Ewigkeitssonntag oder Totensonntag

So wird der letzte Sonntag im evangelischen Kirchenjahr genannt und ist ein Gedenktag für die Verstorbenen (mehr zur Geschichte, etc. findet sich unter anderem hier).

In meiner Heimatgemeinde werden an diesem Sonntag in der Kirche die Namen der Menschen vorgelesen, die in diesem Kirchenjahr gestorben sind und an die Angehörigen werden persönliche Einladungen zu diesem speziellen Gottesdienst verschickt.

Meine Eltern sind beide evangelisch erzogen worden, aber beide keine regelmäßigen Kirchgänger. Meiner Schwester und mir wurde es freigestellt, ob wir konfirmiert werden wollen und wir haben uns beide dafür entschieden.

Ich fand schon sehr früh Religionsunterricht sehr interessant, habe aber früh gemerkt, dass das immer sehr vom Lehrer abhängig ist und so geht es mir auch in der Kirche.

In meiner Gemeinde gibt es seit einigen Monaten keinen Pfarrer. Den Beerdigungsgottesdienst meines Vaters hat ein Pfarrer aus der Nachbargemeinde abgehalten und das nebenbei bemerkt sehr gut gemacht.
Die sonntäglichen Gottesdienste bestreitet zur Zeit der Kirchenvorstand mit Hilfe einer Prädikantin, die zwar stellenweise ganz gute Predigten hält, mir persönlich aber sehr, sehr unsympathisch ist, was es für mich schwer macht in die Kirche zu gehen.

Trotzdem habe ich mich natürlich heute morgen mit meiner Familie aufgemacht, um den Gottesdienst und danach den Friedhof zu besuchen.

Sehr früh in der Kirche angekommen, suchten wir uns einen Platz und hörten wir den Proben des Posaunenchors zu. Von meinem Platz aus hatte ich ein Kirchenfenster im oberen Stock der Kirche im Blick, das in Kriegszeiten zugemauert wurde und erst vor ein paar Jahren im Zuge einer Kirchenrenovierung wieder freigelegt wurde.
Die Renovierung wurde von der gemeinde in Eigenleistung durchgeführt und mein Vater hat dabei geholfen.
Gedanklich war ich also ziemlich schnell bei dem Tag, an dem ich meinen Vater bei diesen Renovierungsarbeiten besucht habe und er mir zusammen mit seinen ‚Kollegen‘ an diesem Tag ganz stolz gezeigt hat, was sie schon alles getan hatten.
Solche Erinnerungen an meinen Vater bringen mich zum Lächeln, denn in solchen Situationen fühlte er sich wohl und war voll in seinem Element…

Als der Gottesdienst dann losging, hatte ich zum ersten Mal Tränen in den Augen, weil sich die Prädikantin direkt an die Hinterbliebenen in der Kirche wandte und die Trauer zum Thema machte.
Aber wie immer in solchen öffentlichen Situationen steht für mich meine Mutter im Vordergrund. Für mich ist wichtig, dass sie spürt, dass sie nicht allein ist und dass sie das alles halbwegs gut übersteht…

Als dann die Namen der 28 Verstorbenen im Alter zwischen 40 und 93 vorgelesen und dabei jeweils eine Kerze angezündet wurde (die Kerze bekam am Ende des Gottesdiensts die Angehörigen geschenkt), flossen bei uns allen die Tränen. Wieder war der Verlust ganz greifbar und nah, der sich im Alltag nicht immer bemerkbar macht und nur unterschwellig da ist.
Und das ist gut so.
Aber vielleicht läßt man im Alltag viel zu selten zu, daß die Trauer offensichtlich ist, denn man will ja nicht unangenehm auffallen oder Mitmenschen, die meist sowieso nicht wissen wie sie mit einem umgehen sollen, peinlich berühren.

Obwohl durch die Themenwoche ‚Tod‘ des öffentlich-rechtlichen Fernsehens das Thema Tod gerade überall diskutiert wurde.
Verwundert durfte z.B. meine Mutter feststellen, dass sie von Bekannten, die ihr in den letzten Monaten eher aus dem Weg gegangen sind, zum Thema Sterben, Testament und Beerdigung angesprochen wurde.
Das hat sowohl sie als auch mich etwas befremdet, aber das nur am Rande…

Bei der Predigt, die sich vor allem darum drehte, wie Gott auch schlimme Dinge zulassen kann, sind meine Gedanken abgeschweift.
Zu schönen Erinnerungen an meinen Vater, zu vielen Dingen, für die ich dankbar sein kann un zu Menschen, die mir wichtig sind und die sich um mich sorgen.
Aber auch zu den Dingen, in meinem Leben, die nicht so schön sind. Zu den Menschen in meiner Umgebung, die meiner Familie und mir feindlich gesohnen sind und uns mit ihrem Hass verfolgen (im wahrsten Sinne des Wortes).

Gefragt, wieso Gott diese Dinge zuläßt, habe ich mich dabei nicht. Für mich ist Gott nur eine wage Vorstellung einer höheren Macht, der, falls es ihn gibt, wichtigeres zu tun hat, als sich mit mir kleinem Licht zu beschäftigen…

Bei einem kurzen stillen Gebet, habe ich dann nach der Pedigt nicht gebetet, sondern an verschiedene Menschen gedacht:
An meinen Vater, der mir fehlt und den ich sehr vermisse…
An meine Mutter, die ich sehr lieb habe und um die ich mir Sorgen mache…
An die Menschen, mit denen ich schöne Momente teilen kann, die mit mir lachen und die zuhören, als wäre das was ich zu sagen habe wichtig…
An die Menschen in meiner Umgebung, die unter dem Älterwerden leiden und immer mehr abbauen…
An die Menschen, die Angst um einen lieben Menschen haben, weil dieser gerade gegen eine schwere Krankheit kämpft…
Und an die Menschen, die selbst krank sind…

Das klingt nun so allumfassend und gutmenschenhaft und ich kann sagen, dass dem nicht so ist.
Für jede dieser Gruppen habe ich mehrere Beispiele im Kopf, egal ob aus meinem richtigen Leben oder aus der virtuellen Welt und für sie alle, wünsche ich mir, das es ihnen gut geht und alles gut wird!

Aber ich weiß, daß es nicht immer jedem gut gehen kann und dass in vielen Fällen nichts gut wird und das Zeit immer nur geborgt ist – denn keiner von uns lebt ewig…

Für mich ist es wichtig, mich zu erinnern…an die guten Dinge in meinem Leben und an die, die nicht mehr da sind und nur noch durch meine Erinnerung leben.
Und welcher Tag wäre dazu besser geeignet, als der Ewigkeitssonntag?

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7 Antworten zu Ewigkeitssonntag oder Totensonntag

  1. Servetus schreibt:

    Du kannst Dir vielleicht vorstellen, wie das mir gefallen ist — ich hatte Tränen in meinen Augen für Dich und Deine Mutter und für mich und meine Mutter und für alle, die in einen G’ttesdienst gehen und sich fragen stellen und sie nicht antworten können und gehen wieder und denken, ich kann mir nicht das Ideale nicht vorstellen, dennoch stehe ich hier und denke an die Verstorbenen und an die Lebendigen, und tue was ich kann, nämlich hoffen, hoffen daß es ihnen gut geht und daß jemanden mein Gebet hört …

    Der Text ist gerade so berührend, weil es so sachlich geschrieben ist. Vielen Dank dafür.

    Ich habe es ins English übersetzt und stelle es hin — wenn das Dir nicht gefällt, lösch‘ es einfach.

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  2. Servetus schreibt:

    Translation:
    Eternity Sunday, or Sunday of the Dead
    This is the name for the last Sunday in the Protestant church year; it is a day of memory for the deceased (more about the history can be found here).
    On this Sunday, in the congregation in my hometown, the names of the people who died during this church year are read aloud, and personal invitations to this special worship service are sent to their relatives.
    My parents were both raised Lutheran, but neither of them were regular churchgoers. My sister and I were allowed to decided for ourselves whether we would be confirmed, and we both decided to be.
    Very early on, I found religion classes quite interesting, but I noticed that it was always dependent on the teacher, and that’s how I feel about church, too.
    In my congregation, there’s been no pastor for the last several months. A pastor from a neighboring congregation performed the funeral for my father (which he did really well, by the way). At the moment, the church elders are taking care of the Sunday services with the assistance of a lay preacher. While she gives quite good sermons from time to time, I personally find her very, very unsympathetic, which makes it hard for me to go to church.
    Despite that, of course I got together with my family this morning to attend the service and visit the cemetery afterwards.
    We got to church very early and found a place to sit and listened to the brass ensemble practice. From my seat I could see a stained glass window on the upper floor of the church, one that had been walled up during the war and was only exposed again a few years ago during a renovation.
    The renovation was conducted by the congregation on its own and my father helped out with it.
    In my thoughts, then, I was quickly taken back to the day when I had visited my father during the renovation work and he and his fellow renovators showed me, very proudly, what they had already done.
    Memories of my father like this make me laugh, because in situations like this he felt comfortable and was completely in his element.
    When the service started, I got tears in my eyes for the first time, because the preacher referred directly to the departed in the church and took mourning as her theme.
    But as always in such public situation, my mother is in the foreground for me. It’s important to me that she senses that she is not alone, and also that she survives all of it at least somewhat well …
    When the names of the twenty-eight deceased (ages between 40 and 93) were read out loud, and a candle was lit for each of them (the relatives were given the candles at the end of the service), tears flowed from all of us. Our loss was once again quite tangible and near – a loss that doesn’t always make itself known in our everyday lives and is very subconscious.
    And it’s good that way.
    But maybe we don’t allow ourselves to admit enough in day to day life that our mourning is obvious, because we don’t want to be noticed in an uncomfortable way, or embarrass the people around us, who usually don’t know how to deal with us anyway –even if the focus this week in the public television stations was “death,” so that it’s being talked about a lot just now.
    My mother was amazed to discover that acquaintances who have been tending to avoid her in the last few months spoke to her about the topic of death, wills and funerals. That sort of bothered both her and me – I note in passing.
    Listening to the sermon, which was primarily about why G-d can allow bad things to happen, too, my thoughts were drawn away.
    To good memories of my father, to the many things I can be thankful for, and to the people who are important to me and who take care of me.
    But also to things in my life that are not so lovely. To the people in my environment who think of me and my family with enmity and persecute us with their hate (in the truest sense of the word).
    But I didn’t ask why G-d permits these things. For me, G-d is only a vague concept of a higher power, who, if he exists, has more important things to do than to occupy himself with this little light [me].
    During the short, silent, prayer after the sermon, I wasn’t praying, but I thought of different people:
    Of my father, who is an absence, and whom I miss so much
    Of my mother, whom I love dearly and worry about
    Of the people, with whom I can spend time, who laugh with me and listen as if what I have to say is important
    Of the people around me who are suffering from aging and getting weaker and weaker
    Of the people who are worried about a loved one suffering from a serious illness
    And of the people who are themselves sick …
    It sounds so universal and philanthropic and I can say, that it’s not that way. I have concrete examples in my head of each of these groups, whether they are from my real life or the virtual world and for all of them, I wish them that everything goes well and that it all turns out right!
    But I know that not everyone can be well and that in so many cases nothing goes right and time is always only borrowed – because none of us live forever.
    For me, it’s important to remember … the good things in my life and the people who are no longer there and only live in my memory.
    And what day would be better for that, than Eternity Sunday?

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  3. Servetus schreibt:

    Reblogged this on Me + Richard Armitage und kommentierte:
    Today is Christ the King Sunday in the English-speaking world and Eternity Sunday in Germany. I wanted to write about this but I found this text, today, by a fellow fan blogger, that says more than I ever could. I’ve put a translation in her comments.

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  4. Herba schreibt:

    Liebe Servetus,
    danke für Deinen Kommentar!
    Ich habe heute morgen auch an DIch und Deine Mutter gedacht und hoffe, daß meine guten Wünsche euch irgendwie erreichen!.
    Ich versuche hier immer halbwegs sachlich zu schreiben, wenn es um etwas persönliches geht, es sei denn es betrifft mein inneres Fangirl, da werde ich albern 😉
    Vermutlich ist das einfach meine Art mit Dingen wie Trauer, Verlust, Zukunftsangst, etc. umzugehen. Ich weiß nicht, ob das der richtige Weg ist, aber er ist der einzige, den ich kenne. Und ich frage mich immer noch, ob ich wirklich über solche Dinge bloggen sollte, aber es hilft mir irgendwie, also mache ich weiter. Umso mehr freut es mich dann, wenn jemand, so wie du kommentiert und ich jemanden mit meinem Geschreibsel berührt habe.

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  5. Phönix schreibt:

    Ich drück dich mal!

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  6. Herba schreibt:

    Danke!

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  7. Pingback: Totensonntag | Unkraut vergeht nicht….oder doch?

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