War Horse (National Theatre London live)

Am letzten Donnerstag war es mal wieder Zeit für eine weitere Live-Übertragung des National Theatre London im Kino meines Vertrauens und dieses Mal stand das erfolgreiche Stück ‚War Horse‘ nach dem gleichnamigen Roman von Michael Morpurgo auf dem Programm.

Ted Narracott (Steve North) schnappt seinem Bruder Arthur (Tom Hodgkins) bei einer Auktion im Dorf ein Pferd vor der Nase weg.
Joey, wie Teds Sohn Albert (Sion Daniel Young) das Fohlen nennt, ist nicht für die Farmarbeit geeignet, wird aber der beste Freund von Albert.
Als der 1. Weltkrieg ausbricht, verkauft Ted Joey als Kavalleriepferd für 100 Pfund an die Armee.
Joey erlebt nun die Schrecken des Krieges und Albert sehnt sich verzeifelt nach seinem Pferd.
Werden sich die beiden wiedersehen?

Ich kannte die Geschichte bereits durch den gleichnamigen Film und war auf die Bühnenumsetzung mehr als gespannt.

Das Bühnenbild ist sehr, sehr reduziert. Es steht höchstens mal eine Tür auf der Bühne, Zäune werden von Ensemblemitgleidern dargestellt, die Stöcke in der Hand halten und auch die Kostüme sind in gedeckten Farben gehalten, so das eine düstere Stimmung auf die Bühne gezaubert wird, die bedrückend wird, sobald der 1. Weltkrieg beginnt.
Über der Bühne ist ein überdimensional großer Papierfetzten befestigt, der als Projektionsfläche für Hintergrundinformationen und Bilder zum Stück genutzt wird. Das hat mir wahnsinnig gut gefallen.

Die Schauspieler fand ich alle sehr gut, auch wenn einige etwas schwer zu verstehen waren.
Joey wird zuerst von einer kleineren Puppe dargestellt, die von drei Puppenspielern der Handspring Puppet Company bedient wird. Das hat für mich nicht so wahnsinnig gut funktioniert, aber je länger das Stück dauerte, desto mehr konnte ich die Puppenspieler vergessen und aus der Puppe wurde ein richtiges Tier, das sich genauso verhält wie ein lebendes Pferd. Das nennt man wohl die Magie des Theaters und ich kann vor allen Beteiligten nur den Hut ziehen.

Ein wichtiger Punkt, um die richtige Atmosphäre zu schaffen, war der Sound. Immer wieder stand ein Ensemblemitglied auf der Bühne und sang Lieder in der Art von irischen Volksweisen, die wunderschön waren, aber auch Wehmut und Trauer verbreiten.
Natürlich gab es dann auch Kriegsgeräusche und spätestens wenn man das Wiehern von schwer verletzten Pferden hört, bekommt man Gänsehautund der Schrecken und das Leid des Krieges wird spürbar.

Genau das wollte Michael Morpurgo mit seinem Buch erreichen. Es ging ihm nicht um die Politik, die zum Ausbruch des Krieges führte, sondern er wollte das Elend zeigen, das alle Beteiligten, egal auf welcher Seite sie standen, erleben mußten.
Dies erzählte der Autor in der Pause des Stückes und auch, dass er in Berlin war und mit dem deutschen Ensemble gesprochen hat, das im Theater des Westens eine deutsche Version des Stückes auf die Bühne bringt.
Er sagte, als ihm in diesem Theater bewußt wurde, dass sowohl der deutsche Kaiser als auch Hitler dort eine Loge besaßen, konnte er die Gegenwart der Geschichte wirklich spüren, was ihn sehr berührt hat.

Obwohl die Geschichte sehr tragisch ist, haben meine Begleitung und ich auch viel gelacht.
Dass lag zum einen am englischen Sergeant Thunder, der seinen Rekruten seine Version von Französisch beibrachte, das ungefähr so gut wie mein Französisch ist und ich kenne definitiv nicht mehr als fünf Wörter.
Zum anderen lag es an den deutschen Soldaten, die mit breitem Akzent Englisch sprachen und teilweise wie eine schlechte Hilterparodie auf uns wirkten.
Als dann ein schwarzer deutscher Soldat auftauchte, war dann alles vorbei und wir kicherten mindestens fünf Minuten vor uns hin – mittlerweile habe ich gelernt, daß ein schwarzer deutscher Soldat zu dieser Zeit durchaus im Bereich des Möglichen lag, weil Deutschland 1914 immer noch im Besitz seiner Kolonien war. Lustig war es trotzdem…

Insgesamt waren die drei Stunden, die dieses tolle Stück dauerte, viel zu schnell vorbei und ich kann nur jedem, der die Gelegenheit bekommt, es live auf der Bühne zu sehen, dazu raten, diese Gelegenheit zu nutzen. Es lohnt sich!!!

Die Seite des National Theatre zu ‚War Horse‘

Der Trailer zum Stück

Ein weiterer Trailer zum Stück (nicht mit der Besetzung, die ich gesehen habe)

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4 Antworten zu War Horse (National Theatre London live)

  1. Miss Emms schreibt:

    Finde ich ja sehr cool, dass es bei dir ein Kino gibt, das Theaterstücke live überträgt! An das habe ich noch gar nicht gedacht – muss ich mal bei mir in der Stadt schauen, sollte es doch auch hier geben. War Horse interessiert mich theoretisch schon auch, aber ich habe ein sehr schwaches Tierherz und scheue mich immer davor den Film zu schauen, sobald ein Tier mitspielt (ja, ich weiß – nicht echt; trotzde-hem). Empfehlung?

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  2. Herba schreibt:

    Mittlerweile übertragen Kinos in mehreren großen deutschen Städten die National Theatre Live Übertragungen, einfach mal nachfragen oder auf der Homepage des National Theatre live nachschauen, da kann man sich die deutschen Standorte anzeigen lassen (Link dazu findest du in meinem Blog rechts nach ‚Seiten auf denen ich gerne vorbeischaue‘ und ‚Top Beiträge & Seiten‘.
    Ich kann mich leider nicht mehr erinnern, wie blutig der Film wirklich war, aber wenn Du zartbesaitet bist, was das angeht, solltest Du ihn vielleicht lieber nicht anschauen.

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  3. Miss Emms schreibt:

    Danke dir, ich mache mich mal schlau. Nein, zartbesaitet bin ich nicht, aber bei Tieren mache ich schnell einen Strich.

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  4. Herba schreibt:

    Mach das, ich hab echt in den letzten zwei Jahren tolle Stücke sehen können.

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