Summer von Edith Wharton

Die achtzehnjährige Charity Royall lebt seitdem sie ein kleines Mädchen war bei Mr. Royall, einem Witwer und Landjuristen, der ein bescheidenes Leben in einer Kleinstadt in New England führt.
Charity hat keine weiterführende Schulbildung für junge Damen erhalten, weil sie ihren Ziehvater nicht allein lassen wollte und arbeitet nun stundenweise in der kleinstädtischen Bücherei.
Dort lernt sie eines Tages den jungen Architekten Lucius Harney kennen, der Verwandte besucht.
Der junge Mann kommt Charity sehr weltmännisch und attraktiv vor und sie fängt an viel Zeit mit ihm zu verbringen…

Zu meiner Schande muß ich gestehen, daß ich bis vor ein paar Monaten bewußt noch nie etwas von der Pulitzerpreis-Gewinnerin Edith Wharton gehört hatte.
Dann landete ‚Summer‚ auf meinem Radar und ich war relativ gespannt auf diesen Roman. Leider hat es mir das Buch ab Seite 1 nicht wirklich leicht gemacht, obwohl der Schreibstil der Autorin durchaus gut lesbar ist.
Da ich meine Gedanken leider nicht richtig zu Papier bekomme, wenn ich drumherum schreibe, gilt ab hier:

Achtung Spoiler!!!

Ich habe allgemein gesprochen immer Probleme, wenn es in Büchern, die ich lese nicht mindestens eine Figur gibt, die ich halbwegs sympathisch finde und vermutlich speist sich auch in diesem Fall genau aus dieser ‚Macke‘ mein größtes Problem mit diesem Roman.
Charity ist in meinen Augen salopp gesagt ein verwöhntes Gör, das nie wirkliche Grenzen gezeigt bekommen hat.
Natürlich gibt es für sie natürliche Grenzen, durch die Konventionen ihrer Zeit, aber darüber hinaus lassen sie die Menschen, die sie eigentlich erziehen sollten, machen was sie will. Auch als das absehbar in eine Katastrophe führt, greift keiner ein.
Mir ist schon klar, daß sie es nicht wirklich einfach hat.
Ohne eine wirkliche weibliche Bezugsperson bei einem alten Mann aufzuwachsen, der nicht viel redet, ist definitiv nicht einfach, gerade, wenn man erwachsen wird, aber ich kann ihr ihre Arroganz (die Arroganz der Jugend?) trotzdem nicht verzeihen, vielleicht auch, weil ich selbst erlebt habe, wie es ist, wenn man hinter einem Dickkopf, der auf Teufel komm raus seine eigenen Erfahrungen machen will, die Scherben aufsammeln muss.
Meine Meinung zu Mr. Royall ist noch ambivalenter als die zu Charity. Der Anwalt scheint ein guter Mensch zu sein, den er kümmert sich aus Pflicht- oder Ehrgefühl um ein wildfremdes Kind, auch als seine Frau stirbt – wirklich nobel.
Aber statt darauf zu drängen, daß Charity eine Schule für junge Damen besucht, läßt er sie bei sich zu Hause und ignoriert sie dort mehr oder weniger…..bis zu einer schicksalhaften Nacht, in der er seinem Verlangen nachgibt und an die Schlafzimmertür seiner achtzehnjährigen Ziehtochter klopft, die er (praktischerweise?) nie gesetzlich adoptiert hat.
Zum Glück wird er nicht gewalttätig, als Charity ihn abweist – weil zu alt und unansehnlich man mit Vaterfiguren nicht schläft – und zu seiner Ehrenrettung möchte ich auch nicht unter den Tisch fallenlassen, daß er sie bittet ihn zu heiraten, aber ich hatte trotzdem aufgestellte Nackenhaare beim Lesen.
Und natürlich hätte er später mit mehr Intervention vermutlich auch nicht verhindern können, was mit Charity passiert, aber ein etwas aktiveres Gegensteuern hätte mir irgendwie besser gefallen.
Aber wenigstens hat Mr. Royall am Ende doch noch bekommen, was er wollte, also aus seiner Sicht vielleicht alles gut?
Ob Charity andererseits so glücklich mit dem Ergebnis der Ereignisse ist, mag ich nicht zu beurteilen.
Fakt ist, daß sie 1. keine große Gegenwehr leistet, als Mr. Royall sie schließlich am Ende einsammelt und daß sie 2. auch keine große Auswahl an Möglichkeiten hat, wie sie ihr Leben fortführen möchte, denn sie ist allein, mittellos und schwanger und der ehrenwerte Kindsvater Lucius Harney hat ja dankbar akzeptiert, daß Charity auf ihn verzichtet und ist noch dankbarer zu seiner Verlobten zurückgekehrt, die er meiner Meinung nach sowieso nie verlassen hätte.
Was mich zur in meinen Augen übelsten Figur des Romans bringt.
Lucius Harney ist ein junger Mann aus guter Gesellschaft, der Verwandte besucht und dabei scheinbar etwas Abwechslung vom langweiligen Kleinstadtleben sucht.
Praktischerweise findet er in Charity eine willige (und naive) Teilnehmerin an den von ihm geplanten Freizeitaktivitäten.
Genauso praktisch ist sein Gedächtnisschwund die Tatsache betreffend, daß er irgendwo in der großen Stadt eine Verlobte sitzen hat.
Natürlich kommt Harney im Hinblick auf Charity sicher zugute, daß er im Gegensatz zu Royall jung und attraktiv ist und ihn das Flair der Großstadt und des Unbekannten umweht, aber er nutzt ihre Unerfahrenheit auch gnadenlos aus, kehrt dann nach seinem Urlaub unbeschadet in seine Welt zurück und schert sich nicht ein Stück, um das, was er angerichtet hat.
Diese Tatsache ärgert mich besonders, weil Charity als Frau schon ihren Ruf eingebüßt hat, weil sie im Dunkeln aus seinem Garten kam, während er als Mann keinerlei gesellschaftliche Repräsalien für sein Tun zu befürchten hat.
Insgesamt ist ‚Summer‘ für mich ein Buch, das mich beim Lesen irgendwie genervt hat (ich kann es leider nicht besser formulieren, auch wenn ich seit gestern über mein Fazit nachdenke) und das weder Helden noch Sympathen, sondern nur (bewußt als Gesellschaftskritik? Oder nur aus heutiger Sicht?) Klischees zu bieten hat.

Edith Wharton bei Wikipedia
Die Edith Wharton Society
Ein Artikel zu Edith Whartons 150 Geburtstag im New Yorker

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8 Antworten zu Summer von Edith Wharton

  1. uinonah72 schreibt:

    Du hast es also gelesen 🙂 Ich habe mir vor ein paar Tagen die Kindle-Version besorgt, als sie gratis zu haben war. Wann ich zum Lesen kommen soll, weiss ich allerdings nicht 😉

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  2. Herba schreibt:

    @uinonah72: Ja, ich hatte mich darüber informiert und die kostenlose Version runtergeladen, als die Gerüchte über eine Verfilmung zum ersten Mal aufkamen. Aber nachdem ich die Zusammenfassung auf Wikipedia gelesen hatte, wollte ich es erstmal nicht mehr lesen. Nachdem RAs Mitwirken nun mehr oder weniger bestätigt ist, war ich doch neugierig, ob das ganze Buch genauso ist, wie ich nach der Zusammenfassung vermutet hatte und muss leider sagen, daß meine Erwartungen noch übertroffen wurden *seufz*
    Wenn Du mich also fragst, wann Du das lesen sollst, würde ich vollkommen vorurteilsbeladen sagen: Lass Dir Zeit 😉

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  3. uinonah72 schreibt:

    Na bei meinem Lesetempo (mangels Zeit) ist das wahrscheinlich sowieso erst lange nach der Verfilmung und da kann ich’s mir dann ja schön-lesen, da ich nicht glaube, dass sie die Geschichte 1 zu 1 verfilmen 😉

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  4. Herba schreibt:

    @uinonah72: ich fürchte ja auch, daß sie aus dem Ende eine richtige Lovestory stricken werden – was mich dann aber auch ärgern würde….wenn schon, denn schon!
    Du siehst, man kann es mir nur schwer Recht machen 😉

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  5. Hariclea schreibt:

    phewwww, ach bin ich erleichtert dass ich nicht die Einzige bin die das Ganze richtig nervt! Bin uberrascht dass du Age of Innocene nicht kanntest 😉 Oder doch? Fand ich noch irgendwie interessant, aber das hier ist nur agerlich und clichehaft. Die Gor ist leider unerzogen und sich selbst uberlassen, wie kann sie besser wissen? Keine hilft ihr ja dabei. Und es ist halt die alte, sehr traurige Geschichte von einer jungen Frau deren Leben in ziemliche Tragik ende,t in einer Gesellschaft wo die Frauen nicht viel mehr als Lust/Spielobjekte waren. Der junge Liebhaber ist halt so der typische rucksichtslose Lustmolch, der dann sein Leben ungestort weiterfuhren darf.
    Der Alte ist genauson‘ Lustmolch ubrigens. Bloss wird er von bisschen Moral davon abgehalten sie zu vergewaltigen, aber ernst nimmt er seine Rolle als Erzieher sicher nicht, scheint eh die Idee seiner Frau gewesen zu sein und weil ‚es sich so gehort‘ den Armen zu helfen und es gut aussieht. Und schliesslich bekommt er was er wollte. :-S

    Ausser Gesellschaftskritik finde ich nichts prickelndes dran, und davon gibt es interessantere Geschichten. Solche elende Frauenschicksale bringen mir nicht, ja ich weiss so war leider die Realitat. Es tut mir ja auch leid fur Generationen von Frauen die das durchmachen mussten. Aber es muss auch gesagt werden nicht alles ist in Elend geendet, auch damals nicht. Ich hore da lieber Gesichten uber Frauen die sich trozt der Gesellschaft und des Systhems behaupten konnten.

    Freue ich mich das A die Rolle spielen wird, ne, gar nicht, ich finde den Typ ziemlich ekelhaft und zweideutig und langweilig. Freue ich mich auf den Film? Noch weniger um ehrlich zu sein. Und wenn sie ein romantisches Liebesdreieck draus machen, eigentlich irgendwie noch weniger.
    Was mich damals als die Rede davon war noch trauriger stimmte, weil ich langsam von Gewalt die Nase bisschen voll hab, aber das als Alternative ist irgendwie noch schlimmer. Zum Gluck wird es laaange dauern bis /ob das gefilmt wird und ich es mir antuen muss, also wird es zwischendurch auch hoffentlich interessanteres fur uns geben 🙂

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  6. Herba schreibt:

    @Hari: Nein, das bist Du definitiv nicht!
    ‚Age of Innocence‘ kenne ich nicht. Während meiner Schulzeit haben wir wenig bis keine amerikanische Literatur gelesen, daher fiel Frau Wharton wohl auch durchs Raster. Allerdings würde ich jetzt auch nicht mehr unbedingt freiwillig zu einem Buch von ihr greifen, dafür hat mich ‚Summer‘ zu nachhaltig genervt :/
    Ja, es wimmelt in dem Buch von Lustmolchen und naiven/dummen Gören und alle miteinander hätten sie mal ein paar kräftige Ohrfeigen verdient!!!
    Mir geht es wie Dir, ich lese auch lieber Geschichten über Frauen, die sich über das System ‚erheben‘. Allerdings habe ich Charity gegenüber schon ein etwas schlechtes Gewissen, weil ich so hart mit ihr ins Gericht gehe, denn sie ist halt sehr jung und weiß es zum größten Teil nicht besser….
    Ich fürchte auch, daß sie der Verfilmung ein schmalziges Ende verpassen und Royall zum selbstlosen Retter stilisieren werden und diese Vorstellug finde ich noch doofer als das Buch! Dann lieber vorlagengetreu als Lustmolch!!!! 😉
    Hoffentlich hast Du mit den interessanten Sachen zwischendurch Recht! Aber vielleicht twittert der OdB ja auch noch ein bißchen wild durch die Gegend und frau hat am Ende gar keine Lust mehr auf seine Filme – wer weiß 😎

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  7. Hariclea schreibt:

    Ach ne eher unwahrscheinlich;-) ich kann mit seinen Seltsamkeiten gut leben musd nicht alles mögen 🙂 sind nur kleine odet verdaubare Irritationen. Nichts ist unmöglich aber er ist ziemlich lang im Leben drin um was total anstößiges zu tun dass ich nicht vertragen könnte. Unterstrich auf tun und nicht sagen 😉

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  8. Herba schreibt:

    @Hari: Gut zu wissen, daß Du nicht so schnell kopfscheu wirst! 🙂
    Ich kann eigentlich auch mit vielem leben, aber diese Cyberbully-Sache bzw seine Tweets dazu haben mich irgendwie leicht angefressen. Keine Ahnung, was da bei mir getriggert wurde *seufz*

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