Ein Auftritt als Nikolaus (Geschichten zum Advent)

Er war beruflich nun schon mehr als einen Monat in der deutschen Hauptstadt und fühlte sich recht wohl.
Die Kollegen waren engagiert, es ließ sich gut mit ihnen arbeiten und in seiner Freizeit gab es immer viel zu entdecken.
In der Adventszeit war nun alles vorweihnachtlich geschmückt, viele Lichter erhellten die dunkel Jahreszeit und ein Weihnachtsmarkt nach dem anderen öffnete seine Tore.
Bei einem solchen Weihnachtsmarktbesuch überfiel ihn Jack, einer der zuständigen Produzenten, mit einem besonderen Werbegag. Zunächst klang das alles ganz harmlos.

„Habt ihr mitbekommen, daß Matt Damon am 1. Advent eine Einrichtung für notleidende Kinder hier in Berlin besucht hat?“
Ohne auf Antworten zu warten, fuhr Jack fort:
Die Verantwortlichen des Senders haben das mitbekommen, weil der Besuch für internationale Presse sorgte.
Ich weiß ja, daß Du nicht viel von Homestories und dergleichen hälst, aber wir werden einiges tun müssen, um unsere Produktion auf dem internationalen Markt zu bewerben und damit kann man ja nie früh genug anfangen.
Daher habe ich mich gefragt, ob Du eventuell damit leben könntest, Dich am Nikolaustag zu verkleiden und auch bei Kindern Geschenke zu verteilen?“

Bevor er auch nur den Mund aufbekam, platzte sein Kollege Rhys heraus:
„Kann ich auch mitmachen?“
Sue, eine der Produktionsassistenten schlug vor: „Du könntest als Knecht Ruprecht mitgehen!“
„Ja, super! Hach, das wird sicher ganz wunderbar!!!“
Und so wurde das Ganze beschlossen, ohne das er überhaupt die Chance bekommen hatte ja oder nein zu sagen.

In den nächsten Tagen informierte er sich eingehend über Sankt Nikolaus, alle möglichen deutschen Bräuche, die es rund um diese Figur gab und Gabi maß ihm ein passendes rotes Kostum samt schwarzer Stiefel, einer Mütze und einer weißen Perücke samt Bart an.
Rhys bekam ein schwarzes Kostum, wie sich das für den Knecht Ruprecht gehört und schaffte es tatsächlich ihn nach ein paar Tagen mit seiner fast kindlichen Begeisterung anzustecken.
Schließlich gab es wirklich nichts Schöneres Kindern eine Freude zu machen und vielleicht gelang es ihnen ja wirklich einigen Kindern mit dieser Aktion ein Lächeln ins Gesicht zu zaubern.
Am späten Nachmittags des 6. Dezembers, als es draußen schon dunkel wurde, stand er in seinem Hotelzimmer, zog das Kostüm an und summte leise

‚Deck the halls with boughs of holly.
Fa-la-la-la-la, la-la-la-la!
Tis the season to be jolly.
Fa-la-la-la-la, la-la-la-la…‘

vor sich hin. Dabei gingen ihm viele Erinnerungen an die Vorweihnachtszeit durch den Kopf, als er noch ein kleiner Junge gewesen war.
Seine ganze Familie liebte Weihnachten, es wurde viel zusammen musiziert, gut gegessen und einfach viel Zeit miteinander verbracht.
Irgendwann riß ihn dann ein Klopfen an der Zimmertür aus seinen Gedanken und ein breit grinsender Rhys stand vor der Tür.
„Seid Ihr bereit, oh großer Nikolaus?“
Unwillkürlich mußte er das Grinsen erwiedern: „Natürlich. Geh voran Ruprecht und ich folge Dir, mein guter Knecht!“
Gut gelaufen stapften die Beiden nun den Hotelgang entlang und ließen sich von Horst dem Chauffeur zu ihrer Geschenkemission bringen.

Als die Mittelklasse vor einem erleuchteten Gebäude hielt, wurden sie schon erwartet. Sue, die sich bereit erklärt hatte, als Dolmetscher einzuspringen, falls das nötig werden sollte, stand mit einer mittelalten, kleine, freundlich lächelnden Frau vor dem Eingang.
„Hallo, mein Name ist Katja Weber, ich bin die Leiterin dieses privaten Kindergartens und ich freue mich sehr, daß Sie unser Nikolausfest mit ihrem Auftritt unterstützen wollen!
Unsere 30 Kinder sind zwischen drei und sechs Jahre alt und kommen aus ganz unterschiedlichen Familien. Seit dem Herbst haben wir auch Kinder aus Flüchtlingsfamilien, die teilweise noch ein wenig ängstlich sind. Würde es Ihnen etwas ausmachen, deswegen den Bart abzunehmen? Ich weiß, daß er eigentlich dazu geört, aber damit wirken Sie schon sehr einschütternd…“
Entschuldigend sah sie zu ihm auf.
„Nein, das ist gar kein Problem! Eigentlich bin ich sogar ganz froh, das Ding junkt nämlich furchtbar!“ Beruhigend legte er Frau Weber eine Hand auf die Schulter und entledigte sich dann ganz schnell des watteweißen Rauschebarts.

In der Zwischenzeit hatte Horst drei große Jutesäcke aus dem Auto ausgeladen und gemeinsam trugen sie diese nun nach drinnen, während Frau Weber erklärte:
„Die Kinder werden ein Lied für Sie singen, dabei kommen Sie herein und dann können Sie sie anhand dieser Namensliste einzeln aufrufen und Ihnen ein Geschenk überreichen. Die Kids bekommen hier schon mit drei Jahren Englischunterricht, die Verständigung sollte also wenigstens auf ganz niedrigem Niveau machbar sein. Viel Glück!“
Frau Weber huschte durch eine Tür und ließ ihn mit Horst, Sue und Rhys alias Knecht Ruprecht allein zurück.
Dann erklangen auch schon Kinderstimmen, die voller Inbrunst

‚Laßt uns froh und munter sein
und uns recht von Herzen freun!
Lustig, lustig, tralalalala!
Bald ist Nikolausabend da,
bald ist Nikolausabend da…‘

sangen und Sue führte sie in einen Raum, der mit vielen Kerzen warm erleuchtet war.
Puh, nun war er doch etwas nervös als er all die erwartungesvollen Kindergesichter sah, die immer noch sangen und trotzdem gespannt jede seiner Bewegungen genau verfolgten.

Als das Lied verklang, räusperte er sich kurz und sagte dann mit seiner tiefsten Stimme:
„Ihr habt wundervoll gesungen, vielen Dank dafür liebe Kinder! Wißt ihr denn alle, wer ich bin?“
Im Chor erklang die Antwort: „Jaaaaaaaaaaaaaaaaaaaa, Du bist der Nikolaus!“
„Das stimmt. Ich bin der Nikolaus und das ist mein guter Knecht Ruprecht. Ruprecht sag Hallo zu den Kindern.“
Gut gelaunt winkte Rhys daraufhin in die Runde und sah dabei kein bißchen furchteinflössend aus.

Frau Weber führte ihn zu einem bequemen Sessel, wo er sich niederließ und Rhys die Jutesäcke um ihn herum drapierte.
Mit der Namensliste, die er bekommen hatte rief er nun die ersten Kinder auf, die alle ein kleines Gedicht aufsagten oder ihm sogar etwas auf einer Blockflöte vorspielten, bevor sie ihm versicherten, daß sie brav gewesen waren und dann ihr Geschenk entgegennahmen.
Dann stand ein pfiffig aussehender Knirps vor ihm, der ihn skeptisch musterte und dann laut herausplatzte:
„Du bist aber nicht Matt Damon!!!“ Dabei stemmte er resolut die kleinen Händchen in die Hüften und starrte ihn dann an.
Hinter sich hörte er das erstickte Kichern von Rhys, der scheinbar krampfhaft versuchte nicht laut loszuprusten.
„Nein, mein Junge, ich bin nicht Matt Damon, ich bin der Nikolaus!“
„Pffffffffffff, den gibts doch gar nicht!“
Das Kichern von Rhys wurde lauter…
„Natürlich gibt es mich, sonst wäre ich doch nicht hier.“
„Ach jaaaaaa! Und ich bin der Osterhase!“
Dabei stampfte er mit dem Fuß auf und stiefelte dann zu einer Frau, die vermutlich seine Mutter war und erklärte laut und anklagend:
„Du hast gesagt, Matt Damon bringt heute die Geschenke!!! Ich find das doof! Ich will heim!“

Nun gab es bei Rhys kein Halten mehr und er prustete los. Auch Sue, die neben Rhys stand kicherte erstickt vor sich hin, aber Frau Weber rettete die Situation.
„Nikolaus, vielleicht möchtest Du mit Hani weitermachen? Sie ist 6 Jahre alt und kam mit ihrer Familie vor ein paar Monaten aus Syrien zu uns. Sie ist ein ganz liebes Mädchen und malt ganz wundervolle Bilder!“
Dabei schob sie ein kleines Mädchen mit langen dunklen Locken und riesigen Kulleraugen auf ihn zu, die ihre Hände hinter ihrem Rücken versteckte, ihn ein klein wenig ängstlich ansah und sich nur bis auf ein paar Schritte an ihn herantraute.
Um sie nicht zu erschrecken, stand er auf, kniete sich vor sie hin und streckte ihr die Hand zum Gruß hin.
„Hallo Hani, es freut mich sehr, Dich kennenzulernen!“
Die Kleine griff nicht nach seiner Hand und schaute ihn nur weiter mit diesen großen Augen an.
Doch als er aus einem der Jutesäcke einen großen, kuscheligen Teddybären hervorzog und ihn ihr hinstrecke, überbrückte sie die wenigen Schritte zu ihm, drückte das Kuscheltier fest an sich und schaute ihn wieder an.
Und dann fing ihr kleines Gesicht an zu leuchten und ihr Mund verzog sich zu einem breiten Lächeln.
Mit einem leisen „Danke!“ verabschiedete sie sich von ihm und rannte zurück zu ihren Eltern.

Als alle Kinder ein Geschenk bekommen hatten, ihn Frau Weber hinausbrachte und ihnen zum Abschied die Hand gab, meinte sie zu ihm:
„Wissen Sie eigentlich, daß Hani schon seit knapp sechs Monaten hier ist und gerade zum allerersten Mal gelächelt hat? Das haben Sie ganz toll gemacht.
Vielen, vielen Dank für Ihren Besuch!“
Und statt ihm auch die Hand zu geben, umarmte sie ihn kurz und herzlich und wünschte ihm dabei: „eine wunderschöne Adventszeit und frohe Weihnachten!“.
Bewegt stieg er ins Auto und selbst Rhys, der sich mittlerweile von seinem Lachflash erholt hatte, war angenehm still.

Zurück im Hotel verabschiedete er sich von Sue und Horst, doch bevor er sich auch von Rhys verabschieden konnte, klopfte ihm dieser auf die Schulter und sagte:
„Gut gemacht Kumpel!!! Das Gesicht der Kleinen werde ich so schnell sicher nicht vergessen. Genau darum sollte es in der Weihnachtszeit gehen!
Und nun komm, ich lade dich auf einen Glühwein in der Hotelbar ein!“
„Auch wenn ich nicht Matt Damon bin?“
Rhys lachte. „Na klar! Oh Mann, ich dachte ich mach mich nass, als der Stöpsel das abgelassen hat…“
„Schade, dass wir keine Rute dabei hatten….“
Lachend gingen die Beiden nun in die Bar und ließen ihren ersten Nikolausabend mit viel Gelächter und noch mehr Flüssigem ausklingen.

* * * * * * * * * * * * * * * * *


Dieser Text ist für das Gemeinschaftsblogprojekt von Poe und mir entstanden. Das Thema war ‚Mach was… mit dem Nikolaus‘.
Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen sind wie immer rein zufällig und absolut unbeabsichtigt!

Gesamter Text © Herba für ‚Unkraut vergeht nicht…oder doch?‘
Bitte nicht ungefragt zitieren oder weiterverwenden!!!

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9 Antworten zu Ein Auftritt als Nikolaus (Geschichten zum Advent)

  1. suzy schreibt:

    Da haben die Mütter die Kinder aber richtig was verpasst 🙂
    Schöne Geschichte, danke! Und wir wissen alle wer im Nikolauskostüm stecken sollte…….

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  2. Guylty schreibt:

    Och, wie schön. Das hat mir gut gefallen, Herba. Und so eine Aktion wäre auf jeden Fall ein wahnsinniger Gag, nicht nur zu Werbezwecken, sondern auch ganz nach dem Geschmack bestimmter Leute, die mit Bärten und dicken Klamotten ja schon viel Erfahrung haben. Ich wünschte, der betreffende Herr könnte das hier lesen und sich davon inspirieren lassen…
    Danke für eine schöne Unterhaltung am Nikolaustag (den ich arbeitend verbracht habe) – frohen zweiten Advent!

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  3. Servetus schreibt:

    Sweet! Schönen zweiten Adventssonntag!

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  4. Esther schreibt:

    Ahhh, schön! 🙂

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  5. Hariclea schreibt:

    Och danke, das war so ne schone und herzwarme Geschichte 🙂 Ich wunschte sehr sowas wurde tatsachlich passieren, man weiss ja nie 🙂 Toll zum Nickolaustag 🙂 Fehlt mir hier immer wieder weils nicht gefeirt wird, aber das hat mich in festliche Stimmung gebracht 🙂 xx

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  6. Herba schreibt:

    @Suzy: Wieso? Die Eltern waren doch auch dabei, die haben nur den Nikolaus nicht weiter hinterfragt oder vielleicht auch eher auf Matt Damon gehofft 😉

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  7. Herba schreibt:

    @Guylty: Danke für das Lob! ich hoffe die Arbeit war nicht allzu streßig?!

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  8. Herba schreibt:

    @Serv: Dank Dir!

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  9. Herba schreibt:

    @Hari: Freut mich, daß sie Dir gefallen und Dich ein bißchen in festliche Stimmung gebracht hat!

    Gefällt 1 Person

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