(Tag)träume und Phantomgeräusche

Mein persönliches Kopfkino, das Tagträume und vermutlich auch Nachtträume produziert, funktioniert in mehreren Varianten:

Variante 1:
Ich habe gerade mal einen ruhigen Moment, z.B. beim Pendeln in der Bahn und um mir die Zeit zu vertreiben, schmeiße ich meine Phantasie an und erzähle mir selbst eine Geschichte, spinne den letzten Traum, den ich hatte oder eine Buchstory weiter, sowas in der Art halt.

Variante 2:
Meine Phantasie macht Überstunden und egal ob ich gerade beschäftigt bin oder nicht, mir kommen ständig irgendwelche Ideen und ich kann das auch nicht abstellen.
Wenn ich ein Notizbuch mit mir rumschleppen würde, wäre das die Zeit, wo ich quasi ständig am Schreiben wäre und am Tag mindestens zehn verschiedene Geschichtsfetzen reinkritzeln würde.

Variante 3:
Mein Kopfkino streikt und tut weder gewollt noch ungewollt irgendwas.
Das ist manchmal ganz gut so, weil ich einfach zu erledigt bin, um mich auch noch mit meiner Phantasie auseinanderzusetzten und manchmal könnte ich eine Portion Realitätsverlust gebrauchen und dann ist es natürlich doof, wenn das kopfeigene Kino ausser Betrieb ist.

Nach dem Tod meines Vater war mein Kopfkino fast ein halbes Jahr lang außer Betrieb, vermutlich weil ich da alle Kraft zum einfach nur Funktionieren brauchte.

In meiner Jobumbruchsphase funktionierte es auch mal zeitweise nicht wirklich, aber seit letzter Woche läuft es wieder auf Hochtouren (YEAY!) – auch ungefragt (eher NEAY!).

Dabei kommen ganz alltägliche Begebenheiten heraus, aber auch ziemlich abgedrehtes Zeugs (ich teile mein Lieblingseis mit einem meiner Lieblingsschauspieler und wir schauen zusammen eine DVD…….und dabei dachte ich, der Betreffende wäre gerade auf dem absteigenden Ast bei mir – so kann frau sich täuschen).

Und auch wenn ich mich eigentlich nie drüber freue, wenn ich das Ganze nicht abstellen kann, bin ich gerade wegen meiner beruflichen Situation über jede Aufmunterung dankbar!

Das andere Phänomen, mit dem ich mich auseinandersetzte sind Phantomgeräusche, also Geräusche, die gar nicht da sind.

Ich glaube, ich habe hier schon länger nichts mehr über meinen Vater geschrieben und für manchen der regelmäßigen Leser mag das so scheinen, als wäre das Thema abgehakt, aber so ist es ganz und gar nicht.
Es ist nur so, daß mir emotional seit längerem die Kraft fehlt, mich mit dem Verlust, den ich nach wie vor ganz stark spüre und der Trauer auseinanderzusetzen, weil ich nicht weiß, ob ich mit meinem Alltag einfach weitermachen kann, wenn ich die Schleußen öffne und bestimmte Gefühle zulasse.

Und als würde mir das Universum eine Botschaft schicken und mir mit erhobenem Zeigefinger klarmachen, daß man bestimmte Dinge einfach nicht für immer unterdrücken kann, höre ich seit letzter Woche Phantomgeräusche.

Was das ist?
Nun ja, mein Vater hatte zum Beispiel einen ganz charakteristischen Schlüsselbund, der auf eine ganz bestimmte Art klapperte, wenn er damit eine Tür aufschloss oder in seiner Hosentasche nach etwas suchte.
Der Schlüsselbund existiert auch noch, aber von der Schublade aus, wo wir ihn aufbewahren ist es unwahrscheinlich, daß er klappert und doch höre ich das zur Zeit regelmäßig.
Außerdem höre ich die Schritte meines Vaters auf der Treppe und andere Geräusche, die für ihn ganz typisch waren…

Falls jetzt ein Leser denkt, daß ich langsam ganz durchdrehe (wobei ich mich dann fragen würde, wieso man erst jetzt auf diese Idee kommt 😉 ), kann ich beruhigend sagen:
Nein, ich drehe nicht durch.
Nein, ich glaube auch nicht daran, daß mein Vater durch unser Haus geistert.
Ich glaube wie gesagt an eine Botschaft des Universums, die sagt:
Es ist okay, Dinge für eine Zeit zu verdrängen, aber vergrab es nicht ganz!
Lass die Trauer zu und gib einen gepflegten Hosenknopf darauf, ob Du jemanden verschreckst, weil Du eben doch mal in der Öffentlichkeit feuchte Augen bekommst!

Und so ungern ich das zugebe, vermutlich hat das Universum damit sogar Recht *seufz*
Ich weiß zwar noch nicht, wie ich die Botschaft für mich letztendlich umsetzten werde, aber irgendwas werde ich mir einfallen lassen.

Und um die Geräuschkulisse für mein Hirn komplett zu machen, hat mich diese Woche das Lied ‚Wake me up‘ begleitet.
Einmal weil ich es mag und zum anderen weil diese Textzeilen einfach gerade so passend sind.

„…Wake me up when it’s all over
When I’m wiser and I’m older
All this time I was finding myself
And I didn’t know I was lost…“

Ich wünsche euch allen einen guten Start in die Woche – paßt auf euch auf!!!

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14 Antworten zu (Tag)träume und Phantomgeräusche

  1. Ute schreibt:

    Danke, dass du hier so offen über deine persönlichen Empfindungen schreibst, besonders was die Trauer um deinen Vater angeht.

    Meine Mutter ist seit mittlerweile fast zwölf Jahren tot und ich dachte, dass ich die Trauer mittlerweile überwunden hätte (auch meinen Zorn auf sie), aber machmal sitze ich im Bus, schaue aus dem Fenster und denke, ist sie da gerade entlanggegangen? Dann senke ich meinen Kopf (zum Glück sind meine Haare wieder länger, so dass man mein Gesicht nicht sieht), aber wenn es doch jemand mitbekommt und ich ein nettes Wort erhalte, ist mir das mittlerweile nicht mehr peinlich.

    Ich persönlich habe für mich gemerkt, dass dieses „Aufarbeiten“ (was ist das eigentlich, so wie Fehlzeiten und Papierstapel am Arbeitsplatz, und dann weg damit?) so nicht funktioniert, trotz jahrelanger Therapie.

    Deshalb, die persönliche Botschaft wird schon bei dir ankommen, und wer sagt denn, dass es nur eine sein muss?

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  2. diepoe schreibt:

    Das Universum hat da auch vollkommen recht. In einer neuen Arbeitsituation und in anderen Situationen verdrängt man solche Sachen ja nicht mal absichtlich, sondern ich glaube, man macht das in diesen Momenten unterbewusst und weg ist der Gedanke an einen lieben verstorbenen Menschen nie!

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  3. nettebuecherkiste schreibt:

    Ich habe vor Kurzem etwas anlässlich des keltischen Samhain- bzw. christlichen Allerheiligenfestes bei einer Bloggerin gelesen, die professionell im esoterischen Bereich tätig ist, aber bei allem, was ich von ihr weiß, trotzdem sehr down-to-earth ist (http://holunderhexe.wordpress.com/). Für solche Menschen ist das vielleicht auch ein Prädikat. Jedenfalls hat sie davon erzählt, das ganz viele Menschen solche Erfahrungen in Bezug auf Verstorbene machen und es oft als Trost der Verstorbenen empfinden. Ich selbst habe durchaus einen gewissen Hang zum Esoterischen, kann aber nicht wirklich daran glauben. So gerne ich es möchte. Ich wünsche mir, ich könnte es. Jedenfalls, mit dieser Erfahrung bist du nicht allein und ich möchte dich ermutigen, es als positives Signal zu interpretieren. Vielleicht will dein Vater dir sagen, dass alles gut ist. Falls das so gar nicht dein Ding ist, entschuldige ich mich hiermit. Ich bin da wie gesagt selbst sehr zwiegespalten. *drück*

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  4. Herba schreibt:

    Danke fürs Lesen und Kommentieren! Ich kommemir immer etwas „doof“ vor, wenn ich solche Posts schreibe, aber manchmal muss es einfach raus…
    Vermutlich überwindet man es nie so ganz *seufz*

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  5. Herba schreibt:

    Das ist wahr – irgendwie sind sie doch immer bei einem

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  6. Herba schreibt:

    Vielleicht ist das genau mein Problem: Das ich irgendwie nicht dran glauben kann, so gerne ich es möchte…
    Auf jeden Fall ist es gut zu wissen, daß es anderen auch so geht, da komme ich mir gleich ein bißchen weniger versponnen vor – vielen Dank! :*

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  7. Servetus schreibt:

    Ich hatte diesen Post aufbewahren, um es später zu kommentieren, tut mir leid wg. des späten Kommentars. Ich habe das auch, mit dem Stocken der Phantasien zu verschiedenen Zeitpunkten, und in letzterer Zeit Phantomwahrnehmungen (nicht Geräusche), die ich nicht erklären kann, woran ich gleichzeitig glaube und nicht glaube. Ich frage mich, wann das wieder „besser“ wird und erfahre allerseits das Antwort: „eigentlich nie.“ Auf jedenfall sei von mir ganz warm umarmt.

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  8. Pingback: me + grief + dad + inheritances | Me + Richard Armitage

  9. Herba schreibt:

    Das macht doch nichts, manchmal braucht man eben, bis man seine Gedanken ausdrücken kann.
    Nach meinen Erfahrungen mit Weihnachten und Neujahr (dieses Mal viel schmerzlicher als das erste Mal ohne meinen Vater) ‚fürchte‘ ich auch, daß das nie besser wird, vielleicht einfach nur anders…
    Danke für die Umarmung und das Mitfühlen!!!

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  10. Herba schreibt:

    I hope writing down all of this helped a little!!!
    Send you a big virtual hug. Hang in there and take care!!!

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  11. Servetus schreibt:

    Thanks — it did. Sometimes just listening the worries and reminding myself that I am coping (better in some ways than I used to) helps.

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  12. Herba schreibt:

    I am glad to hear that!!!

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  13. Pingback: Ein verschollenes Buch, ein nützliches Weihnachtsgeschenk und Richard Armitage | Unkraut vergeht nicht….oder doch?

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