Coriolanus (National Theatre London live)

Letzten Donnerstag gab es im Kino meines Vertrauens mal wieder eine Live-Übertragung des ‚National Theatre London‚ und obwohl Stücke von Shakespeare nicht unbedingt zu meinem Lieblingstheaterprogramm gehören, schaute ich mir mit netter Begleitung die Inszenierung des Donmar Warehouse von ‚Coriolanus‚ an.
 

Cajus Marcius ist ein patrizischer General im frühen Rom, der wegen seiner Tapferkeit in der Schlacht um die Stadt Corioles den Beinamen Coriolanus erhält und zum Konsul gewählt werden soll.
Doch als der stolze und arrogante Mann auf dem Marktplatz erscheint, um das Volk von seiner Wahl zu überzeugen, weigert er sich ihnen seine Wunden zu zeigen, was bei vielen für Missmut sorgt.
Letztendlich schafft es Cajus Marcius aber doch und wird gewählt. Doch die Freude des neuen Konsuls hält nicht lange, denn zwei Volkstribune, die sich vor der neu gewonnenen Macht des Coriolanus fürchten, überreden die Plebejer ihre Stimmen zurückzuziehen und Coriolanus den Konsul-Titel wieder abzunehmen.
Coriolanus zeigt daraufhin wenig politisches Geschick, beschimpft die Volkstribune und Plebejer und wird daraufhin schließlich auf Lebenszeit aus Rom verbannt…

Das Donmar ist kein als Theater geplanntes Bauwerk, sondern eine ehemalige Fabrikhalle, die zum Theater umfunktioniert wurde. Das sorgt für ein ganz besonderes Flair und der Zuschauer ist sehr nah am Geschehen dran.
Die hohen, trist grauen Wände nutzt die Regisseurin Josie Rourke für ihre Inszenierung des klassischen Dramas, um eine minimalistische Kulisse zu schaffen, die nur durch eine Leiter, ein paar Stühle und farbigen Strichen auf dem Boden der Bühne etwas aufgewertet wird.
Auch die Kostüme in dunklen Farben, die nicht klassisch römisch, aber auch nicht komplett modern sind, sind sehr reduziert und so ruht der Fokus des Zuschauers unweigerlich auf den Schauspielern und ihren Darstellungen.

Tom Hiddleston spielt den römischen Feldherren Cajus Marcius Coriolanus beeindruckend physisch (er hat sich für die Rolle circa 15 Kilo Muskelmasse antrainiert), um im nächsten Moment leise Töne anzuschlagen oder mit seiner Mimik für einige Lacher zu sorgen.
Hiddles hat mich mit seiner Performance wirklich mehr als umgehauen, denn auch über die Kinoleinwand ist seine unglaubliche Bühnenpräsenz spürbar und er gibt dem arroganten Patrizier so viel Menschlichkeit, dass ich einfach mitgelitten habe, ihn schütteln wollte, als er sich weigert seine Wunden zu zeigen und dann unweigerlich kurz vor Ende des Stückes mit seinem Coriolanus zusammen feuchte Augen bekommt, weil es keine Hoffnung mehr gibt.
Was mir aber auch sehr gut gefallen hat, ist das Augenzwinkern, dass er in manchen Szenen seiner Figur verleiht.
Wenn er im weißen ‚Nachthemd‘ auf dem Marktplatz Grimassen schneidet oder zerknirscht einlenkt, als seine ergeizige Mutter ihn zurechtweist, muss man unweigerlich lachen.

Deborah Findlay, die Coriolanus Mutter Volumnia spielt, hat mir auch sehr gut gefallen. Die Frau ist ein echter Eisklotz und das, was man wohl heutzutage guten Gewissens eine Eislaufmutter nennen würde.
Ohne Mitleid freut sie sich über jede Wunde, die ihr einziger Sohn auf dem Schlachtfeld davonträgt und erklärt auch immer wieder, dass ihr Sohn besser im Kapmf stirbt, als seinen hochgestellten Platz in der Gesellschaft zu verlieren.
In ihrer Gegenwart wird dann auch der arrogante Patrizier schnell handzahm tut das, was die Mutti möchte, auch wenn das schließlich zu seinem Untergang führt.

Die beiden Schauspieler, die für mich ansonsten noch aus dem hervorragenden Cast herausstachen waren Mark Gattis als Coriolanus väterlicher Freund Menenius und Hadley Fraser als Coriolanus Erzfeind Aufidius – beide großartig in ihren Rollen, weil sie sowohl ernst als auch komisch agierten und somit Tom Hiddleston in nichts nachstanden.

Insgesamt kann ich sagen, dass mir das Stück wahnsinnig gut gefallen hat und Shakespeare damit wieder ein paar Punkte bei mir gut machen konnte.
Denn obwohl auch dieses Stück sehr tragisch und blutig ist und ich nach wie vor kein wirklicher Fan von Shakespeares ganz eigener Sprache bin, so fand ich die Geschichte doch wesentlich leichter anzuschauen, als zum Beispiel MacBeth, wo es gar keine lustigen, sondern nur düstere Szenen gibt, was für mich als Zuschauer schon sehr schwer verdaulich ist.

Und auch die Aktualität des Themas finde ich bemerkenswert, denn obwohl Coriolanus ein guter Soldat ist, fehlt ihm völlig das politische Geschick des Schönredens und so kann er seine verdiente Stellung innerhalb der römischen Gesellschaft nicht festigen, auch wenn er den nötigen Sachverstand besitzt – in unserer Gesellschaft, wo mehr Wert auf den Schein als auf das Sein gelegt wird, aktueller denn je!!!

Der würdige Schlußsatz für das Event, der zeigt, dass an dem Abend nicht nur Kultur genossen, sondern auch etwas gefangirlt wurde und den ich hier festhalten möchte, stammt von meiner Begleitung:
„Hach, ich wäre so gern seine Mutter, wenn er sie nach ihrem hysterischen Anfall so lieb umarmt!“

Tja Poe, da kann ich Dir nur zustimmen und ‚Danke‘ sagen für einen wiedermal rundum gelungenen Abend 105
Und Pös Eindrücke zum Stück könnt ihr hier nachlesen.

Die Seite des National Theatre zu ‚Coriolanus‘

Zwei Videos bei Youtube zum Stück:

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13 Antworten zu Coriolanus (National Theatre London live)

  1. diepoe schreibt:

    Hahaha 🙂 Ja, ich würde auch wirklich mit Absicht erstmal einen hysterischen Anfall bekommen! 🙂

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  2. Herba schreibt:

    Du Luder Du! 😆

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  3. diepoe schreibt:

    😛

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  4. Herba schreibt:

    Pack die Zunge wieder ein, in Deinem Alter kann sowas zu schweren Erkältungserkrankungen führen *schimpf*

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  5. diepoe schreibt:

    Ja, ja, ja…. hab meinen Post auch grad online gestellt und Dich verlinkt!

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  6. Herba schreibt:

    Oh toll, dann kann ich Dich auch verlinken

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  7. Perry schreibt:

    I saw it, too on Thursday and have been working, intermittently on my own little piece, addressing just a few parts. We agree, it seems, on how wonderful it was ( assuming Google translated well enough). I also thought the supporting cast was marvelous, especially Deborah FIndlay and Mark Gatiss, but really, all. Unfortunately, the part of the wife, Virgilia, was so marginalized that I can’t really make an assessment of that performance. What do you think?

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  8. Herba schreibt:

    Thanks for the comment Perry!
    For me Virgilia never had a chance to shine beside Volumnia, because Coriolanus mother is such a dominant person. But I liked the chemistry between Hiddleston and Sørensen in the short scences they had together

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