Skylight (National Theatre London live)

Ende Oktober wurde im Kino meines Vertrauens mal wieder eine NTlive Produktion aus England gezeigt und zwar Skylight von David Hare.

Und darum geht es:
Die Lehrerin Kyra Hollis (Carey Mulligan), die an einer staatlichen Schule in Ost-London unterrichtet, kommt an einem bitterkalten Abend zurück in ihre schäbige Wohnung und bekommt überraschend Besuch.
Edward Sargeant (Matthew Beard) war so etwas wie ihr kleiner Bruder, als sie nach London kam, für seinen Vater arbeitete und bei der Familie wohnte.
Doch eines Tages verschwand Kyra einfach aus dem Leben der Familie und der Kontakt brach ab. Edward kann dieses Verschwinden immer noch nicht verstehen und wirft Kyra traurig vor, daß sie ihn verlassen hat, genau wie seine Mutter, die ein Jahr zuvor an Krebs starb.
Kyra kann nicht wirklich erklären wieso sie gegangen ist und Edward geht enttäuscht.
Kurze Zeit später steht Edwards Vater Tom (Bill Nighy) vor der Tür, der Restaurant-Mogul, für den Kyra arbeitete und mit dem sie ein Verhältnis hatte, bis seine Frau es herausfand und Kyra wegging.
Das ehemalige Paar versucht nun die gemeinsame Vergangenheit aufzuarbeiten und da anzuknüpfen, wo die Beziehung zerbrach…

Ich hatte mich, wie meistens, vorher nicht größer über die Handlung des Stücks informiert, aber doch mitbekommen, dass Nighy und Mulligan ein Expärchen spielen würden und ehrlich gesagt war ich ziemlich skeptisch, ob wirklich Chemie zwischen den beiden aufkommen würde.
Diese Skepsis war vollkommen unbegründet. Beide Schauspieler werden ihrem guten Ruf auf der Bühne voll gerecht und spielen, dass die Funken sprühen.
Nighy wirkt in der Kulisse, die das schäbige Apartment der Lehrerin darstellt, in seinem teuren Anzug anfänglich total deplaziert und fühlt sich sichtlich unwohl.
Mulligan hingegen hat sich mit ihrer Umgebung arrangiert und ihre Kleidung dem nahezu ungeheizten Wohnraum angepaßt.
Zwischen den beiden als Paar steht der offensichtliche Konflikt des Betrugs an der Ehefrau bzw der mütterlichen Freundin und das Verschwinden von Kyra.
Aber je weiter der Abend fortschreitet, desto offensichtlicher wird auch der unterschwellige Konflikt, der durch die vollkommen unterschiedlichen Lebensauffassungen der beiden Hauptfiguren verursacht wird.
Kyra will Jugendlichen dabei helfen ein besseres Leben für sich anzustreben und nimmt dafür schlechte Bezahlung und schwierige Arbeitsbedingungen in Kauf.
Tom ist ein Selfmademann, der mittlerweile stinkreich ist und nicht verstehen kann, dass Kyra das angenehme Leben, das er ihr bieten konnte, einfach hinter sich gelassen hat.
Bill Nighy bewegt sich über die Bühne, als würde sie ihm gehören und gestikuliert sehr viel, was einerseits gut zu der Rolle paßt, mich andererseits aber auch wegen seiner Morbus Dupuytren Erkrankung etwas irritiert hat.
Carey Mulligan steht ihm in nichts nach, was Bühnenpräsenz angeht und gibt als Kyra mächtig Kontra.
Beide beherrschen sowohl die leisen als auch die lauten Töne hervorragend und bieten eine breite Palette an Gefühlen.
Matthew Beard als Edward hat zwar nur eine kleine Rolle, hat mir allerdings auch sehr gut gefallen.
Er führt den Zuschauer am Anfang in die Geschichte ein und macht neugierig darauf zu erfahren, was wirklich zu Kyras Verschwinden geführt hat.
Am Ende, nachdem Kyra und Tom nach einer Nacht voller Höhen und Tiefen erkennen müssen, daß ihre Beziehung nicht wiederbelebt werden kann, sorgt Edward mit seinem erneuten Auftauchen dafür, daß das Stück nicht komplett düster ausgeht, sondern er bietet Kyra (und den Zuschauern) ein kleines positives Schmankerl mit einem 5-Sterne-Frühstück, das ein wenig Freude in ihre triste Wohnung bringt.

Insgesamt fand ich das Stück absolut sehenswert, denn das Anschauen wird in keiner Sekunde irgendwie langweilig oder wirklich vorhersehbar.
Es wird gelacht und geweint, gestritten und geliebt, gekocht (das fand ich übrigens total klasse) und geflucht, diskutiert, gekämpft und schließlich resigniert.
Alle guten Reviews sind meiner Meinung nach absolut verdient und wer die Gelegenheit bekommt diese Inszenierung evtl noch in einem Kino anzuschauen, sollte es sich nicht entgehen lassen!

Den Beitrag meiner Begleitung findet ihr hier

Die Seite des National Theatre zu ‘Medea’

Der Trailer zur Inszenierung:

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16 Antworten zu Skylight (National Theatre London live)

  1. Maxxi schreibt:

    Tolle Zusammenfassung, Herba! Das Stück lief gestern auch in einem Kino in meiner Nähe, aber leider hatte ich keine Zeit. Als großer Fan von Bill Nighy hätte ich es wahnsinnig gerne gesehen. Ob die Chemie zwischen Mulligan und Nighy passt, habe ich erst auch bezweifelt, umso schöner wenn alles gepasst hat!

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  2. cRAmerry schreibt:

    Ich bekenne: Am Anfang hatte ich meine liebe Last, Edward im Geschehen unterzubringen. Kein Wunder, bin ja auch komplett unvorbereitet ins Kino geschliddert. Zum Glück wurde mir das Verständnis durch die eingeblendeten engl. Untertitel ja erleichert. Auch wenn das bei meinen Begleiterinnen immer als überflüssig und lästig abgetan wird 🙂 Trotzdem nochmal vielen Dank Herba für die Zusammenfassung. Gegen Ende bin ich dann doch inhaltlich ein wenig ausgestiegen (und was war jetzt genau das Problem?). Freue mich auf Frankenstein 😀

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  3. Herba schreibt:

    @Maxxi: Schade, aber manchmal sind halt andere Sachen wichtiger.

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  4. Herba schreibt:

    @cRAmerry: abgetan werden die Untertitel nur von der bekennenden Untertitelverweigerin, weil mich das zu sehr vom Kucken ablenkt, wenn ich mit Lesen beschäftigt bin 😉

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  5. nellindreams schreibt:

    Danke für Kritik und Zusammenfassung! Ich hatte es auch gesehen Mitte Oktober und war sehr positiv überrascht! Nighys Gestik hatte mich und meine Begleitung irritiert – erst zu Hause las ich dann später von seiner Krankheit. Inzwischen habe ich auch den Film „Pride“ mit ihm gesehen, auch eine Empfehlung wert!
    Ach ja, Frankenstein habe ich zwischenzeitlich auch gesehen! Ich konnte leider nur 1x hin und sah einen hervorragenden Jonny Lee Miller als Monster, BC als Doc. Hach ja, wenn man könnte, wie man wollte … 😉

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  6. Herba schreibt:

    @Nell: Da bin ich aber beruhigt, daß es nicht nur uns aufgefallen ist, aber es sprang bei seiner Gestik auch wirklich sehr ins Auge, auch wenn es natürlich seinem Spiel keinen Abbruch tat.
    Bei Pride werde ich vermutlich leider auf die DVD warten müssen, der läuft hier nur noch in einem Kino und ob ich das Anfang nächster Woche noch gebacken kriege ist fraglich, auch wenn ich den Film so gerne sehen wollte 😦
    Frankenstein ist bei mir morgen und nächste Woche dran – hoffentlich dann wirklich mal endlich in verteilten Rollen, ich kenne bis jetzt nur BC als Creature. So weit ich weiß, soll die Version, die Du gesehen hast, ein klein wenig besser sein, als die mit BC als Creature und ich bin schon sehr gespannt auf den Vergleich 🙂

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  7. guylty schreibt:

    Interessant – der Trailer hat tatsächlich schon mal einen Vorgeschmack gegeben, dass Nighy und Mulligan durchaus Chemie haben. Schade, hab ich verpasst. Aber ich muss sagen, ich werde ein Fan dieser NTL-Übertragungen. Ich hatte letzte Woche ja das Vergnügen, „Of Mice and Men“ mit James Franco und Chris O’Dowd zu sehen. Super. Ist fast so gut, wie selbst im Theater zu sitzen…

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  8. linnetmoss schreibt:

    Oh, thank you for posting this! I didn’t know about it, and I love Bill Nighy! I do so wish I could see it onstage 🙂

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  9. Herba schreibt:

    @Guylty: Ich hätte das auch nie gedacht, aber ich liebe die Übertragungen aus den verschiedenen Theatern mittlerweile auch sehr, auch wenn das Liveerlebnis natürlich nochmal besser ist.
    “Of Mice and Men” steht bei uns im Dezember auf dem Programm, ich hoffe, ich kriege das so kurz vor Weihnachten noch unter

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  10. Herba schreibt:

    @linnetmoss: You’re welcome! I think it would be worth the price to watch it onstage 🙂

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  11. guylty schreibt:

    Ich kann es dir nur empfehlen. War super gemacht, auch sehr schön in Szene gesetzt. Und Franco und O’Dowd haben fabelhaft gespielt. Meine Kinder waren beide begeistert. Sie kannten den Roman zudem aus der Schule und meinten, das Stück habe den Stoff sehr nah am Text umgesetzt (auch wenn die Interpretation einer Schlüsselfigur nicht ihrem Geschmack entsprach).

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  12. Hariclea schreibt:

    Mice &men habe ich leider verpasst und es soll gut gewesen sein, uuff wenn mann nur mehr Zeit hatte! und Geld wurde auch nicht schaden. Ich muss mir zur Zeit noch 2 Karte fur live Theater anschaffen , das neue mit Fiennes im NT und dann die Komedie mit McAvoy im Trafalgar. Vielleicht sollte ich anfangen Lotterietickets zu kaufen :-p

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  13. Herba schreibt:

    @Guylty: Danke, das ist gut zu wissen! Ich kenne das Stück nur dem Namen nach, von daher bin ich, falls ich es sehe vollkommen vorurteilsfrei 🙂

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  14. Herba schreibt:

    @Hari: Was gibt Fiennes denn? Das Stück mit McAvoy würde ich auch gerne sehen. Wir brauchen einen Sponsor und mehr Zeit!

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  15. Hariclea schreibt:

    Fiennes Man and Superman http://www.nationaltheatre.org.uk/shows/man-and-superman denke das ist auch ein Kandidat fur Kino, sehr popular 🙂
    und McAvoy http://trafalgartransformed.com/whats-on/the-ruling-class 🙂 nur sind die Karte fur letzteresd £50 aeber ich werde mir eine schenken 🙂

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  16. Herba schreibt:

    @hari: Danke für die Links. Das Stück von McAvoy hatte ich entdeckt, die Trafalgar Studios hab ich als Newsletter aboniert. Das Stück mit Fiennes klingt wirklich auch sehr sehenswert, da bin ich mal gespannt, ob wir das evtl als Aufzeichnung im Kino zu sehen kriegen, wobei mir da eigentlich das Stück mit McAvoy lieber wäre 😀

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