Frankenstein (National Theatre London live) – Reloaded

An den letzten beiden Donnerstagen waren im Kino meines Vertrauens mal wieder NTlive-Vorstellungen angesetzt und ich war, wie meistens, vor Ort.

Gezeigt wurde das wohl beliebteste Stück aus der NTlive-Reihe und zwar Danny Boyle’s ‚Frankenstein‘ mit Jonny Lee Miller und Benedict Cumberbatch in den Hauptrollen.
Das Besondere an dieser Inszenierung aus dem Jahr 2011 ist, daß die beiden Hauptdarsteller regelmäßig ihre Rollen tauschten und mal als Frankenstein, mal als Creature auf der Bühne standen.

Die Version mit Miller als Frankenstein und Cumberbatch als Creature, wurde in meinem Kino drei Mal Mal gezeigt und ich habe alle drei Vorstellungen gesehen (meine Eindrücke davon kann man hier nachlesen).
Die Version mit Miller als Creature hingegen wurde bis jetzt nur ein Mal gezeigt und dieses eine Mal konnte ich nicht, was ich sehr bedauert habe.
Umso mehr habe ich mich gefreut, als ich feststellte, daß mein Kino bei den erneuten Screenings laut Homepage beide Versionen zeigen würde.

Meine treue NTlive-Begleitung und ich hatten uns im Vorfeld überlegt, dass es ja eigentlich reichen würde, die uns bisher unbekannte Vorstellung anzuschauen, aber da wir beide unserem Kino nicht recht vertrauen, beschlossen wir für beide Vorstellungen Karten zu kaufen.

Letzten Donnerstag sahen wir die uns bekannte Version, ließen uns von der großartigen Inszenierung mitreißen und lachten vor allem sehr über die Szene mit den beiden Schotten – immer wieder schön, wenn Rab (Mark Armstrong) mit weit aufgerissenen Augen entsetzt ‚Oooorrrrrrrrrrrrrrrrrrrrgaaaaaaaaaaaaaaaaaaans!‘ quietscht!

Gestern folgte dann die mit Spannung erwartete ‚andere‘ Fassung (Miller=Creature und Cumberbatch=Frankenstein), von der ich im Vorfeld gehört hatte, dass sie einen Tick besser sein soll, was ich immer mit sehr viel Skepsis betrachtet habe, weil die mir bekannte Version so großartig ist – geht da noch besser???

Und was soll ich sagen? Ja, es geht definitiv noch besser.
Nicht weil Miller und Cumberbatch ihre Sache in der anderen Version nicht gut machen, sondern, weil sie in der Rollenverteilung von gestern einfach runder agieren.
Miller fand ich als Creature einen Tick besser, weil er die Entwicklung irgendwie glaubhafter darstellt.
Das geht schon in der Anfangsszene los. Cumberbatch hat da unglaublich viel herumgezappelt, wohingegen man bei Miller merkt, dass er sich einiges von seinem zweijährigen Sohn abgeschaut hat (samt Fuß in den Mund stecken – zur Freude aller Fußphobiker im Kino giggle), was einfach natürlich und nicht so verkopft aussieht.
Außerdem kriegt dadurch Cumberbatchs Frankenstein ein paar Sekunden mehr Zeit zum Agieren und sagt zwei Sätze mehr als Miller in der gleichen Szene, was die Handlung aber sofort klarer macht.
Und umgekehrt macht Cumberbatch als leicht naives Genie mit Koteletten in Regency(?)klamotten einfach eine bessere Figur als Miller.

Auch sehr auffällig war die größere Wut mit der Miller seine Creature ausstattet, was vor allem in der vorletzten Szene zwischen Creature und Elizabeth sehr stark ins Auge sticht. Dafür war aber die Szene in der Creature zum ersten Mal mit Schnee in Berührung kommt soooo viel knuffiger als bei Cumberbatchs Creature.
Und im Gegenzug dazu ist wiederum Cumberbatchs Frankenstein einen Tick knuffiger wenn er mit Elizabeth agiert, da hätte ich ihn wirklich knutschen können, als er total verstört fragt, ob er auch mit seiner Verlobten sprechen muss, wenn er gar nichts zu sagen hat – sein leicht entsetztes Gesicht war dabei einfach zu herzig!

So könnte ich noch ein bißchen weitermachen, aber ich erspare mir weitere Aufzählungen.

Was ich aber auf jeden Fall noch erwähnen möchte ist, daß mir bei der Fassung von gestern im Gegensatz zu der anderen Version auch aufgefallen ist, daß es stimmt, was Miller und Cumberbatch in einem Interview erzählt haben. Sie hätten beide bemerkt, dass Teile der einen Rolle in die jeweils andere Rolle einfließen und das habe ich gestern dann auch wirklich sehen können.
Cumberbatchs Frankenstein hatte in manchen Momenten Züge seiner Creature und Millers Creature zeigt Dinge, die ich auch an ihm als Frankenstein beobachten konnte, was extrem interessant war.

Einen kleinen Kritikpunkt an der Version von gestern habe ich allerdings auch noch (das Sabberproblem von Miller Creature ignoriere ich dabei mal) und zwar die Art wie das Stück gefilmt wurde.
Bei der Version von letzter Woche wurde zu großen Teilen der Handlung die ganze Bühne gezeigt, was als Zuschauer sehr angenehm ist, weil man wirklich alles gut mitbekommt.
Bei der Version gestern gab es oft Großaufnahmen einzelner Gesichter, was zwar einerseits mal ganz nett ist, aber mich doch irgendwie gestört hat, gerade weil das auch in Szenen gemacht wurde, wo sich Personen miteinander unterhalten und es schon wichtig wäre, wenn man alle Beteiligten wirklich sehen könnte.
Woher diese Diskrepanz kommt, weiß ich nicht – ein spezieller Service für die Cumberbitches??? – aber das war für mich störend und auch ein bißchen ärgerlich.

Insgesamt bin ich aber auch der Meinung, daß von zwei absolut spektakulären Theaterereignissen die Version mit Miller als Creature und Cumberbatch als Frankenstein einen Tick besser ist und ich bin mehr als glücklich, daß ich das Vergnügen hatte, sie anzuschauen!

Nähere Infos über das Stück auf der Homepage des National Theatre (live)
Ein Artikel der die Verwandlung zur Creature beschreibt – mit Bildern
Nähere Infos zu den Liveübertragungen des National Theatres

Der Trailer zum Stück

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19 Antworten zu Frankenstein (National Theatre London live) – Reloaded

  1. franziska-t schreibt:

    Ich hab diese Version dieses Jahr zum ersten Mal gesehen und finde es total spannend die Unterschiede zu sehen. Ein Satz oder eine Geste wirkt plötzlich ganz anders. Ich bin begeistert, allerdings muss ich sagen, dass mir die „BC=Creature“-Version doch noch ein bißchen besser gefallen hat. Wie hat das vorhin ein Freund von mir ausgedrückt… „Diese Version ist sehr gut, aber die andere ist perfekt“. Dem schließ ich mich an. Ich hoffe sehr, dass das National Theatre dieses Stück weiter jedes Jahr im November/Dezember sendet. Ich will ein Ritual drauß machen. Frei nach dem Motto: „Bricht der Winter über dich herein, geh ins Kino und schau Frankenstein.“ 🙂

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  2. Die Poe schreibt:

    Hat dies auf diepoebloggt rebloggt und kommentierte:
    Die liebe Herba und ich gehen ja in der Regel zusammen zu den NTlive Veranstaltungen und sie beschreibt hier wunderbar die Unterschiede zwischen den zwei Frankenstein-Versionen, die wir gesehen haben.

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  3. schauwerte schreibt:

    Ich liebe dieses Stück: Was ich bei im Blog (http://schauwerte.wordpress.com/2012/06/24/revisiting-ireland-mit-prometheus-und-frankenstein/) scon schrieb: Jonny Lee Miller erzählte, er entdecke in seiner Interpretation der Kreatur viel von seinem zweijährigen Kind, das wie eine leere Leinwand sei, das sehr schnell lerne und begreife, was faszinierend zu beobachten sei. Cumberbatch sagte, eine Inspiration für ihn sei gewesen, sich an Leuten zu orientieren, die nach einem Unfall wieder das Sprechen oder Gehen lernen mussten. Was nun wirklich interessant daran ist, das beide so spielen, wie es der andere beschrieben hat. Soll heißen, Cumberbatchs Creature ist viel, viel kindlicher angelegt als die von Miller. Er ist auch viel körperlicher, in einem verspielten Sinne. Miller ist dagegen viel aggressiver und irgendwie erwachsener. Dadurch ist mir Cumberbatchs Creature näher, weil man mit ihr mehr Mitleid empfindet. Auch sind es oftmals die kleinen Gesten, die das Wesen so menschlich erscheinen lassen. Bei Miller ist es eher grob.
    Beide Versionen sind großes Theater, aber Cumberbatch als Creature gefiel mir auch besser.

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  4. Habe jetzt erst entdeckt dass Du eine Kritik geschrieben hast. Mit beiden Versionen hast Du natürlich einen tollen Vergleich. Ich habe nur die von gestern gesehen und war begeistert. Tolle Inszenierung, keine Minute langweilig und eine beeindruckende schauspielerische Leistung von allen Darstellern, klasse. Jetzt würde mich natürlich noch die andere Version interessieren, mal sehen ob ich die irgendwo im Netz käuflich sehen kann. Die erste Rolle wo ich BC außerhalb von Sherlock beeindruckend fand….. Auch meine 4 Begleiter/innen waren total begeistert, tolles Kino/Theater!

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  5. Hariclea schreibt:

    hach und dir ist diese doofe Perucke von JL erspart worden, meine Gute war die schrecklich! Und Batchy ist sicher mit Naturhaar besser als Victor.
    Hat JL auch so gesabbert als creature? Ich fand das ja schon bei Batchy, besonders in den Nahaufnahmen grenzwertig, versteh ja wieso, aber ich fand es gab viel zu viele Nahaufnahmen. Und ich fand diesen Tick mi dem Unterkiefer nach einiger Zeit etwas schwer zu ertragen. Und da sieht man was aus verschiedenen Tagen stammt weil das Make-up leicht verschieden ist usw. Und uberhaupt ist es schade nicht mehr Ganzaufnahmen zu haben weil das Buhne sehr interessant gebaut war und die Lichter oben besonders atmospharisch.
    Das mit Fuss im Mund hatte ich gerne gesehen, die Gebuhrtsszene am Anfang war ja sowieso hochst gymnastisch.

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  6. Desirée Löffler schreibt:

    Ich glaube ich muss aufhören, Deine National Theater-Rezensionen zu lesen, bevor ich vor Neid platze. Danny Boyle?? Wie cool ist das, bitte? Und wie kann es sein, dass in meiner Großstadt kein einziges Kino diese Übertragungen zeigt, und auch keins im Umland? Es gibt gleich mehrere Kinos mit Met-Übertragungen, aber die interessieren mich nicht die Bohne, und das obwohl ich Opern-Fan bin. Aber die Met ist so wahnsinnig spießig, das halte ich nicht aus, trotz der tollen Sänger. Das Theater dagegen würde mich wahnsinnig interessieren. Mööönsch!

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  7. nettebuecherkiste schreibt:

    Cool, das würde ich auch gern sehen! Ist ja klasse, dass die die Rollen tauschen! Und ja, das ist ganz bestimmt ein Service für die Cumberbitches… 😀

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  8. linnetmoss schreibt:

    Wow! This looks very powerful. Amazing stage effects, even fire! I bet they had to have some special safety precautions for THAT.

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  9. Herba schreibt:

    @Franziska: Wie stark eine Geste oder ein Wort ein Stück verändern kann finde ich auch absolut faszinierend!
    Und ich fände es auch toll, wenn das Stück immer mal wieder m Kino gezeigt werden würde!

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  10. Herba schreibt:

    @Schauwerte: Ja, auf dieses Interview habe ich ja auch Bezug genommen. Dass BCs Creature verspielter angelegt ist, finde ich auch, aber an die Entwicklung eines Kindes hat mich tatsächlich Millers Creature mehr erinnert, BCs Creature war mir manchmal einen Tick zu…mmmh, ich weiß eigentlich gerade gar nicht, wie ich das am besten beschreiben soll…

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  11. Herba schreibt:

    @Suzy: Leider gibt es von diesem Theaterstück weder eine DVD noch einen Download, weil das die Verantwortlichen nicht möchten 😦

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  12. Herba schreibt:

    @Hari: Die Perücke hatte ich in der Woche davor und ja, ich finde die auch ganz schrecklich – hatten die kein Geld für ein anständiges Haarteil???
    JLM hat extrem gesabbert, bei BC ist mir das so nicht aufgefallen, da habe ich nur öfter mal bemerkt, daß er am spucken war…

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  13. Herba schreibt:

    @Desiree: Oh bitte nicht platzen! Schreib doch einfach mal ein großes Kino in Deiner Nähe an und frag nach. Vielleicht tut sich ja was!

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  14. Herba schreibt:

    @Nette: Der Rollentausch ist wirklich spannend, weil ja ansonsten alles gleich gespielt wird und man so merkt, daß schon eine kleine Geste zum Beispiel einer Szene einen ganz anderen Drive geben kann

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  15. Herba schreibt:

    @linnetmoss: The staging was great and the light effects were soooo beautiful

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  16. Desirée Löffler schreibt:

    Das stimmt, das probiere ich mal. Wer weiß…

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  17. uinonah72 schreibt:

    Schön, dass Du die 2. Version sogar noch besser fandest. Da kann ich ja nur hoffen, dass sie die Version JLM=Creature bei uns auch mal zeigen werden. Du hast mich überzeugt, dass es sich lohnt, beide Versionen anzuschauen 🙂

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  18. Herba schreibt:

    @uinonah72: Auf jeden Fall!

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