Heute vor 25 Jahren – Gedanken

Seit ein paar Wochen schon kann man in den Medien einiges über den Fall der Mauer vor 25 Jahren lesen/sehen/hören.
Radiosender befragen ihre Zuhörer über ihre Erinnerungen aus der Zeit, Zeitungen schreiben verschiedenste Artikel zum Thema und Fernsehsender zeigen Dokumentationen, Talkrunden, aber auch Spielfilme, wie zum Beispiel die ARD mit ‚Bornholmer Straße‚.

Ich muss zugeben, daß mich dieser Film, den ich mehr oder weniger durch Zufall gesehen habe, sehr erheitert hat.
Denn die dargestellte Situation am DDR-Grenzposten ‚Bornholmer Straße‘ in Berlin war so absurd, dass ich als Zuschauer zwischen Unglauben und Amüsement hin und her schwankte.
Ich bin mir sicher, dass die Ereignisse innerhalb des Grenzpostens überspitzt erzählt werden und ich kann nicht beurteilen, wie historisch korrekt der Film erzählt was passierte, aber es scheint doch gesichert zu sein, daß der Grenzer, der die Verantowrtung trug, immer wieder versuchte, telefonisch bei seinem Vorgesetzten einen Befehl zur Handhabung der Situation zu bekommen und grandios daran scheiterte.
Weil Günter Schabowski in einer Pressekonferenz mit seiner Aussage, dass:
‚…Privatreisen nach dem Ausland können ohne Vorliegen von Voraussetzungen, Reiseanlässen und Verwandtschaftsverhältnissen beantragt werden. Die Genehmigungen werden kurzfristig erteilt…Das tritt nach meiner Kenntnis, ähh, ist das sofort, unverzüglich…‘ (Quelle des Zitats)
alle überraschte, die DDR-FÜhrung, die Grenztruppen, DDR-Brüger, das Ausland, einfach alle.
Trotz des Slapstick-Humors gelingt dem Film aber auch die Verzweiflung der Grenzer, deren Lebenswerk zusammenbricht, deutlich zu machen und er zeigt außerdem wie nah man an diesem Abend an einem Blutbad war. Wenn nur ein einziger Grenzer die Nerven verloren und geschossen hätte, wären vermutlich viele hundert Menschen verletzt oder getötet worden.
Diese Gewaltfreiheit erstaunt mich 25 Jahre später sehr…

Viel stärker als dieser Spielfilm beschäftigt mich gedanklich aber eine Dokumentation, die ich vor ein paar Wochen bei Phoenix(?) gesehen habe.
Leider habe ich auch in diese Sendung nur durch Zufall geschaltet und daher einiges verpaßt, aber die Doku fesselte mich so, dass ich sie mir zu Ende angeschaut habe.
Anhand von alten Fernsehaufnahmen, die mit aktuellen Aufnahmen und Interviews von Zeitzeugen gemischt wurden, wurden die Ereignisse, die zum Zusammenbruch der DDR führten chronologisch aufgerollt.
Die Zeitzeugen waren Politiker, Historiker, Journalisten, und ganz normale Bürger.
Als ich gerade eingeschaltet hatte, erzählte eine circa 40jährige Frau gefaßt, aber betroffen, dass die DDR ihre ganze Familie in Leid und Verzweiflung gestürzt hätte. Leider habe ich nicht genau mitbekommen, was ihr und ihrer Familie passiert ist, aber es ging unter anderem um Gefängnisstrafen und Zwangsadoptionen.
Die Stimme aus dem Off, die die ganze Dokumentation über die Zusammenhänge erklärt, erzählt nun, was es mit den sogenannten Zwangsadoptionen auf sich hatte und es werden historische und aktuelle Bilder von einem Kinderheim ezeigt, das direkt an einem Grenzübergang lag und als Auffangstation für Kinder genutzt wurde, deren Angehörige bei der Flucht erwischt worden waren.

Cut!
Nun zeigt der Film eine zierliche, weißhaarige Frau, die relativ selbstbewußt in die Kamera schaut, von ihrem Leben in Chile erzählt und mir irgendwie bekannt vorkommt.
Es dauert etwas, bis bei mir der Groschen fällt, aber dann kann ich sie als Margot Honecker identifizieren, die nun dazu ansetzt im Brustton der Überzeugung Zwangsadoptionen zu leugnen. So etwas habe es in der DDR nie gegeben!
Es gab auch keinen Schießbefehl an der Mauer! Und überhaupt, die Menschen hätten ja nicht rübermachen brauchen!
‚Selber schuld!‘ sagt sie nicht, aber das muss sie auch gar nicht, denn dass die genau das denkt wird mehr als deutlich.
Ich habe schon einige historische Dokumentationen in meinem Leben gesehen, die mit Aufnahmen von Politikern angereichert waren, aber noch nie hatte ich dabei eine so dicke Gänsehaut wie jetzt, als ich Margot Honecker sehe.
Diese Frau ist wirklich erschreckend für mich und zwar nicht nur wegen dem was sie sagt, sondern auch wie sie es sagt und ihrer ganze Haltung unterstützt dieses Gefühl.
Sie scheint wirklich zu glauben, was sie da von sich gibt und sich gar nicht darüber im Klaren zu sein, dass sie Menschen, die auch wegen ihr zu Opfern wurden verhöhnt.

Cut!
Nun berichtet die Dokumentation von Erich Honeckers Staatsbesuch in der BRD und erklärt dann allgemein, wie Margot und Erich ein Paar wurden, zum mächtigen Politpaar aufstiegen und schließlich stürzten.
Und hier kommt nun auch wieder Frau Honecker direkt zu Wort. Man habe sie im Stich gelassen, obdachlos seien sie gewesen…
Dazu werden Politiker (Krenz, de Maiziere, Modrow, etc.) befragt und mir fällt auf, daß sie alle nicht in die Kamera schauen und sich verlegen winden, als es darum geht, daß die Honeckers alles verloren und nirgends hinkonnten.
Tja, in diesem Punkt hat Frau Honecker also Recht, die Genossen haben sie im Stich gelassen, keiner wollte das ehemalige erste Paar der DDR bei sich aufnehmen.

Unterschlupf finden sie schließlich bei Uwe Holmer und seiner Familie.
Der Pfarrer gewährt den Honeckers über zwei Monate lang in seinem Pfarrhaus Asyl und räumt dafür die Zimmer seiner jüngsten Kinder.
Diesen Kindern wurde eine weiterführende Ausbildung in der DDR verboten und schon allein deswegen hätte Uwe Holmer einen Grund gehabt, nicht zu helfen.
Aber er hilft dennoch, auch unter der Prämisse sich und seine Familie in Gefahr zu bringen.
Er hilft, weil er daran glaubt, dass jeder Mensch Hilfe verdient hat, egal was er getan hat.
Das erzählt Uwe Homer in der Doku selbst, als wäre es das Selbstverständlichste auf der Welt und für ihn ist es das auch, denn sein Glaube trägt ihn.
Pfarrer Holmer hat mich sehr beeindruckt, nicht nur, weil er in sich zu ruhen scheint und einen zufriedenen Eindruck macht, sondern vor allem weil er glaubt. Und weil er mit diesem Glauben und seiner Selbstlosigkeit Menschen wie Margot Honecker beschämt, ob sie das nun auch so sieht oder nicht…

Als die Mauer fiel war ich neun Jahre alt. Ich kann mich noch daran erinnern, daß ich in der Tagesschau weinende Menschen zu Fuß oder in merkwürdigen Autos gesehen habe, die sich in den Armen lagen und freuten. Und natürlich haben mir meine Eltern erklärt, daß die Grenze, die die beiden Teile von Deutschland teilte, nun weg ist.
Aber so richtig fassen konnte ich es nicht, was da gerade passiert.
25 Jahre später interessieren mich die Ereignisse als Mensch, der an Geschichte interessiert ist und ich bin immer wieder dankbar und erstaunt, wie gewaltlos dieser Wandel vonstatten ging.
Ansonsten bin ich der Meinung, daß man noch viel mehr über die deutsch-deutsche Geschichte sprechen müßte und ich bedaure es sehr, daß man nicht mehr Teile der Mauer als Mahnmal hat stehen lassen!

Schließen möchte ich meinte etwas unstrukturierten Gedanken zum Thema mit DEM Klassiker zum Thema, der zwar etwas ausgelutscht ist, aber einfach nicht fehlen darf – finde ich zumindest!

Kleine Notiz am Rande: Das offizielle Musikvideo ist in Deutschland leider nicht abspielbar – es lebe die Freiheit kann ich da nur sagen!

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15 Antworten zu Heute vor 25 Jahren – Gedanken

  1. Die Poe schreibt:

    Ich habe auch einmal ein Interview mit Margot Honecker gesehen und war damals auch schwer schockiert, was diese Frau da sagt und vorallem wie sie es tut.

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  2. cRAmerry schreibt:

    Guten Morgen Herba! Ich glaube, diese Doku habe ich auch gesehen. Jedenfalls kenne ich die Geschichte mit dem Pfarrer, der die Honeckers aufgenommen hat. Und ja, diese Margot H. hat entschieden einen unfassbaren Gruselfaktor. Wie man dermassen in seiner Welt leben kann ohne einen Funken Unrechtsbewusstsein, ist fürchterlich erschreckend. Aber nur so lässt sich offensichtlich ein über Jahrzehnte dauerndes Unrechtsregime am Leben erhalten. Wie gut, dass wir es los sind. Bei der Feierstunde im Bundestag sagte eine Grünen-Politikerin so richtig: „Es kann schon sein, dass jemand doof findet, was das Staatsoberhaupt sagt, aber hier kommt man dafür nicht in den Knast, sondern kriegt seine Zeit in der Tagesschau“. Gute Replik auf das Gejammer der ewiggestrigen DDR-Nostalgiger.

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  3. Hariclea schreibt:

    ich finde all diese Bilder immer noch erschutternd… wer kann wirklich je wissen wieviele Leben wegen der Mauer zerstort wurden 😦 Und finde auch man hatte ein Stuck davon erhalten sollen, fur weitere Generationen damit es nie in Vergessenheit gerat. Ich hab sehr viel uber all diese Sachen nachgedacht im Sommer, irgenwie durchs Crucible ausgelost. Meine Kindheit (ich war 15 in ’89) und wie das Leben damals war und wieviel verschwiegen wurde. Ich bin heute immer mehr davon uberzeugt, dass man nicht genung daruber redet und noch wurde nicht genung davon enthullt was hinter der Mauer in all den Landern vor sich ging. Wozu Menschen in unserer Gegenwart, nicht irgendwann in der Geschichte, fahig sind und wie einfach es sein kann die Wahrheit zu verleugnen.
    Ich kanns auch kaum glauben dass 25 Jahre vergangen sind…
    Aber ich glaube ich habe personlich einen ganz neuen Respekt und auch sehr viel Dankbarkeit wiedergefunden dafur dass es das Jahr ’89 gab und wir heute alle ein besseres und freieres Leben geniessen. Es mag wie Slogan klingen aber es ist so 🙂
    Wirklich schon dass wir heute feiern durfen und hoffentlich werde die Leute auch daran erinnert wie es mal war auch als Mahnung es nie wieder zuzulassen dass so etwas passiert.

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  4. Servetus schreibt:

    It was possibly the most astounding historical event I experienced in my life time. I used to write a lot about how Germany processed its recent history on tv (e.g.: http://h-net.msu.edu/cgi-bin/logbrowse.pl?trx=vx&list=h-german&month=0710&week=d&msg=t%2Bn46zte%2BglcVjyMQrMF9w&user=&pw= ) and concluded over the years that it was impossible to write anything about this period that wasn’t hugely moralizing. Privately I’ve also thought that all the documentaries and dramas come short of the actual having lived through it — and I feel this way even though I was watching on a TV screen in San Antonio, TX, at the time …

    Herzlichen Glückwunsch zum Mauerfall, BRD!

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  5. Herba schreibt:

    @Poe: Schlimm oder?! Und als sie dann noch anfing sich darüber aufzuregen, wie wenig Rente sie bekommt, war es bei mir entgültig aus *bösekuck*

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  6. Herba schreibt:

    @cRAmerry: Für mich war das wirklich schlimm anzuschauen. Ich bin ja schon fassungslos, wenn ich drüber lese, daß jemand Auschwitz leugnet, aber Frau Honecker war nochmal ein ganz anderes Kaliber 😦

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  7. Herba schreibt:

    @Hari: Leider lernen wir Menschen nie genug aus unserer Geschichte und gerade was in den letzten Monaten auf der Welt abgeht, ist wirklich beängstigend 😦

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  8. Herba schreibt:

    @Serv: Thanks for the interesting read!!! These movies are the reason why I have such deep prejudices re german tv movies. But I really enjoyed to watch ‚Bornholmer Straße‘ (no Veronica Ferres in it 😀 )

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  9. Pingback: Unverzüglich (without delay) — Rambling thoughts on November 9th, 1989 | Me + Richard Armitage

  10. Servetus schreibt:

    for me, any movie without Veronica Ferres gets a plus for not having Veronica Ferres in it 🙂 doesn’t have to be a movie about German history, can be any movie 🙂

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  11. Herba schreibt:

    Same here :mrgreen: Do you know Christine Neubauer? Different actress, same problem 😉

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  12. cRAmerry schreibt:

    @herba+Serv: 100%-tige Einigkeit zum Thema Ferres!!!!!! Und dabei hat sie mal so vielversprechend gestartet in Dietls „Rossini“. Hach, was hätte aus der werden können 😀

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  13. Servetus schreibt:

    EXACTLY. That is exactly how I feel. It’s the only film she was ever great in.

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  14. cRAmerry schreibt:

    Ich habe mir Rossini vor einer Weile mal wieder angesehen. Eine unfassbare Ansammlung deutscher Schauspieler von Rang und Namen, wirklich ein Schaulauf par excellence. Keiner dabei, den man nicht kennt. Und eben eine junge vielversprechende Aktrice, so blond und berechnend 🙂

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  15. Wir haben uns am Wochenende über den Mauerfall unterhalten und meine Freundin, deren Familie 4 km von der Grenze entfernt lebte erzählte, dass knapp ein halbes Jahr vor Mauerfall eine Straße die ursprünglich mal über die Grenze führte, erneuert und geteert wurde, bis zur Mauer, die Dorfbevölkerung hat das für einen Schildbürgerstreich gehalten.
    Und dort war dann auch tatsächlich eine der ersten Stellen in der Wand, die geöffnet wurde….

    Ich glaube nicht, dass die Menschheit wirklich lernfähig ist, dafür ist Egoismus und die Ellenbogengesellschaft viel zu dominant und verbreitet……….

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