Kulinarisches Gedächtnis

Vermutlich kennt jeder diese Situation:
Man riecht bestimmte Lebensmittel oder ein bestimmtes Gericht und schon öffnen sich die Schleusen der Erinnerung und man durchlebt vergangene Situationen noch einmal.

Für mich gibt es gleich mehrere Gerichte, die das können, aber den tiefsten Eindruck hat vermutlich das Weihnachtsessen meiner Kindheit hinterlassen.

Als ich klein war, wurde ich immer zusammen mit meiner Schwester und den Geschenken am Nachmittag des 24.12. eingepackt und zu meinen Großeltern chauffiert, wo sich die Verwandtschaft traf, um gemeinsam Weihnachten zu feiern.
Dabei kamen gut und gerne 20 bis 30 Menschen zusammen und das Abendessen kochte meine Großmutter zusammen mit ihren anwesenden Töchtern in der großen Bauernküche.

Es gab traditionell immer das Gleiche und wann immer ich Einbrennsuppe und Forelle (beziehungsweise Backfisch für uns Kinder) mit Kartoffelgemüse und grünem Salat rieche, werde ich zurückversetzt und erinnere mich.

An das Knarzen der vier Stufen, die vom Vorraum hinauf in die große Bauernküche führten.
An das Knistern des Holzfeuers vom Kachelofen neben dem mein Großvater saß, Holz nachlegte und sich angeregt mit den Schwiegersöhnen oder seinen Enkeln unterhielt.
An die lange Tafel und die große Holzbank, von deren Ende man genau beobachten konnte, was auf der angrenzenden Arbeitsfläche der Küche gerade passierte.
Dort habe ich als Dreikäsehoch so oft gekniet oder durfte manchmal sogar auf einer umgedrehten Schüssel direkt auf der Arbeitsfläche thronen und ich kann noch immer das Holz der Bank unter meinen Knien spüren, sehe noch genau das Mintgrün der alten Schüssel vor mir, die als Thron herhalten mußte und erinnere mich an das Gefühl, wenn ich stolz mit den Beinen schlenkerte, weil ich den Platz auf der Schüssel erobert hatte – was bei den 15 Enkelkindern meiner Großeltern und dem Cousin, der nur zwei Tage jünger ist als ich, nicht selbstverständlich war.

Ich kann die Mehlschwitze für die Einbrennsuppe, die Petersilie für das Kartoffelgemüse und den Fisch riechen.
Der Fisch war für uns Kinder immer ein großes Thema, denn die Forellen wurden morgens ganz früh noch lebend beim Fischhändler ausgesucht, um dann abends im Ganzen, also auch mit Kopf, in der Pfanne zu landen.
Beim Gedanken an die toten Glubschaugen kriege ich heute noch Gänsehaut, von daher ist es vielleicht auch nicht verwunderlich, daß ich bis zum heutigen Tag Essen, daß mich beim Essen beobachtet, strikt ablehne!
Zum Glück gab es alternativ auch Backfisch, der eher wie Schnitzel aussah und trotzdem ganz herrlich nach Fisch schmeckte.

In meiner Erinnerung wuselt meine Großmutter hin und her und erst als Erwachsener wurde mir im Nachhinein klar, daß gar nicht sie die Hauptverantwortung für das Kochen hatte, sondern ihre zweitälteste Tochter, die schon mit 12 Jahren für 10 bis 15 Menschen kochen mußte und daher auch bei einem Weihnachtsessen für 30 Leute nicht ins Schwitzen kam.
Danke gesagt hat dafür keiner, obwohl uns Kindern gerade bei solchen Anlässen immer wieder eingebleut wurde, daß man ‚Hallo‘ und ‚Auf Wiedersehen‘, ‚Bitte‘ und ‚Danke‘ nie vergessen sollte.
Aber ihr waren zufriedene Gesichter, die nach dem Essen am Tisch saßen, schon immer wichtiger als eine große Lobeshymne, während meine Großmutter, die mit 16 Jahren als Flüchtlingskind in unsere Stadt kam, immer sehr viel Wert auf gesprochene Anerkennung legte.

Vielleicht kann man an meinem letzte Absatz sehen, daß ich die Weihnachtsfeiern meiner Kindheit mit dem Abstand des Erwachsenen relativ nüchtern betrachte.
Das mag zum einen an meinem Alter liegen, aber definitiv auch daran, daß das letzte dieser Feste gute 18 Jahre zurückliegt.
Als es gefeiert wurde, wußte ich nicht, daß es das letzte seiner Art sein würde, ich habe mich nie bewußt verabschiedet – nicht von der Bauernküche, nicht von der großen Holzbank, allgemein nicht von dem Haus samt Stallungen, das mein Ururgroßvater mit seinen eigenen Händen für seine Familie gebaut hat.

Es ist immer noch da, aber der Zugang ist für mich versperrt und ich könnte nur im Vorbeifahren das große Hoftor anschauen, an dem vermutlich mittlerweile die Farbe abblättert, weil es nicht mehr regelmäßig neu grün gestrichen wird.
Aber das möchte ich gar nicht. Denn viel wichtiger als das Haus, sind die kulinarischen Erinnerungen, die in seinen Mauern entstanden sind und die mich vermutlich bis an mein Lebensende begleiten werden…

* * * * * * * * * * * * * * * * *


Dieser Text ist für das Gemeinschaftsblogprojekt von Poe und mir entstanden. Das Thema war ‚Mach was…Kulinarisches‘.
Gesamter Text © Herba für ‚Unkraut vergeht nicht…oder doch?‘
Bitte nicht ungefragt zitieren oder weiterverwenden!!!

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Herbas Geschichten abgelegt und mit , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

15 Antworten zu Kulinarisches Gedächtnis

  1. suzy schreibt:

    Schöne Erinnerung! Meine Oma hat immer Leberknödel und Spätzle bei diesen Familientreffen gemacht. Heute macht das meine Mutter 🙂

    Gefällt mir

  2. Die Poe schreibt:

    Oh ja, das kenne ich auch, dass einen Gerüche in die vergangenheit versetzen!

    Gefällt 1 Person

  3. Hariclea schreibt:

    danke sehr fur das Teilen deiner Erinnerungen 🙂 Habe ahnliche besonders um Weihnachtszeit, Familientreffen und Kuche 🙂 Und Orangen, weil es die einzige Zeit im Jahr wo es Orangen gab 🙂

    Gefällt 1 Person

  4. Hariclea schreibt:

    ach ja und die Idee und der Anfang deines schonen Berichtes hat mich auch so schon an Proust erinnert 😉 und jetzt will ich Madeleines essen!

    Gefällt 1 Person

  5. Pingback: Gemeinschaftsblogprojekt ‘Mach was!’ – Ergebnis #7 und neues Thema | Unkraut vergeht nicht….oder doch?

  6. silke lion schreibt:

    Danke, dass Du uns daran teilhaben lässt.
    Das sind wunderbare Erinnerungen.

    Gefällt mir

  7. Herba schreibt:

    @Suzy: Schön, wenn solche Traditionen nicht sterben, sondern über die Generationen weitergegeben werden!

    Gefällt 1 Person

  8. Herba schreibt:

    @Hari: Ich glaube Weihnachten ist prädestiniert für solche Erinnerungen 🙂

    Gefällt 1 Person

  9. Herba schreibt:

    @Silke: Wunderbar sind sie nur zum Teil….aber geteilt hab ich sie sehr gerne 🙂

    Gefällt mir

  10. CraMERRY schreibt:

    Das mit dem Fisch: Mein Großonkel hat sich jedes Jahr einen Karpfen bei uns im Forellengut für Weihnachten besorgt. Ich durfte auch mal mit. Zweifelhaftes Vergnügen. Werde nie meine Eindrücke in dieser Waschküche und den ganz speziellen Geruch dort vergessen.
    Bei mir zu Hause gab es um Glück jahrelang Toast Hawaii 😀

    Gefällt 1 Person

  11. Herba schreibt:

    @CraMERRY: Wenn mein Großvater ganz früh morgens zum Fischhändler gefahren ist, durften wir Kids nie mit, auch nicht die, die schon etwas älter waren. Vermutlich weil er uns Dein zweifelhaftes Vergnügen ersparen wollte 🙂
    Bei uns wird mittlerweie auch nicht mehr ganz so aufwendig gekocht und die Zahl der Leute am Tisch ist zum Glück auch drastisch gesunken!!!

    Gefällt mir

  12. Servetus schreibt:

    Frische Forelle (nicht geräuchert)?

    Wunderbare Erinnerungen. (Bei der Familiar von meinem Ex gab es an dem Abend Heringsalt mit Hering, Kartofelln, rote Beete, und Kalbfleisch …)

    Gefällt mir

  13. Herba schreibt:

    @Serv: Ja ganz frisch, ausgenommen, gewürzt, kurz in Mehl gewälzt und dann in der Pfanne in Butter gebraten.

    Heringssalat und Kalbfleisch? Klingt nach einem typischen nordischen Essen.

    Gefällt 1 Person

  14. Servetus schreibt:

    Ja, genau, Mutter aus Schleswig-Holstein, Vater aus Verden, zur der Zeit wohnhaft in Aurich…

    Gefällt mir

  15. Herba schreibt:

    @Serv: Also wirklich echte Nordlichter 🙂

    Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s