Weihnachtszeit in Libra City (Geschichten zum Advent)

‚Nachts in Libra City‘, die Vorgeschichte zum folgenden Text, kann man hier nachlesen.

***

Emma, die Chefbibliothekarin von Libra City war genervt und versuchte sich beim Zurückstellen von Büchern zu entspannen.
Die Tage bis zum heiligen Abend schienen nur so dahinzufliegen und sie hatte das drückende Gefühl, dass sie nichts auf die Reihe bekam – weder in der Bibliothek bei Tag, noch bei Nacht, wenn sie das Verbrechen in der Stadt bekämpfte.
Und sie wußte nicht einmal woher dieses Gefühl kam.

Nein, eigentlich war das gelogen, sie wußte es sehr genau!
Nachts nervte sie der lilafarbene, glitzernde, viel zu enge Strampelanzug, den sie seit neuestem bei ihren geheimen Streifzügen durch die Stadt tragen mußte, weil er von ihrer Freundin extra für sie beziehungsweise ihr Alter Ego Glimmer Girl angefertigt worden war.
Dann kam ihr ständig dieser befrackte Bruderschafts-Schnösel TUX MAN in die Quere, der sich für ein Geschenk für die Frauenwelt und für sie im Besonderen hielt.
Tagsüber lief ihr ständig der stotternde Archivar Mr. Miller über den Weg, der grundsätzlich erschreckte, wenn er sie sah, dann irgendetwas fallen ließ und sich dann auch noch lang, breit und sto-t-t-t-t-t-t-t-t-ernd bei ihr entschuldigte.
Und als ob das noch nicht genug war, war jeder zweite Bibliotheksnutzer einer der schwierigen Sorte und Jess alias Robina nervte sie quasi stündlich damit, endlich mal auf die Avancen von TUX MAN einzugehen oder sich an den Archivar ranzumachen.

Emma verdrehte genervt die Augen und stellte ein weiteres Buch energisch zurück an seinen Platz im Regal.
Wenn das so weiterging, würde sie losziehen, sich eine Knarre besorgen und bis zum Heiligen Abend irgendwen über den Haufen schießen, das sollte nämlich laut ‚Daily Jail‘, dem stadteigenen Gefängnismagazin ein großartiges Mittel zum vorweihnachtlichen Frustabbau sein!
Zum Glück mußte sie sich wenigstens nicht mit nervigen Verwandten herumschlagen und würde die Feiertage, wie jedes Jahr, mit guten Büchern, noch besserem Essen und jeder Menge Filmen allein daheim verbringen.
Es hatte eben doch Vorteile Single und außerdem Waise zu sein!

Ein leises Räuspern holte Emma aus ihren Gedanken. Als sie sich umdrehte, um nach der Ursache des Geräuschs zu schauen, machte es schon wieder ‚Hrm, hrm!‘ und sie konnte Mr. Miller, der Archivar, der unsicher auf den Boden starrte und keine zehn Zentimeter entfernt vor ihr stand und ihr durch die überraschende Nähe die restlichen Bücher aus dem Arm wischte, als Geräuschequelle ausmachen.
Unfreundlicher als beabsichtigt fragte Emma: „Ja bitte?“ und bückte sich dann seufzend, um die Bücher aufzuheben.
Das war keine gute Idee, denn auch Mr. Miller war auf diese Idee gekommen und die beiden stießen hart mit den Köpfen zusammen.

„Aua!“
Zum zweiten Mal ließ Emma die Bücher fallen und rieb sich ungehalten die nun schmerzende Stirn.
„Oh n-n-n-n-n-ei-n! Ich bin s-s-s-s-s-s-o-o-o-o-o unges-s-s-s-s-s-s-s-chickt! Warten S-s-s-s-s-s-s-ie, ich h-h-h-h-h-elfe I-i-i-i-i-i-i-hnen!“
Aufregung bekam dem guten Mr. Miller gar nicht gut, dachte sich Emma und wehrte den Mann mit einer knappen Handbewegung ab.
„Nein, nein, lassen Sie mal! Ich hab sie schon…“
Schnell bückte sie sich und sammelte die Bücher ein, bevor es weitere Zusammenstöße geben konnte.
Dann lief sie zum Ausleihtresen, legte die Bücher dort ab und drehte sich wieder zum tolpatschigen Archivar um, der immer noch mit hochrotem Kopf und wie festgenagelt vor dem Regal, wo Emma gerade noch gewesen war, stand und den hässlichen grauen Linolumbelag fixierte.

Sie rang sich ein halbherziges Lächeln ab und fragte dann so ruhig wie möglich:
„Wie kann ich Ihnen helfen?“
„Jess, also Miss St-t-t-t-t-t-evens hat mir erzä-ä-ä-ä-lt, dass S-s-s-s-ie Weihnachten g-g-g-g-g-g-anz al-l-l-l-ein verbringen und d-d-d-d-d-a wo-wo-wo-wo-llte ich fra-fra-fra-gen, ob S-s-s-s-s-ie eventuell m-m-m-m-m-m-it mir d-d-d-d-d-d-en Go-go-go-go-ttesd-d-d-d-d-d-ienst besuchen wo-wo-wo-wo-llen?!“
Emma riss überrascht die Augen auf und starrte den stotternden Mann, der vor ihr stand und dessen Stirn von einem Schweißfilm bedeckt war, an.
Wenn Jess den armen Mann zu dieser merkwürdigen Frage genötigt hatte, würde sie ihrer Freundin den Kopf abreißen!!!

Das sagte sie natürlich nicht laut, sondern erwiederte:
„Das ist wirklich sehr nett von Ihnen, vielen Dank für die Einladung!“
Mr. Miller holte Luft und hätte vermutlich zur nächsten Stotterarie angesetzt, wenn Emma ihn nicht freundlich aber bestimmt abgewürgt hätte.
„Ich habe keine Ahnung, was Jess Ihnen alles über mich erzählt hat, aber vermutlich wissen Sie, daß ich keine Familie und auch keine lebenden Verwandten habe.
Das ist schon sehr lange so und seit ich erwachsen bin und selbst über meine Zeit bestimmen kann, ziehe ich es vor, die Feiertage allein zu verbringen. Nehmen Sie es daher bitte nicht persönlich, wenn ich Ihr Angebot ablehne!“
Wieder holte Mr. Miller Luft und wieder unterbrach ihn Emma:
„Wenn Sie mich nun entschuligen würden! Die Bibliothek öffnet bald und ich habe noch viel zu tun!“
Schnell drehte sie sich um, verschwand in ihrem Büro und einmal mehr entging ihr ein Blick aus eisblauen Augen, der ihr, wie so oft in den letzten Wochen, interessiert folgte…

Einige Stunden später, als sich die Dunkelheit über Libra City senkte, stand Glimmer Girl auf einem Dach und ließ ihren Blick über die nächtliche Stadt schweifen.
Sie war allein, ihre treue Gefährtin hatte sie dazu überredet mal eine Pause einzulegen und sich auszuruhen. Dabei dachte sie aber eher an ihr angeschlagenes Nervenkostüm, als an ihre Freundin und dafür schämte sie sich auch ein wenig, aber ein weiterer Einsatz, bei dem ihre Begleitung von den Heldentaten von Glimmer Girl und Robina schwadronierte, hätte sie heute nicht ertragen.

Glimmer Girl hatte ausnahmsweise einmal keinen Hinweis auf ein geplanntes Verbrechen und so würde sie einfach durch die Straßen streifen und stichprobenartig nach dem Rechten sehen.
Leider war in Libra City ja immer etwas zu tun, denn die Verbrecher schliefen hier nie.
Kaum hatte sie das gedacht, sah sie auch schon einen Van mit dunklen Scheiben vor dem Notausgang der Libra City Central Bank anhalten und vier vermumte Gestalten aussteigen, die sich dann an der Tür zu schaffen machten.
Die leise Musik, die vom städtischen Weihnachtsmarkt herüberklang störrte sie dabei genauso wenig, wie der Nachtwächter, der in seiner Loge am Haupteingang des Gebäudes saß und sich in seine Zeitung vertieft hatte.

Eilig machte sich Glimmer Girl auf den Weg, um den Einbruch zu verhindern, aber als sie in der Gasse ankam, stand schon eine ihr bekannte Gestalt mit Hut und dunklem Cape hinter den Ganoven und erklärte ihnen gerade mit der ihm ganz eigenen arroganten Art:
„Jungs, wenn ihr euch freiwillig von mir für die Polizei verschnürren laßt, kommen wir alle fünf Minuten früher ins Warme und bei dieser Eiseskälte sollte das doch wirklich erstrebenswert sein, findet ihr nicht!?!“
Glimmer Girl verdrehte die Augen.
„Pfffffffffffffffffffffffff! Als ob Berufsverbrecher auf so eine Ansprache reagieren würden! Lächerlicher geht es ja kaum noch!“
Erstaunt drehten sich die fünf Männer um.
„Das hat es tatsächlich schon!!!“ erwiederte der Mann mit Hut und schaute leicht pikiert drein.
„Ja klar, Mister Bond! Ach neee, James Bond können Sie ja auf keinen Fall sein, der würde sich nämlich eher von M flachlegen lassen, als SO einen Hut zu tragen“ Glimmer Girl kicherte.
„Ich bin TUX MAN!“ Der Hutträger kam auf sie zu und schaute sie böse an. „Und das weißt DU auch ganz genau GLIMMER GIRL!!!“
Süffisant grinsend ließ Tux Man seinen Blick über ihren lila Glitzerjumpsuit wandern, aus dem mal wieder ihre Oberweite herauszuquellen drohte.
„Ich habe Ihnen schon hundert Mal gesagt, dass Sie mich nicht duzen sollen!“ keifte Glimmer Girl und hasste sich dafür wie harpyienmässig ihre Stimme klang.
Aber der Superheld für Arme ging ihr einfach furchtbar auf die Nerven und sie hätte ihn am liebsten in Luftpostfolie verschnürrt und unfrei an die Bruderschaft, die ihn nach Libra City geschickt hatte, zurückgeschickt!

Während ihres Schlagabtausches hatten die vier Ganoven still vor dem Notausgang der Bank ausgehaart und ihnen amüsiert zugehört.
Nun meinte der Kleinste der Vier einen Kommentar abgeben zu müssen:
„Ihr Zwei seit echt lustig. Habt ihr mal überlegt zusammen im Fernsehen aufzutreten oder so? Dann wärt ihr von der Straße und wir könnten in aller Ruhe unsre Arbeit machen!“
Das brachte Glimmer Girls dünne Gedultsschnur nun wirklich zum reißen und während sie mit knirschenden Zähnen überdeutlich fragte:
„Hat Ihnen ihre Mutter nicht beigebracht, dass man fremde Menschen nicht einfach duzt? Und dass man keiner Arbeit nachgeht, wenn man Banken ausraubt? Und dass man sowieso und unter gar keinen Umständen Bak ausraubt, Läden überfallt und Besitz fremder Leute an sich bringt???!“

Als sie mit ihrer Tirade fertig war, lagen auch alle vier Gauner für die Polizei gefesselt auf der Erde.
Glimmer Girl klopfte sich immaginäre Staubflocken von ihrem Jumpsuit und grinste Tux Man ironisch an.
„SO macht FRAU das, Mr. TUX MAAAAAN und zwar ganz OHNE Hilfe!“ Und bevor er noch irgendetwas Geistreiches erwiedern konnte, war sie auch schon in der Nacht verschwunden.

Verduzt schaute ihr Tux Man nach und wurde dann vom Kommentar des kleinen Gauners in die Wirklichkeit zurückgeholt.
„Wow, da hat aber jemand schlechte Laune! Vielleicht hättest Du ihr lieber eine Massage anbieten sollen, statt sie so dumm von der Seite anzumachen. Das mögen Frauen nämlich gar nicht. Und schon gar nicht, wenn sie im Weihnachtsstreß sind!“
„Ach halt doch die Klappe, Du Schmalspurcasanova!!!!“
Aber auf dem Heimweg fragte sich Tux Man zum wiederholten Mal, wieso Glimmer Girl ihm so an die Nieren ging und er immer zum Macho mutierte, wenn er sie traf.
Dabei war er doch gar nicht so und das würde er ihr auch bald beweisen! Und als sich in seinem Kopf ein Schlachtplan formte, kam auch sein spitzbübisches Grinsen zurück, mit dem er schon so viele Frauen beeindruckt hatte und die in seiner Erinnerung alle neben dem Gesicht von Glimmer Girl verblasst waren.
„Warte nur bis zum nächsten Mal Kleines…“
Dann war er in seiner Straße angekommen und schlich geräuschlos durch die Gärten, damit keiner seiner Nachbarn auf ihn aufmerksam wurde.

***

Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Menschen/Superhelden ist rein zufällig und vollkommen unbeabsichtigt!

Gesamter Text © Herba für ‘Unkraut vergeht nicht…oder doch?’
Bitte nicht ungefragt zitieren oder weiterverwenden!!!

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5 Antworten zu Weihnachtszeit in Libra City (Geschichten zum Advent)

  1. Die Poe schreibt:

    Juchu,endlich neues aus Libra City ❤

    Gefällt 1 Person

  2. suzy schreibt:

    passend zur Vorweihnachtszeit! Danke – Fortsetzung folgt?

    Gefällt mir

  3. Herba schreibt:

    @Suzy: So war es gedacht 🙂 Ja, ich denke es wird noch eine Fortsetzung geben. Eine Idee dazu habe ich jedenfalls schon

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