Betriebsstörung

Ich pendle nun fast seit 13 Jahren mit der Bahn zur Arbeit und verbringe circa 2 Stunden am Tag in öffentlichen Verkehrsmitteln.

Das ist im Vergleich zu anderen Kollegen noch wenig, aber anstrengend ist es trotzdem manchmal.

Und besonders liebe ich das Wort ‚Betriebsstörung‘.
Dahinter kann sich von der Bombendrohung über Personen auf den Gleisen bis zu einem tödlichen Unfall alles verstecken und als Pendler heißt dieses Wort, dass man sinnlos irgendwo in der Gegen herumsteht und sich im besten Fall über die lustige Informationspolitik der Verkehrsbetriebe amüsiert.

Ich bin jemand der sich in diesen Situationen früher geärgert hat und der mittlerweile bei einem Stadium des Schulterzuckens angekommen ist….irgendwie und irgendwann bin ich schließlich bis jetzt immer daheim angekommen.

Heute war für mich ein ganz normaler Arbeitstag, an dem ich nach Feierabend in die U-Bahn gestiegen bin, um in die Innenstadt zu fahen, wo ich am Hauptknotenpunkt für den öffentlichen Nahverkehr in eine S-Bahn umsteige.

Nachmittags wenn viel auf den Straßen los ist, kann das Umsteigen etwas knapp werden, also bin ich forsch aus der U-Bahn ausgestiegen, die Rolltreppe hochgelaufen und kam genau richtig am Gleis an, als meine Bahn einfuhr.
Der Bahnsteigbereich in dieser Station ist recht eng, besitzt eine niedrige Decke und wird auf beiden Seiten von Gleisen eingefaßt.

Ich suchte mir gerade einen Platz, als auf dem anderen Gleis eine Bahn in die andere Richtung angekündigt wurde und konnte zusehen, wie sich die Menschen, die dort warteten näher zum Gleis bewegten.

Zu Stoßzeiten herrscht da immer sehr viel Gedränge und leider sind wir Deutschen weit weniger diszipliniert, als zum Beispiel die Engländer, wo weder gerempelt noch gedrängelt wird.
Daher wunderte es mich auch nicht, als ich einen kurzen Aufschrei einer Frau hörte….ich bin einfach davon ausgegangen, daß jemand umgerempelt wurde und gefallen ist.

Aber dann erstarrte alles, die Menschen am Bahnsteig bewegten sich kollektiv einen Schritt zurück und dann bewegte sich auch schon ein Angestellter der Bahn in die Richtung aus der der Schrei gekommen war.

Auch in meiner Bahn waren die Mitreisenden, die das Drama mitbekamen wie erstarrt.
Waren wir wirklich gerade Zeuge eines Unfalls geworden???

Dass innerhalb von Minuten der komplette S-Bahnverkehr eingestellt wurde und ich erst nach einer ziemlichen Odyssee daheim ankam, spielt heute keine Rolle.

Während des Heimwegs kreiste nur in meinem Kopf:
War es ein Unfall? Wurde jemand gestoßen? Ist jemand gesprungen?

Mittlerweile weiß ich, dass eine 44jährige Frau ihrem Leben ein Ende gesetzt hat und die Polizei Fremdverschulden ausschließt.

Was bringt jemanden dazu, seinem Leben ein Ende zu setzten?
Wie verzeifelt oder krank muss ein Mensch sein, um diesen Schritt zu gehen?
War es ein Kurzschluss? Oder von langer Hand geplannt?

Und wieso stürzt man in seiner Verzweiflung andere Menschen mit ins Unglück?
Die Person am ‚Steuer‘ der Bahn, die umstehenden Menschen, die Zeuge werden müssen (Ich rede nicht von mir, ich habe ja zum Glück nichts gesehen)…

Ich habe keine Antworten auf all diese Fragen und trotz dieses wortreichen Posts finde ich nicht die richtigen Worte…

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19 Antworten zu Betriebsstörung

  1. Cat Crawfield schreibt:

    Ach du scheiße!!!

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  2. Moxica schreibt:

    Manoman, da hattest du echt einen krassen Tag und Gott sei Dank hast du nicht direkt gesehen, wie es passiert ist. Solche Bilder bekommt man nie wieder aus dem Kopf.
    Die Fragen, warum man sich umbringt, wie krank man sein muss usw., könnte ich dir beantworten, aber wenn man selbst noch nicht in so einer Situation war, kann man es nicht nachvollziehen. Und „krank“ fühlt man sich dann nicht, das ist meist das Problem, wenn das Hirn nicht richtig funktioniert: man fühlt sich nicht krank.
    Was jetzt doof klingt, aber bei mir so ist: ich bewundere fast schon Menschen, die es „gut“ geschafft haben aus ihrem Leben auszutreten. Ich habe sogar dabei versagt (wenn das mal nicht den Voll-loser ausmacht, der noch nicht mal das schafft). Aber als gut bezeichne ich, dass man es auf Anhieb geschafft hat und vor allem, ohne andere Menschen zu involvieren, denn sowas finde ich extrem asozial. Klar, auch ein gelungener Suizid muss von Polizisten, Ärzten, Angehörigen aufgenommen werden, aber ich finde es einfach total daneben, dass man bewusst andere Leute einbaut. Bei jemandem, der vor die Bahn springt, ist es so: mindestens eine Person (der Zugführer) hat danach einen seelischen Schaden. Noch schlimmer sind die Selbstmörder, die auf der Autobahn wenden und dann als Geisterfahrer einen Unfall bauen, bei dem noch weitere Menschen sterben.
    Zu deinem heutigen Erlebnis: warum macht eine Person das um so eine Uhrzeit und nicht nachts um 1, wenn kaum einer es miterleben müsste? Soll das eine Denkzettel oder Racheakt sein für die Gesellschaft, die die Person zu der Tat gebracht hat? Und dann auch noch dort, an so einem belebten Bahnhof? Finde ich echt schlimm.
    Ich hoffe sehr für dich, dass du nicht mehr zu lange daran denken musst und es dich nicht zu sehr deprimiert. Falls du ein offenes Ohr brauchst, ich bin für dich da! 🙂

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  3. Ute schreibt:

    Oh mein Gott, Herba, das tut mir so leid…

    ich bin mal zwei Jahre lang mit Bahn und U-Bahn zur Arbeit gependelt, war einfach eine Katastrophe (Auto fahren zwar auch, immer im Stau), konnte nie verstehen, warum auf einer Hauptverkehrsstrecke morgens um halb sieben Uhr der Zug schon brechend voll ist, obwohl an jeder haltestelle noch jede Menge Leute zusteigen. Einmal war ich mit meiner Tochter zusammen unterwegs (ich zur Arbeit, sie zur Berufsschule), da hatten wir auch eine „Betriebsstörung“, zwei Tote neben den Gleisen, ich war so dankbar, dass meine Tochter das nicht gesehen hat, ich schon…

    Persönlich kann ich auch nicht verstehen, was Menschen dazu bewegt, ihren Tod so öffentlich zu machen (dass jemand so verzweifelt ist, seinem Leben ein Ende zu setzen schon, habe selber einen Suizid in der Familie erlebt und mich davon und besonders auch von der Art und Weise selbst nach elf Jahren noch nicht erholt), vielleicht ist einem ab dem „point of no return“ einfach alles egal…

    Die armen Zugführer tun mir wirklich leid, manche können dieses Trauma einfach nicht überwinden und werden sogar erwerbsunfähig. Ich hoffe, Du hast nicht allzuviel davon mitbekommen und kannst die ganze Sache möglichst schnell „vergessen“.

    Klingt banal, aber trotz allem eine gute Nacht…

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  4. Herba schreibt:

    Ja, das faßt es ziemlich gut zusammen!

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  5. Herba schreibt:

    Ja, ich bin auch echt froh, daß ich wenigstens nichts gesehen habe, der Schrei verfolgt mich sowieso schon genug.
    Dass man diese Gedankengänge, die da in so einem Menschen vorgehen als Gesunder nicht nachvollziehen kann, glaube ich auch….wie man es dreht und wendet: es ist schrecklich!
    Danke schön, daß ist sehr lieb von dir!

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  6. Herba schreibt:

    Oh Gott, dann hast Du ja in dieser Hinsicht auch schon einiges erlebt 😦

    Einen Suizid direkt im Umfeld stelle ich mir wirklich mehr als grausam vor, kein Wunder, daß man das nie ganz verarbeitet….

    Danke für Deine lieben Worte!

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  7. Andrea schreibt:

    Schrecklich, in allen Belangen. Ich denke solche Menschen sind einfach nur völlig verzweifelt. Denke es gibt eine Art Kurzschlus im Hirn…nur so kann ich mir erklären wie man sowas „schafft“ und vor allem es einem dann auch egal ist, wieviel andere man damit noch trifft. Was man bei denen auslöst. Ich kenne Jemanden, der bei den Verkehrbetrieben arbeitet und er erzählte mal wie schrecklich es im Grunde auch ist, danach alles „sauber“ zu machen. Als Pendler weiß man, es passiert viel zu oft….und selbst da bekommt man sicher nur die Spitze des Eisberges mit…..

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  8. Herba schreibt:

    Ja, man vergißt viel zu schnell wie viele Leute damit letztendlich zu tun haben, auch die Polizei, die Feuerwehr, etc. Wie man auf Dauer in so einem Job seinen Seelenfrieden behalten kann ist mir sowieso ein Rätsel 😦

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  9. diepoe schreibt:

    Scheiße! Richtig richtig scheiße!!!! Ich dachte, es hätte Probleme wegen eines Brandes gegeben. Oh Mann. Vorallem kann man sowas auch nicht so schnell vergessen.

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  10. Andrea schreibt:

    man stumpft einfach ab. muss man. ein feuerwehrmann hat mir mal erklärt, er hätte das schmerzhaft lernen müssen. aber nach etlichen berufsjahren, würden ihn wirklich nur noch sachen/unfälle mit kindern tagelang beschäftigen….und ja, eigentlich sind es wirkliche helden….

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  11. Herba schreibt:

    Ich versuche mich abzulenken, aber ich hab heute nacht extrem schlecht geschlafen und ich denke, daß mich die Stimme der Frau noch ein bißchen länger verfolgen wird :-/

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  12. Herba schreibt:

    Vermutlich ist das wirklich das Einzige, um den Job machen zu können. Und wenn Du das nicht lernst, bleibst Du vermutlich nicht dabei oder gehst dran zugrunde 😦

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  13. diepoe schreibt:

    Das glaube ich leider auch. Sowas lässt sich nicht ausblenden.

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  14. Herba schreibt:

    Egal…..Unkraut vergeht nicht 😉

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  15. Ute schreibt:

    Nicht egal, aber ein deutsches klischee, wobei Klischees auch wirklich nützlich sein können. Ich versuche nacher mal in diesem Zusammenhang eine Brücke zu Dawsey Adams zu schlagen..

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  16. nettebuecherkiste schreibt:

    Oh mann, wie furchtbar! Ich habe bei Bahnfahrten auch schon mal das Wort „Personenunfall“ hören müssen, aber das so direkt mitzuerleben… Ich musste gleich an Robert Enke denken. Wie muss es um einen Menschen stehen, damit er sich auf so grausame Art und Weise das Leben nimmt? *drück dich*

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  17. Servetus schreibt:

    I’m terribly sorry.

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  18. Herba schreibt:

    Danke Dir.
    Den gedanklichen Bezug zu Robert Enke und zu seiner Familie habe ich auch hergestellt…

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