Ein Licht in der Dunkelheit (Geschichten zum Advent)

Nach einer anstrengenden Nachtschicht verließ James die Station. Als Superintendent mußte er diese Dienste eigentlich nicht mehr übernehmen, aber sie waren einfach zur Zeit unterbesetzt und da zu Hause ja sowieso niemand auf ihn wartete, konnte er auch seine Leute unterstützen.
Fröstelnd wickelte er sich tiefer in seinen dunkelblauen Dienstmantel. Quasi über Nacht war es bitterkalt geworden und die Wetterexperten sprachen von einem Jahrhundertwinter bei dem sogar mit Schnee gerechnet werden sollte.

Leise fluchend befreite er die Frontscheibe seines Autos vom klirrenden Frost, stieg ein und seufzte.
Die Vorstellung in die leere, kalte Wohnung zuückzukehren, behagte ihm nicht sonderlich, aber er hatte sonst keinen Platz wo er stattdessen hingehen konnte.
Seine Eltern waren früh gestorben und sein Bruder war mit 18 nach Amerika ausgewandert. Natürlich telefonierten sie hin und wieder aber Samuel hatte sein eigenes Leben und James wollte ihn nicht mit seinen trüben Gedanken belasten.
Und Claires Familie war auch keine Option. David war zur Zeit in Australien, um sich davon zu erholen, daß seine erste große Liebe und die Mutter seines Sohnes einen anderen geheiratet hatte.
Seine Schwiegermutter Patricia hatte der Tod ihres Kindes schwer getroffen und sie betrachtete James nur als unwillkommene Erinnerung, an jemanden, der nicht mehr da war.

Der einzige, den es kümmerte, wie es James ging, war sein zweiter Schwager Michael, der immer noch seine Strafe wegen Todschlags absaß und für den James Besuche eine willkommene Ablenkung vom tristen Gefängnisalltags bedeuteten.
Michael war auch der einzige, dem James sich wirklich öffnen konnte und dem er alles über die Woche, in der Claire gestorben war, erzählt hatte.

Michael wußte, daß Claire ihm zuletzt die Schuld für ihre Kinderlosigkeit gegeben hatte, weil er nach zwei erfolglosen IVF-Behandlungen darauf bestanden hatte, eine Pause einzulegen und es frühestens nach 12 Monaten wieder zu versuchen.
Ihm hatte James von dem Tag erzählt, als er in der Mittagspause nach Hause fuhr, um Claire mit einem selbst gekochten Essen zu überraschen und sie stattdessen mit einem ihrer Kollegen im gemeinsamen Ehebett erwischte.
Sein Schwager wußte von James Sprachlosigkeit und Verzweiflung, die Claires Betrug bei ihm ausgelöst hatte, von dem Tag, an dem Claire James alle ihre Anklagen und Vorwürfe entgegenschrie, dann aus dem Haus stürmte und James nur dastehen und ihr sprachlos nachschauen konnte, weil er sich innerlich wie tot fühlte.

Zwei Tage später kam dann der Anruf, der James entgültig aus seiner emotionalen Bahn werfen sollte.
Claire hatte auf dem Weg von ihrer Kanzlei zum Gericht, eine rote Ampel überfahren, ein Kleintransporter war ihr in die Seite gekracht und sie war sofort tot gewesen.
Ihr Tod war schon schlimm genug, aber daß es nie eine Chance auf eine Aussprache oder gar Versöhnung geben würde, quälte James unendlich.

Nach einem kurzen Urlaub, um die Beerdigung zu planen und alle Formalitäten zu erledigen, war er wieder arbeiten gegangen und funktionierte im Alltag auch wie ein Uhrwerk.
Seine Polizeistation lief gut wie immer und seine Untergebenen lobten ihn hinter vorgehaltener Hand für seine Professionalität.
Auch privat machte er weiter, er kaufte ein, putzte die WOhnung, wusch seine Wäsche und ass mindestens zwei Mahlzeiten am Tag und ging weiterhin mindestens drei Mal die Woche joggen, um sich fit zu halten.

Aber bei all dem fühlte er nichts. Er schmeckte weder sein Essen, noch bemerkte er wie der Sommer langsam in den Herbst und dann in den Winter überging.
Kein noch so schöner Tag löste ein Gefühl der Freude aus, so wie früher, wenn er sich an strahlendem Sonnenschein fast berauscht hatte.
Auch seine Arbeit konnte keine Befriedigung mehr vermitteln. Lösten sie einen Fall war es gut, gelang das nicht, war das auch okay. So war eben das Leben und er konnte es nicht ändern.

Als James in seinem Sitz hin und her geschüttelt wurde, wurde ihm bewußt, daß er losgefahren sein mußte.
Allerdings hatte er nicht den Weg zu seiner Wohnung genommen, sondern war unbewußt zu dem Fleckchen Erde gefahren, das er für Claire und sich gekauft hatte.
Auf diesem hügeligen Stück Land hatte er ein Haus für ihre Familie bauen wollen und sich vorgestellt, wie ihre Kinder draußen spielten, während er mit Claire auf einer Bank vorm Haus saß und den Blick aufs Wasser genoß.
Er parkte den Wagen und folgte vorsichtig dem Trampelpfad, der sich durch die Wiese schlängelte.
Weißer Raureif knisterte unter seinen Füßen und er setzte seine Schritte sehr vorsichtig, denn es war rutschig und immer noch dunkel und das Letzte was er jetzt gebrauchen konnte, war ein verstauchter oder gebrochener Knöchel.

Als er dann dem Platz angekommen war, wo man normalerweise den besten Blick über die Bucht hatte, blieb er stehen und schloss kurz die Augen, um die Stille in sich aufzunehmen.
Tränen schossen ihm aus den Augen und liefen unaufhaltsam über sein Gesicht.
Wie hatte es nur so weit kommen können?!
Wie sollte er sein Leben nun jemals wieder in den Griff bekommen? Wie wieder Freude und Glück empfinden?
Mutlos sackte er in sich zusammen und fuhr sich mit der rechten Hand unbeholfen über die Wange.

Doch gerade als ihm bewußt wurde, wie durchgefroren er war und sich anschickte zum Auto zurückzukehren, brachen drei helle Sonnenstrahlen durch den Nachthimmel und tauchten die Szenerie in warmes Licht, das schnell immer heller wurde und sich anschickte die Dunkelheit zu vertreiben.
James staunte über die Farben der Natur und spürte plötzlich einen Frieden in sich, den er schon für immer verloren geglaubt hatte.
Vielleicht gab es ja doch die Hoffnung auf ein Leben für ihn, das sich auch zu leben lohnte?
Und mit dem Gedanken, wie merkwürdig es war, was so ein kleiner Lichtstrahl im Dunkeln der Nacht bewirken konnte, machte er sich auf den Weg nach Hause…

* * * * * * * * * * * * * * * * *

Als lose Inspiration für diese Geschichte, mit der ich allen meinen Lesern einen schönen ersten Advent wünschen möchte, diente dieses Screencap aus der Serie ‚Red Rock‘, aus der ich mir auch ein paar Figuren ausgeborgt habe.

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Gesamter Text © Herba für ‚Unkraut vergeht nicht…oder doch?‘
Bitte nicht ungefragt zitieren oder weiterverwenden!!!

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10 Antworten zu Ein Licht in der Dunkelheit (Geschichten zum Advent)

  1. Die Poe schreibt:

    Schön! Und schönen Adventssonntag noch!

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  2. suzy schreibt:

    Schöne und sehr traurige Geschichte!

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  3. Guylty schreibt:

    Oh wow! Jetzt weiß ich, wozu die Frage neulich diente! Schön! Und ein tolles Foto zum Schluss. Du bist mir auf jeden Fall voraus, denn ich habe Red Rock noch nie gesehen. Hab dafür aber in Blackrock gelebt, was als Vorlage für den fuktionalen Ort dienen könnte 😉 Wie isses denn so? TV3 ist der irische Privatsender und nicht gerade für Qualität bekannt…

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  4. Herba schreibt:

    @Poe: Danke :*

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  5. Herba schreibt:

    @Suzy: Danke schön!

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  6. Herba schreibt:

    @Guylty: Ja, genau dafür 🙂 Das Cap stammt aus dem Intro der Serie und kommt so gar nicht vor, gefällt mir aber total gut.
    Es ist halt ne Soap und das merkt man auf jeden Fall, aber ich finde die Schauspieler zu 95 Prozent okay bis gut und ich mag sehr viele der Figuren und Storylines

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  7. Servetus schreibt:

    Schönen Advent. Ich kann mir nicht glauben, daß es schon wieder soweit ist.

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  8. Herba schreibt:

    @Serv: Dank Dir. Mir geht es genauso. Unglaublich, daß ein Jahr schon wieder fast um ist…

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  9. Esther schreibt:

    Ich möchte James umarmen damit er sich nicht so alleine fühlt…
    Ich wünsch Dir einen schönen Advent!

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  10. Herba schreibt:

    @Esther: Das hätte er definitiv auch verdient!!!
    Danke, den wünsche ich Dir auch!

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