Jane Eyre (National Theatre London live)

Am letzten Dienstag (8.12.) fand im Kino meines Vertrauens die Jahresabschlussfeier der NTlive-Theaterübertragungen statt und es wurde ‚Jane Eyre‚ nach dem Roman von Charlotte Brontë gezeigt.

Und darum geht es:
Die Waise Jane Eyre (Madeleine Worrall) wächst bei ihrer Tante Mrs. Reed (Maggie Tagney) auf, die das kleine Mädchen verabscheut.
Schließlich schiebt die hartherzige Frau Jane in eine strenge Schule ab, wo sie ohne Liebe und Fürsorge aufwächst, bis sie alt genug ist, um als Gouvernante zu arbeiten.
Ihre erste Stelle tritt sie auf Thornfield Hall, dem Anwesen von Mr. Rochester (Felix Hayes) an, um sich dort um dessen französisches Mündel Adele (Laura Elphinstone) zu kümmern.
Der arrogante Hausherr fasziniert Jane und auch Rochester fängt an Jane zu mögen…

Die Inhaltsangabe ist zum größten Teil von hier übernommen

‚Jane Eyre‘ als Theaterstück? Ich muss zugeben, dass ich die Ankündigung des National Theatre mehr als skeptisch zur Kenntnis genommen habe.
Vermutlich vor allem weil ich mit der Ciaran-Hinds-Version groß geworden bin und weil ich die Toby-Stephens-Fassung so liebe.
Da hat es jede neue Fassung schwer und die beiden Hauptdarsteller aus dieser Inszenierung konnten mich auf den Werbefotos so gar nicht überzeugen, weil sie auf mich zu alt und er etwas zu struppig wirkte, auch wenn Rochester laut Vorlage nicht sexy sein soll.

Und trotzdem hat mich die Theaterfassung beeindruckt und überzeugt.
Madeleine Worrall liefert eine wunderbar ausdrucksstarke Darbietung ab und versteht es ihre Jane als Dreh- und Angelpunkt der Geschichte zu installieren.
In den Filmversionen dreht sich meist alles um die Liebe zwischen Jane und Rochester und man vergisst beim Zusehen, daß es auch um die Emanzipation und Entwicklung von Jane als Person geht. Das war in der Theaterversion nicht der Fall und hat mir gut gefallen.
Felix Hayes ist trotz Struppibart (damit hat er mich an Heath Ledger in ‚Die vier Federn‚ erinnert) genau der Richtige für seine Rolle, er spielt Rochester leidenschaftlich, arrogant und doch auch mit einem klitzekleinen Augenzwinkern.
Außerdem beweist er, daß große Männer in viktorianischen Mänteln einfach gut aussehen und wenn sie dann noch so strahlend blaue Augen haben wie er, ist sowieso alles in Butter.
Ganz essentiell für die Geschichte an sich, halte ich auch die Chemie zwischen den Schauspielern und die war bei Worrall und Hayes für meine Begriffe einfach wunderbar!

Das Bühnenbild war sehr minimalistisch und sah mit den verschiedenen Ebenen, die mit Leitern und Holzplanken verbunden waren, auf den ersten Blick etwas merkwürdig aus, funktionierte aber perfekt, egal ob man sich gerade in Janes Schule oder auf Thornfield Hall befand.
Die Liveband, die für athmosphärische Musik sorgte, war mit den Instrumenten mitten im Geschehen platziert und Melanie Marshall hat mich mit ihrer Singstimme wirklich beeindruckt.
Außerdem war ihre Version von Gnarls Barkley’s ‚Crazy‘ einfach cool!

Das relativ kleine Ensemble übernimmt verschiedene Rollen und die Schauspieler meistern das alles mit Bravour.
So mag es auf den ersten Blick vielleicht etwas merkwürdig erscheinen, wenn Mr. Rochester als Schülerin in Janes Schule auftaucht oder St. John Rivers eine frappierende Ähnlichkeit zu Adele aufweist, aber die Magie des Theaters funktioniert und ich als Zuschauer habe das zwar zur Kenntnis genommen, es aber nicht in Frage gestellt.
Und Craig Edwards als Pilot (Hund von Mr. Rochester) stiehlt, wann immer er auf die Bühne kommt, dem Rest die Show!
Amüsant war auch die Darstellung des Zugfahrens (siehe Trailer bei ca. 0:26), das ist für mich Theater in seiner pursten Form!

Insgesamt bot ‚Jane Eyre‘ in meinen Augen beste Unterhaltung und war ein wahrhaft würdiges Stück zum NTlive-Jahresabschluß!

Die Seite zum Stück bei NTlive
Ein interessantes Interview mit den beiden Hauptdarstellern

Der Trailer zur NTlive-Ausstrahlung:

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10 Antworten zu Jane Eyre (National Theatre London live)

  1. franziska-t schreibt:

    Ich musste mich erstmal an den vergleichsweise leeren Kinosaal gewöhnen. Während bei HAMLET die Hölle los war, war JANE EYRE dann doch wieder zuschauermäßig entspannter. Ich kannte Jane Eyre vorher nicht, auch nicht die Spielfilmvariante(n). Ich fand es ganz okay, auch wenn mich die Band und besonders die Sängerin sehr irritiert hat und lange auch nicht klar war, ob sie in irgendeiner Form wichtig für die Handlung ist. Auch die Tatsache, dass eine erwachsene Frau ohne Vorwarnung Babygeräusche macht, war irgendwie komisch. Alles in allem war es in Ordnung. Meine Rezension lässt noch auf sich warten, wird aber irgendwann folgen.

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  2. Esther schreibt:

    Damn!! Jetzt finde ich es extra schade, dass ich das nicht gesehen habe! Es war auch hier in Holland im Kino und ich wollte hin, habe mich aber nicht wohl gefühlt und bin nicht gegangen. Ich bereue es sehr, denn Jane Eyre ist eines meiner Lieblingsbücher und ich habe glaube ich auch alle Verfilmungen gesehen! Wollte dieses Stück auch so gerne sehen… Wäre schön, wenn es auch via Digital Theatre oder so zu sehen wäre… Toll, dass das Stück Dir gefallen hat!

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  3. linnetmoss schreibt:

    Thanks for the recommendation. I saw a preview of this and thought it looked good!

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  4. Herba schreibt:

    @franziska-t: Ich weiß was Du meinst, in meinem Kino ist nach Hamlet auch wieder Normalität eingekehrt, aber mittlerweile sind auch ’normale‘ Vorstellungen ganz ordentlich besucht.
    Ich habe mir ehrlich gesagt gar keine Gedanken über die Involvierung der Sängerin gemacht, fand den Kniff, dass sie die Berta spielte aber dann sehr gelungen.
    Die Babygeräusche haben mich auch etwas verstörrt und ich dachte mir schon ‚Oh je, das wird nichts‘, aber dann hat mich die Inszenierung wie gesagt doch überzeugen können.
    Aber nach Deinem Kommentar wäre ich nun neugierig, ob das Stück für mich auch funktioniert hätte, wenn ich die Geschichte gar nicht gekannt hätte – echt spannend!

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  5. Herba schreibt:

    @Esther: Ach schade! Dein Eindruck dazu hätte mich sehr interessiert!!!

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  6. Herba schreibt:

    @linnetmoss: You’re welcome. Please let me know what you think of it, if you’ll be able to watch it!

    Gefällt 1 Person

  7. friedlvongrimm schreibt:

    Bei mir war es auch recht leer. Ansonsten kann ich dir nur zustimmen. Die Chemie hat gestimmt, Musik als roter Faden ist auch immer toll. Eine schöne, positive Überraschung bei einigen Bedenken zuvor.

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  8. Herba schreibt:

    @friedlvongrimm: Schade, dass manche Stücke bei den Übertragungen nicht so viel Aufmerksamkeit bekommen, aber der Termin im Advent ist für einige sicher auch schwierig, weil so viel ansteht

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  9. friedlvongrimm schreibt:

    Ich war wirklich etwas irritiert, weil ich schon dachte, dass es da draußen noch viele Menschen gibt, die das Buch lieben.

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  10. Herba schreibt:

    @friedlvongrimm: Ich vermute eine Mischung aus: keine Zeit, kein Interesse an OVs und dem Denken, daß die Geschichte auf der Bühne nicht wirklich funktioniert

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