Das Boot (Agon Theater Tournee 2015)

Am letzten Wochenende waren zwar keine Musikanten in meiner Stadt, dafür aber ein Tournee-Theater, das ‚Das Boot‘ auf unsere Kleinstadtbühne brachte.
Der norwegische Künstler Kjetil Bang-Hansen hat für das Stück den gleichnamigen Roman von Lothar-Günther Buchheim dramatisiert.
Der Stoff ist sicher vielen durch den Film von Regisseur Wolfgang Petersen bekannt.

Das Programmheft - mein Foto

Das Programmheft – mein Foto

Und darum geht es:
Europa, 1941,
der Kriegsberichterstatter Leutnant Werner (Marco Michel) fährt auf dem deutschen U-Boot U96 mit, das von Frankreich aus im Atlantik Handelsschiffe versenken soll, die England mit wichtigen Gütern versorgen.
Die Mannschaft besteht aus dem erfahrenen Kapitän, Kaleu oder der Alte (Hardy Krüger junior) genannt, dem 1. Wachoffizier und strammen Nazi (Alexander Mattheis), dem fähigen leitenden Ingenieur (Benedikt Zimmermann) und lauter jungen Grünschnäbeln, die eigentlich noch viel zu jung sind, um auf einem U-Boot Dienst zu tun und in einem ausweglosen Krieg zu kämpfen.
Wird die Mannschaft der U96 trotzdem sicher in den Heimathafen einlaufen?

 
Ich muss gestehen, dass ich zwar grob weiß, worum es in ‚Das Boot‘ geht, aber weder das Buch gelesen noch eine der Filmversionen gesehen habe.
Aber Hardy Krüger junior als Zugpferd und die Neugier, wie man ein U-Boot auf einer Bühne simuliert, haben mich zum Anschauen dieser Inszenierung inspiriert.

Vor Beginn des Stücks gab es in einem kleineren Vortragsraum eine kurze Einführung in das Thema vom Ensemblemitglied Benedikt Zimmermann.
Er erzählte den interessierten Zuschauern kurz etwas über den Werdegang des Stücks, Lothar-Günther Buchheims Werdegang und über die Historie deutscher U-Boote im 2. Weltkrieg.
Besonders bewegend fand ich dabei, daß 3/4 der deutschen U-Bootbesatzungen nicht überlebt haben und dass Buchheim den U-Bootkrieg einen Kinderkreuzzug nannte, weil viel zu junge und unerfahrene Teenager in den ‚eisernen Särgen‘ Kriegsdienst leisten mußten.
Zimmermann gab außerdem eine kleine Einführung in die Kommandosprache des U-Boots, die zwar recht interessant, aber für das spätere Verständnis meiner Meinung nach nicht unbedingt nötig gewesen wäre.
Ich konnte der Handlung auf jeden Fall gut folgen, auch ohne alle technischen Aspekte beim Ab- und Auftauchen der U96 zu verstehen.

Danach wechselten wir dann in den richtigen Theatersaal und nahmen unsre Plätze relativ mittig im Zuschauerraum ein.
Die Mehrzweckbühne kam mir wahnsinnig klein vor – da wirkten wohl noch meine letzten Theatererlebnisse im Kino nach, wo vor allem die Hamlet-Bühne im Barbican fast fußballfeldartig anmutete.
Für die Enge eines U-Boots war unsre Provinzbühne natürlich sehr gut geeignet und die Kulisse, die ich absolut gelungen fand, verstärkte den Eindruck von wenig Platz noch.
In Szenen wo alle neun Schauspieler auf einmal auf der Bühne agierten, stand man sich im wahrsten Sinn des Wortes direkt auf den Füßen.
Eine ellipsenförmige Konstruktion simuliert die Form des U-Boots. Darin war die Kommandozentral mit Periskop, die Kombüse, die Toilette und die Schlafplätze der niederen Ränge untergebracht.
Über eine Leiter ging es dann auf Aussichtsplattform des Boots und die Schauspieler beeindruckten mich des Öfteren beim Herunterrutschen an dieser Leiter.

Bei der Werbung für den Kartenvorverkauf hätte man fast den Eindruck gewinnen können, daß es sich um ein Ein-Mann-Stück handelt, weil diese sich komplett auf Hardy Krüger junior fokusiert.
Das spiegelt allerdings keinesfalls die Tatsachen wieder. Krüger ist zwar das charismatische Zugpferd und der unangefochtene Anführer der Crew, aber die anderen Jungs brauchen sich meiner Meinung nach nicht hinter ihm zu verstecken.
Das heißt natürlich nicht, daß mir Krüger nicht gefallen hat, ganz im Gegenteil!
Es war wunderbar ihn live auf der Bühne sehen zu dürfen und die Rolle als desillusionierter Soldat, der seinem Land dient, mit seinen Oberen aber wenig anfangen kann und dem auch die Einhaltung so manches Befehls augenscheinlich schwer fällt (Stichwort Laconia-Befehl), hat er sehr gut ausgefüllt.

Aus dem restlichen Ensemble jemanden herauszugreifen, fällt mir sehr schwer, weil sie mir alle mit ihrer Spielfreude, ihrer Ausdruckskraft und den leisen Tönen gefallen haben.
Es wird gelacht, gestritten, gesungen (leider konnte ich hinterher den Liedtitel nicht mehr zuordnen), bei einem Filzlausbefall Haut gezeigt, ein wenig versteckt politisiert, damit es der Nazi an Bord nicht mitbekommt und ums nackte Überleben gekämpft.
Gerade bei den Seegefechten kann das Theater nicht mit Special effects des Spielfilms aufwarten und doch wurde das so packend dargestellt, daß ich mich mehrfach dabei erwischt habe, wie ich mit angehaltenem Atem auf der Kante meines Stuhl saß und auf den vermeintlichen Feind im gegnerischen U-Boot oder Zerstörer gelauscht habe – Theatermagie par excellence!

Gerade in unseren Zeiten, wo an so vielen Ecken der Welt Kriege geführt werden, ist dieses Anti-Kriegsstück nicht hoch genug einzuschätzen, um sich in Erinnerung zu rufen, was ein Krieg bedeutet und was er uns Menschen kostet!
Vieleicht war es deshalb auch am Ende des Stücks für einige Sekunden mucksmäuschenstill, bevor im Zuschauerraum tosender Applaus laut wurde.
Ich hatte auf jeden Fall einen großartigen Theaterabend und wer Gelegenheit hat das Stück zu sehen (die Tournee wird ab April 2016 fortgesetzt), sollte sich das meiner Meinung nach nicht entgehen lassen!

Die Homepage des a.gon Theater (dort findet man weitere Infos zum Stück und den Schauspielern und auch Produktionsbilder. Ich kann leider nicht direkt zum Stück verlinken)

Hier bei rfo.de kann man sich einen kurzen Videobeitrag zum Stück anschauen und sich einen kurzen Eindruck vom Bühnenbild verschaffen.
Die zwei kurzen Szenen aus dem Stück sind meiner Meinung nach aber nicht unbedingt aussagekräftig.

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2 Antworten zu Das Boot (Agon Theater Tournee 2015)

  1. suzy schreibt:

    Habe gerade mal gegoogelt, leider alles zu weit weg für einen Theaterbesuch 😦

    Gefällt mir

  2. Herba schreibt:

    @Suzy: Schade!

    Gefällt mir

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