Philomena

Philomena Lee (Judi Dench) stammt aus Irland, ist Krankenschwester im Ruhestand und gesteht ihrer erwachsenen Tochter (Anna Maxwell Martin) bei einem gespräch unvermittelt, daß sie 50 Jahre zuvor einen unehelichen Sohn in einem irischen Kloster zur Welt gebracht hat, der zur Adoption freigegeben wurde.
Die alte Frau leidet sehr unter diesem Verlust und wünscht sich nichts mehr, als herauszufinden, was mit ihrem Sohn passiert ist.
Als ihre Tochter auf einer Party den ehemaligen BBC-Reporter Martin Sixsmith (Steve Coogan) kennenlernt und ihm die Geschichte erzählt, willigt dieser widerwillig ein, bei der Suche zu helfen und gemeinsam mit Philomena geht er auf eine Reise, um die Wahrheit herauszufinden…

Nach dem 2. Weltkrieg wurden viele hundert irische Kinder zur Adoption in die USA vermittelt und die katholische Kirche hat dabei eine aktive Vermittlerrolle gespielt.
Inwieweit das in Irland Thema ist und aufgearbeitet wird, kann ich nicht beurteilen, ich weiß nur, daß es mir schon mehrfach in irischen/englischen Produktionen begegnet ist und man, egal in welcher Form es erwähnt wird, den Schmerz, der dadurch verursacht wurde, erahnen kann.
Philomena‚ beschäftigt sich mit der wahren Geschichte von Philomena Lee, die 1951 einen unehelichen Sohn zur Welt brachte und von ihrem Vater zur Entbindung in ein Kloster geschickt wurde.
50 Jahre später beschäftigt sie das Schicksal ihres ‚verlorenen‘ Sohnes immer noch und die Schuld, der Schmerz läßt sie nicht los.
Daher vertraut sie sich schließlich ihrer erwachsenen Tochter an, die sehr verständnisvoll reagiert und versucht ihrer Mutter beizustehen.
Judi Dench spielt diese Rolle einfach wundervoll. Sie verleiht der alten Dame eine Gefühlsvielfalt, die unabdingbar für die Geschichte ist.
Das führt dazu, daß ich Philomena sehr schnell ins Herz geschlossen habe, aber auch Hochachtung für sie entwickelt habe, denn obwohl sie kein einfaches Leben hatte, ist sie nicht verbittert, sondern ein fröhlicher Mensch, der sich seinen Glauben bewahrt hat.
Martin Sixsmith, der Reporter, der mit ihr auf die Suche geht, ist dagegen ein zynischer, leicht verbitterter Mann, der sich der alten Dame weit überlegen fühlt und sie das anfangs auch spüren läßt.
Steve Coogan spielt das ausgezeichnet und stellt auch die Wandlung von Sixsmith, der irgendwann merkt, was für ein toller Mensch Philomena ist, glaubhaft dar.
Die beiden Hauptdarsteller hatten eine großartige Chemie und es war eine wahre Freude sie zusammen agieren zu sehen.
Was mich wirklich wütend gemacht hat, ist die Rolle der katholischen Kirche in Form der Nonnen, die immer noch das Kloster, in dem Philomena ihren Sohn geboren hat, führen.
Obwohl es gar nicht mehr die Nonnen sind, die 50 Jahre vorher die ledigen Mütter beaufsichtigt haben, läuft Philomena gegen eine Mauer des Schweigens und der Lügen.
Ich möchte nicht zu viel verraten, aber ich war beim Schauen des Films über diese Art und Weise wirklich wütend und die Tatsache, dass Philomena diesen Frauen vergeben kann, kann ich nur bewundern.
Natürlich weiß ich nicht, wie nah an der Wirklichkeit der Film gedreht wurde, aber für mich haben es die Macher ganz gut geschafft, eine Geschichte zu erzählen ohne zu schmalzig zu werden oder pathetisch oder zu sehr mit dem erhobenen Zeigefinder belehren zu wollen.
Ich kann ‚Philomena‚ wirklich als sehenswerten Film empfehlen, der trotz des ernsten Themas teilweise auch Spaß gemacht hat und durch zwei Hauptdarsteller beeindruckt, die ihre jeweilige Rolle mit Leib und Seele zu verkörpern scheinen!

Der deutsche Trailer

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13 Antworten zu Philomena

  1. Der steht auch noch auf meiner Leihliste … 😉

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  2. Herba schreibt:

    Dann schonmal viel Spaß beim Anschauen, der lohnt sich meiner Meinung nach wirklich, die Macher haben vieles richtig gemacht!

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  3. Die Poe schreibt:

    Den wollt ich im Kino sehen, kam aber nicht dazu 😦

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  4. guylty schreibt:

    Der Film hatte mich auch interessiert – aus logischen Gründen, aber ich hab es mir dann doch nicht getraut, ihn mir anzutun – aus logischen Gründen. Ohne den Film jetzt gesehen zu haben, kann ich sozusagen von der Quelle her bestätigen, dass Geschichten wie diese kein Einzelfall sind. Mit „aktiver Vermittlerrolle“ hast du die katholische Kirche in deiner Einleitung zunächst noch sehr gut davonkommen lassen. Tatsache ist eben, dass die Kirche in Irland bis noch in meine Gegenwart hinein so viel soziale (und politische) Macht in Irland ausüben konnte, dass niemand dagegen aufmuckte, dass unverheiratete Frauen dazu gezwungen wurden, ihre Kinder in kirchlichen Institutionen zu gebären, wo sie ihnen nach der Geburt quasi entrissen wurden. Im Gegensatz zu Philomena sind viele Hunderte von Frauen übrigens aus diesen „Magdalen Laundries“ nicht wieder herausgekommen, sondern wurden dort wie Gefangene oder psychisch Kranke weggeschlossen. (Erst kürzlich erschütterte übrigens ein neuerlicher Skandal Irland, als auf dem Gelände einer solchen Magdalen Laundry ein Massengrab mit zahlreichen Baby- und Kleinkindleichen entdeckt wurde. Mir dreht sich der Magen um, wenn ich daran denke – daher auch mein Widerwillen, den Film dann doch anzuschauen…)
    Sorry für die ausführliche Antwort 🙂

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  5. Herba schreibt:

    @Poe: Das ging mir auch so, daher nun als DVD

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  6. Herba schreibt:

    @Guylty: Auf Dein Insiderwissen hatte ich gehofft!
    Schau ihn Dir ruhig mal an. Ich hatte einen sehr düsteren, traurigen Film erwartet, aber er geht weit darüber hinaus.
    Ich wollte es nicht krasser formulieren, weil Philomena selbst so wenig Groll gegen die katholische Kirche zu haben schien, habe dabei aber auch komplett unter den Tisch fallen lassen, daß die Frauen in Philomenas Kloster 4 Jahre nach der Geburt hart arbeiten mußten, um ihre ‚Schulden‘ zu vergelten und Buße zu tun und das obwohl die Kirche ja auch noch Geld mit den Adoptionen verdient hat 😦
    Wirklich wütend hat mich gemacht, daß die Kirche 50 Jahre später immer noch alles vertuschen möchte und den Kindern und Müttern dann auch noch Steine in den Weg legt, wenn sie nach dem jeweils anderen forschen…
    Über das Massengrab bin ich bei meiner kleinen ‚Recherche‘ im Vorfeld gestolpert und konnte auch nur entsetzt den Kopf schütteln 😦
    Ausdrücklich DANKE für die ausführliche Antwort! :*

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  7. guylty schreibt:

    Phew – du öffnest damit bei mir Schleusentore. Das Thema ist hier in den Medien omnipräsent. Ein zum Himmel stinkender Skandal was im Namen Gottes die Kirche in Irland so angerichtet hat. Ein wesentlich emotional schwierigerer Film war The Magdalene Sisters (2002) https://www.youtube.com/watch?v=IhXKI9tAI_M Den hatte ich mir damals angetan – nachdem ich selber gerade junge Mutter geworden war. Entsetzlich. (Kann man auf YT übrigens in voller Länge sehen.)
    Zum Schicksal dieser Adoptionskinder hier übrigens mal eine interessante Story (mit Happy End), die sogar noch eine ganz, ganz weit entfernte Verbindung zu unserem Lieblingsthema hat. Ein mir persönlich bekannter irischer Linkspolitiker (der auch Abgeordneter im irischen Parlament ist), ungefähr mein Jahrgang, wuchs als Adoptivkind auf. Erst mit Mitte 30 hat er herausgefunden, wer seine leibliche Mutter war – niemand anderes als „Mrs Thornton“! Diese war zwar nicht in eine Magdalen Laundry eingewiesen worden, musste ihr Kind aber auch unter gesellschaftlichem Druck zur Adoption freigeben, obwohl sie aus einer bekannten Schauspielerdynastie stammt und damit ein unkonventionelleres Umfeld hatte. Mutter und Sohn haben sich wiedergefunden und sind mittlerweile familiär vereint. Sinead Cusack ist oft auf Demos und Veranstaltungen zu sehen, bei denen ihr Sohn dabei ist. (Bin neulich bei einer Demo auch zufälligerweise mal hinter ihr gelaufen :-D)

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  8. Herba schreibt:

    Gut, wenn es an die Öffentlichkeit kommt und drüber diskutiert wird. Die Kirche neigt ja leider dazu, solche Dinge unter den Teppich zu kehren 😦
    Danke für den Filmtipp! Schon der Trailer sieht nach wesentlich härterer Kost als Philomena aus. Ist das nicht Mrs McAvoy? Und Nora-Jane Noone kenne ich aus Jack Taylor – die Welt ist klein! Was auch die Begebenheit mit Sinead Cusack erklärt 🙂 Dass sie auch dazu gezwungen war ihr Kind zur Adoption frei zu geben ist wirklich heftig, gerade wenn man bedenkt, daß sie aus einem liberaleren Umfeld gekommen sein muss 😦 Aber gut, daß wenigstens diese beiden sich wiedergefunden haben, auch wenn verlorene Zeit unwiederbringlich ist.

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  9. nettebuecherkiste schreibt:

    Klingt interessant! Erinnert mich auch an „Die barmherzigen Schwestern“, so hieß er glaub ich auf Deutsch. Echt heftig.

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  10. Hariclea schreibt:

    uuf ich habe Philomena gesehen aber die Magdalene Sisters scheint ein viel dusterer und realistischer Film zu sein. Meine Gute das mit Cusack ist ja echt unglaublich, wie es allgemein kaum zu glauben ist dass sowas heutzutage in einer modernen Gesellschaft noch moglich ist. Aber es wundert mich anderseits nicht, eine Freundin vor mir ist auch da aufgewachsen und war in der Schule bei Nonnen, keine gute Geschichten zu erzahlen 😦 Das Einzige was man wohl machen kann ist mehr und mehr druber zu sprechen, damit es nicht immer wieder unter dem Teppich gekehrt wird 😦

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  11. Hariclea schreibt:

    @Herba ich habe ubrigens gestern Imitation Game gesehen, kann ich nur warmstens weiterempfehlen. Hat mich sehr beruht und mit sehr gut gefallen, ich werde es bestimmt schon mal ein 2x sehen wenn es Gelegenheit dazu geben wird. Es war sehr einfuhlsam dargestellt fand ich, uberhaupt nicht wie die Faust aufs Auge wovor ich Angst hatte, eigentlich alles sehr sehr ‚understated‘ von der Darstellung her und deshalb umso effektiver. Was mir in Gedanken geblieben ist sind die vielen Blicke, die Augen aller Beteiligten, fand ich sehr prominent in der Art und Weise wie gefilmt wurde. Schade dass es nicht mehr von Mark Strong gab und sein Charakter war ein bischen stereotypisch, aber es ist schwer in einem ziemlich kurzen Film alle auszubauen und manche symbolisieren halt eher die Institution. Mit Batchy lagen sie auf alle Falle genau richtig, ich hoffe du kannst es in OV sehen, die Sprache und der Ton machen sehr viel aus. Und der offene, inquisitive und gleichzeitig unschuldige/teilweise naive Ausdruck in seinen Augen ist was Besonderes. Uberhaupt ist das Mix von Genie, Seltsamkeit, Naivitat, Realismus und Gewissen sehr beruhrend. Da ist ein kurzer Monolog von ihm gegen Ende wo er sich und anderen Fragen stellt (ich will nicht spoilern 😉 ) das ich besonders gut fand vom Script her und auch wie er es gespielt hat.

    Gut das endlich dank des Filmes noch ein Stuckchen Wahrheit ans Licht gekommen ist. Wurde mich nicht wundern wenn Batchy dafur ein paar Preise erntet.

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  12. Herba schreibt:

    @Hari: Danke für Deinen Eindruck von ‚Imitation Game‘. Ich werde auf jeden Fall versuchen, ihn auf Englisch zu schauen, wenn er im Januar bei uns ins Kino kommt, weil da so viele Leute dabei sind, die ich nur mit Originalstimme kenne – da ist Synchro, egal ob sie gut ist oder nicht, immer irgendwie merkwürdig.

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