommen sehen, aber auch weil er sie einfach nicht aus seinem Kopf bekam.
Wenn er wach war, dachte er darüber nach wo sie nun wohl war und was sie mit diesem ganzen Versteckspiel bezweckt hatte.
Und wenn er schlief, hörte er ihre Stimme, sah sie wieder in diesem unglaublichen schwarzen Abendkleid und mit dem verlegenen Lächeln auf sich zukommen und spürte wieder, wie sie ihm ihre Arme um den Hals legte und ihn voller Leidenschaft küßte.

„Kurt, Du bist ein Idiot!!!!“ schimpfte er laut mit sich selbst, als er aufstand, um vor der Hütte neues Holz für sein Feuer zu holen.
„Sie hat Dich verarscht! Deine seelische Schwachstelle ausgenutzt und Dich für irgendwelche geheimen, kriminellen Zwecke missbraucht!“
Kopfschüttelnd stapelte er Holzscheite auf seinem Arm und brummte dann leise und resigniert:
„Und wenn sie in den nächsten fünf Minuten an diese Tür klopfen und sich in Deine Arme werfen würde, würdest Du sie nicht verhaften und in Handschellen abtransportieren, sondern sie küssen!
Und im Frühling würde dann irgendein armer Tropf Deine vergammelte Leiche finden, weil sie Dir eine Kugel in den Kopf gejagt hat, sobald sie mit Dir fertig war…“

„Ich könnte niemals auf Dich schießen, selbst wenn ich wollte….“
Vor Schreck ließ Kurt das ganze Holz auf seinem Arm fallen.
„Hallo Kurt…“
Ungläubig starrte der FBI-Agent die Frau an, die einige Meter entfernt von ihm hinter einem Baum wie eine Fata Morgana aufgetaucht war und ihre Hände beschwichtigend vor ihrem Körper ausstreckte.
„Es tut mir so leid! Ich….“
Obwohl Kurt erleichtert war, daß Jane unverletzt war und sie am liebsten in die Arme genommen hätte, verschränkte er seine Arme vor der Brust und musterte sie betont kühl von oben bis unten.
„Du lebst also noch. Wie schön!“
„Können wir vielleicht nach drinnen gehen?“ Jane zeigte auf die offene Hüttentür, die den Blick auf das einladende Kaminfeuer freigab.
„Bitte Kurt, ich muss mit Dir sprechen! Muss Dir erklären, was passiert ist!“ Janes Stimme brach.

Kurt schüttelte innerlich den Kopf, sie war so eine verdammt gute Schauspielerin.
Aber wer sagte ihm denn, daß nicht hinter irgendeinem Busch ein Komplize hockte und nur darauf wartete, ihn umzubringen, sobald Jane oder wie immer sie wirklich hieß hatte, was sie wollte.
„Ich halte das für keine gute Idee! Geht zurück nach New York und melde dich dort bei Mayfair. Sie ist nach wie vor mein Boss und wird entscheiden, wie es mit Dir weitergeht. Ich habe dabei nichts zu sagen und ich denke, daß das auch gut so ist!“
„Kurt bitte! Sie werden mich einsperren und dann….“
Kurt unterbrach sie harsch:
„Vielleicht ist das ja genau das, was man mit Dir tun sollte! Du spielst merkwürdige Spielchen mit einer Bundesbehörde und kein Mensch weiß, was Du wirklich damit bezweckst. Mal ganz davon abgesehen, dass unschuldige Menschen sterben.“

Jane senkte den Kopf und starrte auf den Boden vor sich. Kurt atmete erleichtert auf, denn ihre intensiven Augen machten ihn fast wahnsinnig, wenn sie ihn damit anschaute. Sie war so verdammt schön!
„Wieso willst Du Dir nicht anhören, was ich zu sagen habe?“
„Weil ich Dir nicht trauen kann und ich Angst habe, daß Du mich manipulierst und das kann ich mir einfach nicht leisten. Nicht als FBI-Agent und auch nicht als Mensch…“
Kurts Stimme brach. „Bitte geh!“

Jane erwiderte nun trotzig seinen Blick. „NEIN!“
Kurt schnellte vor, überbrückte die Distanz zwischen sich und Jane mit wenigen Schritten und packte sie wütend am Arm.
„Gut, dann nicht. Dann wirst Du eben die Nacht gefesselt in meinem Jeep verbringen und dann liefere ich Dich beim nächsten FBI-Büro ab. Sollen die doch zusehen, was sie mit Dir anstellen!“
Jane starrte ihn wütend an. „Dafür ist es viel zu kalt, bis morgen früh bin ich erfroren. Wie erklärst Du das dann Mayfair?“
„Gar nicht! Ich schubs Dich einfach morgen früh aus dem Jeep, erzähle keinem, daß ich Dich gesehen habe und dann wirst DU eben im Frühjahr von einem armen Tropf gefunden.“ Freudlos zwinkerte Kurt Jane zu.
„So etwas würdest Du nie tun!“ Janes Stimme klang absolut überzeugt von dem, was sie sagte.
„Tja, vielleicht kennst Du mich eben doch nicht so gut, wie Du denkst! Solltest Du morgen früh noch hier und am Leben sein, bringe ich Dich wie gesagt zum FBI; aber nun entschuldigst Du mich bitte, mein Kaminfeuer geht sonst aus.“
Entschlossen drehte Kurt Jane den Rücken zu, sammelte die Holzscheite auf, die er vorher hatte fallen lassen und stapfte auf die Hüttentür zu.

„Und wennn wir vergessen was passiert ist, einfach so tun, als hätten wir uns zusammen in der Hütte verirrt und zusammen Weihnachten feiern?
Ich verspreche, daß ich nach Deinem Urlaub wiederstandslos nach New York mitkomme und Mayfair alles sage, was ich weiß! Bitte Kurt!“

Wenn Jane ein Wort mehr gesagt hätte, hätte Kurt es vermutlich fertig gebracht sie zu ignorieren und ihr die Tür vor der Nase zu zu schlagen, aber sie stand einfach nur da und schaute ihn an.
Sie ließ zu, daß er ihren Blick auffing und sie anstarrte. Kurt versuchte verzeifelt ihre Pläne von ihren Augen abzulesen und merkte dabei, wie gerne er ihren Wunsch erfüllen wollte.
Einfach für ein paar Tage heile Welt spielen und so tun, als würde er mit Jane zusammen bis an sein Lebensende zusammen und glücklich bleiben!
Vergessen, wer sie beide waren und dass sie vermutlich auf verschiedenen Seiten standen!
Kurts Entschlossenheite Jane vor der Tür stehen zu lassen wackelte. Schließlich war Weihnachten auch ein Fest der Vergebung, oder etwa nicht?

Resigniert seufzend erklärte er schließlich:
„Also gut, aber kein Wort über das FBI, Deine Tattos oder Politik! Haben wir uns verstanden?“
Ein sanftes Lächeln huschte über Janes Gesicht, aber was immer sie hatte sagen wollen, ging in einen begeisterten Ausruf über.
„Schau Kurt, SCHNEE!!!!“
Und tatsächlich, es fielen dicke, weiße Flocken vom Himmel.
Kurt verschloß alle seine Zweifel im hintersten Winkel seines Hirns, genoß kurz Janes kindliche Begeisterung, klatschte ihr neckisch auf den Hintern und schob sie dann in die Berghütte. „Sonst erfrierst Du mir doch noch, junge Frau….“

Als Kurt einige Stunden später aufwachte und auf Jane heruntersah, die friedlich an ihn gekuschelt schlief, während draußen immer mehr Scnee fiel und das Feuer im Kamin prasselte, fühlte er eine tiefe Ruhe in sich und beschloss, daß die einsamen Stunden hier mit Jane alles was später vielleicht noch kommen sollte, aufwiegen würde.
Dann hauchte er ihr einen zarten Kuss auf den Scheitel, zog sie noch enger an sich, wisperte leise: „Frohe Weihnachten, meine Liebste!“ und schlief im Reinen mit sich und der Welt wieder ein…

* * * * * * * * * * * * * * * * *

Als Inspiration für diese Geschichte, diente die Serie ‚Blindspot‘ (aus der ich mir auch ein paar Figuren ausgeborgt habe) und besonders diese Gifs:

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kuss1 kuss4

Gesamter Text © Herba für ‚Unkraut vergeht nicht…oder doch?‘
Bitte nicht ungefragt zitieren oder weiterverwenden!!!

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9 Antworten zu Das Fest der Vergebung? (Geschichten zum Advent)

  1. CraMERRY schreibt:

    Och, das ist aber mal eine nette Abwechselung, besonders für Kenner 😉

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  2. Herba schreibt:

    @CraMERRY: Freut mich, wenns gefällt! :mrgreen:
    Als mir die Idee für die Geschichte kam, dachte ich mir, daß im Winter ein etwas pelzigeres OdB nicht schaden kann – konnte ja keiner ahnen, daß es zur Zeit eher wie im Frühling ist. Aber Schnee kann man sich ja zum Glück auch denken 😀

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  3. CraMERRY schreibt:

    Ich finde ihn ja eher struppig 😉 Aber die Beiden haben definitiv eine eigene Fantasie verdient!

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  4. Herba schreibt:

    @CraMERRY: Mit dem Look in Blindspot hast Du Recht, in Strike Back war die Grenze zwischen Brust- und Barthaar definitiv noch besser definiert 😀
    Ich hoffe ja, daß ich mich mit meiner Phantasie etwas irre und Jane Kurt nicht ausnutzt – man muss abwarten und schauen wo die Reise im neuen Jahr hingeht *seufz*

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  5. suzy schreibt:

    Wie schön! Auf dass uns bis zum Februar nicht langweilig wird! Ja die beiden sind schon ein ganz besonderes Pärchen ❤

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  6. Herba schreibt:

    @Suzy: Das sind sie definitiv ❤

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  7. linnetmoss schreibt:

    Such eyes he has 🙂

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  8. suzy schreibt:

    Ich muss mir auch immer wieder eine Folge reinziehen……
    und jedes Gif auf twitter oder facebook hebt die Stimmung ❤

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  9. Herba schreibt:

    @Suzy: Das mit den Gifs geht mir genauso, die zaubern mir immer wieder ein Lächeln ins Gesicht 😀

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