In der Landarztpraxis

Mein Heimatort ist die größte Stadt in unsrem Landkreis und trotzdem würde ich mich nie als Städter bezeichnen, sondern als Landei.
Guuuuut, hier in der Gegend geben sich nicht gerade Fuchs und Hase die Hand, aber als ich ein Teenie war, konnte man ohne Auto nicht wirklich viel unternehmen und in den jeweiligen Ortsteilen (ehemals eigenständige Ortschaften, die bei einer Gebietsreform zu einer Stadt zusammengefaßt wurden) kennt man sich noch, zumindest wenn man zu den Ureinwohnern gehört.

Und so war mein alter Hausarzt ein richtiger Landarzt, der viele kleinere Eingriffe noch selbst erledigte und einen nicht gleich zu einem anderen Arzt überwies, die Krankengeschichten von ganzen Familienclans kannte (‚Das Schlotterknie wird bei euch mütterlicherseits weitervererbt gelle?!‘) und auch oft einfach nur den Leuten zuhörte, wenn sie jemanden brauchten, dem sie von ihren Sorgen und Nöten erzählen konnten.

Mich kannte der gute Doc seit ich ungefähr vier Wochen alt war, kurierte mich als Baby von einem stundenlang andauernden Schreikrampf (‚Die hat nix ernstes, die ist nur hysterisch!‘), schüttete mir als Achtklässler unermüdlich drei Wochen lang Säure auf die vorher eingeritzten Fußsohlen, um mich von hartnäckigen Dornwarzen zu kurieren (‚Hat das grade wirklich weh getan?‘) und diagnostizierte vor knapp 14 Jahren meine Zöliakie.

Nun ist der gute Mann seit knapp zweieinhalb Jahren im wohlverdienten Ruhestand (er übergab seinem Nachfolger die Praxis circa 2 Wochen bevor mein Vater starb) und in seiner Praxis hat sich einiges geändert.
Aber in manchen Dingen wird diese Arztpraxis (hoffentlich) immer eine Landarztpraxis bleiben!

Es laufen einem zum Beispiel immer irgendwelche Bekannten über den Weg und so wurde ich auch heute schon beim Warten vor dem Anmeldetresen von W, einem alten Bekannten meiner Eltern begrüßt.
‚Ei mei Mädsche, was machst dann Du da? Gehds Dir ned gud?‘
W muss regelmäßig an die Dialyse, mußte in den letzten 12 Monaten zwei Mal notoperiert werden und ist trotzdem ein herzlicher Mensch, der immer für ein kleines Schwätzchen zu haben ist.
‚Nix schlimmes, ich bin nur erkältet. Halt also besser Abstand, sonst springen meine Bazillen über!‘
‚Ach Mädsche, was solle mir denn so eh paar Bazille mache? Aber isch muss eh weider, grüß mir die Mama und paß uf disch uf!‘

Hab ich schonmal erwähnt, dass ich meinen Heimatdialekt liebe?
Falls nicht: Ich liebe meinen Heimatdialekt! Und ich bin immer ein bißchen traurig, daß sich viele Hessen ihren Slang ganz abtrainieren, weil ‚Hessisch‘ (das es übrigens so gar nicht gibt) irgendwie als unfein gilt.

Im Wartezimmer saßen dann ein paar alte Herren in der typischen Tagesausgehkluft: Anzugschuhe, Stoffhose, Hemd und Pulli oder Strickjacke drüber.
Dieser Look erinnert mich immer direkt an meinen Papa und heute konnte ich sein Gesicht vor mir sehen, wie er wegen dem propenvollen Zimmer die Augen verdreht.

Ich hatte Glück und konnte noch einen freien Stuhl ergattern und während ich zwei alten Herren gegenüber zuhörte, die ihre vielfältigen Krankheiten austauschten (ich bin mir sicher, dass bei diesem Gespräch selbst Medizinstudenten im ersten Semester noch was gelernt hätten) merkte ich, daß mich ein anderer alter Herr, der mir schräg gegenübersaß durchdringend musterte.

Wie lange es wohl dauern würde bis….

‚Enschuldischung, bist Du die Klaa vom E….?‘

Here we go… icon_lol

‚Ja, die bin ich.‘

‚Wusst ischs doch gleisch. Wie de Baba! Awwer de Mama siehste auch ähnlisch, gell? Wie gehds ihr denn? Un was macht die Omma? Die hab isch schon länger ned mehr gesehe, sonst grüßt mer sisch immer uffm Friedhof…‘

Früher fand ich das ganz schrecklich, dieses von wildfremden Menschen angequatscht und geduzt werden.
In meinem Heimatort bin ich nicht ‚Frau …‘ wie am Arbeitsplatz oder ‚Herba‘ wie für meine Freunde, hier bin ich wahlweise ‚die Klaa vom E….‘ oder die ‚Klaa von de I…‘ oder auch noch manchmal ‚e Enckelsche vom Bolier-…‘ und früher fand ich das ganz, ganz furchtbar. Aber mittlerweile gehört es für mich einfach ein bißchen zum daheim sein dazu.

In der kurzweiligen Dreiviertelstunde, die der alte Herr und ich zusammen im Wartezimmer verbrachten, hat er mich über meine halbe Verwandtschaft ausgequetscht, was bei meiner umfangreichen Sippschaft etwas dauert und bevor wir zu unsren jeweiligen Krankengeschichten kommen konnten, wurde besagter Herr dann (zum Glück?) zum Arzt reingerufen.
Aber natürlich hieß es auch von ihm im Gehen: ‚Mädsche, grüß mir die Mama un die Omma!‘, was ich natürlich gerne tun wollte, auch wenn ich keinen blassen Schimmer habe, wer der Mann eigentlich war irreicon_lol

Gibt es das in Großstadtpraxen eigentlich auch, das man mit wildfremden Menschen ins Gespräch kommt und die Wartezeit so viel schneller vergeht?

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24 Antworten zu In der Landarztpraxis

  1. uinonah72 schreibt:

    LOL, Herba, ich kenne das Phänomen auch. Lebe in einem <2k Einwohner Dorf und als Kind wurde ich immer von den älteren Leuten angesprochen: "Wem g'hörsch denn Du?" Heute sprechen mich wieder ältere Leute an, ich solle doch schön meine Eltern grüßen und wie schön das Haus renoviert wurde, und ich weiss nicht mal wie sie heißen (auch wenn ich sie zumindest vom Sehen her kenne).
    Auch das mit dem Dialekt kenne ich. Ich selbst spreche zwar kein ur-alemannisch, aber ich verstehe es und bin froh, dass es noch Leute gibt, die es pflegen. Die Jugend spricht es jedoch kaum noch, wohl auch, weil durch Zuzüge die "Ureinwohner" anteilsmäßig immer weniger werden.
    Während des Studiums an der badisch/schwäbischen Grenze hatten wir einen jungen, schnöseligen, arroganten Dozenten, der uns sagte, wir sollen doch bitte nicht von "Koschden und Leischdungen" sprechen, sonst würde im Arbeitsleben bald in der Personalakte stehen "nur für den badischen Raum zu gebrauchen" *grrrrrr* Ich habe Freunde, die können innerhalb eines Satzes von Ur-alemannisch auf Hochdeutsch umschalten, wenn es die Umgebung erfordert. Und wer in der Schweiz arbeitet, darf sowieso sym-badisch schwätze wie er will 😉

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  2. Maxxi schreibt:

    Wie in unserer Landarztpraxis, Herba! Da kann ich richtig mit meinem Dialekt um mich hauen. Man erfährt neuen Tratsch (von den anderen Patienten und der Bunten) und sieht oft Leute, die man schon lange nicht mehr gesehen hat.
    Mich hat übrigens mit ca. 16 Jahren mal ein älterer Herr in der Praxis angesprochen, den ich nicht kannte: „Wie heißt Du, wo kommst Du her, wieviel Hektar habt ihr?“……..

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  3. silke lion schreibt:

    Das kann Dir in Bremen auch passieren-je nachdem, wie offen Du bist.
    Ich find`s nett-ich versuche gern ein Lächeln zu verbreiten und meistens wirkt es auch ;-).
    Allerdings ist Bremen ja bekanntermaßen ein Dorf mit Straßenbahn :-).

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  4. BirthesLesezeit schreibt:

    Landarztpraxis live – Köstlich :-). Jaja, so geht’s wohl, allerdings gelten wir hier im Dorf immer noch als „Zugezogene“,auch wenn wir inzwischen schon 15 Jahre hier wohnen.. Aber trotzdem: man kennt sich, schnackt ein wenig und die Zeit geht wirklich vieel schneller vorbei. Fast wie beim Friseur ;-). Liebe Grüße!

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  5. Die Poe schreibt:

    So ist das aufm Dorf! Ich kann mir das bildlich vorstellen. Herrlich!!!

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  6. Servetus schreibt:

    Jetzt liebe ich Deinen Heimatdialekt auch 🙂

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  7. cRAmerry schreibt:

    🙂 Hessische Innenansichten. Sehr fein. Und dein Obba war Polier? 🙂

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  8. Herba schreibt:

    @uinonah: Ich finde es auch sehr schön, wenn der jeweilige Dialekt gepflegt wird, es sei denn es geht um sächsisch 😉
    Bei uns wird das durch diverse Zuzüge aber auch immer schwieriger, leider.

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  9. Herba schreibt:

    @Maxxi: Hihihi, da hat der gute Mann alle wesentlichen Fakten in seine Fragen gepackt 😉

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  10. Herba schreibt:

    @Silke: Gut zu wissen, daß es das auch in Großstädten gibt 🙂

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  11. Herba schreibt:

    @Birthe: 15 Jahre sind ja auch wirklich keine lange Zeit 😉

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  12. Herba schreibt:

    @Serv: 😀 gesprochen klingt das viiiel besser als geschrieben 😉

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  13. Herba schreibt:

    @cRAmerry: Nee, mein Uropa war Polier, aber das ist als Spitzname an meinem Opa hängen geblieben 🙂
    Spitznamen sind aufm Dorf ja auch noch so eine Sache – darüber muss ich bei Gelegenheit auch mal was schreiben 😀

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  14. Servetus schreibt:

    Bestimmt, aber geschrieben habe ich mindestens eine Chance zu verstehen, lol 🙂

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  15. cRAmerry schreibt:

    @Serv: isch saach bloos Aschebeschä…….. Mit der Betonung auf ganz viel äääääää 😉

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  16. Herba schreibt:

    @Servetus: das stimmt natürlich 😀

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  17. Herba schreibt:

    @cRAmerry: De ritzerode Babegei had es Schnibbelsche Flaaschworschd in de Aschebescher neifalle lasse 😉

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  18. Servetus schreibt:

    See! I understood that! If you said it to me? Not a chance 🙂

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  19. Herba schreibt:

    @Servetus: I am really proud of you. Don’t know if I would understand any written english slang 🙂

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  20. cRAmerry schreibt:

    @herba @serv: das mit dem Verstehen von geschriebenen Dialekten geht auch nur, wenn man es sich laut vorliest. Man muss diese unsäglichen Buchstaben-und Silbenkombinationen am Besten nur akkustisch auf sich wirken lassen. Wenn man einen Sinn im Geschriebnen sucht, wird man wahnsinnig 😀

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  21. meikesbuntewelt schreibt:

    Ein herrlicher Artikel! So kenne ich das aus meinem niedersächsischen Heimatkaff auch – nur auf Plattdeutsch. Und ich kann dich verstehen: Obwohl ich „Zugereiste“ bin, liebe ich den gemütlichen hessischen Dialekt auch sehr. 🙂

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  22. Hariclea schreibt:

    ne gibt es leider nicht, ich vermisse das wo wir fruher mal gewohnt haben und man sich so kannte , die Enkelin von dem und dem anderen und die diversen Bekannten meiner Grosseltern hauptsachlich die ich nur vom Sehen her kannte. Wenn man schon zum Arzt muss hattest du wenigstens eine nette Wartezeit. Hoffe die Erkaltung ist inzwischen vorbei 🙂

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  23. Herba schreibt:

    @Meike: Plattdeutsch ist auch ein netter Dialekt. Ich versteh davon leider nur Bahnhof 😉
    Danke für das Kompliment an ‚meinen‘ Dialekt ❤

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  24. Herba schreibt:

    @Hari: Als Jugendliche fand ich das eher schrecklich, aber mittlerweile gehört es einfach dazu und bedeutet ein Stück Heimat.
    Noch nicht ganz, aber ich hoffe, daß das Antibiotika die letzten Viren bald tötet 😀

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