This House (National Theatre London live)

Letzten Donnerstag (16.05.) lief im Kino meines Vertrauens mal wieder eine Live-Vorstellung des National Theatre London, die Poe und ich waren dabei und da es ja immer heißt ‚Besser spät als nie‘ kommt hier nun auch noch mein Eindruck.

Gezeigt wurde das Stück ‚This House‘ von James Graham, das auf wahre Begebenheiten in der englischen Politik in den Jahren 1974-1979 basiert.

Das British Empire steckte zu dieser Zeit in einer heftigen Wirtschaftskrise und im Unterhaus gab es keine klare Mehrheit, um eine wirklich handlungsfähige Regierung bilden zu können.
Umso nötiger war es für die beiden großen Parteien (Labour und Tories), die kleineren Parteien für Abstimmungen auf die eigene Seite zu ziehen.
Das Stück beschäftigt sich nun damit, wie solche Absprachen erreicht wurden (oder auch nicht) und was die Labour Partei alles anstellte, um ihre zwei Sitze Vorsprung, die sie teilweise hatten zu verteidigen.
Dabei konzentriert sich das Stück jedoch nicht auf berühmte Politiker wie zum Beispiel Margareth Thatcher, sondern begleitet die sogenannten Chief Whips (vergleichbar mit unseren parlamentarischen Geschäftsführern) und ihre untergebenen Whips, die quasi den politischen Parteienalltag im Parlament regeln.

Das mag vielleicht etwas trocken klingen, aber das Stück war über weite Strecken herrlich komisch und es wurde sehr viel gelacht.

Die Mitglieder der Labour Party zeichneten sich durch schlecht sitzende Anzüge in merkwürdigen Farben und Mustern aus (in den 70igern war das nichts ungewöhnliches, aber das machte die Klamotten auch nicht schöner 😉 ) und die Tories waren die gut gekleideten Herren in dunklen Anzügen, die leicht snobistisch auf die Kollegen aus der Labour Party herabblickten.

Trotzdem wurde in den Reihen der beiden Parteien getrickst, um dem politischen Gegner voraus zu sein.
Dabei kochten natürlich auch mal die Emotionen über und es wurde geflucht, geprügelt und gerne auch mal ein Mitglied einer kleineren Partei bedroht, nur damit dieses auch ja mit der ‚richtigen‘ Partei mitstimmt.
Und spätestens, wenn eine Labour-Abgeordnete ihr Neugeborenes im Whips Office stillt, die alte Tradition des Pairings ausgesetzt wird und die Uhr von Big Ben zum ersten Mal in seiner Geschichte nicht mehr funktioniert, glaubt so mancher Abgeordnete, dass der Untergang des British Empire kurz bevor steht 😆

Außerdem konnte man lernen: Gestorben wird im House of Commons unter keinen Umständen. Und sollte doch mal jemand kollabieren, wird der Totenschein eben erst im Krankenwagen ausgestellt, wenn man eine gewisse Strecke zwischen sich und das hohe Haus gelegt hat – das klingt für mich typisch britisch giggle

Das Bühnenbild hat mir sehr gut gefallen. Die beiden Büros der Whips waren zwar nur mit Klebeband auf der Bühne markiert, mit Öffnungen für die Türen, aber wo man im Kino mit immer mehr ausgeklügelter Technik bombadiert wird, ist diese Einfachheit im Theater, zumindest für mich, sehr erholsam.
Einige Zuschauer im Theater saßen mit auf der Bühne und standen für die Abgeordneten des House of Commons, die dann auch bei den Abstimmungen genau wie die Schauspieler die Hände heben durften.
Irgendwie haben es die Engländer mit Zuschauern, die auf der Bühne sitzen (war auch bei der MacBeth-Version so, die ich in London gesehen habe), aber ich glaube für mich wäre das nicht unbedingt was 😆

Eine coole Siebziger-Jahres-Atmosphäre wurde nicht nur mit den Kostümen der Schauspieler erzeugt, sondern auch mit einer Live-Rockband, die auf einem Balkon über der Bühne immer wieder in die Saiten hauen durfte. Das fand ich sehr gelungen und extrem cool.

Den Cast fand ich rundherum gut, aber ein bißchen stachen für mich dann doch Charles Edwards und Reece Dinsdale heraus, die beide Whips spielen und sich wundervolle Wortgefechte lieferten und über die ganze Zeit eine Wette laufen haben, welche ihrer beiden Parteien am Ende die Nase vorn haben wird.

In der Pause zwischen den beiden Akten interviewte die Moderatorin, die immer die Liveübertragung anmoderiert, den Autor des Stücks James Graham und Ann Taylor, die in den Siebziger Jahren wirklich Mitglied des House of Commons war.
Das Interview war sehr interessant, sorgte aber bei Poe und mir auch für Heiterkeit, denn Poes spontaner Kommentar zu James Graham war: ‚Och ist der knuffig. Den heirate ich!‘
Mein Einwand: ‚Und was ist mit Deinem Freund?‘ wurde mit einem entrüsteten:
‚Was hat denn der damit zu tun?‘ beiseite gewischt.
Und nachdem Poe dann näher ausführte, dass sie nach ihrer Heirat in London leben würde, war ich vollkommen von dieser Hochzeit überzeugt.
Eine Freundin in London, die man dann da regelmäßig besuchen kann, ist nämlich ziemlich praktisch und wenn deren Mann dann auch noch Connections in der Theaterszene hat, ist das ja nochmal um ein Vielfaches besser 😉
Der eingeblendete Hinweise auf eine Fragestunde bei Twitter mit dem Hashtag #askjamesgraham war dann das entgültige Zeichen für uns, dass eine Hochzeit eine gute Idee wäre 😆

Wir hatten, wie immer, eine tolle Zeit bei der Übertragung und freuen uns schon auf die nächste Vorstellung im Kino unsres Vertrauens!

Poes Eindrücke des Stücks findet ihr hier.

Die Seite des National Theatre zu ‚This House‘

Trailer zu ‚This House‘

Cast Interview

Interview mit James Graham

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8 Antworten zu This House (National Theatre London live)

  1. diepoe schreibt:

    Da kam grad wieder ein spontaner Quieker aus mir heraus, als ich bis zum Interview mit dem Autor gescrollt hatte. 🙂

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  2. Servetus schreibt:

    Interessant — ich hatte von dieser Sache gehört (Liveübertragungen des National Theaters in die Fremde) und hatte mich gefragt, wie das wohl geht. So ein bißchen wie Community Viewing für Theaterfans. ich frage mich, ob es das auch in USA gibt.

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  3. Herba schreibt:

    😆 Wie gesagt: Meinen Segen für die Hochzeit hast Du 😉

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  4. Herba schreibt:

    Ja, so könnte man es sagen. Ich bin immer noch verwundert, dass sie es sogar schaffen, ein bißchen Theaterflair zu transportieren.
    Das gibt es auch in den USA – ich hab Dir eine mail mit den Infos geschickt

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  5. utepirat schreibt:

    Das ist ja interessant,bei uns werden im UC I( das ist keine Schleichwerbung) auch so einige Sachen gezeigt, oft Ballett (Bolschoi-Theater und einige Musicals). Muss ich mal ein bisschen mehr verfolgen, hört sich interessant an…

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  6. Herba schreibt:

    Das ist es auf jeden Fall – jedes Mal wieder ein Erlebnis

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  7. Servetus schreibt:

    Danke für die Infos. Jetzt müssen wir es nur so hinkriegen, daß Herr Armitage im National Theater spielt! Nicht so abwegig.

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  8. Herba schreibt:

    Jederzeit gerne.

    Wenn Herr Armitage im National Theatre spielt, sitzen wir aber doch nicht im Kino sondern live im Theater! 😉

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