Himmel, Arsch und Zwirn – Kikeriki Theater (on Tour) – 2015

IMG_3566_bearbLetztes Wochenende gab das Kikeriki Theater, das erfolgreichste deutsche Puppentheater für Erwachsene, ein Gastspiel in meiner Nähe und da ich schon drei Stücke der Truppe kenne und sehr mag, war es natürlich ein Muss, mir auch ‚Himmel, Arsch und Zwirn‘ anzuschauen.

Und darum geht es:
Der Finanzbeamte Raimund Zwirn (Detlef Kühner) stand eben noch in seinem Büro und findet sich nun an einem merkwürdigen Ort wieder, den er nicht einzuordnen weiß.
Die Wesen, die sich dort tummeln sind frech, packen gerne mal den Hammer aus und zu allem Unglück bekommt Zwirn auch noch Brille und Hut geklaut.
Zwirn wird von Pontius bis Pilatus geschickt, nur um herauszufinden, wo er gelandet ist und was das alles zu bedeuten hat – ob ihm das, bei aller Verwirrtheit, gelingen wird?

Achtung, ab hier Spoiler!

Das erste Stück, das ich vor Jahren vom Kikeriki Theater gesehen habe war ‚Siegfrieds Nibelungenentzündung‚ und ich war begeistert.
Irgendwann folgten dann ‚Erwin – ein Schweineleben‚ und ‚Faust‚ und auch diese beiden Stücke haben mich begeistert!
Alle Stücke des Theaters sind frech, werfen ein teilweise ganz neues Licht auf bekannte Stoffe und ich lache mich jedesmal kaputt!

So ging es mir auch dieses Mal, als der arme Herr Zwirn über die Bühne stolperte, wegen Hut und Brille jammerte und krampfhaft auf Hochdeutsch versuchte, einer der komischen Gestalten seinen Aufenthaltsort zu entlocken.
Dabei begegnet er einem Wesen, das Plattdeutsch redet, reimt und mit dem Hammer zuschlägt, sobald ein Wort oder ein Satz drei Mal wiederholt wird – natürlich bekommt Zwirn mächtig eins drauf fryingpan
Ein Wesen mit einer Rose, kauderwelscht munterlustig mit tiefem indischen Dialekt drauflos und ehrlich gesagt hab ich dabei außer Käsesahne, Donauwelle und Wasser selbst nicht viel verstanden irre
Dann ist da noch der Typ, der Zwirn Hut und Brille geklaut hat und den der Wienerisch parlierende Chef der durchgedrehten Typen später als Zores vorstellt.
Zores spricht reinstes Südhessisch, ist extrem auf Krawall gebürstet und Zwirn geht ihm mit seiner doofen Fragerei gehörig auf den Zeiger, was dazu führt, daß er ihm über die Dauer des gesamten Stücks immer mal wieder Schläge androht (‚Isch haach der uff die Brambel Du aaler Simbel!‘).

Aber wenigstens klärt Zores den armen Zwirn zusammen mit seinem Chef auf, daß er leider gestorben ist und sich nun in einer Art Zwischenstadium befindet.
Hier wird eine Verhandlung vor der unteren Relegationsbehörde stattfinden, die darüber entscheidet, ob Zwirn in den Himmel oder in die Hölle kommt.
Das verstört den armen Kerl vollends und als Zores seine Personalien aufnehmen muss und aus Zwirns Gestotter nicht schlau wird, wird aus Bad Salzufflen – dort ist Zwirn geboren – mal schnell Fränkisch Krumbach, weil Zores das besser schreiben kann ‚un des anner Kaff sowieso kanner kennt!‘.
Nebenbei beschwert sich Zores bei seinem Chef darüber, daß jeder ‚Arsch do unne mittlerweile e Laptöpbsche hawwe duud!‘, er aber immer noch mit Feder und auf handgeschöpftem Büttenpapier schreiben müßte und gefälligst auch ‚endlisch e Laptöpbsche‘ haben wolle!!! icon_lol

Nach dem ganzen Hin und Her zwischen Zores und seinem Chef taucht dann auch noch eine versifft aussehende Gestalt auf, die sich als Theaterdirektor Klotz (Roland Hotz) vorstellt, genau wie Zwirn verstorben ist und vor die untere Relegationsbehörde soll, ist dieser ganz am Ende, setzt sich in eine Ecke und hängt sich ein Taschentuch über den Kopf, was aber niemand weiter stört und Klotz zu einem amüsanten Monolog verleitet.
Er erzählt in breitestem Südhessisch von seinem Leben, seinem Sterben, von Theaterbesuchern (es gibt drei Arten: 1. die haben die Karten geschenkt bekommen, sitzen ganz vorne und wollen eigentlich nicht da sein. 2. die konnte man nicht mehr allein daheim lassen, daher mußten sie mit, wären aber auch lieber daheim geblieben. 3. die sind freiwillig da), seinen Klamotten (‚der Mandel un de Huud sin so aald, da hab isch wenischstens en neue Schal von Schibo kried!‘) und allen anderen Nichtigkeiten, die so amüsant sind, daß der halbe Saal sich kringelt vor Lachen – die andere Hälfte versteht entweder den Dialekt nicht oder wäre lieber daheim geblieben zwinker

Ungerechterweise darf dann auch der Klotz als erstes vors Relegationsgericht und weil er die Leute immer zum Lachen gebracht hat, darf er in den Himmel aufsteigen, was Zwirn sehr erbost und daher gibt es erstmal eine Pause.

Frisch gestärkt darf das Publikum in der zweiten Hälfte des Stücks Zwirns Verhandlung mitansehen, bei der Zores als Zwirns Anwalt fungiert, obwohl er mit Klotz dessen Aufstieg gefeiert hat und deswegen nun rotzevoll ist und Zores Chef ist der Richter, der den Schleier der Vergangenheit lüftet und einige der viiiiiiiiiiiiiiiiiielen Vergehen von Zwirn zeigt.
Zwirn hat unter anderem circa 1256 Mücken getötet (‚Isch muss en Miggemörder verteidische!‘), die Hebamme bei seiner Geburt angepinkelt, woraufhin diese umfiel, sich den Kopf anstieß und verstarb, seine große Liebe vertrieben und so viel mehr, daß es quasi nur ein Urteil für den Schwerverbrecher (un Miggemörder!) Raimund Zwirn geben kann!!!

Doch bevor er der Hölle übereignet werden kann, bekommt der Chef einen Anruf – Zwirn hat den Sturz aus seinem Bürofenster überlebt und darf nun doch zurück auf die Erde, wo er die einmalige Chance hat alles wieder gut zu machen.
Bevor er zurückgeht bekommt er übrigens auch noch Hut und Brille wieder, was Zores wahnsinnig erbost, den so ‚en scheene Hud un so eh schee Brill, die sieht mer selde!’….

Klingt das alles irgendwie skurril und ein klein wenig gaga?
Tja, dann ist genau der richtige Eindruck entstanden.
Die Stücke des Kikeriki Theaters muss man mögen, aber wenn man sie mag, ist ein Abend mit ganz viel Lachen garantiert.
Die Truppe um ihren Chef Roland Hotz verbreitet nicht nur gute Laune mit ihrem ‚Gogelores‘, sondern nimmt auch ihre Heimat, die Sprache und auch sich selbst auf die Schippe.
Die liebevoll selbst gebauten Puppen und Kulissen sind immer ein Erlebnis und einmal im Leben sollte man als (Süd)Hesse diese Truppe gesehen haben – finde ich zumindest!
Ich hoffe jedenfalls, daß ich irgendwann Gelegenheit bekomme auch die anderen Stücke zu sehen und vielleicht macht Herr Hotz dann ja auch wieder einen Witz über den einzigen Veranstaltungsort Deutschlands, der drei Bühnen besitzt (und den ich dieses Mal ein bißchen vermisst habe!).

Die Homepage des Kikeriki Theaters (mit Spielplan, Infos zu allen Stücken, etc.)
Infos zu ‚Himmel, Arsch und Zwirn‘ (mit Bildern)

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Theater abgelegt und mit , , , , , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

4 Antworten zu Himmel, Arsch und Zwirn – Kikeriki Theater (on Tour) – 2015

  1. suzy schreibt:

    Hört sich superlustig an, voraussetzung man mag hessisch, oder?

    Gefällt mir

  2. Katja schreibt:

    Die Witze funktionieren auch ohne Dialekt, allerdings ist es echt am lustigsten, wenn man aus der südhessischen Gegend stammt, es wird jedesmal viel Lokalkolorit eingestreut. Das Kikeriki-Theater ist wirklich Kult, man muss Monate im Voraus Karten vorbestellen. Im eigenen Haus in Darmstadt ist auch noch Gastronomie dabei, d.h. man sitzt an Tischchen, isst etwas Hessisches und lacht sich nebenbei über das Stück kaputt. Empfehlen kann ich noch „Die Akte Schneewittchen“ und „Nosferatu-Eine Ironie des Grauens“, aber sicherlich sind alle Stücke klasse. Roland Hotz, der Gründer, ist der absolute Star des Ensembles, hoffentlich macht er noch lange, lange weiter!

    Gefällt mir

  3. Herba schreibt:

    @Suzy: Also, wenn man den Dialekt gar nicht mag bzw ertragen kann, ist es sicher schwierig, dann würde ich persönlich mir so ein Stück nicht antun

    Gefällt mir

  4. Herba schreibt:

    Hallo Katja,
    danke für Deinen Kommentar.
    Ich weiß von jemandem aus dem Kölner Raum, der ein Stück gesehen hat, quasi nichts verstanden hat und das Ganze daher nicht so toll fand. Ich war damals total überrascht, kann allerdings als Einheimischer auch schwer einschätzen, was ein Nicht-Hesse verstehen kann und was nicht…
    Schneewittchen würde ich auch gerne mal schauen, aber wie DU schon sagst, einen Platz in der Comedy Hall zu bekommen ist wirklich schwierig – leider!
    Was Roland Hotz angeht, stimme ich Dir zu hundert Prozent zu. Er macht das ganz großartig und ist wirklich der Star der Truppe!

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s