Winterschlaf

Langsam und bedächtig kletterte sie den steilen Hang hinauf. Immer wieder bleib sie dabei stehen, nahm das spärliche Gras zu ihren Füßen genauer in Augenschein, roch an verstreut wachsenden Wildkräutern und blickte über ihre Schulter auf den Weg zurück, den sie gegangen war.
Die Aussicht hinunter ins Tal war spektakulär und sie konnte sehen, wie sich das Licht der tiefstehenden Herbstsonne auf der Oberfläche des Sees brach und das Wasser zum Funkeln brachte.

Der kalte Wind, der nun oberhalb von ihr über den Hang zog, erinnerte sie daran, daß sie weitermußte und seufzend setzte sie sich wieder in Bewegung.
Der Sommer war heiß und trocken gewesen und sie hatte Mühe gehabt sich am Leben zu erhalten.
Nun stand fast der Winter vor der Tür, sie konnte den Schnee fast schon riechen und sie war spät dran.

Sie wandelte nun schon viele Jahre über die Erde. Diese Jahre spürte sie mittlerweile schwer in den Knochen bei jedem Schritt den sie ging und der Weg in ihr Winterquartier wurde von Jahr zu Jahr beschwerlicher.
Nur gut, daß sie den Weg immer noch wie blind fand. Jeder Baum schien vertraut, jeden Stein schien sie schon einmal unter sich gespürt zu haben und vor ihrem geistigen Auge sah sie sich als junges Erdenwesen, das hier behütet vor allen Gefahren die ersten vorsichtigen Schritte gestolpert war.

Da! Endlich!
Die Felsformation zwischen der der Eingang zu ihrem Winterquartier verborgen war, erhob sich majestätisch vor ihren Augen.
Auf der Hut spähte sie umher und erst als sie sich wirklich sicher war, dass keine Gefahr drohte, betrat sie die sichere Zuflucht einer geräumigen Felshöhle.
Im Inneren roch es nach verottendem Grün und nach dem Moos, das den Felsen in dichtem Bewuchs überzog.

Noch einmal trat sie hinaus, atmete die frische Luft in tiefen Zügen ein und gähnte herzhaft.
Ja, es war Zeit. Zeit, die müden, alten Knochen bequem zur Ruhe zu betten. Zeit zu ruhen.
Zeit zu träumen…..von sprudelnden Wassern, in denen man fischen konnte; von grasbewachsenen Tälern, in denen man die langen Beine im Galopp strecken und sich das Fell von der Sonne wärmen lassen konnte und von bewaldeten Hängen, an deren Bäume man sich ausgiebig den alten Buckel kratzen konnte.

Sie wußte nicht, ob sich das Fettdepot, das sie sich in den letzten Wochen zugelegt hatte reichen würde, um sie über den Winter zu bringen und ob sie nach ihrer Ruhe wieder aufwachen würde.
Dieser Gedanke machte sie ein klein wenig traurig, aber sie hatte früh gelernt, dass man nichts gegen den Kreislauf der Natur tun konnte.

Und so suchte sich der majestätische Braunbär ein gemütliches Plätzchen auf dem Moss des Höhlenbodens, rollte sich zusammen und bettete den großen Kopf auf das grau geworden Fell der großen Vorderpranken.
Mit jedem Atemzug glitt die Bärin tiefer in ihre Winterruhe und begann von den wärmenden Strahlen der nächsten Frühlingssonne zu träumen, die sie hoffentlich in ein paar Monaten für einen erneuten Jahreszeitenlauf wecken würde…

* * * * * * * * * * * * * * * * *

Dieser Text ist für das Gemeinschaftsblogprojekt von Poe und mir entstanden. Das Thema war ‚Tiere‘.
Gesamter Text © Herba für ‚Unkraut vergeht nicht…oder doch?‘
Bitte nicht ungefragt zitieren oder weiterverwenden!!!

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11 Antworten zu Winterschlaf

  1. Hedgehogess schreibt:

    Na, da kam ja eine Überraschung, und zwar eine ordentliche. Brav(o), Herba! 🙂
    Sehr schön! 🙂

    Wenn ich was vorschlagen darf … Ich kann natürlich nicht beurteilen, wie’s bei euch zeitlich aussieht, also ignoriert mich ruhig, falls ihr das vorher lange und breit bequatscht habt, bevor ihr die Entschwidung getroffen habt. – Jedenfalls fände ich eine 1-Monats-Frist besser. Man hat ja schon fast vergessen, dass da noch eine „Aufgabe“ zu erledigen war.

    Und ich fände eigentlich auch eine engere Themen-Einschränkung besser. Ich finde immer, dass eine genaue, aber ungewöhnliche Vorgabe die kleinen grauen Zellen erst so richtig in Schwung bringt. Und ich finde es auch reizvoller zu sehen, wohin einen das geworfene Stöckchen führt. Aber vielleicht geht das nur mir so.

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  2. Hariclea schreibt:

    wunderschon….( obwohl wir heute hier einen wirklich netter Fruhlingstag haben 🙂 )

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  3. Cat Crawfield schreibt:

    Eine tolle Geschichte ♥ Allerdings fällt mir gerade auf, dass ich das mit dem Thema etwas missverstanden habe… ich dachte, alle von Poe vorgegeben Worte müssen darin enthalten sein xD Naja, fürs nächste Mal weiß ich Bescheid 😉

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  4. Pingback: Gemeinschaftsblogprojekt – Ergebniss #1 und neues Thema | Unkraut vergeht nicht….oder doch?

  5. silke lion schreibt:

    …sschöööööööööööööööööööööön, danke!

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  6. Herba schreibt:

    @Cat: Danke.
    Welche Worte außer ‚Tiere‘ hatte Poe denn noch vorgegeben???

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  7. Herba schreibt:

    @Hedgehogess: Danke!
    Deinen Vorschlag die Zeit etwas enger zu fassen, haben wir schon aufgegriffen.
    Bei den Themen lassen wir uns alles offen, das heißt fällt einem von uns ein genau definiertes Thema ein, darf das gestellt werden, aber allgemeinere Themen sind für uns auch okay

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  8. Hedgehogess schreibt:

    *g* Wäre die Poe nicht auf die viel allgemeineren „Tiere“ umgeschwenkt, wären uns platzende Schweine, fleißige Elche und noch einiges mehr entgangen. War also schon gut so. 😉

    PENG!

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  9. Herba schreibt:

    @Hedgehogess: Da hast Du Recht 🙂

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  10. Cat Crawfield schreibt:

    Ich zitiere mal die Poe: „Machen wir doch mal was mit Tieren: Nilpferd, Panda, Reh, Zoo, Ententeich….Irgendwas mit Tieren.“

    Tja, und die habe ich auch brav alle eingebaut XD

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  11. Herba schreibt:

    @Cat: *lol*

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