Auf zu neuen Ufern

Er stand im kleinen Vorgarten des Häuschens, das nun schon seit mehreren Jahren sein Zuhause gewesen war und lies seinen Blick schweifen.
Hier war alles so vertraut, auch wenn er natürlich in den letzten Jahren nicht ständig hier gewesen war. Das war seine Burg gewesen, seine Zuflucht.
Hinter diesen Wänden konnte er so sein wie er wollte, ohne beurteilt zu werden. Seine Nachbarn hatten ihn immer so akzeptiert wie er war und nie großes Aufsehen um ihn gemacht. Er seufzte.
Vielleicht war es verrückt, aber trotz des guten Gefühls hatte er die Reißleine gezogen und das was sich ein bisschen wie eine Nabelschnur anfühlte gekappt.

Seit einer Woche war er dabei sein Hab und Gut aufzuteilen, auszusortieren, zu verpacken.
Viele der Dinge, die er in der Hand gehalten hatte, hatten Erinnerungen herauf beschworen, gute und schlechte, amüsante und traurige.
Nur gut, dass die Zeit drängte und er sich nicht ewig seinen Gedanken hatte hingeben können.

Heute war die Packerei fast vorbei und morgen früh würde er dann aufbrechen. In eine neue Stadt, eine neue Umgebung und wenn alles gut lief in eine neue Wohlfühlzone, zum Rückzug und Kraft tanken.

Er fühlte sich erschöpft. Die letzten Tage waren das reinste Chaos gewesen.
Alle meinte es gut, wollten helfen und dabei noch ein bisschen Zeit mit ihm verbringen, bevor er ins Flugzeug stieg.
Nelson freute der Trubel. Der gutmütige Doggenrüde freute sich über jedes zusätzliche Paar Hände, das ihm die Ohren kraulte oder ihm einen Ball zum Wiederbringen warf.
Seine Freundin Vicky sah das natürlich anders.
Sie hatte bis gestern Abend auf dem Bücherregal in seinem Schlafzimmer gehockt und sich nicht gerührt, es sei denn sie sah den, den sie zu Recht für das ganze Chaos verantwortlich machte.
Sobald er auch nur eine Fußspitze in den Raum setzte, fing die Katze an zu fauchen und sich aufzuplustern und er war mehr als erleichtert gewesen, als die gnädige Frau heute Morgen ganz von selbst in der Küche zum Frühstücken erschienen war.

Kopfschüttelnd kratzte er sich im Nacken. Die beiden lebten nun schon fast ein Jahr bei ihm und Vicky tat die halbe Zeit immer noch so, als wäre er ein Penner, dem sie gnädigerweise den Zutritt zum Haus gewährte, damit er nicht ganz unter die Räder kam – bloody cat!

Der friedliche Zustand beim Frühstück hatte leider nicht lange angehalten, denn dann kam Molly.
Molly war die fünfjährige Tochter seiner Nachbarn von gegenüber und außerdem seine Patentochter. Er liebte den rothaarigen Satansbraten über alles, doch leider teilte Vicky dieses Gefühl nicht mit ihm.
Ihr war die Kleine wohl zu laut oder zu anstrengend, obwohl sie ihr nie zu nahe gekommen war oder sie ruppig angefasst hatte.

Nun ja, jedenfalls tobte Molly nun zusammen mit Nelson durch sein chaotisches Haus und Vicky saß, mangels Alternative, weil das Bücherregal schon abgebaut war, reglos hinter der Küchentür und tat so als wäre sie gar nicht da.
‚Ob ich das auch mal versuchen sollte? ‘ Bei diesem Gedanken musste er grinsen, straffte die Schultern und ging endlich hinein.

„Hey, da bist Du ja endlich!“ begrüßte ihn atemlos der rothaarige Wirbelwind, der zusammen mit Nelson auf dem Dielenlaminat um die Ecke geschlittert kam.
„Du hast versprochen mit uns Verstecken zu spielen!“
„Molly, ich….“
Die Fünfjährige imitierte ihre resolute Mutter, stemmte die Hände in die Hüften und schaute ihn streng an.
„NEIN! Keine Ausreden mehr! Morgen gehst Du weg und Du hast versprochen vorher noch einmal mit mir und Nelson Verstecken zu spielen!“
„Es heißt: mit Nelson und mir…“
„Okay!“
Die Kleine strahlte ihn an. „Du musst uns suchen. Komm Nelson!“ Und schon waren Kind und Hund wieder um die Ecke verschwunden.

„Vielen Dank für das Gespräch!“ grummelte er vor sich hin.
„Du musst bis 100 zählen! Ich höre gar nichts?!“
„Ja, schon gut! Eins, zwei, drei…“ Laut zählend stieg er erschöpft die Treppe nach oben, um sich kurz die Hände zu waschen und seine Jeans gegen bequeme Trainingshosen zu tauschen.
Als er wieder im Untergeschoss ankam, zählte er immer noch laut: „Neunzig, einundneunzig, zweiundneunzig….“ und schlurfte in die Küche, um dort nach Kind und Hund und einem Glas Wein oder wenigstens einer Flasche Bier zu suchen.

Außer zwei großen hölzernen Umzugskisten, einer Handvoll Wollmäusen und einem herrenlosen Kabel, das von der Wand baumelte, fand er jedoch nichts.
‚Auch gut, dann gibt’s eben keinen Alkohol. Ist eh besser für die Leber…‘ brummte er und ging weiter in Richtung Wohnzimmer, das im Gegensatz zur Küche fast vor Kisten überquoll.
Außerdem lag hier auch noch ein alter kuscheliger Teppich, um den Hundekorb von Nelson zu ersetzten, der auch schon in einer der Kisten verstaut worden war. Bei genauerem Hinsehen entdeckte er die Dogge allerdings nicht auf dem Teppich sondern drunter, so dass nur noch das Hinterteil herausschaute.
‚Hab ich Dich! ‘ freute er sich laut und vertraute darauf, dass sich Molly irgendwie verraten würde, doch das kleine Mädchen gab keinen Mucks von sich.

Das konnte ja heiter werden. Musste er jetzt etwa hinter jede Kiste und in jedem Winkel suchen?
Und wieso war die Kiste, die in der Mitte des Zimmers stand noch nichts verschlossen? Der Chef der Möbelpacker hatte ihm doch beim Gehen versichert, dass alles für den morgigen Abtransport fertig war.
Genervt bahnte er sich einen Weg durch das Chaos, um die Kiste zu verschließen, doch zum Glück warf er noch einen Blick hinein, bevor er den Deckel auflegte, denn in der Kiste lag zusammengerollt seine kleine Patentochter und schlief friedlich.

Lächelnd betrachtete er das kleine Mädchen, zückte kurzentschlossen sein Handy, um diesen Moment für immer festzuhalten und legte dann vorsichtig den Deckel quer über die Kiste, damit Molly noch gut zu sehen war, er sie aber andererseits auch nicht aufweckte. Diesen kurzen Moment der Ruhe hatte er sich nun wirklich verdient!

Erschöpft, aber sachte ließ er sich auf den Kistendeckel nieder, baumelte mit den Beinen, lauschte den leisen Atemzügen von Molly und grinste stillvergnügt in sich hinein.
Als dann auch noch mit einem Satz Vicky auf die Kiste sprang, sich schnurrend an seinen Rücken schmiegte, als wolle sie ihm für die himmlische Ruhe danken und Nelson leise anfing zu schnarchen, war er entspannt wie selten in den letzten Tagen und murmelte leise aber entschlossen mit ein klein wenig Wehmut in der Stimme: ‚Auf zu neuen Ufern…‘

* * * * * * * * * * * * * * * * *


Inspiriert wurde diese kleine Geschichte durch ein Foto, trotzdem sind Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen rein zufällig und absolut unbeabsichtigt!
Gesamter Text © Herba für ‚Unkraut vergeht nicht…oder doch?‘
Bitte nicht ungefragt zitieren oder weiterverwenden!!!

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13 Antworten zu Auf zu neuen Ufern

  1. guylty schreibt:

    Schöne Geschichte. Und mir fällt auch glatt ein Foto ein, dass dafür schön passen würde 😉

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  2. cRAmerry schreibt:

    Feine Geschichte Herba 🙂

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  3. cRAmerry schreibt:

    @guylty: aber deine Abkömmlinge habe schon eigene Betten, oder?

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  4. Herba schreibt:

    @Guylty: Danke. Alles andere hätte mich bei einer Frau vom Fach auch gewundert 😀

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  5. Herba schreibt:

    Danke schön!

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  6. Hedgehogess schreibt:

    *g* Wenn dich Fotos zu Geschichten inspirieren, darf es ruhig noch ein paar gestellte Wir-tun-so-als-wären-wir-Schnappschüsse geben. 😉

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  7. Herba schreibt:

    Inspiration ist eigentlich bis jetzt nie das Problem gewesen, aber ich hab auch nichts gegen ein paar mehr Bilder, von daher: Als her damit! 🙂

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  8. silke lion schreibt:

    Danke für die schöne Geschichte-da kann dieser Tag nur gut werden ;-).

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  9. Herba schreibt:

    Nichts zu danken 🙂

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  10. Hariclea schreibt:

    Danke sehr, wie schon es zu lesen und du hast es so geschrieben dass es total in Farbe in meinem Kopf gespielt hat 🙂 suss das Katzchen und das Madel naturlich auch 🙂 Und schon die Vorstellung dass man die beiden Hund und Katze mitnehmen kann…. hat mich sehr am meine 2 Umzuge erinnert, wo nichtmal eine Pflanze mitkommen konnte und nur von Kartonkisten umzingelt zu sein ist nicht sehr aufbauend. Aber meist bringt der neue Anfang auch was Neues 🙂

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  11. Herba schreibt:

    Danke für das Lob Hari!
    Ob es eine wirklich gute Idee ist, Katze und Hund mitzunehmen, wird sich noch zeigen, aber der Herr hat nichtmal drüber nachgedacht beide zurückzulassen – auch wenn er und Vicky nicht immer so toll miteinander auskommen 😉
    Falls es Dich interessiert, wie der junge Mann zu seinen Haustieren gekommen ist, kannst Du das hier nachlesen: https://minorherba.wordpress.com/2013/10/14/bloody-cat/ 😀

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  12. Hariclea schreibt:

    Danke seher ideal fur die morgendliche Zugreise 🙂

    Gefällt 1 Person

  13. Pingback: Entspannt am Strand | Unkraut vergeht nicht….oder doch?

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