„Con te“

Sie schlenderte ziellos durch die Straßen. Bis jetzt war diese Dienstreise mehr als erfolgreich gewesen, sie war von einem Termin zum nächsten gehetzt, hatte Hände geschüttelt, neue Kontakte geknüpft und alte Bekanntschaften gepflegt, hatte Smalltalk gemacht und den ein oder anderen Deal unter Dach und Fach gebracht.
Daneben war wie immer wenig Zeit zum Schlafen und keine Zeit für private Aktivitäten geblieben.

Der laue Samstagabend war die erste Gelegenheit sich diese geschichtsträchtige Stadt näher anzuschauen.
Sie war noch nie hier gewesen, kannte aber natürlich die markanten Sehenswürdigkeiten, die schon viele Jahrhunderte an ihrem angestammten Platz standen.
Als junges Mädchen hatte sie sich öfter einmal vorgestellt, wie sie Hand in Hand mit einem Mann verliebt über das Kopfsteinpflaster flanieren würde. Mittlerweile war sie Anfang 40, aber diese Jugendphantasie hatte sich nie erfüllt.
Ihre kurze Ehe war ihrer Karriere zum Opfer gefallen und nach der Scheidung hatte sie nie wieder jemanden nahe genug an sich heran gelassen, um irgendwo zusammen einen Liebesurlaub zu genießen.
‚Trotzdem! Ich führe ein ausgefülltes Leben‘, sagte sie sich. Aber sie konnte nicht verhindern, daß ihr Blick sehnsuchtsvoll einer kleinen Familie folgte, die vor ihr aus einem Hauseingang kam und lachend in einer Seitengasse verschwand.
In Momenten wie diesen dachte sie fast darüber nach, wie es gewesen wäre, wenn sie ein Kind bekommen hätte, aber bevor ihre Gedanken diesen gefährlichen Pfad betraten, rief sie sich selbst zur Ordnung und beschleunigte ihre Schritte.

Aus der Ferne hörte sie Stimmen. Es klang, als würde eine relativ große Menschenmenge singen.
Neugierig geworden lief sie weiter. Von einem Freilichtkonzert hatte der fürsorgliche Hotelmanager gar nichts erwähnt, als er ihr vorhin erklärt hatte, wo man an diesem lauen Aprilabend Spaß haben konnte.
Sie folgte dem Verlauf des kleinen Gässchens, das sie immer näher an die Menschenmenge heranzubringen schien, denn die Stimmen wurden lauter und ganz unvermittelt öffneten sich die Häuserschluchten und sie trat auf einen großen Platz, den zehntausende Menschen füllten, die sangen.
‚Typisch! Immer diese religiösen Fanatiker‘, schüttelte sie innerlich den Kopf.
Mit Religion hatte sie noch nie viel am Hut gehabt und Menschen, die in modernen Zeiten immer noch an Gott glaubten und sich womöglich noch an das hielten, was das aktuelle Oberhaupt der katholischen Kirche so vorgab, waren ihr mehr als suspekt.
Wo war Gott gewesen, als ihr geliebter Großvater elendig an Krebs gestorben war? Und wo war er gewesen, als ihre beste Freundin von einem betrunkenen Autofahrer auf dem Heimweg vom Kino vom Rad geholt und dann einfach blutend auf der Straße zurückgelassen worden war?
Nein, sie verließ sich weder auf Gott, noch auf andere Menschen, sondern nur auf sich selbst und damit war sie bis jetzt auch immer gut gefahren!

Nun ja, in dieser Stadt mußte man damit rechnen, daß man stärker mit Religion konfrontiert wurde, als anderswo, aber fanden wirklich auch an einem Samstagabend Freiluftgottesdienste statt?
Feierlich genug war die Stimmung jedenfalls, wo war der Priester, der die Predigt hielt?
Neugierig geworden ging sie weiter in die Menschenmasse hinein, krammte in ihrem Gedächtnis nach ihren lange verschüttet gegangenen Italienischkenntnissen und fragte einen nett aussehenden älteren Herrn:
„Entschuldigen Sie bitte, aber was ist denn hier los?“
Er lächelte sie gütig an und sagte: „Il Papa ist auf dem Weg zu Gott und so wie er uns lange auf unserem Weg begleitet hat, wollen wir ihn nun auch auf diesem Weg begleiten.“ Dann wandte er sich ab, schaute zu einem erleuchteten Fenster des Lateranpalasts empor und begann mit den vielstimmigen Chor zu singen.
‚Il Papa? Auf dem Weg zu Gott? Was?‘
Verwirrt schaute sie sich um und erst langsam dämmerte ihr, daß mit Il Papa vermutlich der Papst gemeint war.
Wie irre war das denn? Da lag ein alter Mann, der schon lange krank war und nur noch von seinen heiligen Gewändern aufrecht gehalten zu werden schien im Sterben und tausende Menschen hatten nichts Besseres zu tun, als vor seinem Fenster zu stehen und darauf zu warten, daß er endlich den Löffel abgab???
Kaum hatte sie diesen Gedanken gehabt, schämte sie sich dafür.

Keiner der Menschen um sie herum machte den Eindruck aus perfider Neugier hier zu sein.
Vielmehr sahen die, deren Gesichter sie sehen konnte, andächtg und bewegt, aber nicht traurig aus und nicht sensationsgeil.
Glaubten sie etwa wirklich alle daran, daß der Mann, der als Vertreter Gottes auf der Erde galt, auf dem Weg zu seinem Chef war und dass es ihm bald besser gehen würde?
Gab es deshalb auch so viele hoffnungsvolle Gesichter in der Menge?
Schöpften diese Menschen wirklich Hoffnung aus den Liedern, die sie sangen, dem erleuchteten Fenster über ihnen und der Silhouette einer der bekanntesten Kirchen der Welt vor ihnen?

Sie seufzte, wollte sich schon abwenden und sich auf den Weg zurück ins Hotel machen, aber irgendwie brachte sie es nicht fertig und blieb einfach stehen wo sie war, das Gesicht den Lichtfleck über ihr zugewand.
Die Musik, die erklang beruhigte sie aus einem Grund, den sie sich nicht wirklich erklären konnte und so bleib sie wo sie war und beobachtete das Geschehen um sie herum.
Als ihr kurze Zeit später jemand eine brennende Kerze in die Hand drückte, dachte sie gar nicht mehr weiter darüber nach, was sie hier tat, sondern genoß einfach nur das irrationale Gefühl der Zugehörigkeit.
Und als sie sich plötzlich an einen Kirchenbesuch mit ihren Großeltern erinnerte, als sie ein kleines Mädchen war und ihr die Liedzeilen wieder einfielen, die sie damals mit ihnen gesungen hatte, stimmte sie inbrünstig in den Chor der vielen Stimmen auf dem großen Platz ein und eine große Ruhe überkam sie.
Vielleicht gab es ja doch Dinge auf der Welt, die man rational nicht erklären konnte und eine höhere Macht hatte sie genau heute an diesen Platz geführt, um sie zu trösten und ihr neue Kraft zu spenden.
Morgen würde sie wieder in ihr Leben als toughe Geschäftsfrau zurückkehren, aber heute würde sie diesem irrationalen Gefühl folgen, einfach auf ihr Herz hören und den Augenblick genießen…

* * * * * * * * * * * * * * * * *

Dieser Text ist für das Gemeinschaftsblogprojekt von Poe und mir entstanden. Das Thema war ‚Lieblingsstadt‘.
Gesamter Text © Herba für ‚Unkraut vergeht nicht…oder doch?‘
Bitte nicht ungefragt zitieren oder weiterverwenden!!!

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9 Antworten zu „Con te“

  1. silke lion schreibt:

    …super, danke Euch.

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  2. Die Poe schreibt:

    sehr schön!

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  3. suzy schreibt:

    wunderschön! Ja ROM ist eine der schönsten Städte der Welt!!

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  4. Pingback: Gemeinschaftsblogprojekt ‘Mach was!’ – Ergebnis #5 und neues Thema | Unkraut vergeht nicht….oder doch?

  5. Herba schreibt:

    @Suzy: Danke! Rom war meine erste städtische Liebe und immer wenn ich Bilder sehe, kriege ich ein bißchen ‚Heimweh‘

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  6. Guylty schreibt:

    Oh Rom…

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  7. Cat Crawfield schreibt:

    Oh, eine sehr schöne Geschichte! 🙂

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  8. Hariclea schreibt:

    finde ich sehr sehr beruhrend und wunderschon 🙂 Ich weiss nicht wieviel davon deine Gendanken sind und du hast meine sehr gut erfasst, knuddel Bisschen traurig aber sehr schon geschrieben 🙂

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  9. Herba schreibt:

    @Hari: Danke schön. Die Idee zu der Geschichte ist bei einem Gespräch mit einer Kollegin entstanden, die es für unmöglich hält, daß man als Nichtgläubiger vom Papst beeindruckt sein kann. Und da ich Papst Johannes Paul II bei einer Audienz auf dem Petersplatz erlebt habe und auf jeden Fall unerwarteterweise beeindruckt war – sowohl von der Stimmung auf dem Platz als auch vor diesem alten, kranken Mann, dessen Ausstrahlung trotztdem spürbar war – habe ich das in eine fiktive Geschichte verpackt

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